Grenzgang: Ägäis

Wer ist da wahnsinnig, Herr Kurz?

Über die Lebensretter, die Außenminister Sebastian Kurz diffamiert.

Bei einem Besuch in Malta am vergangenen Freitag erklärte Österreichs Außenminister Sebastian Kurz, dass der „NGO-Wahnsinn“ beendet werden müsse. Er erklärte, dass die Rettungsaktionen von Nicht-Regierungsorganisationen dazu führen würden, dass mehr Flüchtlinge im Mittelmeer sterben.

Tatsächlich verantwortlich für das Massensterben im Mittelmeer sind allerdings jene, die die Grenze der Festung Europa für Flüchtlinge geschlossen haben und stattdessen die Kriegsschiffe der NATO im Mittelmeer patrouillieren lassen.

Ich hatte in den vergangenen beiden Jahren in der Türkei, Griechenland und Ungarn das Privileg, einige der „Wahnsinnigen“ näher kennen zu lernen, die Österreichs Außenminister beschimpft. Es waren einige der beeindruckenden Menschen, die ich jemals kennenlernen durfte.

Ich möchte sie Euch hier durch die Artikel vorstellen, die ich über sie geschrieben habe.

 

Über die Seeretter an der griechisch-türkischen Ägäis-Küste

Die See-Retter von Samos

Fährverkehr

 

Über die FlüchtlingshelferInnen an der türkischen Küste

Was passiert mit den Flüchtlingen, die wir in die Türkei abschieben?

Kleidung treibt in der Bucht von Dikili

Abschiebeboote landen in der Türkei

Und hier noch der Link zur lokalen NGO in Çeşme

 

Über die Hilfsorganisationen in der türkischen Großstadt Izmir an der Mittelmeerküste

„Die Regierung spielt Arme gegen noch Ärmere aus.“

Frauen auf der Flucht

Link zur lokalen NGO Halkların Köprüsü (Brücke der Völker)

 

Über die HelferInnen auf den griechischen Inseln Lesbos und Samos

Leben wie im Gefängnis

Sallie tut es immer noch

 

Über die UnterstützerInnen in Ungarn

Am Zaun des Elends Richtung Europa: Das Lager von Röszke

Der lange Weg nach Ungarn und zurück: Der Konvoi über die Grenze

Link zur lokalen NGO Age of Hope

 

Über die Hilfe am Wiener Westbahnhof

​„Refugees welcome“ – So wurde am Wiener Westbahnhof geholfen

 

Ich möchte mich an dieser Stelle bei all diesen Menschen für ihre Arbeit, ihre Ausdauer und ihren Einsatz bedanken. Und wenn sich die Frage stellt, wer wahnsinng ist –  jene die Menschenleben retten oder jene die für den Tod von Menschen die Mitverantwortung tragen – die Entscheidung sollte nicht allzu schwer fallen.

EU und NATO zwingen Flüchtlinge auf tödliche Routen

[ND] 2016 stieg die Zahl ertrunkener Flüchtlinge im Mittelmeer dramatisch an, obwohl weniger die Flucht übers Meer wagten

Erstveröffentlichung: Neues Deutschland, 10.01.2017

Mindestens 5022 geflüchtete Menschen sind im vergangenen Jahr im Mittelmeer ertrunken oder werden vermisst. Das ist die Bilanz des UN Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR), das auf täglicher Basis die Flüchtlingszahlen an den Außengrenzen der EU erfasst. Die tatsächlichen Zahlen könnten noch weit höher liegen, weil in vielen Fällen niemand überlebt, um von einem Unglück auf hoher See zu berichten.

Diese 5022 Opfer bedeuten nochmals einen dramatischen Anstieg gegenüber 2015, als das UNHCR von mindestens 3771 toten Flüchtlingen ausging. Die steigenden Zahlen sind besonders bemerkenswert, weil 2016 insgesamt deutlich weniger Menschen über das Mittelmeer in die EU geflüchtet sind als im Jahr davor.

Waren 2015 laut UNHCR noch insgesamt rund eine Million Menschen über das Mittelmeer gekommen, sind es im vergangenen Jahr nur noch rund 360.000 gewesen. Besonders deutlich ist der Rückgang auf der Route von der Türkei nach Griechenland, die insbesondere von Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Pakistan benutzt wird. Über diesen Weg waren 2015 laut UNHCR noch rund 800.000 Personen in die EU geflüchtet, 2016 waren es nur noch 170.000.

Kleidung treibt in der Bucht von Dikili an der türkischen Ägäis-Küste. Im Hintergrund die Insel Lesbos. Bild: Michael Bonvalot

Kleidung treibt in der Bucht von Dikili an der türkischen Ägäis-Küste. Im Hintergrund die Insel Lesbos. Bild: Michael Bonvalot

Ein wesentlicher Grund für die steigenden Opferzahlen könnte die Ausweitung des Militäreinsatzes von EU und NATO im Mittelmeer-Raum sein. Seit Oktober 2015 geht die EU im Rahmen der »Operation Sophia« vor den Küsten von Tunesien und Libyen gegen Flüchtlinge vor. Die deutsche Marine ist mit Schiffen an dieser Operation beteiligt. Seit Februar 2016 patrouilliert ein Kriegsverband der NATO unter deutscher Führung auch zwischen der Türkei und Griechenland.

Jüngst wurde der Einsatz von NATO-Truppen im Kampf gegen Flüchtlinge nochmals ausgeweitet. Im Rahmen der Operation »Sea Guardian« sollen die Seerouten im Mittelmeer überwacht werden. Insgesamt sollen bis zu 650 deutsche Soldaten, mehrere Schiffe sowie die deutschen Besatzungen von Awacs-Aufklärungsflugzeuge zum Einsatz kommen. Das hat der Bundestag im September 2016 mit 441 Ja-Stimmen und 117 Nein-Stimmen sowie einer Enthaltung beschlossen.

Gleichzeitig machen die Zahlen des UNHCR deutlich, warum Menschen die lebensgefährliche Reise über das Meer auf sich nehmen. Ein großer Teil der Flüchtlinge stammt aus Kriegs- und Konfliktgebieten. Fast ein Viertel aller 2016 vom UNHCR für den Mittelmeerraum erfassten geflüchteten Menschen kam aus Syrien, weitere 20 Prozent aus Afghanistan und Irak. Noch eindeutiger sind die Zahlen für die Ägäis: sogar 86 Prozent aller Flüchtlinge, die in Griechenland registriert wurden, stammen hier allein aus diesen drei Kriegsgebieten.

Deutsche Küstenwache auf Samos. Bild: Michael Bonvalot

Deutsche Küstenwache auf Samos. Bild: Michael Bonvalot

Gleichzeitig stecken immer mehr Menschen in Griechenland fest, nachdem die EU-Staaten die sogenannte Balkanroute weitgehend dichtgemacht haben. Zahlreiche Flüchtlingslager sind überbelegt, es gibt laufend Kritik an der Versorgung. Aktuell ist vor allem der massive Wintereinbruch ein lebensbedrohendes Problem. Viele Flüchtlinge leben in Zelten und können sich nicht vor Schnee und Kälte schützen. In Bulgarien sind bereits mindestens drei Flüchtlinge erfroren.

Eine substantielle Verbesserung der Lage den Herkunftsländern der Flüchtlinge ist nicht absehbar, dementsprechend ist auch für die Zukunft von weiteren Fluchtbewegungen auszugehen. Die Überwachung durch EU und NATO führt allerdings zu einem Ausweichen der Flüchtlingsboote auf immer gefährlichere Routen – weiter steigende Opferzahlen werden wohl die Folge sein.

 

Video: Kleidung treibt in der Bucht von Dikili:

Über 5000 Flüchtlinge starben 2016 an den EU-Außengrenzen

[FM4] Das sagt der aktuelle UNHCR-Bericht – ein deutlicher Anstieg gegenüber den vergangenen Jahren.

Erstveröffentlichung: FM4, 06.01.2017

Tawfiq gehört zu denen, die überlebt haben. Der 15-jährige stammt aus Afghanistan, im vergangenen Jahr hat er die gefährliche Fahrt über das Mittelmeer auf die griechische Insel Lesbos geschafft. Der aufgeweckte junge Bursche erzählt, dass er Glück hatte: „Wir sind mit einem Schlauchboot unterwegs gewesen. Wir wussten, dass das Ganze ziemlich gefährlich ist, doch das Meer war an diesem Tag relativ ruhig.“

Inzwischen lebt Tawfiq im Georg Danzer Haus in Gars am Kamp, einer Einrichtung des Vereins Fluchtweg. Hier kann er zur Ruhe kommen und auch Deutsch lernen. Wenn er älter ist, würde er gerne IT-Techniker werden.

Tawfiq vor PC lächelnd

Tawfiq. Bild: Michael Bonvalot

Als ich Tawfiq frage, was in Österreich am meisten anders ist als in Afghanistan, fällt ihm als erstes ein: „Hier gibt es keinen Krieg.“

Immer mehr Menschen sterben

Viele andere hatten nicht so viel Glück wie Tawfiq. Allein im Jahr 2016 waren es laut dem UN Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) mindestens 5022 Menschen, die an den Außengrenzen der EU ums Leben gekommen sind. Das ist ein dramatischer Anstieg gegenüber den vergangenen Jahren.

Insgesamt sind laut UNHCR seit 2011 mindestens 14.893 Menschen im Mittelmeer gestorben. Das UNHCR wertet täglich die Anzahl der Menschen aus, die nach der Fahrt über das Mittelmeer in der EU ankommen – ebenso wie die Anzahl jener, die die Überfahrt nicht geschafft haben und im Mittelmeer gestorben sind oder vermisst werden.

Berg an Rettungswesten

Rettungswesten auf Lesbos. Bild: Michael Bonvalot

Bei den 5022 vom UNHCR genannten Toten für 2016 handelt es sich allerdings um eine Mindestzahl. Denn es können nur jene Menschen gezählt werden, deren Tod auch bekannt ist. Wenn aber ein gesamtes Boot kentert, gibt es oft niemanden mehr, der darüber berichten könnte. Andere Menschen werden zwar gezählt, doch ihre Gräber tragen keine Namen.

