Grenzgang: Ägäis

Wo die Guerilla regiert: Das Gazi-Viertel in Istanbul

An allen Hauswänden Symbole der Guerilla: Am Stadtrand von Istanbul sollte sich Präsident Erdoğan besser nicht blicken lassen. Eine Bildreportage.

Es ist nicht einfach, nach Gazi zu kommen. Eine U-Bahn, danach zwei verschiedene Busse, beide in der Stoßzeit so vollgestopft mit Menschen, dass es kaum möglich ist, sich zu bewegen.

Obwohl beide auf der europäischen Seite liegen, dauert es vom zentralen Taksim-Platz mindestens eine Stunde, um an den Stadtrand nach Gazi zu kommen. Gazi ist ein Teil des Bezirks Sultangazi, wo insgesamt rund eine halbe Million Menschen leben. Gazi gilt als Hochburg der verschiedenen linken Guerilla-Organisationen aus maoistischer und stalinistischer Tradition.

Kurdisch und alevitisch

Und es sind vor allem Angehörige der traditionell links stehenden religiösen Minderheit der AlevitInnen sowie der kurdischen Minderheit, die hier leben. An jeder Straßenecke hängen Plakate, stehen Parolen oder die Abkürzungen der verschiedenen Guerilla-Organisationen zu sehen. (Eine kurze Erklärung zu den verschiedenen Abkürzungen findet ihr am Schluss.)

Das türkische Militär bzw. die Polizei sind hier ausschließlich mit gepanzerten Fahrzeugen, etwa Wasserwerfer und Jeeps, präsent. Das scheint auch eine realistische Einschätzung der Lage. Denn es ist keineswegs ausgeschlossen, dass auf die bewaffneten Kräfte des Staates geschossen wird.

Gleichzeitig wirkt die Präsenz der Kräfte des Staates hier wie die Präsenz einer Besatzungsmacht. Am höchsten Punkt des Viertels steht eine große Kaserne, über ihr eine riesengroße türkische Fahne, die so als Symbol des Staates über dem gesamten Viertel weht.

Im Straßenbild sind die verschiedenen Guerilla-Gruppen extrem präsent. Wie stark der Einfluss in der Bevölkerung tatsächlich ist, ist schwer zu bemessen.

Wie groß ist der Einfluss der Guerilla?

Der Bürgermeister von Sultangazi, also dem größeren Bezirk, dessen Teil Gazi ist, gehört jedenfalls der Regierungspartei AKP an. Beim Referendum zur Einführung der Präsidialrepublik hat nach offiziellen Zahlen in Gesamt-Istanbul eine Mehrheit gegen den Präsidenten gestimmt. In Sultangazi stimmten gegen den Trend 61,4% für Erdoğan.

Allerdings bräuchte es sicherlich genauere Zahlen, um die verschiedenen Viertel von Sultangazi getrennt zu analysieren. Daneben sind in der Türkei Wahlfälschungen nicht unüblich und die legalen Arme der meisten Guerilla-Gruppen treten nicht zu Wahlen an. Dennoch ist das Bild eben keineswegs einheitlich

Am zentralen Markt etwa sind fast ausschließlich konservativ gekleidete Frauen mit Kopftuch und langem Mantel zu sehen. Frauen ohne Kopftuch sind eine auffallend kleine Minderheit. Gleichzeitig ist es gut möglich, dass auch konservativ auftretende Frauen hier bei Wahlen die pro-kurdische HDP wählen.

Schließlich gibt es auch innerhalb der Linken immer wieder Kritik an den verschiedenen Guerilla-Organisationen, insbesondere an der DHPK-C. KritikerInnen werfen ihr türkisch-nationalistische Abgleitflächen, Schutzgelderpressungen und rigides Vorgehen gegen Prostituierte und Drogenabhängige vor.

Unbestritten bleibt aber, dass stalinistische und maoistische Guerilla-Organisationen in Gazi tatsächlich über substantiellen Einfluss verfügen. Es ist ein widerständiges Viertel, wo sich Präsident Erdoğan besser nicht blicken lassen sollte.

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Zur Einordnung der Plakate, Namen und Symbole:

DHKP-C: Die Guerilla-Organisation „Revolutionäre Volksbefreiungspartei-Front steht in der Tradition von Che Guevara, beeinflusst vom Maoismus. Sie tritt auch als „Halk Cephesi“ (Volksfront) oder kurz Cephe auf. Die Grup Yorum ist eine Musikgruppe, die zur Halk Cephesi gehört.

ESP: Die „Sozialistische Partei der Unterdrückten“ steht der Untergrund-Organisation MLKP nahe. Sie kommt damit aus der Tradition der albanischen Spielart des Stalinismus von Enver Hoxha. Figen Yüksekdağ, die Co-Vorsitzende der HDP, also der linken pro-kurdischen Bündnispartei, ist die bekannteste Vertreterin der ESP. Aktuell sitzt sie im Gefängnis. Die Journalistin Meşale Tolu, über deren Fall ich hier für FM4 berichtet habe, steht ebenfalls der ESP nahe.

İbrahim Kaypakkaya: Das Bild des Mannes mit der Mütze ist in Gazi omnipräsent. Kaypakkaya war Mitbegründer der maoistischen TKP/ML und ihrer Miliz, der TİKKO. Er wurde 1973 nach seiner Verhaftung monatelang gefoltert und schließlich ermordet. Er genießt bis heute hohen Respekt in der türkisch-kurdischen Linken.

PKK und YDG-H: Linke kurdische Guerilla in der Türkei sowie in Syrien, dem Irak und dem Iran. Kommt aus stalinistischer Tradition. Sie gilt als wichtigste Kraft hinter der legalen Bündnispartei HDP. Die YDG-H (Patriotisch revolutionäre Jugendbewegung) ist die jugendorientierte Stadtguerilla der PKK.

TKP/ML und TİKKO: Türkische Kommunistische Partei/Marxistisch-Leninistisch und ihre Miliz, die Arbeiter- und Bauernbefreiungsarmee der Türkei. Maoistisch.

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Diese Bucht ist ein Symbol für das Sterben im Mittelmeer

[FM4] Diese Bucht in der Türkei ist Symbol für das Sterben im Mittelmeer

Erstveröffentlichung: FM4, 25.05.2017  Eine einsame Bucht, irgendwo im Nirgendwo an der türkischen Mittelmeerküste. Genau gegenüber von uns ist Lesbos, eine griechische Insel und damit die Europäische Union. Alleine hätte ich niemals hierher gefunden. Hassan hat mich hierher geführt, ein lokaler Flüchtlingshelfer.

Hassan heißt eigentlich gar nicht Hassan. Doch er möchte lieber unter dem Radar bleiben. „Es ist ungemütlich geworden in der Türkei in diesen Tagen“, meint er. Es geht steil hinunter zum Wasser, quer durch Haine mit uralten Olivenbäumen. „Diese Bucht ist einer der zentralen Abfahrtsorte für Menschen auf ihrer Flucht über das Meer“, berichtet Hassan. Und tatsächlich: Am gesamten Abhang und in der Bucht sind stumme Zeugen der Flucht zu erkennen.

Kinderkleidung

Überall liegt Kleidung herum. Medikamentenpackungen sind zu sehen. Passhüllen aus dem Irak. Hygieneartikel für Frauen. Dazwischen immer wieder Hinweise auf Schlauchboote, etwa Flickzeug, falls das Boot unterwegs ein Leck bekommt. Sehr viele Gegenstände weisen auf Kinder hin: Gebrauchte Windeln, Schnuller, Kleidung, kleine Schuhe, Rettungswesten in Mini-Ausführung. Zurückgelassen wird offenbar alles, was nicht mehr gebraucht wird, was das Boot schwerer machen könnte.

Und noch etwas fällt auf: Diese Gegenstände sind frisch. Direkt in der Bucht finden wir auch einen großen Karton mit dazugehörigem Verpackungsmaterial. Die Aufschrift deutet auf einen Außenbordmotor hin. Der Karton wirkt ganz neu, er kann bestenfalls seit ein paar Tagen hier direkt am Wasser stehen.

Die Flucht geht weiter

Es ist offensichtlich: Immer noch wagen Menschen die gefährliche Flucht über das Meer. Das bestätigt auch Ali Güray Yalvaçlı von der „İmece İnisiyatifi“ (Initiative Solidarität) aus dem Küstenort Çeşme. „Allein hier versuchen je nach Wetterbedingungen täglich ein bis zwei Boote die Fahrt über das Meer“, schätzt er.

Doch diese Flucht über das Meer ist gefährlich. Lesbos wirkt von der Bucht, in der wir stehen, ganz nah. Die griechische Insel ist nicht einmal 20 Kilometer entfernt. Besonders trügerisch: Genau gegenüber von uns ist der Flughafen der Insel-Hauptstadt Mytilini. In der Nacht ist er hell erleuchtet, wirkt aber aus der Ferne wie eine Hafenpromenade mit Lokalen. Damit lässt er die Distanz noch kürzer erscheinen.

 

Gefährliche Strömungen

Doch der Schein trügt: „Hier gibt es gefährliche Strömungen, der Wellengang kann extrem hoch und potenziell tödlich werden“, erzählt Hassan. Und auch die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Allein im Jahr 2016 waren es laut dem UN-Hochkomissariat für Flüchtlinge (UNHCR) mindestens 5022 Menschen, die an den Außengrenzen der EU ums Leben gekommen sind. Das ist ein dramatischer Anstieg gegenüber den vergangenen Jahren.

Insgesamt sind laut UNHCR seit 2011 mindestens 14.893 Menschen im Mittelmeer gestorben. Bei den 5022 vom UNHCR genannten Toten für 2016 handelt es sich allerdings um eine Mindestzahl. Denn es können nur jene Menschen gezählt werden, deren Tod auch bekannt ist. Wenn aber ein gesamtes Boot kentert, gibt es oft niemanden mehr, der darüber berichten könnte.

