Der Gemeindebau – ein Ort für ein Leben

Eine der einstmals stolzen Festungen des "Roten Wien": Die Wohnhaus Friedrich Engels Platz in Wien Brigittenau.

[Mosaik] Was bedeutet das eigentlich, Leben im Gemeindebau? Ein Essay über rote Fahnen, die Hausmeisterin von Stiege 33 und Augen, so blau wie ein Stadlauer Ziegelteich.

[Erstveröffentlichung: Blog Mosaik]

Ein Bild habe ich im Kopf, als wäre es gestern gewesen: Ich schaue hinaus in den Hof des Gemeindebaus in Wien-Brigittenau, wo ich aufwuchs. Ich sehe beeindruckt das Meer von Fahnen und zähle die Fenster, wo an diesem Ersten Mai keine Fahnen angebracht sind. Das war auch für mich als kleines Kind relativ einfach, denn noch in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren hatten nur sehr wenige „Hausparteien“ an diesem Tag nicht ausgeflaggt. Die kleinen Fahnen für unsere eigenen Fenster hatten wir meiner Erinnerung nach im Kindergarten oder im Hort gemalt, schließlich war und ist der 1. Mai ja offiziell Österreichs Staatsfeiertag.

Der Platzhalter verschwindet

Das Anbringen der Fahnen war übrigens relativ einfach, denn an jedem Fenster in einem Wiener Gemeindebau waren kleine Röhrchen montiert, in die die Fahnen gesteckt werden konnten. Irgendwann verschwanden diese Röhrchen im Zuge der Erneuerung der Fenster nach und nach in allen Bauten, offenbar erschien ein Platzhalter für rote Fahnen in der Postmoderne nicht mehr opportun. In meinem Zimmer blieben sie allerdings noch eine Zeit lang hängen, gleich neben der violetten Fahne der Wiener Austria (die gehörte in den Parks des 20. Bezirks ebenso zum guten Ton wie die Sozialdemokratie, die vereinzelten Rapidler hatten kein leichtes Leben).

Gleichzeitig standen diese Fahnen (die roten, nicht die violetten) sinnbildlich für die Macht „der Partei“ in den Gemeindebauten des Roten Wien. Noch bei der Gemeinderatswahl 1987 erhielt die Sozialdemokratie in der Brigittenau eine knappe Zweidrittelmehrheit. Das gleiche Bild in den anderen Hochburgen der damaligen „Sozialistischen Partei Österreichs“, also in Favoriten, Simmering, Floridsdorf oder Donaustadt: Die Partei war enorm präsent. Allein rund um meinen Gemeindebau gab es in wenigen hundert Metern Gehweite gleich mehrere Sektions-Lokale zur Auswahl. (Aus einem davon flog ich dann einige Jahre später wegen Linksabweichung, aber das wäre eine andere Geschichte). Die Lokale existieren zwar teilweise heute noch, doch die Frequenz der Treffen hat massiv abgenommen.

Mitgliedsbeitrag als Teil der Miete

Der Zins, also die Miete für die Gemeindewohnung, wurde nicht via Bankeinzug bezahlt, sondern monatlich direkt bei der Hausmeisterin. Diese war praktischerweise in einem Aufwaschen zumeist auch Vertrauensfrau/mann der SPÖ für die Stiege, so dass der Mitgliedsbeitrag für die Partei gleichzeitig mit der Miete bezahlt werden konnte. Auf dem offiziellen Zinsbuch meiner Großmutter prangte auf der Rückseite sogar noch die Werbung für die sozialdemokratische „Mietervereinigung“. Böse Zungen behaupteten damals allerdings, dass eher das sprichwörtliche „Warten auf Godot“ Erfolg haben würde als der Glaube, die Mietervereinigung würde in einem Gemeindebau ernsthaft im Sinne der MieterInnen und gegen die Gemeinde aktiv werden.

Tatsächlich aber entsprach die Verbindung von Zins und Parteibeitrag durchaus der Gefühlslage vieler Mitglieder, die nicht etwa aus Überzeugung Mitglied der SPÖ geworden waren, sondern weil bekannt war, dass die Parteimitgliedschaft der beste und schnellste Weg zu einer Wohnung war. Mein persönlicher Liebling war dabei mein Lehrlingsausbilder, ein überzeugter junger Nazi, der mir einmal im Vertrauen gestand, dass er „wegen der Wohnung“ ebenfalls ein rotes Parteibuch hätte. (Nach dem Ende meiner Lehrzeit verabschiedeten wir uns mit den Worten „langhaarige Kommunistensau“ und „gscherter Nazioarsch“. Damit war alles Wesentliche zwischen uns gesagt.)