Namenlose Gräber

An der Küste zwischen der Türkei und Griechenland werden etwa regelmäßig tote Menschen angespült, die niemand kennt. Auf der griechischen Insel Lesbos waren es zeitweise so viele Leichen, dass in den Leichenhallen kein Platz mehr war und die Toten in Kühlcontainern aufbewahrt werden mussten. Ihre letzte Ruhestätte fanden viele von ihnen am Friedhof der Flüchtlinge auf Lesbos.

Friedhof der Unbekannten, 2 Grabsteine

Der Friedhof der Flüchtlinge auf Lesbos. Unbekannte Mädchen, 3 Monate alt. Bild: Michael Bonvalot

Die meisten geflüchteten Menschen aus Syrien und Afghanistan erreichen die EU über die griechischen Inseln Samos, Chios und Lesbos. Ausgangspunkt der Reise ist auf türkischer Seite zumeist die Mittelmeer-Metropole Izmir. Auch dort ist die Lage für die Flüchtlinge katastrophal, wie mir die Aktivistin İdil Gökber bei einem Besuch in Izmir schilderte. Doch die Route über Izmir wird gewählt, weil das Meer an dieser Stelle nur einige Kilometer breit ist.

Die Strömungen in der Meerenge sind allerdings äußerst tückisch, tausende Flüchtlinge sind hier wahrscheinlich bereits ertrunken. Genaue Zahlen kennt niemand. Die Einheimischen auf Samos nennen den Küstenabschnitt, auf den die Boote zugetrieben werden, die „Küste des Todes“.

Die „Küste des Todes“ auf Samos

Für die Betroffenen gibt es allerdings keine Alternative, denn legale Möglichkeiten zur Einreise nach Griechenland gibt es de facto keine. Dabei könnte die Überfahrt sehr einfach sein: Mit dem richtigen Pass ist es mit der Fähre nur ein kurzer Trip und kostet beispielsweise auf der Route nach Samos gerade einmal 35 Euro.

Haydar hat leider den falschen Pass. Der 23-Jährige stammt aus Mossul im Irak, wo seit Juni 2014 die Terrororganisation IS regiert. Heute lebt auch er in Gars am Kamp. Im Irak hatte er Geschichte studiert, wollte Lehrer werden. Doch als der IS die Stadt einnahm, war nichts mehr wie zuvor.

Zum Glück wurde der Motor nicht kaputt

„Ich habe einen Bombenangriff gefilmt, danach wurde ich fünf Tage gefoltert“, berichtet er. Als er freigelassen wurde, war für ihn klar, dass er die Stadt so schnell wie möglich verlassen musste. Auch er flüchtete über Izmir nach Lesbos: „Wir waren 75 Leute auf dem Schlauchboot, das Meer war extrem unruhig. Wir hatten einfach nur verdammt Glück, dass der Motor nicht kaputt geworden ist.“

Werbung für Fährenüberfahrten

Werbung für die Fähre nach Griechenland in der türkischen Hafenstadt Kuşadası. Bild: Michael Bonvalot

Die Zahl derer, die bei der Überfahrt sterben, steigt insgesamt dramatisch an. 2015 waren laut UNHCR insgesamt rund eine Million Menschen über das Mittelmeer gekommen, davon rund 800.000 davon über die Ägäis. 2016 waren es im gesamten Mittelmeerraum nur noch 360.000, davon gerade einmal 170.000 in der Ägäis. Gleichzeitig stieg aber die Anzahl der Toten von 2015 auf 2016 sehr deutlich von 3771 auf 5022 Menschen.

EU und NATO im Mittelmeer

Ein Grund dafür könnte die Ausweitung des Militäreinsatzes von EU und NATO im Mittelmeer sein. Seit Oktober 2015 geht die EU im Rahmen der sogenannten „Operation Sophia“ vor den Küsten von Tunesien und Libyen verstärkt gegen Flüchtlinge vor. Auch österreichische Soldaten sind an dieser EU-Mission beteiligt.

Boote Deutscher Küstenwache angelegt

Boote der deutschen Küstenwache auf Samos. Bild: Michael Bonvalot

Und auch an der Seegrenze zwischen Griechenland und der Türkei wird aufgerüstet. Seit Februar 2016 sind dort zusätzlich zu den Grenztruppen auch Kampfverbände der NATO an der Abwehr von Flüchtlingen beteiligt. Doch je mehr Kriegsschiffe auf den bekannten und kürzeren Routen patrouillieren, desto mehr Menschen versuchen andere und gefährlichere Routen – der Anstieg der Opferzahlen ist die logische Folge.

Fluchtgründe liegen auf der Hand

Die Statistiken des UNHCR zeigen aber auch sehr gut, warum Menschen diese gefährliche Reise auf sich nehmen. Allein fast ein Viertel aller 2016 vom UNHCR für den Mittelmeerraum erfassten geflüchteten Menschen stammte 2016 aus Syrien, weitere 20% aus Afghanistan und dem Irak.

Noch deutlicher fällt die Bilanz in der Ägäis aus: Sogar 86% aller geflüchteten Menschen stammten hier allein aus diesen drei Kriegsgebieten. Gleichzeitig wird die Lage für die geflüchteten Menschen, die die gefährliche Fahrt über das Mittelmeer überlebt haben, immer prekärer.

Lage in den Camps spitzt sich zu

Denn immer mehr Menschen stecken in Griechenland in den Flüchtlingslagern auf den Inseln fest, dürfen diese Inseln aber nicht Richtung Festland verlassen. Und diese Lager sind mittlerweile völlig überfüllt, es fehlt am Nötigsten. Spannungen und Verteilungskämpfe sind die logische Folge.

Manche Lager, etwa jenes im Hafen von Athen/Piräus, sind nicht mehr als improvisierte Zeltplätze. Besonders betroffen von diesen Zuständen sind Frauen, Kinder, Schwächere.

Zelt vor Hafen mit Kleinkind

Zahlreiche Kinder im Lager Piräus. Bild: Michael Bonvalot

Ein Bericht des UNHCR von Ende Dezember gibt etwa für die Insel Chios eine Kapazität von 1202 Plätzen an. Tatsächlich leben aber laut UNHCR aktuell 3804 Flüchtlinge auf der Insel, mehr als das Dreifache. Auf den anderen Inseln zeigt sich ein ähnliches Bild.
Das Lager Moria auf Lesbos etwa wurde ursprünglich für rund 1000 Personen angelegt. Bei meiner Recherche im Juni 2016 mussten allerdings bereits rund 4000 Menschen hinter den Zäunen von Moria leben.

Österreich schließt Balkanroute

Der Hintergrund dieser Überbelegung ist, dass die anderen EU-Staaten ihre Grenzen dicht machen und somit immer mehr Menschen in Griechenland festhängen. Die österreichische Bundesregierung ist für diese Situation mitverantwortlich, insbesondere durch ihr Drängen zur Schließung der Balkanroute.

Flüchtlingslager umzäunt

Flüchtlingslager Röszke an der ungarisch-serbischen Grenze. Bild: Michael Bonvalot

Auf dieser Route über den Balkan reisten bisher geflüchtete Menschen von Griechenland weiter nach Österreich und Westeuropa. Für Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) ist die gesunkene Zahl von Menschen, die nach Österreich einreisen, eine „sehr erfolgreiche Operation“ und eine „sehr positive Entwicklung“, wie er im November 2016 dem Kurier erklärte. Das Problem: die Menschen sind deshalb nicht verschwunden, sie stecken nun unter immer unzumutbareren Bedingungen in den Lagern auf den griechischen Inseln fest.

Video: Kleidung treibt in der Bucht von Dikili

„Die Regierung spielt Arme gegen noch Ärmere aus.“

[FM4] Ein Interview mit İdil Gökber, Flüchtlings-Aktivistin in der türkischen Stadt Izmir.

Erstveröffentlichung: FM4, 20.08.2016

Die Situation für Flüchtlinge in der Türkei ist katastrophal. Es gibt zu wenig Lebensmittel, es gibt zu wenige Unterkünfte, es fehlt an medizinischer Versorgung. Nach dem gescheiterten Putschversuch nehmen Übergriffe auf Flüchtlinge zu. Die türkische Regierung baut unterdessen immer mehr Druck auf geflüchtete Menschen auf.

Für viele Menschen ist die türkische Millionen-Metropole Izmir der letzte Anlaufpunkt vor der gefährlichen Überfahrt über das Meer in die Festung Europa. Nach Schätzungen leben rund 500.000 Flüchtlinge an der Mittelmeer-Küste rund um Izmir. Die geflüchteten Menschen werden vor Ort unter anderem von der linken NGO Halkların Köprüsü, Brücke der Völker, unterstützt. Ein Gespräch mit İdil Gökber einer 38-jährigen Lehrerin und Aktivistin der Brücke der Völker.

Idil Gökber

Idil Gökber. Bild: Tanja Boukal

İdil, wie sind die Lebensbedingungen für geflüchtete Menschen in Izmir?

Die Situation für die Menschen ist wirklich sehr schlecht. Einige leben in Unterkünften vor allem im Bahnhofsviertel Basmane, viele andere in Zelten rund um die Stadt. In diesen Zeltdörfern gibt es oft nicht einmal Elektrizität und Sanitäranlagen. Besonders schlimm ist die Situation in den geschlossenen Camps. Wir haben den Eindruck, dass dort durch psychologische Folter und Isolation versucht wird, die Menschen dazu zu bringen, die Türkei zu verlassen.

Es gibt auch zu wenig Lebensmittel. Wir sind insbesondere permanent auf der Suche nach Nahrung für die Kinder. Eigentlich verteilt die Stadt kostenlos Milch in armen Nachbarschaften. Flüchtlinge sind aber von der Verteilung ausgeschlossen. Auch auf anderen Ebenen gibt es eine Zweiklassengesellschaft. In Izmir gibt es beispielsweise einen großen Park mit Grünflächen, den Kültürpark. Flüchtlinge dürfen diesen Park nicht einmal betreten, wir halten das für einen Skandal.

Wovon leben die Flüchtlinge, können sie arbeiten?

Den meisten Leuten geht über kurz oder lang das Geld aus. Viele arbeiten in der Landwirtschaft, das geht ohne Sprachkenntnisse am besten. Oft werden sie dort von den Grundbesitzern als LohndrückerInnen gegen die kurdischen LandarbeiterInnen eingesetzt, die bisher die Jobs gemacht haben.