Besonders oft wird über angeschwemmte Tote die Region zwischen der türkischen Küste und den griechischen Inseln Lesbos, Samos und Chios berichtet, in der wir gerade sind. Einerseits ist hier die Fahrt über das offene Meer kürzer, was auf eine weniger gefährliche Überfahrt hoffen lässt. Andererseits, und damit zusammenhängend, leben sehr viele geflüchtete Menschen hier an der Küstenregion im Umfeld der Millionenmetropole Izmir. Ein Interview mit einer Flüchtlingsaktivisten aus Izmir könnt ihr hier finden.

Massengrab

Und so wird dieser Abschnitt des Mittelmeers immer mehr zum Massengrab. Bei unserem Gespräch berichtet auch Ali Güray Yalvaçlı von der İmece İnisiyatifi: „Erst vor rund zwei Wochen sind auf der griechischen Seite wieder Leichen angespült worden.“ Und die Menschen weichen auf immer gefährlichere Routen aus. Yalvaçlı erklärt den Hintergrund: „Hier patrouillieren griechische und türkische Küstenwache, Schiffe von EU-Frontex und sogar Kriegsschiffe der NATO.“ Auch ich kann in der Bucht ein Kriegsschiff am Horizont erkennen.

Bedrückend

Warum die Menschen flüchten, ergibt sich allein aus ihren Herkunftsländern. Laut dem UNHCR stammten im vergangenen Jahr 86% aller in der Ägäis über das Meer geflüchteten Menschen aus den drei Kriegsgebieten Afghanistan, Irak und Syrien. Wer es geschafft hat, steckt mittlerweile in den völlig überfüllten Lagern an der griechischen Seite fest. Denn die sogenannte Balkanroute wurde auf Druck der westeuropäischen Regierungen geschlossen.

Schließlich wende ich meine Schritte auch direkt zum Wasser. Überall im Wasser treibt Kleidung. Ob es hier zurückgelassen wurde, ob es auf hoher See verloren ging und über Bord geworfen wurde, um das Boot leichter zu machen, ob es die Überreste von Leichen sind – wir wissen es nicht. Es ist ein bedrückender Ort, hier irgendwo im Nirgendwo an der türkischen Küste.

»Meşale wird immer für Gerechtigkeit schreiben«

[ND] Vater Ali Riza Tolu im Gespräch über die Lage der deutschen Journalistin in türkischer Haft und die schwierige Zusammenarbeit mit den Behörden.

Erstveröffentlichung: Neues Deutschland, 22.05.2017

Ihre Tochter Meşale Tolu ist seit dem 30. April in der Türkei wegen des Vorwurfs der »Terror-Propaganda« und »Mitgliedschaft in einer Terrororganisation« inhaftiert. Wie stehen Sie im Kontakt zu ihr?

Am Anfang war es überhaupt nicht möglich, sie zu sehen. Das erste Mal konnte ich sie dann am 15. Mai im Bakırköy Gefängnis in Istanbul besuchen. Die Polizei versucht dabei alles, um den Kontakt zu behindern. Ich musste etwa Dokumente der ganzen Familie vorzeigen, um zu beweisen, dass ich ihr Vater bin. Diese Schikanen dauern und verkürzen die Besuchszeit.

Wie geht es Meşale jetzt?

Sie sagt, dass ihre Moral gut ist. Wenn sie aus dem Gefängnis kommt, will sie wieder als Journalistin arbeiten. Sie wird immer für Gerechtigkeit schreiben. Die Haftbedingungen sind aber sehr schwierig. Sie wird bedroht und es wird versucht, sie psychisch einzuschüchtern. Es wird ihr gesagt, dass sie ihr Kind lange nicht sehen wird und dass die Behörden genau wüssten, wer ihre Verwandten sind.

Mittlerweile ist der Sohn von Meşale bei ihr im Gefängnis. Wie kam es dazu?

Mein Enkel ist offensichtlich schockiert und traumatisiert, auch von der Festnahme mitten in der Nacht. Mein Enkel wurde einfach bei fremden Nachbarn gelassen, denn es war niemand mehr da, um sich um ihn zu kümmern. Meşales Mann, mein Schwiegersohn, ist bereits vor zwei Monaten festgenommen worden, ebenfalls unter dem Vorwurf der Propaganda für eine Terrororganisation. Zuerst haben wir meinen Enkel dann nach Deutschland gebracht.

Zur Person:
Meşale Tolu ist Journalistin und Übersetzerin. In der Türkei war sie für die linke Nachrichtenagentur »Etkin Haber Ajansı« (ETHA) und die Zeitung “Atilim” tätig. Die Behörden werfen ihr vor, Mitglied der MLKP zu sein, einer in der Türkei verbotenen Organisation. Tolu ist in Baden-Württemberg geboren und aufgewachsen, wo sie nach ihrem Studium in Frankfurt am Main ihren Lebensmittelpunkt hatte. 2007 erhielt sie die deutsche Staatsbürgerschaft, woraufhin sie ihre türkische ablegte. Nach der Geburt ihres Sohnes im Jahr 2014 zog sie gemeinsam mit ihrem Mann nach Istanbul. Mit ihrem Vater Ali Riza Tolu sprach Michael Bonvalot im Istanbuler Stadtteil Kadıköy. nd

Irgendwann hat er gesagt, dass er nicht sauer ist auf seine Mama. Wir haben überlegt, warum er das sagt. Er hat dann begonnen zu fragen, wo seine Mama ist und hat auch begonnen zu stottern. Dann war er wieder sehr verschlossen. Meşale hat dann entschieden, dass es besser ist, wenn er bei ihr ist. Auch hier gab es wieder Schikanen durch die Behörden. Die Polizei hat gefragt, ob wir beweisen können, dass es wirklich ihr Kind sei.

Erzählen Sie doch ein wenig über ihre Tochter.

Meşale wuchs in Ulm auf, nach dem Tod meiner Frau habe ich sie allein erzogen. Ich bin Automechaniker und extrem stolz, was meine Tochter geschafft hat. Sie spricht fünf Sprachen, wobei ich nicht weiß, ob Latein sehr hilfreich ist (lacht). Sie hat in Frankfurt am Main studiert, ihr Ziel war das Lehramt Spanisch. Nun hatte sie aber das Gefühl, dass sie in der Türkei gebraucht wird. Sie hat sich immer für die Unterdrückten und gegen Ungerechtigkeit eingesetzt. Das Thema Gewalt gegen Frauen war ihr ein besonderes Anliegen. Das fand ich sehr gut und wichtig.

Wie geht es Ihnen als Vater jetzt?

Wohl wie jedem Vater, ich mache mir große Sorgen. Im Gefängnis sind meine Augen glasig geworden. Aber meine Tochter hat mich am Arm genommen und gesagt, dass ich stark bleiben muss und gelacht. Ich bin sehr glücklich über meine Tochter und meine anderen Kinder. Ich werde immer zu ihr stehen.

Warum glauben Sie, wurde ihre Tochter verhaftet?

Es ist klar, worum es hier geht. Leute sollen eingeschüchtert werden. Sie sollen aufhören zu schreiben. Letzte Woche ist bereits die nächste Journalistin von ETHA verhaftet worden. Es geht aber offensichtlich auch um eine Botschaft an die deutschen Behörden. Meşale ist ja nicht die erste, die es trifft. Auch der Journalist Deniz Yücel sitzt hier in der Türkei im Gefängnis. Wobei im Fall von Meşale interessant ist, dass sie nur die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Die Türkei geht also scheinbar immer offensiver vor. Ich vermute, dass die Verhaftungen auch damit zusammenhängen, dass Deutschland türkischen Staatsbediensteten Asyl gewährt. Das ist offensichtlich die Revanche.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den deutschen Behörden?

Am Anfang war die Kontaktaufnahme sehr schwierig. Vor der deutschen Botschaft hat mir der Pförtner gesagt, dass ich nicht hinein dürfte. Ich solle anrufen. Dann habe ich rund zehnmal angerufen, damit ich endlich jemanden erreiche. Dann hat es geheißen, ich solle eine Mail schreiben. Mittlerweile funktioniert die Zusammenarbeit aber sehr gut. Unser Haus in Ulm steht auch unter Beobachtung von rechten türkischen Kräften. Die Polizei hat uns Schutz angeboten, aber wir haben keine Angst. Wir brauchen keine Polizei.

Wie steht es um die Solidaritätsbewegung?
In Deutschland gab es es bereits Kundgebungen in vielen verschiedenen Städten. Unter anderem in Berlin, Köln, Frankfurt und Stuttgart. In Istanbul machen wir ab jetzt jeden Freitag eine Kundgebung im Stadtteil Kadıköy [Anmerkung: ein bekannt liberaler Bezirk auf der asiatischen Seite]. Das Motto: »Die Presse kann nicht verboten werden. Freiheit für Meşale Tolu!«

Wie geht es jetzt weiter?

Wir wissen nicht, wann es überhaupt ein Verfahren geben wird. Es kann sein, dass das sieben oder acht Monate dauert. Sogar wenn sie freigesprochen wird oder abgeschoben, wird Meşale also auf jeden Fall mehrere Monate im Gefängnis sitzen. Doch wir müssen natürlich zuversichtlich sein. Auch Meşale sieht das so. Aus dem Gefängnis hat sie geschrieben: »Ich bin mir sicher, dass bald die grauen Wolken verschwinden und die sonnigen Tage kommen werden.

Geflüchtete in der Türkei: Kein Grund zu bleiben

[ND] Von den Behörden allein gelassen, in der EU unerwünscht – ein Report von der Westküste, wo Flüchtlingshelfer versuchen, das Schlimmste zu verhindern.