Hochburgen der Sozialdemokratie

Insbesondere die klassischen Gemeindebauten des „Roten Wiens“ der Zwischenkriegszeit prägen bis heute das Bild der Stadt. 1918 hatte sich die Sozialdemokratie entschieden, nicht den „Kampf ums Ganze“ zu führen, also die sozialistische Revolution nach russischem Vorbild umzusetzen, sondern stattdessen auf Reformen innerhalb des Kapitalismus zu setzen. In Wien sollte gezeigt werden, was sozialdemokratische Politik in der Praxis bedeutete. Ein wesentlicher Faktor dabei war der Bau von menschenwürdigen Wohnungen mit fließenden Wasser und Toiletten, die bald zu einem Symbol des „Roten Wien“ wurden. Die Bautätigkeit kam allerdings Ende der 1920er Jahre zum Erliegen. Die „Sachzwänge“ in Folge der Weltwirtschaftskrise hatten über das Reformprojekt gesiegt, womit die These der oppositonellen Linken, dass eine sozialistische Insel im Kapitalismus nicht umsetzbar sei, neue Nahrung erhielt.

Gleichzeitig waren die Gemeindebauten politisch von Beginn an intensiv umkämpft. Die Gemeindebauten waren Hochburgen der Sozialdemokratie und ihres bewaffneten Arms, des Republikanischen Schutzbundes. Die Christlich-Sozialen fluchten bereits bei der Errichtung über die roten Trutzburgen, dem Karl-Marx Hof wurde vor der Eröffnung gar der baldige Einsturz vorhergesagt (im BürgerInnenkrieg des Februar 1934 versuchten die Christlich-Sozialen dann, ihre Prophezeiung mittels Kanonenbeschuss in die Tat umzusetzen). In dieser Zeit dichtete übrigens der linke Sozialist, Schriftsteller und Redakteur der Arbeiter-Zeitung, Jura Soyfer, im Rückblick: „Wären wir wie sie so hart, Gewesen als wir [im Jahr 1918] an die Reihe kamen, Hätten wir uns Herrn Hitler erspart.“ Soyfer selbst erlebte die Niederlage des NS-Terrors nicht mehr, er starb 1939 im KZ Buchenwald.

Der rote Kakaoblock

In der Zwischenkriegszeit hatten die Gemeindebauten zumeist entweder den Namen historischer Persönlichkeiten oder von verdienten Mitgliedern der sozialdemokratischen Partei erhalten. Der Gemeindebau, in dem ich aufwuchs, war nach Johann Janecek benannt, einem Metallarbeiter und späteren Vorsitzenden des Bundes Freier Gewerkschaften. In der Brigittenau allerdings kannte niemand den Janecek-Hof, der Volksmund hatte den Bau wegen seiner rötlich-braunen Färbung sehr schnell in „Kakaobau“ umbenannt.

In der Zwischenkriegszeit galt der Kakaobau als Bollwerk des Schutzbundes. Der (später linksoppositionelle) Kommunist Josef Meisel erzählt in seinen Erinnerungen „Jetzt haben wir Ihnen, Meisel“, dass die KPÖ sogar eine eigene Zeitung nur für diesen Gemeindebau hatte, „Der rote Kakaoblock“. Die Agitation konnte allerdings auch sehr gefährlich sein. Meisel berichtet, wie während eines Zeitungsverkaufs der Schutzbund auf einmal alle Ausgänge des Baus besetzte und ihn und seinen Genossen dann durch die Höfe jagte. Als die beiden schließlich keinen Ausweg mehr hatten, wurden sie brutal zusammengeschlagen, Meisels Genosse wurde dabei schwer verletzt.

Meisel beschreibt aber auch, wie sich die politische Beharrlichkeit der jungen KommunistInnen bezahlt machte: Gleich um die Ecke, in der Glühlampenfabrik Kreminetzky, gab die KPÖ die Zeitung „Die rote Glühlampe“ heraus. Die gleiche Betriebsratsvorsitzende, die Meisel beim Zeitungsverkauf bespuckt und beschimpft hatte, wurde nach 1934 in der Illegalität selbst Funktionärin der KPÖ. Sie war eine der zahllosen „Februar-KommunistInnen“, die sich enttäuscht von der Sozialdemokratie abgewandt hatten.