Für viele Frauen ist die Prostitution die letzte Möglichkeit. Aufgrund ihrer Zwangslage müssen die Frauen dann sogar die üblichen Preise in der Türkei unterbieten. Eine türkische Prostituierte verlangt in Izmir üblicherweise 100 Lira [rund 30 Euro] für einmal Sex. Viele Frauen aus Syrien müssen sich schon ab 25 Lira [rund 7,50 Euro] für einen ganzen Tag anbieten.

Die Sexindustrie ist ein gefährliches Business. Habt ihr Berichte über Übergriffe?

Sexuelle Übergriffe stehen leider auf der Tagesordnung. In den Lagern vergewaltigen auch die Aufseher immer wieder geflüchtete Frauen. Und wenn eine Frau ihre Scham dann tatsächlich überwindet, bringt das für die Betroffene meistens wenig konkreten Nutzen. Die Polizei versteht die Sprache nicht und ist zumeist auch nicht am Problem interessiert.

Auch viele Schmuggler beuten Frauen auf der Flucht sexuell aus. Oft versprechen die Schmuggler billigen Transfer gegen Sex. Ebenso oft stellen sich die Versprechungen dann aber als Lüge heraus.

Wenn es durch die Prostitution oder durch Vergewaltigungen zu ungewollten Schwangerschaften kommt, gibt es kaum Möglichkeiten für einen Abbruch. Es gibt zwar legale Abtreibungen, aber die 1500 Lira für die Abtreibung können sich nur wenige Frauen leisten.

Wie ist die gesundheitliche Situation der Flüchtlinge?

Wir haben es mit einem breiten Spektrum an gesundheitlichen Problemlagen zu tun, schließlich sind sehr viele Menschen mit sehr unterschiedlichen physischen und psychischen Schwierigkeiten auf der Flucht. Ein riesiges Thema sind auch die fehlenden Impfungen für die Kinder, hier müsste so schnell wie möglich etwas getan werden.

Wir arbeiten mit freiwilligen ÄrztInnen und PflegerInnen und versuchen, eine Grundversorgung herzustellen. Wir bieten beispielsweise Untersuchungen auf der Straße an. Manchmal können wir bei ernsthafteren Problemen in ein Spital geben, oft ist das nicht möglich.

Du hast jetzt schon mehrmals die Lage der Kinder angesprochen, kannst Du hier etwas mehr erzählen?

Der Großteil der Menschen, die aus Syrien flüchten, kommen als gesamte Familie. Wir haben also sehr, sehr viele Kinder, die wir betreuen. Da gibt es mehrere große Baustellen: die Ernährung, die Gesundheit und auch, was leider oft vergessen wird, die Schulausbildung.

Der Großteil der Kinder kann derzeit in der Türkei nicht in die Schule gehen. Wir brauchen ÜbersetzerInnen, wir brauchen Platz in den Schulen und wir brauchen eine bessere Grundversorgung. [Anmerkung: die Zahlen bestätigen die Aussagen von İdil Gökber: 38 % aller geflüchteten Menschen, die von Jahresbeginn bis Mitte August 2016 aus der Türkei in Griechenland ankamen, sind Kinder.]

Im März ist der Deal zwischen der EU und der Türkei in Kraft getreten. Was hat sich seither verändert?

Generell haben wir den Eindruck, dass seither weniger Menschen die Flucht versuchen. Das kann sich aber natürlich wieder ändern. Die Menschen werden weiter Möglichkeiten finden, nur die Routen werden gefährlicher werden. Eine neue Route könnte beispielsweise über Italien gehen. Ein Freund von mir hat die Reise über das Meer mittlerweile bereits sieben Mal versucht.

Gleichzeitig nimmt auch die Repression gegen Flüchtlinge in der Türkei zu. Beispielsweise betreuen wir eine afghanische Familie im Abschiebe-Lager Kırklareli Pehlivanköy. Die Familie wurde voneinander getrennt, die männlichen Mitglieder sind inhaftiert und dürfen nur 5 Minuten am Tag ins Freie. Einer älteren Frau wird dringend notwendige medizinische Versorgung verweigert.

Wie würdest Du die Stimmung in der türkischen Bevölkerung beschreiben?

Am Anfang haben sehr viele Leute geholfen. Jetzt ist das Problem, dass die politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten immer mehr zunehmen, die Regierung aber nichts tut. Es fehlt vor allem an medizinischer Versorgung, Nahrung und Schulen. Damit werden auch jene Gruppen stärker, die gegen Flüchtlinge Stimmung machen. Bereits bevor die Flüchtlinge gekommen sind, hatte beispielsweise die Hälfte der Kinder nicht genug Nahrung für eine gesunde Entwicklung.

Es ist eben ein gesamt-gesellschaftspolitisches Problem. Die Arbeitssituation in der Türkei ist sehr schlecht, die Arbeitszeiten sind lang. Es gibt keine Versicherung und es gibt keine Pensionen. Aber die Bedingungen für Flüchtlinge sind noch schlimmer als die für die ortsansässige Bevölkerung. Die Regierung spielt die Armen gegen die noch Ärmeren aus.

Fluchtbedarf

Fluchtbedarf. Bild: Tanja Boukal

Wie hat sich die Situation durch den Putsch verändert?

Es versuchen jetzt klarerweise wieder mehr Flüchtlinge, aus der Türkei in die EU zu kommen. Mitglieder der Regierungspartei AKP und der faschistischen Grauen Wölfe haben in einigen Städten Flüchtlinge attackiert, auch syrische Geschäfte wurden angegriffen. In Izmir wurde Anfang August eine syrische Familie zwei Tage lang angegriffen, die Polizei stand daneben und hat zugesehen. Die Familie musste die Wohnung verlassen und konnte nichts retten außer ihrem Leben. Wir unterstützen diese Familie jetzt.

Was macht die „Brücke der Völker“, um das Leben der Flüchtlinge zu verbessern?

Wir haben vor rund zwei Jahren als sehr kleine Gruppe mit circa zehn Leuten angefangen. Aktuell haben wir mehrere hundert HelferInnen, bei größeren Versammlungen kommen um die hundert Leute zusammen.

Derzeit betreiben wir zwei Lokale in Izmir, wo wir verschiedene Angebote haben. Wir machen Sprachkurse für Flüchtlinge, wir spielen mit den Kindern, wir haben medizinische Gruppen. Wir machen gemeinsam Musik und tanzen, wir haben sogar eine Yogagruppe für Kinder.

Dann sammeln wir natürlich Lebensmittel, Kleidung oder Dinge des täglichen Bedarfs, beispielsweise Windeln. Wir machen auch politische Aktionen, beispielsweise politisches Theater. Eine gute Zusammenarbeit haben wir dabei mit der Gewerkschaft der Ingenieure.

Wir arbeiten auch eng mit anderen linken Flüchtlings-NGOs zusammen. Beispielsweise gibt es in der nahe gelegenen Küstenstadt Çeşme die İmece İnisiyatifi. Das funktioniert dann so, dass wir beispielsweise anrufen und sagen ,Hallo, wir haben Eier, braucht ihr was‘ und dann bringen wir etwas oder umgekehrt.

Was wäre für euch wichtig, was braucht ihr?

Aktuell sehen wir, dass die mediale Aufmerksamkeit sich auf Griechenland konzentriert. Damit geht die meiste Unterstützung nach Griechenland und auch die meisten internationalen Freiwilligen gehen dorthin. Dort ist zweifellos auch dringend Hilfe notwendig. Die Lage der Flüchtlinge Türkei gerät dadurch aber leider völlig aus dem Fokus der internationalen Berichterstattung.

Wir bräuchten etwa dringend Spenden und freiwillige HelferInnen, damit wir unsere Arbeit fortsetzen können. Für uns wäre also sehr wichtig, dass es mehr Berichte darüber gibt, wie die Situation der geflüchteten Menschen in der Türkei ist und unter welchen Bedingungen sie leben müssen.

Frauen auf der Flucht

[LIGA] Kato Tristos ist ein kleines Dorf auf der griechischen Insel Lesbos. Am Rande des Dorfes liegt der griechisch-orthodoxe Friedhof. Irgendwo im Nichts der Felder dahinter ist  versteckt ein umzäunter Acker.

[Erstveröffentlichung: LIGA]

Verteckt in diesem Nichts liegt er, der Friedhof der Namenlosen. Hier liegen jene Menschen begraben, die die gefährliche Überfahrt von der Türkei nach Griechenland nicht überlebt haben. Hastig aufgeworfene Gräber finden sich hier, davor schlichte Steine mit Inschriften, überall in der Luft sind Fliegen.

Viele Gräber tragen keine Namen, dennoch erzählen sie etwas über die Geschichte jener, die hier begraben sind. „Unbekannte Frau, Alter 20“ steht auf einem Grab, „Unbekanntes Mädchen, Alter 6“, auf dem nächsten. Am Rande ist ein Grab, wo zwei Babies gemeinsam verscharrt wurden. Die beiden kleinen Mädchen wurden gerade einmal drei Monate alt.

Der Friedhof in Kato Tristos ist ein stummer Zeuge und ein Mahnmal. Und gleichzeitig berichtet dieser Friedhof auch davon, wer die gefährliche Reise über das Wasser versucht hat. In den Medien ist oft vor allem von jungen Männern die Rede, doch tatsächlich ist das Bild weit vielschichtiger.

Mein Lokal-Augenschein in der türkischen Küstenregion, auf den griechischen Inseln und im Hafen von Athen unterstützt diesen Eindruck. Überall sehe ich Frauen, Kinder, Familien. In Piräus, dem Hafen von Athen wurde ein improvisiertes Lager für mehrere tausend Menschen aufgebaut. Vor sehr vielen Zelten sind Kinderwagen zu sehen, Kinder laufen über die Hafen-Molen, Jugendliche spielen Volleyball zwischen den Lagerhäusern.

Der Friedhof der Flüchtlinge auf Lesbos. Grab für zwei unbekannte Mädchen. Bild: Michael Bonvalot

Der Friedhof der Flüchtlinge auf Lesbos. Grab für zwei unbekannte Mädchen. Bild: Michael Bonvalot

Dieser Eindruck wird durch die Zahlen bestätigt: das UN-Flüchtlingskommissariat UNHCR erfasst die Geschlechterverteilung und Herkunft der Menschen, die die Flucht in die EU geschafft haben. Von Beginn des Jahres 2016 bis Anfang Mai kamen in Griechenland 40 % Männer, 20 % Frauen und 38 % Kinder an. Ziemlich genau die Hälfte dieser Menschen stammt aus Syrien, ein Viertel aus Afghanistan, 16 % aus dem Irak und 4 % aus Pakistan. Es sind die Namen von Ländern, die untrennbar mit Krieg, Elend und existenziellen Problemen verknüpft sind.