Erstveröffentlichung: Neues Deutschland, 21.05.2017 »Immer noch versuchen jeden Tag an diesem kleinen Küstenabschnitt ein bis zwei Boote die Fahrt über das Meer nach Chios«, erzählt der türkische Flüchtlingsaktivist Ali Güray Yalvaçlı. Hier in Çeşme, dem noblen Badeort der Oberschicht aus Izmir, unterstützen Yalvaçlı und seine »İmece İnisiyatifi« (Initiative Solidarität) Flüchtlinge genauso wie arme Einheimische.

Rund 200.000 geflüchtete Menschen leben allein im Großraum Izmir. In der gesamten Türkei sind es mehrere Millionen. Genaue Zahlen kennt niemand. An dieser Küste wirken die griechischen Inseln in der Ägäis ganz nah und sind von vielen Stellen aus gut zu sehen. Der Weg über das Meer scheint möglich. Doch gefährliche Strömungen und hohe See machen die Überfahrt lebensgefährlich.

Kriegsschiffe gegen Flüchtlinge

»Erst vor wenigen Wochen sind wieder Leichen angespült worden«, berichtet Yalvaçlı. Und die Menschen müssen schnell sein: »Hier patrouillieren griechische Küstenwache, die EU-Grenzschützer von Frontex, NATO-Kriegsschiffe, aber auch türkische Verbände auf der Suche nach Flüchtlingen.«

Doch die Lebensbedingungen in der Türkei lassen viele Menschen weiter an Flucht in die Europäische Union denken. »Viele Menschen müssen in Zeltstädten ohne Strom ohne fließendes Wasser leben. Oft kommt die Polizei und droht mit Vertreibung«, erzählt Berit, eine deutsche Freiwillige bei der Organisation İmece İnisiyatifi. »Andere machen Feldarbeit im Austausch für eine feste Unterkunft. Für diese Menschen ist die Lage etwas entspannter, aber natürlich immer noch sehr schwierig«, so die Aktivistin.

Izmir: „Fähren statt Frontex“

Viele geflüchtete Frauen prostituieren sich, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Auch dabei werden sie noch diskriminiert. »Eine türkische Prostituierte bekommt aktuell rund 100 Lira (rund 25 Euro) pro Nacht. Eine Syrerin vielleicht 25«, erzählt Berit.

Staatliche Grundversorgung fehlt

Allein die Initiative aus Çeşme betreut nach eigenen Angaben im Großraum Izmir rund 10.000 Menschen im Monat. »Wir fahren fünf Tage die Woche jeden Tag in ein anderes Camp. Es sind fast ausschließlich Familien, die hier leben und die wir unterstützen«, erzählt Berit. Und es geht dabei um absolute Grundversorgung: »Wir bringen Essen, Hygieneartikel, Babymilch, Windeln oder Kleidung«, so Yalvaçlı. »Denn hier an der Küste gibt es ausschließlich informelle Lager. Offizielle Camps duldet die türkische Regierung nur in der Nähe der syrischen Grenze.«

Wer ist da wahnsinnig, Herr Kurz?

Über die Lebensretter, die Außenminister Sebastian Kurz diffamiert.

Bei einem Besuch in Malta am vergangenen Freitag erklärte Österreichs Außenminister Sebastian Kurz, dass der „NGO-Wahnsinn“ beendet werden müsse. Er erklärte, dass die Rettungsaktionen von Nicht-Regierungsorganisationen dazu führen würden, dass mehr Flüchtlinge im Mittelmeer sterben.

Tatsächlich verantwortlich für das Massensterben im Mittelmeer sind allerdings jene, die die Grenze der Festung Europa für Flüchtlinge geschlossen haben und stattdessen die Kriegsschiffe der NATO im Mittelmeer patrouillieren lassen.

Ich hatte in den vergangenen beiden Jahren in der Türkei, Griechenland und Ungarn das Privileg, einige der „Wahnsinnigen“ näher kennen zu lernen, die Österreichs Außenminister beschimpft. Es waren einige der beeindruckenden Menschen, die ich jemals kennenlernen durfte.

Ich möchte sie Euch hier durch die Artikel vorstellen, die ich über sie geschrieben habe.

 

Über die Seeretter an der griechisch-türkischen Ägäis-Küste

Die See-Retter von Samos

Fährverkehr

 

Über die FlüchtlingshelferInnen an der türkischen Küste

Was passiert mit den Flüchtlingen, die wir in die Türkei abschieben?

Kleidung treibt in der Bucht von Dikili

Abschiebeboote landen in der Türkei

Und hier noch der Link zur lokalen NGO in Çeşme

 

Über die Hilfsorganisationen in der türkischen Großstadt Izmir an der Mittelmeerküste

„Die Regierung spielt Arme gegen noch Ärmere aus.“

Frauen auf der Flucht

Link zur lokalen NGO Halkların Köprüsü (Brücke der Völker)

 

Über die HelferInnen auf den griechischen Inseln Lesbos und Samos

Leben wie im Gefängnis

Sallie tut es immer noch

 

Über die UnterstützerInnen in Ungarn

Am Zaun des Elends Richtung Europa: Das Lager von Röszke

Der lange Weg nach Ungarn und zurück: Der Konvoi über die Grenze

Link zur lokalen NGO Age of Hope

 

Über die Hilfe am Wiener Westbahnhof

​„Refugees welcome“ – So wurde am Wiener Westbahnhof geholfen

 

Ich möchte mich an dieser Stelle bei all diesen Menschen für ihre Arbeit, ihre Ausdauer und ihren Einsatz bedanken. Und wenn sich die Frage stellt, wer wahnsinng ist –  jene die Menschenleben retten oder jene die für den Tod von Menschen die Mitverantwortung tragen – die Entscheidung sollte nicht allzu schwer fallen.

EU und NATO zwingen Flüchtlinge auf tödliche Routen

[ND] 2016 stieg die Zahl ertrunkener Flüchtlinge im Mittelmeer dramatisch an, obwohl weniger die Flucht übers Meer wagten

Erstveröffentlichung: Neues Deutschland, 10.01.2017

Mindestens 5022 geflüchtete Menschen sind im vergangenen Jahr im Mittelmeer ertrunken oder werden vermisst. Das ist die Bilanz des UN Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR), das auf täglicher Basis die Flüchtlingszahlen an den Außengrenzen der EU erfasst. Die tatsächlichen Zahlen könnten noch weit höher liegen, weil in vielen Fällen niemand überlebt, um von einem Unglück auf hoher See zu berichten.

Diese 5022 Opfer bedeuten nochmals einen dramatischen Anstieg gegenüber 2015, als das UNHCR von mindestens 3771 toten Flüchtlingen ausging. Die steigenden Zahlen sind besonders bemerkenswert, weil 2016 insgesamt deutlich weniger Menschen über das Mittelmeer in die EU geflüchtet sind als im Jahr davor.

Waren 2015 laut UNHCR noch insgesamt rund eine Million Menschen über das Mittelmeer gekommen, sind es im vergangenen Jahr nur noch rund 360.000 gewesen. Besonders deutlich ist der Rückgang auf der Route von der Türkei nach Griechenland, die insbesondere von Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Pakistan benutzt wird. Über diesen Weg waren 2015 laut UNHCR noch rund 800.000 Personen in die EU geflüchtet, 2016 waren es nur noch 170.000.

Kleidung treibt in der Bucht von Dikili an der türkischen Ägäis-Küste. Im Hintergrund die Insel Lesbos. Bild: Michael Bonvalot

Kleidung treibt in der Bucht von Dikili an der türkischen Ägäis-Küste. Im Hintergrund die Insel Lesbos. Bild: Michael Bonvalot

Ein wesentlicher Grund für die steigenden Opferzahlen könnte die Ausweitung des Militäreinsatzes von EU und NATO im Mittelmeer-Raum sein. Seit Oktober 2015 geht die EU im Rahmen der »Operation Sophia« vor den Küsten von Tunesien und Libyen gegen Flüchtlinge vor. Die deutsche Marine ist mit Schiffen an dieser Operation beteiligt. Seit Februar 2016 patrouilliert ein Kriegsverband der NATO unter deutscher Führung auch zwischen der Türkei und Griechenland.

Jüngst wurde der Einsatz von NATO-Truppen im Kampf gegen Flüchtlinge nochmals ausgeweitet. Im Rahmen der Operation »Sea Guardian« sollen die Seerouten im Mittelmeer überwacht werden. Insgesamt sollen bis zu 650 deutsche Soldaten, mehrere Schiffe sowie die deutschen Besatzungen von Awacs-Aufklärungsflugzeuge zum Einsatz kommen. Das hat der Bundestag im September 2016 mit 441 Ja-Stimmen und 117 Nein-Stimmen sowie einer Enthaltung beschlossen.

Gleichzeitig machen die Zahlen des UNHCR deutlich, warum Menschen die lebensgefährliche Reise über das Meer auf sich nehmen. Ein großer Teil der Flüchtlinge stammt aus Kriegs- und Konfliktgebieten. Fast ein Viertel aller 2016 vom UNHCR für den Mittelmeerraum erfassten geflüchteten Menschen kam aus Syrien, weitere 20 Prozent aus Afghanistan und Irak. Noch eindeutiger sind die Zahlen für die Ägäis: sogar 86 Prozent aller Flüchtlinge, die in Griechenland registriert wurden, stammen hier allein aus diesen drei Kriegsgebieten.

Deutsche Küstenwache auf Samos. Bild: Michael Bonvalot

Deutsche Küstenwache auf Samos. Bild: Michael Bonvalot

Gleichzeitig stecken immer mehr Menschen in Griechenland fest, nachdem die EU-Staaten die sogenannte Balkanroute weitgehend dichtgemacht haben. Zahlreiche Flüchtlingslager sind überbelegt, es gibt laufend Kritik an der Versorgung. Aktuell ist vor allem der massive Wintereinbruch ein lebensbedrohendes Problem. Viele Flüchtlinge leben in Zelten und können sich nicht vor Schnee und Kälte schützen. In Bulgarien sind bereits mindestens drei Flüchtlinge erfroren.