Apropos: Gekämpft wurde in der Brigittenau im Jahr 1934 nicht. Nach dem, was im 20. Bezirk erzählt wird, ging der zuständige Schutzbund-Offizier, der als einziger wusste, wo die Waffen waren, am 12. Februar 1934 so lange vor dem Polizei-Kommissariat in der Pappenheimgasse auf und ab, bis er endlich verhaftet wurde. Währenddessen durchwühlten verzweifelte Arbeiterinnen mit den Händen die Erde im Hof der Anlage am Friedrich-Engels-Platz (des nach Sandleiten zweitgrößten Gemeindebaus des Roten Wiens) um Waffen zu finden, wie ein englischer Journalist in einem zeitgenössischen Bericht schrieb.

Juden erschrecken

Sowohl der Austro- wie der Nazifaschismus versuchten, die proletarischen Traditionen in den Gemeindebauten auszulöschen. Selbstverständlich aber gab es in der Bauten nicht nur überzeugte SozialistInnen und KommunistInnen. So erzählte mir meine Großtante als Anekdote, wie ihr Freund, ein illegaler Nazi, 1938 mit dem Gewehr durch den Bau marschierte, um „die Juden zu erschrecken“.

Angebliche oder tatsächliche „Fremde“ wurden in den Bauten auch später oft misstrauisch beäugt. Um 9 Uhr abends wurden zu Beginn sogar die Außentore geschlossen und der Bau somit abgeriegelt, später waren es dann zumindest nur mehr die Türen der einzelnen Stiegen. Wer keinen Schlüssel hatte, musste die HausmeisterInnen herausklingeln (und dafür Geld bezahlen). Dieses Abschottungs-Phänomen kehrt nun übrigens mit den Sprechanlagen wieder zurück, der Robert-Blum-Hof gegenüber dem Kakaobau ist – trotz eines wichtigen Durchgangs – mittlerweile als Ganzer nur mehr mit Schlüssel zu betreten.

Meine eigentlich sehr warmherzige Großmutter, die ich sehr geliebt hatte, warnte mich als kleines Kind vor den „Mistkübelstierlern“, also Menschen, die von Hof zu Hof gingen und die Mistkübel überprüften, ob darin noch etwas Brauchbares zu finden sein würde. Diese Vorurteile hatte ich als kleines Kind leider unhinterfragt übernommen. Pauschalen Rassismus hingegen kannten wir kaum. Unsere türkisch (oder kurdisch?)-stämmigen FreundInnen aus der Volksschule, die weise Sevgi, der draufgängerische Ali und der immer freundliche Karaman, gehörten beim Spielen im Park selbstverständlich dazu.

Sehr genossen hingegen habe ich auch die Männer, die mit Gitarre von Hof zu Hof gingen, ein paar Lieder trällerten und dann die Münzen einsammelten, die zum Dank für die Darbietung in Zeitungspapier gewickelt aus den Fensten geworfen wurden. Besonders stolz war ich, wenn ich selbst ein paar Münzen hinunterwerfen durfte.

Konflikte einst und jetzt

Dafür, dass alles in geregelten Bahnen blieb, sorgten die HausmeisterInnen, die das wesentlichste Ordnungselement in den Bauten waren. Einerseits waren sie zuständig für Sauberkeit, Zucht und Ordnung, andererseits – und nicht immer im Widerspruch zu ersterem – oft von den BewohnerInnen geliebte Perlen des Hauses (und in jedem Fall zumeist Sprachrohr der Sozialdemokratie). Die schwarz-blaue Bundesregierung hat die HausmeisterInnen dann abgeschafft. Trotz öffentlicher Proteste war die Sozialdemokratie damit wahrscheinlich nicht ganz unglücklich, waren und sind doch ausgelagerte Reinigungsdienste wesentlich kostengünstiger.

Für mich war der Gemeindebau ein sehr dichter Ort, im Guten wie im Schlechten. So war es etwa selbstverständlich, dass eine Nachbarin mit mir als kleinem Kind regelmäßig spazieren ging, was ich sehr genoss. Wenn ein/e Nachbar/in starb, wurde auf der Stiege für einen Kranz „der Hausparteien“ gesammelt – auch als meine Großmutter am Zentralfriedhof begraben wurde, gab es selbstverständlich einen solchen Kranz. Eine Gruppe von älteren Damen saß immer, wenn das Wetter es zuließ, im Hof und plauderte. Wir Kinder hatten eine enge Verbindung und trafen uns jeden Tag im Hof und spielten miteinander.

