„Ois noch Hernois!“ Wir waren beim Wiener Dörby of Love

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[VICE] Wenn in Wien Hernals dieser spezielle Duft aus Dope, Schweiß und Würsteln über der Alszeile liegt, ist es entweder Sommer oder Zeit für ein Wiener Derby. Letzten Freitag war es wieder soweit. Und es war wunderschön.

Erstveröffentlichung: VICE, 29.03.2015

Wenn dieser spezielle Duft aus Dope, Schweiß und Würsteln über der Alszeile in Wien-Hernals liegt, dann ist es wieder mal soweit: Es ist das Dörby of Love, das Aufeinandertreffen der beiden Wiener Traditionsvereine Wiener Sportclub und First Vienna Football Club.

„Ois noch Hernois“ lautet das Motto. Es ist ein Fußballfest der Freude, die Fans beider Vereine sind gut befreundet und bekannt für ihre Weltoffenheit und ihren positiven Support. Fast 8000 Fans sind ins Stadion des Sportclub geströmt, das damit restlos ausverkauft ist. Das ist beachtlich, immerhin handelt es sich hier um ein Match der dritten Spielklasse, also der Regionalliga Ost. Zum Vergleich: in der letzten Bundesliga-Runde am 21. März besuchten gerade einmal 1.224 Fans das Match zwischen dem SV Grödig und dem SCR Altach (fairerweise muss dazu gesagt werden, dass das einen Großteil der lokalen Bevölkerung darstellt).

Bild: Michael Bonvalot

Vor dem Spiel stehen die AnhängerInnen der beiden Mannschaften bunt gemischt durcheinander, Gelächter und freundliche gegenseitige Neckereien beherrschen die Stimmung, weit und breit ist keine Polizei zu sehen (was möglicherweise auch zur friedlichen Stimmung beiträgt).

Es ist auch absolut in Ordnung, mit einem schwarz-weißen Schal des Sportclub im blau-gelben Sektor der Vienna zu stehen und umgekehrt. Viele Fans nehmen es da ohnehin nicht so genau und unterstützen beide Vereine–außer natürlich, wenn es wie heute gegeneinander geht. Vor und nach dem Spiel stehen die Fans vor dem Flag, dem Clublokal der Sportclub-Fans im Bauch des Stadions.

Bild: Michael Bonvalot

Auch politisch können die Fans der beiden Vereine bestens miteinander. Nach dem Anpfiff wirkt das Match zeitweise eher wie eine Demo als wie ein Fußballspiel. „Siamo tutti antifascisti“ tönt es von den Vienna-Fans auf der Auswärtstribüne. Die prall gefüllte Friedhofstribüne, die Fankurve des Wiener Sportclub, antwortet mit einem lautstarken „Pirati cyclisti antifascisti“.

Auch die Banner auf beiden Seiten sprechen eine eindeutige Sprache. „Refugees welcome“-Fahnen gibt es sowohl in Schwarz-Weiß wie in Blau-Gelb. Auf der Friedhofstribüne hängt ein zerschlagenes Hakenkreuz, die Vienna-Fans schwingen eine große Fahne mit der Aufschrift „ World without fascism„. Die Zaunfahne mit der Aufschrift „Love football, hate Sexism“ ist obligatorisch und erinnert an die Schwierigkeiten von Frauen in den Fan-Szenen.

Die Fanclubs heißen „Antifa Döbling“ oder „Left Side Supporters“. Im Block der Vienna wird auch Bezug genommen auf dem Besuch des niederländischen Rechtsextremisten Geert Wilders in der Wiener Hofburg am Tag des Spiels. Die Botschaft ist ebenso einfach wie klar: „Geert Wilders Fuck off!!!„.

Bild: Michael Bonvalot

In der Pause tritt der Liedermacher und Sportclub-Funktionär Chris Peterka auf, passend zum Ambiente wird ein altes amerikanisches Gewerkschaftslied umgedichtet, „We shall not be moved“ wird zu „Wir sind schwarz und weiß“. Der Platzsprecher bedankt sich inzwischen für Spenden für die Opfer des Krieges in Syrien und ruft zu neuen Spenden für den Bau einer Schule in Togo auf.