Eine substantielle Verbesserung der Lage den Herkunftsländern der Flüchtlinge ist nicht absehbar, dementsprechend ist auch für die Zukunft von weiteren Fluchtbewegungen auszugehen. Die Überwachung durch EU und NATO führt allerdings zu einem Ausweichen der Flüchtlingsboote auf immer gefährlichere Routen – weiter steigende Opferzahlen werden wohl die Folge sein.

 

Video: Kleidung treibt in der Bucht von Dikili:

Über 5000 Flüchtlinge starben 2016 an den EU-Außengrenzen

[FM4] Das sagt der aktuelle UNHCR-Bericht – ein deutlicher Anstieg gegenüber den vergangenen Jahren.

Erstveröffentlichung: FM4, 06.01.2017

Tawfiq gehört zu denen, die überlebt haben. Der 15-jährige stammt aus Afghanistan, im vergangenen Jahr hat er die gefährliche Fahrt über das Mittelmeer auf die griechische Insel Lesbos geschafft. Der aufgeweckte junge Bursche erzählt, dass er Glück hatte: „Wir sind mit einem Schlauchboot unterwegs gewesen. Wir wussten, dass das Ganze ziemlich gefährlich ist, doch das Meer war an diesem Tag relativ ruhig.“

Inzwischen lebt Tawfiq im Georg Danzer Haus in Gars am Kamp, einer Einrichtung des Vereins Fluchtweg. Hier kann er zur Ruhe kommen und auch Deutsch lernen. Wenn er älter ist, würde er gerne IT-Techniker werden.

Tawfiq vor PC lächelnd

Tawfiq. Bild: Michael Bonvalot

Als ich Tawfiq frage, was in Österreich am meisten anders ist als in Afghanistan, fällt ihm als erstes ein: „Hier gibt es keinen Krieg.“

Immer mehr Menschen sterben

Viele andere hatten nicht so viel Glück wie Tawfiq. Allein im Jahr 2016 waren es laut dem UN Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) mindestens 5022 Menschen, die an den Außengrenzen der EU ums Leben gekommen sind. Das ist ein dramatischer Anstieg gegenüber den vergangenen Jahren.

Insgesamt sind laut UNHCR seit 2011 mindestens 14.893 Menschen im Mittelmeer gestorben. Das UNHCR wertet täglich die Anzahl der Menschen aus, die nach der Fahrt über das Mittelmeer in der EU ankommen – ebenso wie die Anzahl jener, die die Überfahrt nicht geschafft haben und im Mittelmeer gestorben sind oder vermisst werden.

Berg an Rettungswesten

Rettungswesten auf Lesbos. Bild: Michael Bonvalot

Bei den 5022 vom UNHCR genannten Toten für 2016 handelt es sich allerdings um eine Mindestzahl. Denn es können nur jene Menschen gezählt werden, deren Tod auch bekannt ist. Wenn aber ein gesamtes Boot kentert, gibt es oft niemanden mehr, der darüber berichten könnte. Andere Menschen werden zwar gezählt, doch ihre Gräber tragen keine Namen.

Namenlose Gräber

An der Küste zwischen der Türkei und Griechenland werden etwa regelmäßig tote Menschen angespült, die niemand kennt. Auf der griechischen Insel Lesbos waren es zeitweise so viele Leichen, dass in den Leichenhallen kein Platz mehr war und die Toten in Kühlcontainern aufbewahrt werden mussten. Ihre letzte Ruhestätte fanden viele von ihnen am Friedhof der Flüchtlinge auf Lesbos.

Friedhof der Unbekannten, 2 Grabsteine

Der Friedhof der Flüchtlinge auf Lesbos. Unbekannte Mädchen, 3 Monate alt. Bild: Michael Bonvalot

Die meisten geflüchteten Menschen aus Syrien und Afghanistan erreichen die EU über die griechischen Inseln Samos, Chios und Lesbos. Ausgangspunkt der Reise ist auf türkischer Seite zumeist die Mittelmeer-Metropole Izmir. Auch dort ist die Lage für die Flüchtlinge katastrophal, wie mir die Aktivistin İdil Gökber bei einem Besuch in Izmir schilderte. Doch die Route über Izmir wird gewählt, weil das Meer an dieser Stelle nur einige Kilometer breit ist.

Die Strömungen in der Meerenge sind allerdings äußerst tückisch, tausende Flüchtlinge sind hier wahrscheinlich bereits ertrunken. Genaue Zahlen kennt niemand. Die Einheimischen auf Samos nennen den Küstenabschnitt, auf den die Boote zugetrieben werden, die „Küste des Todes“.

Die „Küste des Todes“ auf Samos

Für die Betroffenen gibt es allerdings keine Alternative, denn legale Möglichkeiten zur Einreise nach Griechenland gibt es de facto keine. Dabei könnte die Überfahrt sehr einfach sein: Mit dem richtigen Pass ist es mit der Fähre nur ein kurzer Trip und kostet beispielsweise auf der Route nach Samos gerade einmal 35 Euro.

Haydar hat leider den falschen Pass. Der 23-Jährige stammt aus Mossul im Irak, wo seit Juni 2014 die Terrororganisation IS regiert. Heute lebt auch er in Gars am Kamp. Im Irak hatte er Geschichte studiert, wollte Lehrer werden. Doch als der IS die Stadt einnahm, war nichts mehr wie zuvor.

Zum Glück wurde der Motor nicht kaputt

„Ich habe einen Bombenangriff gefilmt, danach wurde ich fünf Tage gefoltert“, berichtet er. Als er freigelassen wurde, war für ihn klar, dass er die Stadt so schnell wie möglich verlassen musste. Auch er flüchtete über Izmir nach Lesbos: „Wir waren 75 Leute auf dem Schlauchboot, das Meer war extrem unruhig. Wir hatten einfach nur verdammt Glück, dass der Motor nicht kaputt geworden ist.“

Werbung für Fährenüberfahrten

Werbung für die Fähre nach Griechenland in der türkischen Hafenstadt Kuşadası. Bild: Michael Bonvalot

Die Zahl derer, die bei der Überfahrt sterben, steigt insgesamt dramatisch an. 2015 waren laut UNHCR insgesamt rund eine Million Menschen über das Mittelmeer gekommen, davon rund 800.000 davon über die Ägäis. 2016 waren es im gesamten Mittelmeerraum nur noch 360.000, davon gerade einmal 170.000 in der Ägäis. Gleichzeitig stieg aber die Anzahl der Toten von 2015 auf 2016 sehr deutlich von 3771 auf 5022 Menschen.

EU und NATO im Mittelmeer

Ein Grund dafür könnte die Ausweitung des Militäreinsatzes von EU und NATO im Mittelmeer sein. Seit Oktober 2015 geht die EU im Rahmen der sogenannten „Operation Sophia“ vor den Küsten von Tunesien und Libyen verstärkt gegen Flüchtlinge vor. Auch österreichische Soldaten sind an dieser EU-Mission beteiligt.

Boote Deutscher Küstenwache angelegt

Boote der deutschen Küstenwache auf Samos. Bild: Michael Bonvalot

Und auch an der Seegrenze zwischen Griechenland und der Türkei wird aufgerüstet. Seit Februar 2016 sind dort zusätzlich zu den Grenztruppen auch Kampfverbände der NATO an der Abwehr von Flüchtlingen beteiligt. Doch je mehr Kriegsschiffe auf den bekannten und kürzeren Routen patrouillieren, desto mehr Menschen versuchen andere und gefährlichere Routen – der Anstieg der Opferzahlen ist die logische Folge.

Fluchtgründe liegen auf der Hand

Die Statistiken des UNHCR zeigen aber auch sehr gut, warum Menschen diese gefährliche Reise auf sich nehmen. Allein fast ein Viertel aller 2016 vom UNHCR für den Mittelmeerraum erfassten geflüchteten Menschen stammte 2016 aus Syrien, weitere 20% aus Afghanistan und dem Irak.

Noch deutlicher fällt die Bilanz in der Ägäis aus: Sogar 86% aller geflüchteten Menschen stammten hier allein aus diesen drei Kriegsgebieten. Gleichzeitig wird die Lage für die geflüchteten Menschen, die die gefährliche Fahrt über das Mittelmeer überlebt haben, immer prekärer.

Lage in den Camps spitzt sich zu

Denn immer mehr Menschen stecken in Griechenland in den Flüchtlingslagern auf den Inseln fest, dürfen diese Inseln aber nicht Richtung Festland verlassen. Und diese Lager sind mittlerweile völlig überfüllt, es fehlt am Nötigsten. Spannungen und Verteilungskämpfe sind die logische Folge.

Manche Lager, etwa jenes im Hafen von Athen/Piräus, sind nicht mehr als improvisierte Zeltplätze. Besonders betroffen von diesen Zuständen sind Frauen, Kinder, Schwächere.

Zelt vor Hafen mit Kleinkind

Zahlreiche Kinder im Lager Piräus. Bild: Michael Bonvalot

Ein Bericht des UNHCR von Ende Dezember gibt etwa für die Insel Chios eine Kapazität von 1202 Plätzen an. Tatsächlich leben aber laut UNHCR aktuell 3804 Flüchtlinge auf der Insel, mehr als das Dreifache. Auf den anderen Inseln zeigt sich ein ähnliches Bild.
Das Lager Moria auf Lesbos etwa wurde ursprünglich für rund 1000 Personen angelegt. Bei meiner Recherche im Juni 2016 mussten allerdings bereits rund 4000 Menschen hinter den Zäunen von Moria leben.

Österreich schließt Balkanroute

Der Hintergrund dieser Überbelegung ist, dass die anderen EU-Staaten ihre Grenzen dicht machen und somit immer mehr Menschen in Griechenland festhängen. Die österreichische Bundesregierung ist für diese Situation mitverantwortlich, insbesondere durch ihr Drängen zur Schließung der Balkanroute.

