Interview: „Keine Angst vor Flüchtlingen in Liesing“

[Biber] Die Rede von Brigitte Kugler auf der Demo für Flüchtlinge in Wien-Liesing ist mehr als tausend Mal geteilt worden. Ich habe mich mit ihr getroffen.

[Erstveröffentlichung: dasbiber.at]

Brigitte Kugler ist bei der Demo für Flüchtlinge am 14.03.2016 in Wien-Liesing aufgetreten. Ihr Sohn hat ihre Rede online gestellt, sie wurde bereits fast 900 Mal geteilt. Ein Gespräch mit Brigitte Kugler über die Situation in Liesing, über Hasspostings und über ihre Nachbarn, mit denen sie gemeinsam die Flüchtlinge unterstützen möchte.

Seit einigen Wochen gehen in Liesing die Wogen hoch, die FPÖ und andere rechte Gruppen mobilisieren gegen das Heim in der Ziedlergasse. Schließlich hat die FPÖ für letzten Montag sogar einen Aufmarsch gegen das Heim am Liesinger Hauptplatz organisiert.

Die „Offensive gegen Rechts“ (OGR) und die „Plattform für eine menschliche Asylpolitik“ haben daraufhin zu einer Gegen-Demo aufgerufen. Bei dieser Demo ist auch Brigitte Kugler aufgetreten, die in unmittelbarer Nachbarschaft zum Heim wohnt. Sie hat über ihr Leben in der Nähe des künftigen Flüchtlingsheims gesprochen, über die Spielplätze in der Gegend und darüber, warum sie keine Angst hat. Ihr Sohn Sebastian, der in der Sozialistischen Linkspartei (SLP) aktiv ist, hat ihre Rede danach auf Facebook online gestellt. Diese Rede wurde mehr als tausend Mal geteilt, auch einige Zeitungen haben schon berichtet.

 

Brigitte, dein Auftritt hat wirklich eingeschlagen. Wie ist es dazu gekommen?

Ich lebe jetzt seit 24 Jahren in Liesing. In unmittelbarer Nähe zu meiner Wohnung ensteht das neue Flüchtlingsheim. Rechte Gruppen haben das benutzt, bei uns in der Gegend wurden auch Flugblätter verteilt.

Es wurde dann schon mit Mobilisierungen gegen die Flüchtlinge begonnen. Auf den Flugblättern wurde unter anderem aufgerufen, zu BürgerInnenversammlung der Bezirksvorstehung zu gehen. Es war also schon absehbar, wer dort hingehen wird. Ich war dann dementsprechend auch nicht dort, die Stimmung hätte ich wahrscheinlich nicht gut ausgehalten.

Als die FPÖ dann zu einem Aufmarsch aufgerufen hat, war klar, dass es auch eine Demo für Flüchtlinge geben wird. Mich hat mein Sohn darauf angesprochen, ob ich bereit wäre, auf der Demo eine Rede zu halten. Ich habe keinen Moment gezögert und sofort zugesagt.

Wie ist die Stimmung bei dir und deinen NachbarInnen?

Die Leute bei uns in der Gegend kennen sich, sehr viele sind vor 20 oder 25 Jahren relativ zeitgleich mit kleinen Kindern nach Liesing gezogen. Bei mir war es genauso. Wenn sich auf der Straße ein Gespräch entwickelt, kommen oft schnell Leute dazu, die ebenfalls plaudern wollen. Bei mir in der Gasse sieht der absolut überwiegende Teil das Flüchtlingsheim positiv oder neutral, es gibt nur ganz wenige, die negativ eingestellt sind.

Manche Leute, die kritisch eingestellt sind, finde ich nur noch absurd. Im Standard habe ich von einer Frau gelesen. Ein Polizist, der vor dem Flüchtlingsheim stand, hatte sie angewiesen, ihren Hund an die Leine zu nehmen. Nun schimpft sie deshalb auf die Flüchtlinge.

Du sagst, dass viele Leute positiv eingestellt sind. Gibt es auch konkrete Unterstützung?

Ich war mittlerweile bereits dreimal beim Heim, um zu unterstützen und zu helfen. Einmal, als ich dort war, habe ich einen Mann gesehen, der ebenfalls gerade Hilfe angeboten hatte. Ein anderes Mal sah ich eine ältere Frau, die beim Rauskommen aus dem Heim ein paar Taschen zusammengefaltet hat. Sie hatte gerade Spenden vorbeigebracht. Ich selbst möchte Deutschkurse anbieten und auch sonst helfen, wenn Hilfe nötig ist.

Wie hast du den Aufmarsch der FPÖ und die Demo am Liesinger Hauptplatz erlebt?

Die Demo fand ich wirklich beeindruckend. Vor allem fand ich schön, wie viele Leute aus Liesing teilgenommen haben. Ich habe etliche Leute gesehen, die ich vom Einkaufen kenne. Ich hatte auch den Eindruck, dass die Teilnahme für viele aus dem Bezirk ein echtes Anliegen war. Neben mir stand ein älteres Ehepaar, ich hörte wie sie zueinander sagten, wie gut es tut, mal wieder auf einer Demo zu sein.

Verärgert war ich über die Medienberichte. Die meisten übernahmen die Polizei-Zahlen und berichteten von 500 Leuten auf der Demo und 1100 bei der FPÖ. Jede Person, die dort war, weiß, dass das absoluter Unsinn ist. Der FPÖ-Aufmarsch war deutlich kleiner und auf der Demo waren viel mehr als 500 Menschen.

Deine Rede hat einen Medienhype ausgelöst. Hast du damit gerechnet?

Überhaupt nicht. Ich glaube, dass es für viele Menschen wichtig war, zu sehen, dass es auch Leute in der Gegend gibt, die klar Stellung für die geflüchteten Menschen beziehen. Dann kam wahrscheinlich der Mutter-Effekt dazu. Dass mein Sohn meine Rede online gestellt hat und geschrieben hat, wie stolz er auf mich ist, hat sicher viele Menschen bewegt.

Gibt es auch Befürchtungen, die du nachvollziehen kannst?

Klar verstehe ich, wenn Leute Angst haben, dass sie etwas verlieren. Aber die Flüchtlinge nehmen niemandem etwas weg.

Ich glaube, dass vor allem die Selbstbestimmung von Frauen ein zentraler Punkt ist. Ich habe das Gefühl, dass es in den letzten Jahren wieder selbstverständlicher wird, Frauen sexistisch zu beschimpfen. Da müssen wir dagegenhalten. Aber das ist natürlich ein Thema, das die österreichische Bevölkerung genauso betrifft wie die Flüchtlinge.

Wir müssen aber auch aufpassen, dass wir nicht auf alle Behauptungen hereinfallen. Nehmen wir die Mindestsicherung. Es war offenbar schon länger geplant, dass da gekürzt werden soll. Jetzt sollen auf einmal die Flüchtlinge schuld sein. Für mich ist klar, dass die Regierung die Leute gegeneinander ausspielen will.

Möchtest du abschließend noch etwas sagen?

Ja! Alles Gute und liebe Grüße an unsere neuen Nachbarinnen und Nachbarn im Flüchtlingsheim!

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