Der Fokus der Medien auf junge Männer bedeutet aber auch, dass die Situation und die spezifischen Bedürfnisse von Frauen auf der Flucht oftmals in den Hintergrund rücken. Die Probleme sind vielschichtig: sexuelle Übergriffe, Menschenhandel und Gewalt sind enorm gefährdend. Hygienische Bedürfnisse können kaum oder gar nicht gedeckt werden. Die Versorgung und Ernährung der Kinder ist selten adäquat gewährleistet.

„Sehr viele Flüchtlinge werden von Menschenhändlern abgefangen und gleich in die Bordelle und zur Prostitution gebracht“, schildert etwa Lea Ackermann von der Wiener NGO „Solwodi“ gegenüber dem ORF. Sie habe bereits mit zwölfjährigen Mädchen zusammengearbeitet, die zur Prostitution gezwungen worden seien, so Ackermann.  Anfang Jänner 2016 berichtete die britische Zeitung „Observer“, dass die europäische Polizeibehörde Europol mindestens 10.000 Flüchtlingskinder vermisst.

Mindestens 10.000 Kinder und Jugendliche vermisst

Europol geht davon aus, dass unter den Flüchtlingen, die im Vorjahr den Weg in die EU geschafft haben, 27 % unbegleitete Kinder und Jugendliche seien. Ein Teil der vermissten Kinder könne sich bei Verwandten aufhalten, doch ein anderer Teil sei wohl unmittelbar Opfer von Menschenhändlern und sexuellem Missbrauch geworden, so Brian Donald von Europol. Die Zahl von 10.000 Vermissten sei dabei noch sehr zurückhaltend angegeben.

Auch İdil Gökber ist besorgt. Sie ist Aktivistin der NGO Halklarin Köprüsü (Brücke der Völker) in der türkischen Metropole Izmir. Die Millionen-Stadt an der Küste ist Ausgangspunkt für die meisten Flüchtlinge in der Türkei auf ihrem Weg über das Meer nach Griechenland. Die 38-jährige Lehrerin ist immer wieder mit Missbrauchs-Fällen konfrontiert: „Wir hören von zahlreichen Fällen von sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen, etwa durch die Menschen-Schmuggler, aber auch in den Camps.“

Die Behörden sind dann keine Hilfe, so Gökber: „Sollte eine Frau ihre Scham tatsächlich überwinden und zur Polizei gehen, dann hat das für die Betroffene wenig konkreten Nutzen. Die Polizei versteht ihre Sprache nicht und ist zumeist auch nicht an ihren Problemen interessiert.“

Laut Gökber ist die Verwaltung der Camps in vielen Fällen sogar selbst in die Übergriffe involviert. Vergewaltigungen durch die Aufseher seien keineswegs ungewöhnlich. Und auch die Schlepper beuten Frauen auf der Flucht oftmals sexuell aus: „Oft versprechen die Schmuggler billigen Transfer gegen Sex. Ebenso oft stellen sich diese Versprechungen dann aber als Lüge heraus“, so Gökber.

İdil Gökber: "Oft stellen sich Versprechungen als Lüge heraus." Bild: Michael Bonvalot

İdil Gökber: „Oft stellen sich Versprechungen als Lüge heraus.“ Bild: Michael Bonvalot

Gökber erzählt auch, wie in der Türkei immer mehr Frauen auf der Flucht in die Sex-Industrie abgleiten: „Wenn die Menschen keinen Job finden, dann sterben sie langsam. Für Frauen ist die letzte Alternative dann oft die Prostitution.“ Aufgrund ihrer Zwangslage müssen diese Frauen dann sogar noch die üblichen Preise für Prostitution in der Türkei unterbieten. „Eine türkische Prostituierte verlangt üblicherweise rund 100 Lira [umgerechnet rund € 30] für einmal Sex. Viele Frauen aus Syrien verkaufen sich schon ab 25 Lira für einen ganzen Tag“, berichtet die Aktivistin.

Durch die Prostitution und durch Vergewaltigungen kommt es auch immer wieder zu ungewollten Schwangerschaften, erzählt Gökber: „Es gibt dann zwar legale Abtreibungsmöglichkeiten, aber die 1500 Lira für die Abtreibung können sich dann nur wenige Frauen leisten.“ Selbstverständlich gibt es aber auch Schwangerschaften als Folge selbstbestimmter Sexualität. Verhütungsmittel allerdings sind rar.

Problem Hygiene und Verhütung

Auf der griechischen Insel Samos berichteten mir HelferInnen sogar, dass die Polizei sie im Flüchtlings-Lager an der Verteilung von Kondomen gehindert hätte. Begründung:  Durch die Verteilung von Kondomen würden die Menschen auf die Idee kommen, sexuelle Kontakte zu pflegen. Immer wieder wird in Medien ja hinterfragt, warum sich Menschen mit sehr kleinen Kindern auf die Flucht begeben. Weitaus seltener wird allerdings die Frage gestellt, ob diese Kinder nicht eventuell erst während der Flucht gezeugt wurden, weil es keinen Zugang zu Verhütungsmitteln gegeben hat und natürliche Verhütungsmethoden durch unregelmäßige Zyklen erschwert wurden.

Auch die speziellen hygienischen Bedürfnisse von Frauen werden oft kaum beachtet. İdil Gökber beklagt etwa das Fehlen von Binden und Tampons, aber auch von Toiletten – ein Problem, das Frauen deutlich mehr und häufiger betrifft als Männer. Die Bucht von Dikili an der türkischen Küste etwa ist einer der zentralen Abfahrts-Orte für Flüchtlinge am Weg auf die gegenüberliegende griechische Insel Lesbos. Zeitweise lagerten hier tausende Menschen zwischen Felsen und Bäumen und warteten auf ihre Überfahrt.

Zurückgelassene Schuhe in der Bucht von Dikili. Bild: Michael Bonvalot

Zurückgelassene Schuhe in der Bucht von Dikili. Bild: Michael Bonvalot

Der Toiletten-Gang oder die Versorgung der Periode müssen an solchen Orten auf offenem Feld oder hinter Büschen erledigt werden. Das ist nicht nur äußerst beschämend, sondern wirft auch hygienische Probleme auf und ist nicht zuletzt ein enormes Sicherheits-Risiko für die betroffenen Frauen.

Der Arzt Manos Logothetis berichtet auch von vielfältigen gesundheitlichen Problemen. Er ist auf der griechischen Insel Samos verantwortlich für die Versorgung der geflüchteten Menschen: „Wenn eine gesamte Bevölkerung auf der Flucht ist, so wie in Syrien, dann finden wir logischerweise auch alle Arten von Krankheiten. Das geht von Krebs über Diabetes bis zu seltenen genetischen Erkrankungen.“ Bei Frauen kommen Schwangerschaften, Geburt oder frauenspezifische Erkrankungen hinzu, die oft nur sehr mangelhaft begleitet oder behandelt werden können, so Logothetis.

Der Arzt sagt, dass die medizinische Versorgung der syrischen Bevölkerung eigentlich auf einem sehr hohen Niveau gewesen war. Ein zentrales Problem für die Zukunft sei allerdings, dass seit Ausbruch des Bürgerkriegs die Kinder nicht mehr geimpft werden: „Die Durchimpfungsrate sinkt auf ein problematisches Ausmaß. Es ist dringend notwendig, wieder mit den Impfungen der Kinder zu beginnen“, so Logothetis.

Der Arzt berichtet auch von der enormen Erschöpfung vieler Menschen auf der Flucht: „Ich hatte einmal einen Fall, wo Eltern bereits glaubten, dass ihr Kind tot war und völlig verzweifelt zu mir liefen. Tatsächlich aber war das Kind nur völlig übermüdet mitten auf der Straße eingeschlafen und für fast zwanzig Minuten einfach nicht mehr wach zu kriegen.“

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„Kinder müssen dringend geimpft werden“. Das Lager Moria auf Lesbos. Bild: Michael Bonvalot

Eine niederländische Aktivistin, die auf Samos die lokalen Organisationen unterstützt, wirft noch ein anderes Thema auf: „Wir haben im Lager viele Menschen, die entweder durch den Krieg oder die Flucht traumatisiert wurden oder bereits in ihrem Herkunftsland psychische Erkrankungen hatten. Die Flucht bedeutet natürlich enormen Stress, der nun etwa zum Ausbruch von Psychosen führt.“ Sie sorgt sich auch um das Wohl der HelferInnen: „Wir haben hier gerade einmal in der Woche für ein paar Stunden einen Psychiater. Das ist schlicht viel zu wenig. Und das kann natürlich auch potentiell zu sehr gefährlichen Situationen für uns selbst führen.“

Medizinische und pyschologische Betreuung fehlt

Beide berichten auch von Konflikten innerhalb der Lager. Manche Menschen kämen mit sehr konservativen Vorstellungen, andere seien genau vor diesen konservativen Vorstellungen geflüchtet. Aus Syrien kommen großteils Familien, aus Afghanistan und Pakistan sind es eher Männer, die auf der Flucht sind. Hier entstehen ganz normale Konflikte des Zusammenlebens, die allerdings in der Enge des Camps enorm verdichtet sind.

Die Flüchtlings-Lager sind ein zwangsweise zusammengepresster Querschnitt der Bevölkerung mehrerer Welt-Regionen. Es gibt unterschiedliche politische und gesellschaftliche Vorstellungen, es gibt scharfe politische Konfrontationen und es gibt Geschlechter- und Rollen-Konflikte. „Dass das alles nicht immer ohne Streit abgeht, ist ja vollkommen logisch“, so die niederländische Aktivistin.