Flüchtlingslager umzäunt

Flüchtlingslager Röszke an der ungarisch-serbischen Grenze. Bild: Michael Bonvalot

Auf dieser Route über den Balkan reisten bisher geflüchtete Menschen von Griechenland weiter nach Österreich und Westeuropa. Für Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) ist die gesunkene Zahl von Menschen, die nach Österreich einreisen, eine „sehr erfolgreiche Operation“ und eine „sehr positive Entwicklung“, wie er im November 2016 dem Kurier erklärte. Das Problem: die Menschen sind deshalb nicht verschwunden, sie stecken nun unter immer unzumutbareren Bedingungen in den Lagern auf den griechischen Inseln fest.

Video: Kleidung treibt in der Bucht von Dikili

„Die Regierung spielt Arme gegen noch Ärmere aus.“

[FM4] Ein Interview mit İdil Gökber, Flüchtlings-Aktivistin in der türkischen Stadt Izmir.

Erstveröffentlichung: FM4, 20.08.2016

Die Situation für Flüchtlinge in der Türkei ist katastrophal. Es gibt zu wenig Lebensmittel, es gibt zu wenige Unterkünfte, es fehlt an medizinischer Versorgung. Nach dem gescheiterten Putschversuch nehmen Übergriffe auf Flüchtlinge zu. Die türkische Regierung baut unterdessen immer mehr Druck auf geflüchtete Menschen auf.

Für viele Menschen ist die türkische Millionen-Metropole Izmir der letzte Anlaufpunkt vor der gefährlichen Überfahrt über das Meer in die Festung Europa. Nach Schätzungen leben rund 500.000 Flüchtlinge an der Mittelmeer-Küste rund um Izmir. Die geflüchteten Menschen werden vor Ort unter anderem von der linken NGO Halkların Köprüsü, Brücke der Völker, unterstützt. Ein Gespräch mit İdil Gökber einer 38-jährigen Lehrerin und Aktivistin der Brücke der Völker.

Idil Gökber

Idil Gökber. Bild: Tanja Boukal

İdil, wie sind die Lebensbedingungen für geflüchtete Menschen in Izmir?

Die Situation für die Menschen ist wirklich sehr schlecht. Einige leben in Unterkünften vor allem im Bahnhofsviertel Basmane, viele andere in Zelten rund um die Stadt. In diesen Zeltdörfern gibt es oft nicht einmal Elektrizität und Sanitäranlagen. Besonders schlimm ist die Situation in den geschlossenen Camps. Wir haben den Eindruck, dass dort durch psychologische Folter und Isolation versucht wird, die Menschen dazu zu bringen, die Türkei zu verlassen.

Es gibt auch zu wenig Lebensmittel. Wir sind insbesondere permanent auf der Suche nach Nahrung für die Kinder. Eigentlich verteilt die Stadt kostenlos Milch in armen Nachbarschaften. Flüchtlinge sind aber von der Verteilung ausgeschlossen. Auch auf anderen Ebenen gibt es eine Zweiklassengesellschaft. In Izmir gibt es beispielsweise einen großen Park mit Grünflächen, den Kültürpark. Flüchtlinge dürfen diesen Park nicht einmal betreten, wir halten das für einen Skandal.

Wovon leben die Flüchtlinge, können sie arbeiten?

Den meisten Leuten geht über kurz oder lang das Geld aus. Viele arbeiten in der Landwirtschaft, das geht ohne Sprachkenntnisse am besten. Oft werden sie dort von den Grundbesitzern als LohndrückerInnen gegen die kurdischen LandarbeiterInnen eingesetzt, die bisher die Jobs gemacht haben.

Für viele Frauen ist die Prostitution die letzte Möglichkeit. Aufgrund ihrer Zwangslage müssen die Frauen dann sogar die üblichen Preise in der Türkei unterbieten. Eine türkische Prostituierte verlangt in Izmir üblicherweise 100 Lira [rund 30 Euro] für einmal Sex. Viele Frauen aus Syrien müssen sich schon ab 25 Lira [rund 7,50 Euro] für einen ganzen Tag anbieten.

Die Sexindustrie ist ein gefährliches Business. Habt ihr Berichte über Übergriffe?

Sexuelle Übergriffe stehen leider auf der Tagesordnung. In den Lagern vergewaltigen auch die Aufseher immer wieder geflüchtete Frauen. Und wenn eine Frau ihre Scham dann tatsächlich überwindet, bringt das für die Betroffene meistens wenig konkreten Nutzen. Die Polizei versteht die Sprache nicht und ist zumeist auch nicht am Problem interessiert.

Auch viele Schmuggler beuten Frauen auf der Flucht sexuell aus. Oft versprechen die Schmuggler billigen Transfer gegen Sex. Ebenso oft stellen sich die Versprechungen dann aber als Lüge heraus.

Wenn es durch die Prostitution oder durch Vergewaltigungen zu ungewollten Schwangerschaften kommt, gibt es kaum Möglichkeiten für einen Abbruch. Es gibt zwar legale Abtreibungen, aber die 1500 Lira für die Abtreibung können sich nur wenige Frauen leisten.

Wie ist die gesundheitliche Situation der Flüchtlinge?

Wir haben es mit einem breiten Spektrum an gesundheitlichen Problemlagen zu tun, schließlich sind sehr viele Menschen mit sehr unterschiedlichen physischen und psychischen Schwierigkeiten auf der Flucht. Ein riesiges Thema sind auch die fehlenden Impfungen für die Kinder, hier müsste so schnell wie möglich etwas getan werden.

Wir arbeiten mit freiwilligen ÄrztInnen und PflegerInnen und versuchen, eine Grundversorgung herzustellen. Wir bieten beispielsweise Untersuchungen auf der Straße an. Manchmal können wir bei ernsthafteren Problemen in ein Spital geben, oft ist das nicht möglich.

Du hast jetzt schon mehrmals die Lage der Kinder angesprochen, kannst Du hier etwas mehr erzählen?

Der Großteil der Menschen, die aus Syrien flüchten, kommen als gesamte Familie. Wir haben also sehr, sehr viele Kinder, die wir betreuen. Da gibt es mehrere große Baustellen: die Ernährung, die Gesundheit und auch, was leider oft vergessen wird, die Schulausbildung.

Der Großteil der Kinder kann derzeit in der Türkei nicht in die Schule gehen. Wir brauchen ÜbersetzerInnen, wir brauchen Platz in den Schulen und wir brauchen eine bessere Grundversorgung. [Anmerkung: die Zahlen bestätigen die Aussagen von İdil Gökber: 38 % aller geflüchteten Menschen, die von Jahresbeginn bis Mitte August 2016 aus der Türkei in Griechenland ankamen, sind Kinder.]

Im März ist der Deal zwischen der EU und der Türkei in Kraft getreten. Was hat sich seither verändert?

Generell haben wir den Eindruck, dass seither weniger Menschen die Flucht versuchen. Das kann sich aber natürlich wieder ändern. Die Menschen werden weiter Möglichkeiten finden, nur die Routen werden gefährlicher werden. Eine neue Route könnte beispielsweise über Italien gehen. Ein Freund von mir hat die Reise über das Meer mittlerweile bereits sieben Mal versucht.

Gleichzeitig nimmt auch die Repression gegen Flüchtlinge in der Türkei zu. Beispielsweise betreuen wir eine afghanische Familie im Abschiebe-Lager Kırklareli Pehlivanköy. Die Familie wurde voneinander getrennt, die männlichen Mitglieder sind inhaftiert und dürfen nur 5 Minuten am Tag ins Freie. Einer älteren Frau wird dringend notwendige medizinische Versorgung verweigert.

Wie würdest Du die Stimmung in der türkischen Bevölkerung beschreiben?

Am Anfang haben sehr viele Leute geholfen. Jetzt ist das Problem, dass die politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten immer mehr zunehmen, die Regierung aber nichts tut. Es fehlt vor allem an medizinischer Versorgung, Nahrung und Schulen. Damit werden auch jene Gruppen stärker, die gegen Flüchtlinge Stimmung machen. Bereits bevor die Flüchtlinge gekommen sind, hatte beispielsweise die Hälfte der Kinder nicht genug Nahrung für eine gesunde Entwicklung.

Es ist eben ein gesamt-gesellschaftspolitisches Problem. Die Arbeitssituation in der Türkei ist sehr schlecht, die Arbeitszeiten sind lang. Es gibt keine Versicherung und es gibt keine Pensionen. Aber die Bedingungen für Flüchtlinge sind noch schlimmer als die für die ortsansässige Bevölkerung. Die Regierung spielt die Armen gegen die noch Ärmeren aus.

Fluchtbedarf

Fluchtbedarf. Bild: Tanja Boukal

Wie hat sich die Situation durch den Putsch verändert?

Es versuchen jetzt klarerweise wieder mehr Flüchtlinge, aus der Türkei in die EU zu kommen. Mitglieder der Regierungspartei AKP und der faschistischen Grauen Wölfe haben in einigen Städten Flüchtlinge attackiert, auch syrische Geschäfte wurden angegriffen. In Izmir wurde Anfang August eine syrische Familie zwei Tage lang angegriffen, die Polizei stand daneben und hat zugesehen. Die Familie musste die Wohnung verlassen und konnte nichts retten außer ihrem Leben. Wir unterstützen diese Familie jetzt.

Was macht die „Brücke der Völker“, um das Leben der Flüchtlinge zu verbessern?

Wir haben vor rund zwei Jahren als sehr kleine Gruppe mit circa zehn Leuten angefangen. Aktuell haben wir mehrere hundert HelferInnen, bei größeren Versammlungen kommen um die hundert Leute zusammen.

Derzeit betreiben wir zwei Lokale in Izmir, wo wir verschiedene Angebote haben. Wir machen Sprachkurse für Flüchtlinge, wir spielen mit den Kindern, wir haben medizinische Gruppen. Wir machen gemeinsam Musik und tanzen, wir haben sogar eine Yogagruppe für Kinder.