Auch die Infrastruktur der Bauten war wichtig. Die Höfe zum Spielen, die Waschküche für die schmutzige Wäsche, für mich persönlich aber vor allem auch die Städtische Büchereien, die ehemaligen Arbeiterbüchereien. Ich selbst etwa hätte ohne die Bücherei im Gerlhof (benannt nach dem Februarmärtyrer Josef Gerl) nie ein so intensives politisches und historisches Interesse entwickelt. All die Bücher zu kaufen, die ich als Kind verschlungen habe, wäre mit unseren geringen Mitteln (und existenzbedrohenden Schulden) niemals möglich gewesen.

Gleichzeitig war mein Gemeindebau aber auch ein Ort, wo jeder über jeden Bescheid und vieles besser wusste. Vor allem die HausmeisterInnen mischten sich oft stark in das Privatleben der Parteien ein. Das wunderbare Lied „Franz Pokorny, 60, Hausbesorger“ („Weil a Hausmasta is a Respektsperson“) von Wolfgang Ambros ist eine sehr präzise Charakterstudie dazu.

Für uns Kinder waren die HausmeisterInnen ein beständiger Quell von Problemen, denn sie waren es ja, die uns schimpfend zur Ordnung riefen – wobei wir meist ganz gut davon kamen, denn die Tochter der Hausmeisterin, die so wie ich auf Stiege 33 wohnte, war Teil unserer Kindermeute. Andere ältere HausbewohnerInnen lösten die Frage von Kinderlärm übrigens brachialer, indem sie einfach einen Kübel Wasser aus dem Fenster auf uns schütteten (sie trafen nie).

Rassismus und Generationen

Dieser Kübel Wasser kann aber vielleicht sinnbildlich für die jetzige Rassismus-Debatte in vielen Gemeindebauten (und Genossenschaftswohnungen und Altbauten und Neubauten und Kleingartensiedlungen und …) stehen. Denn tatsächlich handelt es sich dabei oft vor allem um Generationen- und Nachbarschaftskonflikte, die mittlerweile ethnisch aufgeladen und dann rassistisch ausgetragen werden. Diese Konflikte müssen und dürfen auch benannt werden. Doch kann das gleichzeitig keine Entschuldigung für Rassismus sein, letztlich entscheidet jeder Mensch selbst, ob er/sie seitwärts und nach unten oder doch nach oben tritt. (Einen Prototypen dafür haben die Musik-Kabarettisten Christoph & Lollo in „Favoriten“ sehr treffend skizziert)

Doch statt all das zu erklären, spielt die Sozialdemokratie oft selbst am Klavier des Rassismus und die vor ein paar Generationen gekommenen gegen die Neu-Gekommenen aus. Ich erinnere mich etwa noch gut an ein Flipchart-Plakat in einem Sektionslokal meiner Umgebung, wo die Gründe für eine der zahlreichen Wahlniederlagen aufgezählt wurde. Grund 1 (wörtlich): „Die Ausländer in den Gemeindebauten“, danach folgten unter den insgesamt 10 Gründen 4 weitere, die mit MigrantInnen zu tun hatten. Der Sektionsvorsitzende hatte übrigens einen traditionellen tschechischen Familiennamen. Ich hatte leider nie die Gelegenheit, ihn zu fragen, ob ihm diese Absurdität bewusst war. Dass in einem solchen Klima die FPÖ wächst, sollte nicht verwundern. (Übrigens war es auch die SPÖ der tschechischen Familiennamen, die bis 2006 verhinderte, dass Menschen ohne österreichischen Pass Gemeindewohnungen beziehen konnten).

„Ohne Dich wär dieser Bau so grau“

Ein völlig anderes, konfliktfreies, Bild zeichnete der bereits vorhin erwähnte Wolfgang Ambros in einem seiner populärsten Lieder „Die Blume aus dem Gemeindebau“. Lassen wir einmal dahingestellt, ob die Angebetete tatsächlich so entzückt war von der teils ziemlich billigen Anmache. Doch die zeitweise Poesie des Textes von Joesi Prokopetz, der meint, dass die offenbar wunderschöne junge Dame quasi allein durch ihre Existenz den grauen Gemeindebau erstrahlen lassen würde mit ihren „Augen so blau wie ein Stadlauer Ziegelteich“, entspringt sicherlich den tiefsten Tiefen der Wiener Gemeindebau-Seele. (Der triste Gegenentwurf wäre eventuell Fritz Nussböck mit seinem „S´Lebn is hoat in Favoritn“)