Es werden aber dabei auch viele Vorurteile reproduziert, ergänzt Logothetis: „Jeden Sommer prügeln sich bei uns die jungen männlichen Touristen aus Großbritannien, Deutschland und den Niederlanden um irgendwelche Mädchen. Warum sollten Jungs aus Afghanistan, Pakistan oder Syrien anders sein?“

Frauen mit Kindern haben auf der Flucht nochmals spezifische Bedürfnisse. Es ist sehr schwierig, an Baby-Nahrung oder Windeln zu kommen, das Stillen wird durch Mangel-Ernährung erschwert und auch der Transport der Kinder ist ohne Kinderwagen ein enormes Problem. „Wir versuchen, diesen Mangel möglichst auszugleichen, etwa indem wir Milch und Windeln verteilen. Aber das alles ist natürlich viel zu wenig“, so İdil Gökber von der „Brücke der Völker“. Sie erwähnt auch noch ein anderes Problem:  „Wir haben sehr viele schulpflichtige Kinder, aber wir haben kaum Lehrpersonal.“

Menschen möchten sich schön fühlen

Jenseits der unmittelbaren Grund-Bedürfnisse gibt es aber natürlich auch noch legitime Bedürfnisse, die darüber hinausgehen und auch enorm wichtig für das Selbstwert-Gefühl und das Wohlbefinden sind. Menschen möchten sich gerne schön fühlen und hin und wieder ihre Haare richten, Frauen möchten sich vielleicht gerne einmal schminken. Menschen möchten nicht nur Kleidung tragen, sondern auch Kleidung, die ihnen gefällt und in denen sie sich wohl fühlen. Menschen möchten nicht nur Essen, sondern gerne auch etwas essen, was ihren Gewohnheiten entspricht und ihnen schmeckt. Menschen auf der Flucht sind eben keine Objekte, sondern konkrete Persönlichkeiten mit Wünschen, Vorlieben und Bedürfnissen.

Familien leben im Lager Piräus/Athen unter elenden Bedingungen.

Familien leben im Lager Piräus/Athen unter elenden Bedingungen. Bild: Michael Bonvalot

All diese Überlegungen liegen allerdings in weiter Ferne. Mit der Umsetzung des EU-Türkei-Deals werden jene, die die gefährliche Überfahrt übers Meer überlebt haben, zu einem großen Teil wieder abgeschoben werden. Gleichzeitig nimmt die Überwachung der Grenzen immer weiter zu, so kreuzt etwa zwischen Griechenland und der Türkei seit Februar ein NATO-Kriegsverband. Die Festung Europa schließt ihre Grenzen.

Im Flüchtlings-Lager in Piräus sehe ich ein junges Mädchen, sie trägt viel zu große Stiefel, in denen sie kaum gehen kann. Bei jedem Schritt berührt ihre Ferse neben der Sohle den Boden. Und dabei hat sie noch enormes Glück gehabt, denn sie hat die Überfahrt nach Griechenland überlebt. Laut UNHCR werden alleine zwischen Jänner und Ende Juli 2016 auf der Mittelmeer-Route über 3100 Menschen vermisst, täglich werden es mehr. Diese Zahl ist dabei noch äußerst unvollständig. Wenn ein ganzes Boot gekentert ist, gibt es oft niemanden mehr, der überlebt hat, um zu berichten. Jene, die es nicht geschafft haben, werden unter anderem am Friedhof von Kato Tristos verscharrt. An den Grenzen der Festung Europa mahnen die Toten.

Leben wie im Gefängnis

[FM4] Im Flüchtlingslager Lesbos warten Menschen unter unzumutbaren Bedingungen auf eine ungewisse Zukunft.

Erstveröffentlichung: FM4, 15.06.2016

Wachtürme, hohe Mauern, doppelte Zäune, NATO-Draht – das Lager sieht aus wie ein Gefängnis. Rund 4000 Menschen leben hier im Camp Moria, dem wichtigsten Lager für Flüchtlinge auf der griechischen Insel Lesbos.

Angelegt war das Lager ursprünglich für rund 1.000 Personen. Es ist eng und es gibt nicht genug Platz für alle. Manche Menschen leben in großen befestigten Zelten, andere in kleinen Camping-Zelten unterschiedlichster Form und Größe. Es ist wahrscheinlich sogar ein Vorteil, in den kleineren Zelten zu leben, die nicht völlig überfüllt sind.

Zeltstadt Moria

Bild: Michael Bonvalot

Allerdings ist das gesamte Lager auf einem abschüssigen Hang errichtet und die kleinen Zelte stehen teilweise auf unebenem Untergrund. Bereits im Lager Samos, wo die Bedingungen ähnlich sind, berichtete ein Vater, dass er in der Nacht seine Kinder festhält, weil er Angst hat, dass sie sonst aus dem Zelt rollen könnten.

Herumkugelnde Kinder

Bild: Michael Bonvalot

Heiß und kaum Schatten

Ich beginne meinen Rundgang von außen um das Lager, die Atmosphäre wirkt bedrückend. Menschen sitzen ohne Beschäftigung herum, überall sind Kinder zu sehen, die Kleidung wird an den Stacheldraht-Zäunen zum Trocknen aufgehängt. Es ist heiß und es gibt kaum Schatten. Am höchsten Punkt des Abhangs haben lokale Geschäftsleute einen mobilen Imbissstand aufgebaut, durch den Zaun hindurch werden Essen und Getränke verkauft.

Frontex Container

Bild: Michael Bonvalot

Gleichzeitig gibt es hier auch Strom, um die Mobiltelefone aufzuladen. Sie sind eine der wichtigsten Habseligkeiten für die Menschen hier. Nur so ist es möglich, mit FreundInnen und Verwandten in Kontakt zu bleiben. Die Handys sind aber auch unumgänglich, um Informationen über die aktuelle Lage auf den verschiedenen Fluchtrouten zu erhalten.

Ich gehe weiter rund um das Lager und komme durch den Zaun mit Omar ins Gespräch, einem Lehrer aus Pakistan. Eigentlich können Journalisten das Lager nicht einfach betreten, doch Omar zeigt mir ein verstecktes Loch im Zaun. Bald sitzen wir in einem Zelt und reden miteinander, neben Omar sitzen noch zwei weitere Menschen aus Pakistan. Schließlich stößt noch ein dritter dazu, Hassan. Er hat Essen geholt, zeigt mir das Brot und scherzt: „Hart wie immer. Das könnten wir bestenfalls als Wurfgeschoss verwenden, wenn die Polizei uns wieder einmal angreift“.

Ein Typ hält ein Brot

Bild: Michael Bonvalot

„Bevor ich zurückgehe, ertrinke ich“

Die drei sagen, dass sie in Pakistan keinerlei Zukunft haben. Die gesamte Familie habe zusammengelegt, damit zumindest ein Familienmitglied die Chance auf ein besseres Leben hat. „Wir können nicht zurück, sehr viele Menschen hoffen auf uns“, sagt Hassan. Wir diskutieren über die europäischen Gesetze gegen Flüchtlinge und über die Gefahr, dass sie wieder abgeschoben werden. Omar ist sich der Probleme bewusst, doch er sagt: „Bevor ich zurückgehe, ertrinke ich lieber hier im Meer.“

3 Männer im Zelt

Bild: Michael Bonvalot

Wir verabschieden uns, ich verlasse das Lager durch den Zaun, nur um ein paar Meter weiter erneut eingeladen zu werden. Alan, ein junger Mann aus Syrien, bittet mich, ihn und seine Freunde zu besuchen. Es ist für die Menschen hier offenbar sehr wichtig, dass über die Situation im Camp berichtet wird. Wieder schlüpfe ich durch ein Loch im Zaun, die Kappe tief ins Gesicht gezogen, damit die Kameras mich nicht bemerken, mit denen das Lager überwacht wird. Wir sitzen nun in einem der Großraum-Zelte, um mich herum sind Menschen aus Syrien und dem Irak.

Bonvalot mit Menschen im Zelt

Bild: Michael Bonvalot

Mangelnde medizinische Versorgung

Die Flüchtlinge berichten mir von ihren Problemen im Lager. Hassan, ein Iraker, hat bei einem Bombenanschlag ein Bein verloren. „Ich habe eine Prothese und bräuchte dringend medizinische Versorgung. Doch als ich ins Zelt mit den Ärzten gegangen bin, bin ich einfach davon gejagt worden.“

„Ein großes Problem sind die Moskitos“, sagt ein anderer Mann. Kein Wunder, einige der Zelte stehen direkt neben einem Bach. Der Mann zeigt mir seine entzündeten Wunden und erzählt, dass es keine Möglichkeit gäbe, sie hier im Lager zu versorgen.

Duschen im Lager

Bild: Michael Bonvalot

Die medizinische Situation in den Lagern ist insgesamt sehr problematisch. Der Arzt Manos Logothetis, der auf der Nachbar-Insel Samos die medizinische Versorgung der Flüchtlinge organisiert, sagt: „Es fehlt an allem. Insbesondere aus Syrien ist eine gesamte Bevölkerung auf der Flucht. Wir haben hier also alles: von Diabetes über Krebs-Patienten bis zu seltenen genetischen Erkrankungen.“

Traumatisierte ohne psychiatrische Unterstützung

Logothetis berichtet auch über die psychiatrischen Krankheitsbilder: „Wir haben hier sehr viele Menschen, die durch die Flucht oder den Krieg traumatisiert sind oder die bereits mit psychiatrischen Erkrankungen die Flucht angetreten haben. Gleichzeitig haben wir keine ausreichenden Versorgungsstrukturen.“

Logothetis erwähnt schließlich noch eine weitere drängende Fragestellung: „Das syrische Gesundheitssystem war eigentlich sehr gut, Kinder wurden regulär geimpft. Durch den Krieg ist die Durchimpfungsrate aber auf ein gefährliches Maß gesunken. Wir müssen schleunigst beginnen, die Kinder in den Lagern zu impfen.“

Kinder in Moria

Bild: Michael Bonvalot

Die meisten wirken angeschlagen

Neben der mangelnden medizinischen Versorgung gibt es noch andere Probleme in den Lagern. Alan und seine Freunde berichten von schlechtem Essen, kalten Duschen und unzureichenden Hygieneeinrichtungen. Vielen steht die Frustration ins Gesicht geschrieben. „Es ist die Hölle hier“, sagt Alan. Eine Rückkehr ist allerdings auch nicht möglich, meint er. „In Syrien hatte ich jedes Mal Angst vor einer Bombe, wenn ich nur an einem Auto vorbei gegangen bin.“

A., ein Kurde aus dem Irak stimmt zu: „Ich habe jetzt drei Kriege miterlebt, ich kann einfach nicht mehr.“ Alan sieht für sich ohnehin keine Zukunft in Syrien: „Ich bin Atheist, ich glaube an die Wissenschaft. Wie könnte ich in einem Land leben, das von Religion zerfressen ist?“

Das Lager Moria von draußen

Bild: Michael Bonvalot

Immer wieder höre ich diese oder ähnliche Aussagen. Trotz der prekären Lage hier im Lager wollen die meisten lieber für ihr Bleiberecht kämpfen als freiwillig zurückzukehren. Der Großteil der Menschen im Camp kommt unmittelbar aus Konflikt- und Kriegsgebieten. Laut dem UN-Menschenrechtskommissariat UNHCR haben im Jahr 2016 rund 90.000 Menschen die griechische Insel Lesbos erreicht.
Der überwiegende Teil jener, die die gefährliche Überfahrt über das Wasser nach Griechenland antreten und überleben, stammt dabei aus den Kriegsgebieten in Syrien, Afghanistan und dem Irak, so die Organisation. 2016 kamen 90 Prozent aller Flüchtlinge in Griechenland aus diesen drei Staaten.