Dann sammeln wir natürlich Lebensmittel, Kleidung oder Dinge des täglichen Bedarfs, beispielsweise Windeln. Wir machen auch politische Aktionen, beispielsweise politisches Theater. Eine gute Zusammenarbeit haben wir dabei mit der Gewerkschaft der Ingenieure.

Wir arbeiten auch eng mit anderen linken Flüchtlings-NGOs zusammen. Beispielsweise gibt es in der nahe gelegenen Küstenstadt Çeşme die İmece İnisiyatifi. Das funktioniert dann so, dass wir beispielsweise anrufen und sagen ,Hallo, wir haben Eier, braucht ihr was‘ und dann bringen wir etwas oder umgekehrt.

Was wäre für euch wichtig, was braucht ihr?

Aktuell sehen wir, dass die mediale Aufmerksamkeit sich auf Griechenland konzentriert. Damit geht die meiste Unterstützung nach Griechenland und auch die meisten internationalen Freiwilligen gehen dorthin. Dort ist zweifellos auch dringend Hilfe notwendig. Die Lage der Flüchtlinge Türkei gerät dadurch aber leider völlig aus dem Fokus der internationalen Berichterstattung.

Wir bräuchten etwa dringend Spenden und freiwillige HelferInnen, damit wir unsere Arbeit fortsetzen können. Für uns wäre also sehr wichtig, dass es mehr Berichte darüber gibt, wie die Situation der geflüchteten Menschen in der Türkei ist und unter welchen Bedingungen sie leben müssen.

Frauen auf der Flucht

[LIGA] Kato Tristos ist ein kleines Dorf auf der griechischen Insel Lesbos. Am Rande des Dorfes liegt der griechisch-orthodoxe Friedhof. Irgendwo im Nichts der Felder dahinter ist  versteckt ein umzäunter Acker.

[Erstveröffentlichung: LIGA]

Verteckt in diesem Nichts liegt er, der Friedhof der Namenlosen. Hier liegen jene Menschen begraben, die die gefährliche Überfahrt von der Türkei nach Griechenland nicht überlebt haben. Hastig aufgeworfene Gräber finden sich hier, davor schlichte Steine mit Inschriften, überall in der Luft sind Fliegen.

Viele Gräber tragen keine Namen, dennoch erzählen sie etwas über die Geschichte jener, die hier begraben sind. „Unbekannte Frau, Alter 20“ steht auf einem Grab, „Unbekanntes Mädchen, Alter 6“, auf dem nächsten. Am Rande ist ein Grab, wo zwei Babies gemeinsam verscharrt wurden. Die beiden kleinen Mädchen wurden gerade einmal drei Monate alt.

Der Friedhof in Kato Tristos ist ein stummer Zeuge und ein Mahnmal. Und gleichzeitig berichtet dieser Friedhof auch davon, wer die gefährliche Reise über das Wasser versucht hat. In den Medien ist oft vor allem von jungen Männern die Rede, doch tatsächlich ist das Bild weit vielschichtiger.

Mein Lokal-Augenschein in der türkischen Küstenregion, auf den griechischen Inseln und im Hafen von Athen unterstützt diesen Eindruck. Überall sehe ich Frauen, Kinder, Familien. In Piräus, dem Hafen von Athen wurde ein improvisiertes Lager für mehrere tausend Menschen aufgebaut. Vor sehr vielen Zelten sind Kinderwagen zu sehen, Kinder laufen über die Hafen-Molen, Jugendliche spielen Volleyball zwischen den Lagerhäusern.

Der Friedhof der Flüchtlinge auf Lesbos. Grab für zwei unbekannte Mädchen. Bild: Michael Bonvalot

Der Friedhof der Flüchtlinge auf Lesbos. Grab für zwei unbekannte Mädchen. Bild: Michael Bonvalot

Dieser Eindruck wird durch die Zahlen bestätigt: das UN-Flüchtlingskommissariat UNHCR erfasst die Geschlechterverteilung und Herkunft der Menschen, die die Flucht in die EU geschafft haben. Von Beginn des Jahres 2016 bis Anfang Mai kamen in Griechenland 40 % Männer, 20 % Frauen und 38 % Kinder an. Ziemlich genau die Hälfte dieser Menschen stammt aus Syrien, ein Viertel aus Afghanistan, 16 % aus dem Irak und 4 % aus Pakistan. Es sind die Namen von Ländern, die untrennbar mit Krieg, Elend und existenziellen Problemen verknüpft sind.

Der Fokus der Medien auf junge Männer bedeutet aber auch, dass die Situation und die spezifischen Bedürfnisse von Frauen auf der Flucht oftmals in den Hintergrund rücken. Die Probleme sind vielschichtig: sexuelle Übergriffe, Menschenhandel und Gewalt sind enorm gefährdend. Hygienische Bedürfnisse können kaum oder gar nicht gedeckt werden. Die Versorgung und Ernährung der Kinder ist selten adäquat gewährleistet.

„Sehr viele Flüchtlinge werden von Menschenhändlern abgefangen und gleich in die Bordelle und zur Prostitution gebracht“, schildert etwa Lea Ackermann von der Wiener NGO „Solwodi“ gegenüber dem ORF. Sie habe bereits mit zwölfjährigen Mädchen zusammengearbeitet, die zur Prostitution gezwungen worden seien, so Ackermann.  Anfang Jänner 2016 berichtete die britische Zeitung „Observer“, dass die europäische Polizeibehörde Europol mindestens 10.000 Flüchtlingskinder vermisst.

Mindestens 10.000 Kinder und Jugendliche vermisst

Europol geht davon aus, dass unter den Flüchtlingen, die im Vorjahr den Weg in die EU geschafft haben, 27 % unbegleitete Kinder und Jugendliche seien. Ein Teil der vermissten Kinder könne sich bei Verwandten aufhalten, doch ein anderer Teil sei wohl unmittelbar Opfer von Menschenhändlern und sexuellem Missbrauch geworden, so Brian Donald von Europol. Die Zahl von 10.000 Vermissten sei dabei noch sehr zurückhaltend angegeben.

Auch İdil Gökber ist besorgt. Sie ist Aktivistin der NGO Halklarin Köprüsü (Brücke der Völker) in der türkischen Metropole Izmir. Die Millionen-Stadt an der Küste ist Ausgangspunkt für die meisten Flüchtlinge in der Türkei auf ihrem Weg über das Meer nach Griechenland. Die 38-jährige Lehrerin ist immer wieder mit Missbrauchs-Fällen konfrontiert: „Wir hören von zahlreichen Fällen von sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen, etwa durch die Menschen-Schmuggler, aber auch in den Camps.“

Die Behörden sind dann keine Hilfe, so Gökber: „Sollte eine Frau ihre Scham tatsächlich überwinden und zur Polizei gehen, dann hat das für die Betroffene wenig konkreten Nutzen. Die Polizei versteht ihre Sprache nicht und ist zumeist auch nicht an ihren Problemen interessiert.“

Laut Gökber ist die Verwaltung der Camps in vielen Fällen sogar selbst in die Übergriffe involviert. Vergewaltigungen durch die Aufseher seien keineswegs ungewöhnlich. Und auch die Schlepper beuten Frauen auf der Flucht oftmals sexuell aus: „Oft versprechen die Schmuggler billigen Transfer gegen Sex. Ebenso oft stellen sich diese Versprechungen dann aber als Lüge heraus“, so Gökber.

İdil Gökber: "Oft stellen sich Versprechungen als Lüge heraus." Bild: Michael Bonvalot

İdil Gökber: „Oft stellen sich Versprechungen als Lüge heraus.“ Bild: Michael Bonvalot

Gökber erzählt auch, wie in der Türkei immer mehr Frauen auf der Flucht in die Sex-Industrie abgleiten: „Wenn die Menschen keinen Job finden, dann sterben sie langsam. Für Frauen ist die letzte Alternative dann oft die Prostitution.“ Aufgrund ihrer Zwangslage müssen diese Frauen dann sogar noch die üblichen Preise für Prostitution in der Türkei unterbieten. „Eine türkische Prostituierte verlangt üblicherweise rund 100 Lira [umgerechnet rund € 30] für einmal Sex. Viele Frauen aus Syrien verkaufen sich schon ab 25 Lira für einen ganzen Tag“, berichtet die Aktivistin.

Durch die Prostitution und durch Vergewaltigungen kommt es auch immer wieder zu ungewollten Schwangerschaften, erzählt Gökber: „Es gibt dann zwar legale Abtreibungsmöglichkeiten, aber die 1500 Lira für die Abtreibung können sich dann nur wenige Frauen leisten.“ Selbstverständlich gibt es aber auch Schwangerschaften als Folge selbstbestimmter Sexualität. Verhütungsmittel allerdings sind rar.

Problem Hygiene und Verhütung

Auf der griechischen Insel Samos berichteten mir HelferInnen sogar, dass die Polizei sie im Flüchtlings-Lager an der Verteilung von Kondomen gehindert hätte. Begründung:  Durch die Verteilung von Kondomen würden die Menschen auf die Idee kommen, sexuelle Kontakte zu pflegen. Immer wieder wird in Medien ja hinterfragt, warum sich Menschen mit sehr kleinen Kindern auf die Flucht begeben. Weitaus seltener wird allerdings die Frage gestellt, ob diese Kinder nicht eventuell erst während der Flucht gezeugt wurden, weil es keinen Zugang zu Verhütungsmitteln gegeben hat und natürliche Verhütungsmethoden durch unregelmäßige Zyklen erschwert wurden.