Doch leider waren viele Bauten tatsächlich allzu grau und hatten dabei keine „Rose aus Stadlau“ zur Verschönerung. Denn zusätzlich zu den klassischen Gemeindebauten des Roten Wien entstanden in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren große Siedlungen am Stadtrand, etwa die Per-Albin-Hansson-Siedlung in Favoriten, das Schöpfwerk in Meidling oder der Rennbahnweg in der Donaustadt. Diese Siedlungen sind bis heute verantwortlich für den teils schlechten Ruf, den die Gemeindewohnungen in der Bevölkerung haben. Lieblos wurden große Wohnblöcke mit oft schlechter Bausubstanz ohne ausreichende Infrastruktur an den Stadtrand geklebt, die BewohnerInnen weitgehend sich selbst überlassen.

Leistbarer Wohnraum ist nötig

Heute leben in Wien rund 500.000 Menschen in den 220.000 Gemeindewohnungen der Stadt Wien, das entspricht einem Viertel der Gesamtbevölkerung. Die Bundeshauptstadt ist damit einer der größten Hauseigentümer Europas. Das in vielen (Boulevard-)Medien und in manchen TV-Soaps gestrickte Bild der MieterInnen entspricht dabei in keiner Weise der Realität. Zumeist wird unterschieden zwischen „alteingesessenen“ MieterInnen, die mehr oder weniger alle FPÖ wählen würden und neuen MieterInnen, angeblich alle mit Migrationshintergrund. (Leider wird dieses vereinfachte Bild auch auch in der politischen Linken manchmal reproduziert.) Tatsächlich aber ist der Gemeindebau politisch wie ethnisch genauso vielfältig wie der Rest der Stadt. Dort leben nette und kluge und weniger nette und nicht ganz so kluge Menschen, ganz unabhängig vom Pass oder dem Namen der Eltern oder Großeltern.

Die Wohnsituation in Wien ist heute katastrophal. Die Mieten steigen immer schneller, die Anzahl der Zwangsräumungen nimmt zu, der geförderte Wohnbau ist für viele Menschen keine ausreichende Alternative und oft schlicht ebenfalls zu teuer. Für die nächsten Jahre wird in Wien ein enormer Bevölkerungszuwachs erwartet. Wenn die Versorgung mit leistbarem (!) Wohnraum nicht im selben Ausmaß mitwächst, wird sich die Situation am Wohnungsmarkt nochmals dramatisch verschärfen. Die Ankündigung der Wiener Sozialdemokratie zum Bau neuer Gemeindewohnungen wurde in dieser Situation also mit vollem Recht als wesentlicher Schritt vorwärts betrachtet. Beachtlich ist dabei übrigens, wie schnell im Wahlkampf Prinzipien über Bord geworfen werden, hatte doch Wohnbaustadtrat Ludwig noch am 8. Jänner 2015 in einem Brief gegenüber der ÖVP erklärt, dass die Errichtung neuer Gemeindebauten in Wien nicht sinnvoll sei.

Echte Wohnbauoffensive bräuchte mehr

Unklar ist allerdings, wie das neue Konzept tatsächlich umgesetzt werden soll. Laut ORF sieht der Plan der SPÖ vor, dass für den Bau von 2000 Gemeindewohnungen ein Topf von 25 Millionen Euro zusätzlich zur Wohnbauförderung zur Verfügung steht. 2015 soll ein erster Gemeindebau mit 120 Wohnungen entstehen, insgesamt sollen in den kommenden Jahren rund 2000 Wohnungen gebaut werden. Die Stadt Wien geht allerdings selbst davon aus, dass in zwanzig Jahren rund 250.000 Menschen mehr in Wien leben werden als derzeit, das ist also bestenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein. Die aktuelle Positionierung der sozialdemokratischen Führung in Rust wirkt derzeit eher wie ein Wahlkampf-Schmäh und eine Beruhigung der kritischen Basis als wie eine echte Wohnbau-Offensive. Eine solche allerdings wäre dringend erforderlich.

Und ich selbst? Ich lebe immer noch im Gemeindebau. Und vielleicht werde ich ja sogar wieder einmal am 1. Mai rote Fahnen vor dem Fenster sehen.

Erstveröffentlichung auf dem Blog Mosaik.

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