Frauen und Kinder besonders betroffen

Sanitäranlagen in Moria

Bild: Michael Bonvalot

Alan und einige andere führen mich schließlich durch das Lager. Wir müssen vorsichtig sein, meine Kamera wäre viel zu auffällig und wird im Zelt gelassen. Meine Begleiter fotografieren für mich mit dem Handy. Immer wieder bitten mich Eltern, ihre Kinder zu fotografieren und zu zeigen, wie sie hier leben müssen. Für die Kinder gibt es kaum Platz zu spielen. Die Sanitäranlagen sind völlig überlastet, es stinkt erbärmlich. Viele Menschen, mit denen ich rede, berichten davon, dass sie viel zu wenig zu essen bekommen.

Frauen haben auf der gesamten Fluchtroute besondere Schwierigkeiten. Ein Mangel an Toiletten ist für sie nicht nur eine hygienische Frage, sondern stellt auch ein akutes Sicherheitsrisiko dar. Die Gefahr von Übergriffen ist besonders hoch, wenn die Notdurft nicht in einem geschlossenen Raum verrichtet werden kann. Auch für Eltern mit Kindern braucht es ausreichend Platz und Ressourcen, um die Kinder in einer hygienischen Umgebung stillen, wickeln und versorgen zu können.

Auseinandersetzungen innerhalb des Lagers

Unter diesen Bedingungen ist es kein Wunder, dass auch die Spannungen unter den LagerbewohnerInnen zunehmen. Viele kommen direkt aus Kriegsgebieten und standen dort möglicherweise auf unterschiedlichen Seiten. Alle sind hier in einer psychischen Ausnahmesituation, viele sind vom Krieg und der Flucht traumatisiert.

Es gibt sprachliche und kulturelle Unterschiede zwischen den Menschen aus dem arabischen Raum, jenen aus Afghanistan und Pakistan und jenen aus subsaharischen afrikanischen Ländern. Familien haben andere Bedürfnisse als Alleinreisende. Frauen sind von Übergriffen bedroht. Durch die mangelnde Versorgung gibt es immer wieder Auseinandersetzungen um die Verteilung.

Zaun mit Aufschrift "No Border, No Nation"

Bild: Michael Bonvalot

Aktuell dürfen die Flüchtlinge nach einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofes von Griechenland das Lager verlassen. Wer Geld hat und die Fahrt in die nächste Stadt organisieren kann, kann sich also mit dem Lebensnotwendigsten versorgen. Gleichzeitig ist unklar, wie lange die Situation so bleibt.

Polizei räumt freie Lager

Die unabhängigen und freien Lager auf Lesbos, etwa das Camp rund um die „No Border Kitchen“, wurden in den letzten Wochen von der Polizei angegriffen und die Infrastruktur teilweise zerstört. Auch die Camps rund um Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze werden in diesen Tagen endgültig geräumt, wie die griechische Tageszeitung To Vima am 14. Juni berichtete.Die geflüchteten Menschen werden nach diesen Räumaktionen in die staatlichen Lager gebracht.

Mädchen auf der Straße

Bild: Michael Bonvalot

Im Gespräch mit lokalen FlüchtlingshelferInnen höre ich immer wieder die Vermutung, dass diese Räumungen ein zentraler Schritt für geplante spätere Abschiebungen in die Türkei sind. Diese Vermutung erscheint plausibel. Denn natürlich ist es einfacher, die im EU-Türkei-Deal vereinbarten Abschiebungen durchzuführen, wenn die Menschen, die deportiert werden sollen, bereits hinter Zäunen zusammengefasst sind.

Es ist allerdings davon auszugehen, dass diese Deportationen nicht ohne Widerstand über die Bühne gehen werden. Bereits jetzt organisieren sich die Flüchtlinge im Camp und es gibt immer wieder Aufstände gegen die Bedingungen im Lager.

Auf Lesbos werden namenlose Flüchtlinge auf einem Acker verscharrt

In der Nähe des Dorfes Kato Tritos auf Lesbos werden Flüchtlinge auf einem Acker verscharrt. Eine Bildreportage.

Meine Reportage über die Friedhof von Kato Tritos für FM4 ist hier nachzulesen.

Meine Reportage über die Friedhof von Kato Tritos für FM4 ist hier nachzulesen.

 

Der Friedhof der namenlosen Flüchtlinge

[FM4] Auf der griechischen Insel Lesbos werden tote Flüchtlinge auf einem Acker verscharrt.

Erstveröffentlichung: FM4

Dieser Friedhof hat keine Adresse. Es ist einfach ein Acker, irgendwo in der Nähe des Dorfes Kato Tritos auf der griechischen Insel Lesbos. Rundum verlaufen Zäune, nebenan suchen Esel nach Futter. Zum ersten Mal auf Lesbos schwirren überall Fliegen um mich herum. Der Ort ist bedrückend und still, die Sonne brennt auf die Grabhügel.

Friedhof Lesbos

Es war nicht einfach, diesen Friedhof zu finden, fast wollte ich bereits aufgeben. Schließlich aber führten mich zwei Dorfbewohner über die abgelegenen Pfade, bis wir vor der improvisierten Ruhestätte ankamen. Von außen gibt es keinen Hinweis darauf, was sich hinter diesen Zäunen finden wird. Nur ein Strauß mit Plastikblumen hängt an den verschlossenen Toren. Ich zwänge mich durch ein Loch im Zaun, gehe noch einige Schritte weiter und schließlich sehe ich sie: Rund 70 Grabsteine, hastig aufgeschüttete Gräber, einige nicht mehr als kleine Erdhügel.

Manche Gräber haben nicht einmal eine Tafel, doch auch die meisten beschrifteten Gräber verraten nicht viel. Denn auf vielen der Tafeln sind keine Namen zu finden, die Worte gleichen sich: „Unbekannter Mann, 20 Jahre“, „Unbekannte Frau, 25 Jahre „, „Unbekanntes Mädchen, 3 Jahre“. Schnell wird klar: Hier liegen Männer, hier liegen Frauen und hier liegen vor allem sehr viele Kinder begraben.

Ahmad Abubakir wurde ein Jahr alt

Manche der Gräber sind noch sehr klein, es gibt sogar zwei Doppelgräber. In dem einen Grab liegen zwei kleine Mädchen, sie wurden gerade einmal drei Monate alt. Im anderen sind zwei Buben begraben, der eine wurde ein Jahr alt, der andere drei. Auf manchen anderen Gräbern sind Namen zu finden, in einem Grab etwa liegt laut dem Grabstein der kleine Ahmad Abubakir. Er wurde ein Jahr alt.

grabstein

Rund um die Gräber liegen Hacken und Schaufeln. In einer Ecke steht eine Wanne aus Metall, damit werden die Toten wohl zur letzten Ruhe getragen. Es muss eine schaurige Arbeit sein, denn oft werden die Toten erst nach Tagen von der Strömung an Land getrieben.

Die Gräber sind schmucklos. Nur auf einem einzigen Grab finden sich drei rote Rosen. Hier liegt Masooma Hassani begraben, sie wurde zwölf Jahre alt. In manchen Fällen mussten Eltern, Freunde und Verwandte ihre Toten vielleicht auf Lesbos zurücklassen, als ihre beschwerliche Reise weiterging. Doch die vielen namenlosen Gräber deuten darauf hin, dass möglicherweise niemand die gefährliche Reise über das Meer überlebte, der von ihrem Tod berichten hätte können.

All diese Menschen wurden Opfer der aktuellen Flüchtlingspolitik. Sichere Überfahrten sind nicht möglich, also treten die Menschen die gefährliche Reise über das Meer an. Ein Großteil der Menschen stammt aus den Kriegsgebieten Syrien, Afghanistan und Irak. Die Zahlen des UN-Flüchtlingshochkommissariats UNHCR sprechen eine klare Sprache: 89 Prozent aller Flüchtlinge, die 2016 in Griechenland ankamen, stammen aus diesen drei Ländern.

Kinder auf der Flucht

Auch die immer wiederkehrende Behauptung, dass die Flüchtlinge großteils alleinstehende junge Männer wären, wird durch die Zahlen widerlegt. 21 % der ankommenden sind Frauen, 38 % sind Kinder. Für diese Kinder ist die Überfahrt besonders gefährlich: Sie sind weniger kräftig, sie können schlechter schwimmen, sie sind anfälliger für Unterkühlung. Es ist also kein Zufall, dass auch auf dem Friedhof von Kato Tritos besonders viele Kinder begraben sind.

Im Jahr 2016 werden im Mittelmeer bereits mindestens 2325 Menschen vermisst. Diese Zahl ist allerdings zwangsläufig unvollständig. Wenn ein Boot kentert, überlebt oft niemand mehr, der davon berichten könnte. Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass zwischen Libyen und Italien wieder hunderte Menschen ertrunken sind. Auch aus der Türkei flüchten wieder mehr Menschen Richtung EU. Kein Wunder, die Türkei gilt nicht als sicher. Im April etwa wurde bekannt, dass die Türkei seit Anfang des Jahres bereits tausende Flüchtlinge nach Syrien zurück abgeschoben haben soll. Die Menschen auf der Flucht werden also weiter die gefährliche Reise über das Meer antreten – und bald werden wohl neue Gräber auf dem Friedhof von Kato Tritos ausgehoben werden müssen.