Auch die speziellen hygienischen Bedürfnisse von Frauen werden oft kaum beachtet. İdil Gökber beklagt etwa das Fehlen von Binden und Tampons, aber auch von Toiletten – ein Problem, das Frauen deutlich mehr und häufiger betrifft als Männer. Die Bucht von Dikili an der türkischen Küste etwa ist einer der zentralen Abfahrts-Orte für Flüchtlinge am Weg auf die gegenüberliegende griechische Insel Lesbos. Zeitweise lagerten hier tausende Menschen zwischen Felsen und Bäumen und warteten auf ihre Überfahrt.

Zurückgelassene Schuhe in der Bucht von Dikili. Bild: Michael Bonvalot

Zurückgelassene Schuhe in der Bucht von Dikili. Bild: Michael Bonvalot

Der Toiletten-Gang oder die Versorgung der Periode müssen an solchen Orten auf offenem Feld oder hinter Büschen erledigt werden. Das ist nicht nur äußerst beschämend, sondern wirft auch hygienische Probleme auf und ist nicht zuletzt ein enormes Sicherheits-Risiko für die betroffenen Frauen.

Der Arzt Manos Logothetis berichtet auch von vielfältigen gesundheitlichen Problemen. Er ist auf der griechischen Insel Samos verantwortlich für die Versorgung der geflüchteten Menschen: „Wenn eine gesamte Bevölkerung auf der Flucht ist, so wie in Syrien, dann finden wir logischerweise auch alle Arten von Krankheiten. Das geht von Krebs über Diabetes bis zu seltenen genetischen Erkrankungen.“ Bei Frauen kommen Schwangerschaften, Geburt oder frauenspezifische Erkrankungen hinzu, die oft nur sehr mangelhaft begleitet oder behandelt werden können, so Logothetis.

Der Arzt sagt, dass die medizinische Versorgung der syrischen Bevölkerung eigentlich auf einem sehr hohen Niveau gewesen war. Ein zentrales Problem für die Zukunft sei allerdings, dass seit Ausbruch des Bürgerkriegs die Kinder nicht mehr geimpft werden: „Die Durchimpfungsrate sinkt auf ein problematisches Ausmaß. Es ist dringend notwendig, wieder mit den Impfungen der Kinder zu beginnen“, so Logothetis.

Der Arzt berichtet auch von der enormen Erschöpfung vieler Menschen auf der Flucht: „Ich hatte einmal einen Fall, wo Eltern bereits glaubten, dass ihr Kind tot war und völlig verzweifelt zu mir liefen. Tatsächlich aber war das Kind nur völlig übermüdet mitten auf der Straße eingeschlafen und für fast zwanzig Minuten einfach nicht mehr wach zu kriegen.“

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„Kinder müssen dringend geimpft werden“. Das Lager Moria auf Lesbos. Bild: Michael Bonvalot

Eine niederländische Aktivistin, die auf Samos die lokalen Organisationen unterstützt, wirft noch ein anderes Thema auf: „Wir haben im Lager viele Menschen, die entweder durch den Krieg oder die Flucht traumatisiert wurden oder bereits in ihrem Herkunftsland psychische Erkrankungen hatten. Die Flucht bedeutet natürlich enormen Stress, der nun etwa zum Ausbruch von Psychosen führt.“ Sie sorgt sich auch um das Wohl der HelferInnen: „Wir haben hier gerade einmal in der Woche für ein paar Stunden einen Psychiater. Das ist schlicht viel zu wenig. Und das kann natürlich auch potentiell zu sehr gefährlichen Situationen für uns selbst führen.“

Medizinische und pyschologische Betreuung fehlt

Beide berichten auch von Konflikten innerhalb der Lager. Manche Menschen kämen mit sehr konservativen Vorstellungen, andere seien genau vor diesen konservativen Vorstellungen geflüchtet. Aus Syrien kommen großteils Familien, aus Afghanistan und Pakistan sind es eher Männer, die auf der Flucht sind. Hier entstehen ganz normale Konflikte des Zusammenlebens, die allerdings in der Enge des Camps enorm verdichtet sind.

Die Flüchtlings-Lager sind ein zwangsweise zusammengepresster Querschnitt der Bevölkerung mehrerer Welt-Regionen. Es gibt unterschiedliche politische und gesellschaftliche Vorstellungen, es gibt scharfe politische Konfrontationen und es gibt Geschlechter- und Rollen-Konflikte. „Dass das alles nicht immer ohne Streit abgeht, ist ja vollkommen logisch“, so die niederländische Aktivistin.

Es werden aber dabei auch viele Vorurteile reproduziert, ergänzt Logothetis: „Jeden Sommer prügeln sich bei uns die jungen männlichen Touristen aus Großbritannien, Deutschland und den Niederlanden um irgendwelche Mädchen. Warum sollten Jungs aus Afghanistan, Pakistan oder Syrien anders sein?“

Frauen mit Kindern haben auf der Flucht nochmals spezifische Bedürfnisse. Es ist sehr schwierig, an Baby-Nahrung oder Windeln zu kommen, das Stillen wird durch Mangel-Ernährung erschwert und auch der Transport der Kinder ist ohne Kinderwagen ein enormes Problem. „Wir versuchen, diesen Mangel möglichst auszugleichen, etwa indem wir Milch und Windeln verteilen. Aber das alles ist natürlich viel zu wenig“, so İdil Gökber von der „Brücke der Völker“. Sie erwähnt auch noch ein anderes Problem:  „Wir haben sehr viele schulpflichtige Kinder, aber wir haben kaum Lehrpersonal.“

Menschen möchten sich schön fühlen

Jenseits der unmittelbaren Grund-Bedürfnisse gibt es aber natürlich auch noch legitime Bedürfnisse, die darüber hinausgehen und auch enorm wichtig für das Selbstwert-Gefühl und das Wohlbefinden sind. Menschen möchten sich gerne schön fühlen und hin und wieder ihre Haare richten, Frauen möchten sich vielleicht gerne einmal schminken. Menschen möchten nicht nur Kleidung tragen, sondern auch Kleidung, die ihnen gefällt und in denen sie sich wohl fühlen. Menschen möchten nicht nur Essen, sondern gerne auch etwas essen, was ihren Gewohnheiten entspricht und ihnen schmeckt. Menschen auf der Flucht sind eben keine Objekte, sondern konkrete Persönlichkeiten mit Wünschen, Vorlieben und Bedürfnissen.

Familien leben im Lager Piräus/Athen unter elenden Bedingungen.

Familien leben im Lager Piräus/Athen unter elenden Bedingungen. Bild: Michael Bonvalot

All diese Überlegungen liegen allerdings in weiter Ferne. Mit der Umsetzung des EU-Türkei-Deals werden jene, die die gefährliche Überfahrt übers Meer überlebt haben, zu einem großen Teil wieder abgeschoben werden. Gleichzeitig nimmt die Überwachung der Grenzen immer weiter zu, so kreuzt etwa zwischen Griechenland und der Türkei seit Februar ein NATO-Kriegsverband. Die Festung Europa schließt ihre Grenzen.

Im Flüchtlings-Lager in Piräus sehe ich ein junges Mädchen, sie trägt viel zu große Stiefel, in denen sie kaum gehen kann. Bei jedem Schritt berührt ihre Ferse neben der Sohle den Boden. Und dabei hat sie noch enormes Glück gehabt, denn sie hat die Überfahrt nach Griechenland überlebt. Laut UNHCR werden alleine zwischen Jänner und Ende Juli 2016 auf der Mittelmeer-Route über 3100 Menschen vermisst, täglich werden es mehr. Diese Zahl ist dabei noch äußerst unvollständig. Wenn ein ganzes Boot gekentert ist, gibt es oft niemanden mehr, der überlebt hat, um zu berichten. Jene, die es nicht geschafft haben, werden unter anderem am Friedhof von Kato Tristos verscharrt. An den Grenzen der Festung Europa mahnen die Toten.

Leben wie im Gefängnis

[FM4] Im Flüchtlingslager Lesbos warten Menschen unter unzumutbaren Bedingungen auf eine ungewisse Zukunft.

Erstveröffentlichung: FM4, 15.06.2016

Wachtürme, hohe Mauern, doppelte Zäune, NATO-Draht – das Lager sieht aus wie ein Gefängnis. Rund 4000 Menschen leben hier im Camp Moria, dem wichtigsten Lager für Flüchtlinge auf der griechischen Insel Lesbos.

Angelegt war das Lager ursprünglich für rund 1.000 Personen. Es ist eng und es gibt nicht genug Platz für alle. Manche Menschen leben in großen befestigten Zelten, andere in kleinen Camping-Zelten unterschiedlichster Form und Größe. Es ist wahrscheinlich sogar ein Vorteil, in den kleineren Zelten zu leben, die nicht völlig überfüllt sind.

Zeltstadt Moria

Bild: Michael Bonvalot

Allerdings ist das gesamte Lager auf einem abschüssigen Hang errichtet und die kleinen Zelte stehen teilweise auf unebenem Untergrund. Bereits im Lager Samos, wo die Bedingungen ähnlich sind, berichtete ein Vater, dass er in der Nacht seine Kinder festhält, weil er Angst hat, dass sie sonst aus dem Zelt rollen könnten.

Herumkugelnde Kinder

Bild: Michael Bonvalot

Heiß und kaum Schatten

Ich beginne meinen Rundgang von außen um das Lager, die Atmosphäre wirkt bedrückend. Menschen sitzen ohne Beschäftigung herum, überall sind Kinder zu sehen, die Kleidung wird an den Stacheldraht-Zäunen zum Trocknen aufgehängt. Es ist heiß und es gibt kaum Schatten. Am höchsten Punkt des Abhangs haben lokale Geschäftsleute einen mobilen Imbissstand aufgebaut, durch den Zaun hindurch werden Essen und Getränke verkauft.

Frontex Container

Bild: Michael Bonvalot

Gleichzeitig gibt es hier auch Strom, um die Mobiltelefone aufzuladen. Sie sind eine der wichtigsten Habseligkeiten für die Menschen hier. Nur so ist es möglich, mit FreundInnen und Verwandten in Kontakt zu bleiben. Die Handys sind aber auch unumgänglich, um Informationen über die aktuelle Lage auf den verschiedenen Fluchtrouten zu erhalten.