„Wir können nicht zurück“

[ND] Tausende Flüchtlinge auf griechischen Inseln befürchten ihre Abschiebung in noch widrigere Lager in der Türkei. Im Lager Moria auf Lesbos herrscht eine explosive Stimmung. Im türkischen Izmir fehlt unterdessen sogar die Milch für die Kinder, beklagen Nichtregierungsorganisationen. Eine Spurensuche beiderseits der Ägäis.

Erstveröffentlichung: Neues Deutschland

Es müssen zehntausende Rettungswesten sein, die hier liegen. Sie glänzen auf künstlichen Hügeln in rot, blau oder orange in der Sonne. Dazwischen finden sich Schwimmreifen, einzelne Kleidungsstücke, Reste von Schlauchbooten. Hier, das ist die Nord-Spitze der griechischen Insel Lesbos, genau gegenüber dem türkischen Festland. Einheimische nennen die Deponie den „Friedhof der Rettungswesten“. Was mit jenen geschah, denen diese Gegenstände gehörten, ist ungewiss.

Es ist kein Zufall, dass diese Deponie genau hier errichtet wurde. Lesbos ist einer der zentralen Ankunftssorte für Flüchtlinge auf ihrem Weg in die Europäische Union. Die Insel ist nur rund 15 Kilometer von der türkischen Küste entfernt. Insbesondere am Abend wirkt die Überfahrt von der Türkei aus betrachtet wie ein Katzensprung. Der Schein trügt allerdings. Es sind 15 Kilometer Fahrt auf dem offenen Meer, Strömungen und Wellengang machen die Überfahrt lebensgefährlich.

Zwischen der türkischen Küste und den griechischen Inseln Lesbos, Samos und Chios sind bereits tausende Menschen ertrunken, genaue Zahlen werden sich niemals eruieren lassen. Das UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR gibt allein für den Zeitraum von Januar bis Mai 2016 die Zahl von 1361 toten und vermissten Menschen auf der Mittelmeer-Route an.

 

"No Border No Nation" - Parole auf dem Lager Moria auf Lesbos

„No Border No Nation“ – Parole auf dem Lager Moria auf Lesbos –

Bis vor kurzem versprach die Ankunft in Lesbos für die geflüchteten Menschen zumindest kurzfristig Sicherheit. Mit dem Deal zwischen der Europäischen Union und der Türkei, der am 20. März in Kraft trat, hat sich das allerdings geändert. Ankommende Flüchtlinge sollen nun direkt in die Türkei zurückdeportiert werden. Im Austausch, so wird kolportiert, soll für jede abgeschobene Person aus Syrien eine andere Person aufgenommen werden.

Der Trick dabei: Einerseits gibt es für 2016 eine Höchst-Grenze von 72.000 Menschen. Andererseits wird sich die EU so aussuchen können, welche Flüchtlinge ökonomisch passend erscheinen. Die neue Regelung hat noch einen weiteren Haken: Sie gilt nur für Flüchtlinge aus Syrien. Menschen aus anderen Kriegs-Gebieten wie Afghanistan oder dem Irak werden von diesem Deal nicht erfasst.

Im Zentral-Lager Moria auf Lesbos herrscht unterdessen eine verzweifelte Stimmung. Offiziell ist der Zutritt zum Lager nicht möglich, doch mit Hilfe von Flüchtlingen gelingt es mir, das Lager heimlich zu betreten. Alan, ein Flüchtling aus Syrien, sagt: „Wenn sie uns zurückschicken, dann wird es hier brennen. Wir haben alles verloren, wir können nicht mehr zurück.“ Alan erzählt auch von seinem Leben in Syrien: „Jedes Mal, wenn ich an einem Auto vorbeigegangen bin, hatte ich Angst, dass es gleich in die Luft fliegt. Ich kann so nicht mehr leben.“ Auch politisch sieht er für sich in Syrien keine Zukunft: „Ich bin Atheist. Was soll ich in einem Land, das von der Religion zerfressen ist?“

Auch Hassan, der aus dem Irak stammt, denkt ähnlich: „Ich bin Kurde, ich habe genug vom Krieg. Zurück gehe ich sicher nicht.“ Omar, ein Lehrer aus Pakistan, bringt die Stimmung auf den Punkt: „Bevor ich mich zurückschicken lasse, ertrinke ich lieber im Meer.“ Die Ereignisse bestätigen diese Aussagen: In den vergangenen Wochen gab es bereits wiederholt Aufstände im Lager, wobei die griechische Polizei Tränengas gegen die Flüchtlinge einsetzte.

Das Lager selbst wirkt wie ein hastig zusammengestoppeltes Gefängnis, es wurde offensichtlich hastig irgendwo in die Felder gesetzt. Um das Camp verlaufen meterhohe Zäune mit Stacheldraht, überall sind Kameras und Wachtürme zu sehen. Aktuell leben hier rund 2000 Menschen, einige in festen Unterkünften oder Groß-Zelten, andere in kleinen Camping-Zelten auf dem Acker-Boden.

Moria_02

Kinder im Lager Moria

Die hygienischen Bedingungen im Lager wirken unzumutbar. Die Toiletten stinken, die Duschen sind verschmutzt, das Essen sieht nicht besonders schmackhaft aus. Omar zeigt mir ein Stück Brot, das er gerade geholt hatte und scherzt, dass es bestenfalls als Wurfgeschoss einsetzbar wäre, so hart wie es ist. Die medizinische Versorgung ist offenbar unzureichend. Ein Flüchtling aus dem Irak zeigt mir seine Bein-Prothese. Er hat sein Bein bei einem Anschlag verloren, wie er mir erzählt. Er klagt, dass die Ärzte keine Zeit für Hilfe hätten, andere Menschen im Lager berichten von ähnlichen Erfahrungen.

Der Arzt Manos Logothetis, der sich auf den griechischen Inseln um die medizinische Versorgung der geflüchteten Menschen kümmert, bestätigt diese Probleme: „Wir haben in den Camps viel zu wenige Ärzte. Gleichzeitig haben wir sehr unterschiedliche medizinische Fragestellungen, angefangen bei Kriegsverletzungen über Flucht-Erkrankungen bis zu psychiatrischen Krankheitsbildern.“ Logothetis betont vor allem die Vielfältigkeit der Problemlagen: „Aus Syrien ist eine gesamte Bevölkerung aus der Flucht, von jung bis alt. Wir haben hier also wirklich alles, das reicht von Krebs über Diabetes bis zu genetischen Krankheiten.“

Wie es in den Lagern weitergeht, ist aktuell unklar. Derzeit dürfen die Flüchtlinge die Camps betreten und verlassen, doch das kann sich jederzeit ändern. Auffallend ist, dass in den letzten Wochen auf Lesbos mehrere der sogenannten freien Lager geräumt wurden und die Flüchtlinge nach Moria verfrachtet wurden. Auch die Infrastruktur von linken Hilfsorganisationen wurde angegriffen und teilweise zerstört, so etwa die No Border Kitchen in Lesbos. Das könnte darauf hindeuten, dass im Einklang mit dem EU-Türkei-Deal bald weitere Abschiebungen geplant sind.

In den vergangenen Wochen haben bereits erste kleinere Abschiebungen aus Lesbos nach Dikili begonnen. Ursprünglich war in dieser türkischen Hafenstadt auch ein Lager geplant, das allerdings nach Protesten der lokalen Bevölkerung nie errichtet wurde. Das Fehlen von Aufnahme-Kapazitäten scheint derzeit (neben politischen Verwicklungen zwischen der EU und der Türkei) auch einer der Gründe zu sein, warum die Abschiebungen noch nicht in größerem Ausmaß umgesetzt wurden. Gleichzeitig wird auf türkischer Seite eifrig gebaut. So soll etwa in der Stadt Manisa, rund 200 km von der Küste entfernt, ein neues Lager für rund 5000 Menschen entstehen.

Ein Großteil der Menschen, die in die Türkei zurück deportiert werden, wird aber ohnehin nicht im Land bleiben können, sondern sofort weiter geschickt werden. Amnesty International berichtet, dass die Türkei seit Beginn dieses Jahres bereits Tausende Flüchtlinge nach Syrien abgeschoben hätte

Fähren statt Frontex - Aufkleber in Izmir

Fähren statt Frontex – Aufkleber in Izmir

Doch auch für jene, die in der Türkei bleiben können, ist die Situation fatal. İdil Gökber von der Flüchtlings-NGO Halkların Köprüsü (Brücke der Völker) schildert die Lage für Flüchtlinge in der Türkei: „Die Versorgung der Menschen ist absolut mangelhaft. Es fehlt an Nahrung, es fehlt an Unterkünften, es fehlt an medizinischer Versorgung.“ Gökber ist Aktivistin in der Millionenmetropole Izmir. Die Stadt an der Mittelmeer-Küste ist der Ausgangspunkt für die meisten Flüchtlinge auf ihrem Weg in die EU, insbesondere rund um den Bahnhof Basmane prägen syrische Flüchtlinge das Stadtbild.

Gökber nennt ein Beispiel für die mangelnde Versorgung der Menschen: „Die Stadt-Regierung gibt in armen Bezirken kostenlos Milch für die Kinder aus. Flüchtlinge sind von der Verteilung allerdings ausgeschlossen. Aber ein Kind ist ein Kind und braucht Milch.“ Auch den riesigen zentralen „Kültürpark“ von Izmir dürfen Flüchtlinge nicht betreten und dort auch nicht die Toiletten benützen, wie Gökber beklagt.

Die Aktivistin ist äußerst besorgt, was die weitere Zukunft der Menschen der Türkei angeht: „Wir können sehen, dass den Menschen das Geld ausgeht. Sie werden langsam vor unseren Augen sterben.“ Gökber berichtet, dass auch immer mehr Frauen beginnen, sich zwangsweise prostituieren: „Für gerade einmal  25 Lira [umgerechnet rund 3 Euro] machen die Flüchtlingsfrauen einen ganzen Tag Begleitung. Das ist viel weniger, als eine türkische Prostituierte verlangen würde. Aber die Frauen haben keine andere Wahl mehr.“

Wie es weitergehen wird, weiß auch Gökber nicht. An den gängigen Flucht-Routen über das Meer patrouillieren dutzende Boote der Küstenwache, darunter auch deutsche Schiffe. Sogar ein NATO-Kriegsverband unter deutscher Führung ist mittlerweile in der Region stationiert. Gökber denkt, dass die Menschen weiter versuchen werden zu flüchten, dabei aber immer gefährlichere Fluchtrouten wählen werden: „Die Menschen werden natürlich weiter flüchten. Was sollen sie denn sonst tun?“ Die Hügel auf dem Friedhof der Rettungswesten werden also vermutlich bald wieder höher werden.