Ich gehe weiter rund um das Lager und komme durch den Zaun mit Omar ins Gespräch, einem Lehrer aus Pakistan. Eigentlich können Journalisten das Lager nicht einfach betreten, doch Omar zeigt mir ein verstecktes Loch im Zaun. Bald sitzen wir in einem Zelt und reden miteinander, neben Omar sitzen noch zwei weitere Menschen aus Pakistan. Schließlich stößt noch ein dritter dazu, Hassan. Er hat Essen geholt, zeigt mir das Brot und scherzt: „Hart wie immer. Das könnten wir bestenfalls als Wurfgeschoss verwenden, wenn die Polizei uns wieder einmal angreift“.

Ein Typ hält ein Brot

Bild: Michael Bonvalot

„Bevor ich zurückgehe, ertrinke ich“

Die drei sagen, dass sie in Pakistan keinerlei Zukunft haben. Die gesamte Familie habe zusammengelegt, damit zumindest ein Familienmitglied die Chance auf ein besseres Leben hat. „Wir können nicht zurück, sehr viele Menschen hoffen auf uns“, sagt Hassan. Wir diskutieren über die europäischen Gesetze gegen Flüchtlinge und über die Gefahr, dass sie wieder abgeschoben werden. Omar ist sich der Probleme bewusst, doch er sagt: „Bevor ich zurückgehe, ertrinke ich lieber hier im Meer.“

3 Männer im Zelt

Bild: Michael Bonvalot

Wir verabschieden uns, ich verlasse das Lager durch den Zaun, nur um ein paar Meter weiter erneut eingeladen zu werden. Alan, ein junger Mann aus Syrien, bittet mich, ihn und seine Freunde zu besuchen. Es ist für die Menschen hier offenbar sehr wichtig, dass über die Situation im Camp berichtet wird. Wieder schlüpfe ich durch ein Loch im Zaun, die Kappe tief ins Gesicht gezogen, damit die Kameras mich nicht bemerken, mit denen das Lager überwacht wird. Wir sitzen nun in einem der Großraum-Zelte, um mich herum sind Menschen aus Syrien und dem Irak.

Bonvalot mit Menschen im Zelt

Bild: Michael Bonvalot

Mangelnde medizinische Versorgung

Die Flüchtlinge berichten mir von ihren Problemen im Lager. Hassan, ein Iraker, hat bei einem Bombenanschlag ein Bein verloren. „Ich habe eine Prothese und bräuchte dringend medizinische Versorgung. Doch als ich ins Zelt mit den Ärzten gegangen bin, bin ich einfach davon gejagt worden.“

„Ein großes Problem sind die Moskitos“, sagt ein anderer Mann. Kein Wunder, einige der Zelte stehen direkt neben einem Bach. Der Mann zeigt mir seine entzündeten Wunden und erzählt, dass es keine Möglichkeit gäbe, sie hier im Lager zu versorgen.

Duschen im Lager

Bild: Michael Bonvalot

Die medizinische Situation in den Lagern ist insgesamt sehr problematisch. Der Arzt Manos Logothetis, der auf der Nachbar-Insel Samos die medizinische Versorgung der Flüchtlinge organisiert, sagt: „Es fehlt an allem. Insbesondere aus Syrien ist eine gesamte Bevölkerung auf der Flucht. Wir haben hier also alles: von Diabetes über Krebs-Patienten bis zu seltenen genetischen Erkrankungen.“

Traumatisierte ohne psychiatrische Unterstützung

Logothetis berichtet auch über die psychiatrischen Krankheitsbilder: „Wir haben hier sehr viele Menschen, die durch die Flucht oder den Krieg traumatisiert sind oder die bereits mit psychiatrischen Erkrankungen die Flucht angetreten haben. Gleichzeitig haben wir keine ausreichenden Versorgungsstrukturen.“

Logothetis erwähnt schließlich noch eine weitere drängende Fragestellung: „Das syrische Gesundheitssystem war eigentlich sehr gut, Kinder wurden regulär geimpft. Durch den Krieg ist die Durchimpfungsrate aber auf ein gefährliches Maß gesunken. Wir müssen schleunigst beginnen, die Kinder in den Lagern zu impfen.“

Kinder in Moria

Bild: Michael Bonvalot

Die meisten wirken angeschlagen

Neben der mangelnden medizinischen Versorgung gibt es noch andere Probleme in den Lagern. Alan und seine Freunde berichten von schlechtem Essen, kalten Duschen und unzureichenden Hygieneeinrichtungen. Vielen steht die Frustration ins Gesicht geschrieben. „Es ist die Hölle hier“, sagt Alan. Eine Rückkehr ist allerdings auch nicht möglich, meint er. „In Syrien hatte ich jedes Mal Angst vor einer Bombe, wenn ich nur an einem Auto vorbei gegangen bin.“

A., ein Kurde aus dem Irak stimmt zu: „Ich habe jetzt drei Kriege miterlebt, ich kann einfach nicht mehr.“ Alan sieht für sich ohnehin keine Zukunft in Syrien: „Ich bin Atheist, ich glaube an die Wissenschaft. Wie könnte ich in einem Land leben, das von Religion zerfressen ist?“

Das Lager Moria von draußen

Bild: Michael Bonvalot

Immer wieder höre ich diese oder ähnliche Aussagen. Trotz der prekären Lage hier im Lager wollen die meisten lieber für ihr Bleiberecht kämpfen als freiwillig zurückzukehren. Der Großteil der Menschen im Camp kommt unmittelbar aus Konflikt- und Kriegsgebieten. Laut dem UN-Menschenrechtskommissariat UNHCR haben im Jahr 2016 rund 90.000 Menschen die griechische Insel Lesbos erreicht.
Der überwiegende Teil jener, die die gefährliche Überfahrt über das Wasser nach Griechenland antreten und überleben, stammt dabei aus den Kriegsgebieten in Syrien, Afghanistan und dem Irak, so die Organisation. 2016 kamen 90 Prozent aller Flüchtlinge in Griechenland aus diesen drei Staaten.

Frauen und Kinder besonders betroffen

Sanitäranlagen in Moria

Bild: Michael Bonvalot

Alan und einige andere führen mich schließlich durch das Lager. Wir müssen vorsichtig sein, meine Kamera wäre viel zu auffällig und wird im Zelt gelassen. Meine Begleiter fotografieren für mich mit dem Handy. Immer wieder bitten mich Eltern, ihre Kinder zu fotografieren und zu zeigen, wie sie hier leben müssen. Für die Kinder gibt es kaum Platz zu spielen. Die Sanitäranlagen sind völlig überlastet, es stinkt erbärmlich. Viele Menschen, mit denen ich rede, berichten davon, dass sie viel zu wenig zu essen bekommen.

Frauen haben auf der gesamten Fluchtroute besondere Schwierigkeiten. Ein Mangel an Toiletten ist für sie nicht nur eine hygienische Frage, sondern stellt auch ein akutes Sicherheitsrisiko dar. Die Gefahr von Übergriffen ist besonders hoch, wenn die Notdurft nicht in einem geschlossenen Raum verrichtet werden kann. Auch für Eltern mit Kindern braucht es ausreichend Platz und Ressourcen, um die Kinder in einer hygienischen Umgebung stillen, wickeln und versorgen zu können.

Auseinandersetzungen innerhalb des Lagers

Unter diesen Bedingungen ist es kein Wunder, dass auch die Spannungen unter den LagerbewohnerInnen zunehmen. Viele kommen direkt aus Kriegsgebieten und standen dort möglicherweise auf unterschiedlichen Seiten. Alle sind hier in einer psychischen Ausnahmesituation, viele sind vom Krieg und der Flucht traumatisiert.

Es gibt sprachliche und kulturelle Unterschiede zwischen den Menschen aus dem arabischen Raum, jenen aus Afghanistan und Pakistan und jenen aus subsaharischen afrikanischen Ländern. Familien haben andere Bedürfnisse als Alleinreisende. Frauen sind von Übergriffen bedroht. Durch die mangelnde Versorgung gibt es immer wieder Auseinandersetzungen um die Verteilung.

Zaun mit Aufschrift "No Border, No Nation"

Bild: Michael Bonvalot

Aktuell dürfen die Flüchtlinge nach einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofes von Griechenland das Lager verlassen. Wer Geld hat und die Fahrt in die nächste Stadt organisieren kann, kann sich also mit dem Lebensnotwendigsten versorgen. Gleichzeitig ist unklar, wie lange die Situation so bleibt.

Polizei räumt freie Lager

Die unabhängigen und freien Lager auf Lesbos, etwa das Camp rund um die „No Border Kitchen“, wurden in den letzten Wochen von der Polizei angegriffen und die Infrastruktur teilweise zerstört. Auch die Camps rund um Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze werden in diesen Tagen endgültig geräumt, wie die griechische Tageszeitung To Vima am 14. Juni berichtete.Die geflüchteten Menschen werden nach diesen Räumaktionen in die staatlichen Lager gebracht.

Mädchen auf der Straße

Bild: Michael Bonvalot

Im Gespräch mit lokalen FlüchtlingshelferInnen höre ich immer wieder die Vermutung, dass diese Räumungen ein zentraler Schritt für geplante spätere Abschiebungen in die Türkei sind. Diese Vermutung erscheint plausibel. Denn natürlich ist es einfacher, die im EU-Türkei-Deal vereinbarten Abschiebungen durchzuführen, wenn die Menschen, die deportiert werden sollen, bereits hinter Zäunen zusammengefasst sind.

Es ist allerdings davon auszugehen, dass diese Deportationen nicht ohne Widerstand über die Bühne gehen werden. Bereits jetzt organisieren sich die Flüchtlinge im Camp und es gibt immer wieder Aufstände gegen die Bedingungen im Lager.