Die See-Retter von Samos

[FM4] Die schwedische Seerettung ist ehrenamtlich im Mittelmeer aktiv und hat bisher an die 2000 Menschen gerettet.

Erstveröffentlichung: FM4

Es ist vier Uhr am Morgen, als die beiden Boote den Hafen von Samos verlassen. Es ist dunkel, die Positionsleuchten der Schnellboote spiegeln sich im Wasser. Im Hintergrund wird die Uferpromenade langsam kleiner. Wie fast jeden Tag fährt die schwedische Seerettung auch heute auf Patrouille zwischen den griechischen Inseln und der türkischen Küste.

Die Besatzung besteht aus dem Kapitän Mikael sowie den beiden Besatzungsmitgliedern Tobias und Mats. Der 42-jährige Tobias betont aber, dass diese Hierarchien vor allem im Notfall gelten: „Üblicherweise lösen wir alles durch Gespräche.“ Und tatsächlich macht der Kapitän Kaffee für alle, während der ruhige Computertechniker Mats die erste Schicht am Steuer übernimmt.

Seerettung

Das Boot fährt zuerst noch langsam, doch sobald wir den Hafen verlassen, wird klar, welche Kraft in diesem Schnellboot steckt. Unsere Patrouille führt uns zuerst auf hohe See, genau an die Grenze zwischen den Gewässern von Griechenland und der Türkei. Aus rechtlichen Gründen ist es sehr wichtig, dass die schwedische Seerettung hier nur Übungsfahrten durchführt. Doch sollten im Rahmen dieser Übung Flüchtlinge gefunden werden, dann würden selbstverständlich Rettung-Maßnahmen eingeleitet.

Seerettung

„Arme Leute teilen“

Die schwedische Seerettung ist bereits seit einigen Monaten mit zwei Booten auf Samos stationiert. Begonnen hatte es mit Spendenaufrufen in den beiden Tageszeitungen Aftonbladet und Svenska Dagbladet, wie Tobias erzählt. „Jetzt werden wir aus Spenden der arbeitenden Bevölkerung finanziert. Es ist wie immer. Arme Leute teilen, reiche Leute teilen nicht“, sagt Tobias.

Die Mitglieder der Crew sind auch in Schweden ehrenamtlich bei der Seerettung aktiv. Hier in Griechenland wechseln sie sich alle zwei Wochen ab, längere Einsätze wären nicht möglich, denn die AktivistInnen arbeiten ehrenamtlich und in ihrer Freizeit. Einige nehmen sich Urlaub, andere arbeiten im Schicht-Dienst und legen ihre Schichten so, dass sie hier helfen können, wie Tobias erzählt.

Die griechischen Inseln Samos, Lesbos und Chios sind für die Missionen zur Rettung von Flüchtlingen von besonderer Bedeutung. Genau gegenüber von Samos liegen die türkische Küste und das Städtchen Kuşadası. Dieser Abschnitt der Küste ist einer der wichtigsten Abfahrtsorte für Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Griechenland. Menschen auf der Flucht haben keine Möglichkeit, für die Fahrt ein Ticket auf der sicheren Fähre zwischen Kuşadası und Samos zu kaufen. Stattdessen sind sie gezwungen, bis zu tausend Dollar für die lebensgefährliche Überfahrt in Schlauchbooten zu bezahlen.

Das UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR gibt an, dass alleine seit Beginn dieses Jahres 1361 Menschen im Mittelmeer gestorben sind oder vermisst werden. Diese Zahl muss allerdings zwangsläufig unvollständig bleiben. Wenn ein Boot kentert, gibt es oft keine Überlebenden, die davon berichten könnten.

Seerettung

Die Küste des Todes

Gerade vor Samos ist die Situation besonders problematisch, denn die Küste besteht an den meisten Stellen aus schroffen, hochaufragenden Felsen. Und genau dorthin treibt die Strömung die Boote. „Die lokale Bevölkerung nennt diesen Abschnitt die Küste des Todes“, erzählt Tobias. Der 44-jährige Kapitän Mikael ergänzt: „Die Küste ist wirklich sehr hässlich. Ein Schlauchboot, das hier angespült wird, geht in Sekunden kaputt.“

Wir werden unterbrochen, als wir ein Boot am Radar sehen. Doch diesmal ist es kein Boot mit Flüchtlingen, sondern eines der Boote der EU-Streitkräfte von Frontex. Diese Schiffe sind dazu da ist, um Menschen von der Flucht in die EU abzuhalten. „Das ist genau der Unterschied, wir haben eine andere Mission als die Küstenwache. Wir schützen keine Grenzen, wir retten Menschen“, sagt Tobias.

Seerettung

Langsam geht die Sonne über dem Meer auf. Die „Übungsfahrten“ beginnen immer zwischen 4:30 Uhr und 5:00 Uhr am Morgen; wie lange es dauert, hängt dann von den Ereignissen des jeweiligen Tages ab. Das Boot wirkt eigentlich nicht besonders groß, doch der Rekord waren neunzig gerettete Menschen an Bord, wie Kapitän Mikael erzählt. Für mich ist diese Zahl unvorstellbar. Mikael erzählt, dass an diesem Tag buchstäblich überall auf dem Boot Menschen standen. Tobias schätzt, dass die beiden Boote und ihre Besatzungen insgesamt bereits bis zu 2000 Menschen gerettet haben.

Seerettung

Viele Kinder unter den Geretteten

„Die Menschen, die wir retten können, sind oft völlig erschöpft, dehydriert, hungrig und durchnässt. Viele haben Schockzustände“, berichtet Mikael. An Bord gibt es Decken, Wasser und Energieriegel. Doch vor allem sei dann wichtig, dass die Menschen möglichst schnell an Land und in Sicherheit gebracht werden. „Die Menschen, die wir finden, sind in sehr unterschiedlicher Verfassung. Auffallend ist, dass wir wirklich viele Kinder unter den Geretteten haben“, so Tobias.

Die Zahlen der UNHCR bestätigen diese Einschätzung: 38 % aller Flüchtlinge, die 2016 nach Griechenland kamen, sind Kinder. Die Herkunft der Menschen zeigt auch, warum sie auf der Flucht sind: 89% aller geflüchteten Menschen stammen allein aus den drei großen Kriegsgebieten Syrien, Afghanistan und Irak.

Wir fahren nun auf die Küstenlinie zu. Die Boote sind speziell für Rettungsaufgaben gebaut, wie Mikael erläutert. Auf hoher See können Sie bis zu 32 Knoten schnell fahren und auch bei sehr hohem Wellengang immer noch ausrücken. Gleichzeitig ermöglicht die flache Bauweise, dass die Boote auch unmittelbar an die Felsküste heranfahren können und Menschen aufnehmen, die dort gestrandet sind. Tobias erzählt etwa von zwei völlig erschöpften Männern, die bereits 48 Stunden auf einem Felsen im Wasser saßen und gerade noch gerettet werden konnten.

Felsenküste in Griechenland

Die Reise sicher machen

Tobias sagt, dass genau solche Situation seine Motivation sind: „Die Flüchtlinge haben keine Erfahrung mit der See und der Seefahrt. Sie glauben oft, dass die Überfahrt gar nicht so besonders gefährlich sei. Doch das ist ein oft tödlicher Irrtum. Und genau deshalb sind wir hier. Wir wollen die Passage für die Menschen sicher machen.“

Tobias erzählt von den täglichen Abläufen: „In der Früh rücken wir aus. Nach der Ausfahrt müssen wir Reparaturen am Boot durchführen und vor allem das Boot vom Salzwasser reinigen. Geschlafen wird tagsüber und dann wieder sehr früh am Abend, wir müssen ja fit sein.“ Im Fall von Notsituationen kann es aber auch sein, dass das übliche Programm über den Haufen geworfen wird. „Wir haben Funkgeräte und Telefone in unseren Zimmern. Wenn es ein Problem gibt, werden wir vom Hafen angerufen und können innerhalb von 5-6 Minuten auf den Booten sein“, sagt Mikael.

Als wir uns der Küste nähern, sehen wir überall Rettungswesten am Ufer. Sie sind die stummen Zeugnisse jener, die die Überfahrt geschafft haben. Tobias meint, dass diese Westen ganz neu sein müssen: „Wir reinigen das Ufer regelmäßig und wollen damit auch etwas für die lokale Bevölkerung tun.“

Rettungswesten an der Küste Griechenlands

Bilder, die im Kopf bleiben

Mikael erzählt von seinen Eindrücken: „Als ich das erste Mal hier war, war das Ufer ganz rot vor lauter Schwimmwesten. Das war schon sehr beeindruckend. Du versuchst Dich natürlich psychisch darauf vorzubereiten, was Du erleben wirst. Aber als ich das erste Mal 70 Menschen von einem Felsen gerettet habe, war das wie in einem absurden Film.“

Ich frage, wie die RetterInnen selbst diese Situationen verarbeiten. Tobias sagt: „Wir haben grundsätzlich alle viel Erfahrung mit Stress und Situationen, die traumatisieren können. Nach den Einsätzen haben wir eine regelmäßige Runde, wir nennen das Kameradengespräch. In Schweden gibt es dann auch die Möglichkeit für professionelle Hilfe.“ Meistens können die Mitglieder der Crew gut damit umgehen. Doch immer ist das nicht möglich. „Du siehst die kleinen Schwimmflügel und fragst Dich, was da passiert ist“, sagt Mikael.

Etwas tun, das zählt

Dennoch ist es für Mikael keine Frage, dass er hier helfen muss: „Ich will etwas tun, das zählt“, sagt er. Tobias sieht das ganz genauso: „Wir können für Menschen in Not den Unterschied machen. Und wir können doch nicht einfach zusehen, es ist unsere Pflicht, zu helfen.“

Es ist mittlerweile neun Uhr vormittags, unser Boot läuft wieder in den Hafen ein. Diesmal ist unsere Übung ruhig verlaufen. Doch schon morgen, sehr zeitig in der Früh, werden die Crews der schwedischen Seerettung wieder ihren Dienst antreten.

Rettungsboot