Für dieses „Dörby of Love“ haben sich die beiden Fan-Gruppen auch etwas Besonderes ausgedacht. Das politische Motto des Spiels ist der Kampf gegen Homophobie in den Kurven. Die Schirmherrschaft hat der Fan-Zusammenschluss „ Fußballfans gegen Homophobie“ übernommen, ein Zusammenschluss von Fans des WSC, der Vienna sowie des SKN ST. Pölten.

Die Sportclub-AnhängerInnen zeigen große Banner mit der Aufschrift „Lieb doch, wen Du willst“ und „Homophobie aus der Kurve kicken“, die Fans der Vienna zwei Männer, die sich küssen. Der Vienna-Fan, der seinem Lieblingsspieler „Ich will ein Kind von Dir“ zu brüllt, ist da nur konsequent.

In der Halbzeit-Pause werden dann auf beiden Fan-Tribünen zahlreiche Luftballons in den Farben des Regenbogens aufgeblasen, die zu Beginn der zweiten Halbzeit das Stadion in ein buntes Statement für Toleranz verwandeln. Das wird übrigens ein wenig später noch zu einer kurze Spielunterbrechung führen, als die Luftballons que(e)r über das Spielfeld rollen.

Bild: Michael Bonvalot

Die Fans verstehen sich also bestens, die Support-Stile der beiden Fan-Blöcke sind allerdings ein wenig unterschiedlich. Auf der Friedhofstribüne (benannt übrigens nach dem direkt hinter dem Stadion liegenden Dornbacher Friedhof) gibt es es klassischen „britischen Support“. Irgendjemand stimmt einen Sprechchor an, wem er gefällt, der oder die stimmt ein. Die Fans sind dabei höchst kreativ, über dem Platz hallen englische Fangesänge („Come on Sportclub“) genauso wie alte Schnulzen („ Tanze Samba mit mir„) oder Lieder im Stil der Wiener Heurigen („Du bist mei Liebschaft aus Hernals„).

Das Beschimpfen von GegnerInnen oder Schiedsrichtern ist dabei absolut verpönt. Bei der Vienna hingegen finden sich auch italienische „Ultra“-Elemente wie Choreographien, Überrollfahnen oder Bengalen und es geht auch einmal etwas ruppiger zu–doch immer mit einem Augenzwinkern und ohne dabei jemals die Grenzen des guten Geschmack (allzuweit) zu überschreiten. Was die Kreativität und Vielfalt der Sprüche betrifft, hinkt die Vienna-Kurve allerdings eindeutig noch etwas hinterher.

Sportlich haben beide Mannschaften übrigens eine große Vergangenheit. Der Sportclub war drei Mal österreichischer Meister, die Vienna gar sechs Mal. Zwischen 1957 und 1959 schaffte der WSC das Kunststück, zwei Saisonen hintereinander bei nur einer einzigen Niederlage Meister zu werden und international unter anderem die „Alte Dame“ Juventus Turin, damals eine der besten Mannschaften Europas, mit 7:0 aus dem Praterstadion zu fegen.

Bild: Michael Bonvalot

Bild: Michael Bonvalot

Die Vienna gilt mit dem Gründungsdatum 1894 sogar als der älteste Club des Landes, daher auch der Zusatz „First“ Vienna Football Club. Tatsächlich allerdings wurde der Vorgänger-Club des FK Austria Wien, der Vienna Cricket and Football-Club, bereits 1892 gegründet. Nachdem aber beide Vereine ihre Statuten erst 1894 einreichten und jene der Vienna 24 Stunden früher als die der Cricketer bewilligt wurden, darf sich die Vienna bis heute mit dem Beinamen „First“ schmücken. (Die Cricketer sprachen danach von Schiebung.)

 In der Bundesliga, also der höchsten Spielklasse, trafen der WSC und die Vienna zum letzten Mal 1990 aufeinander, danach stiegen beide Mannschaften zuerst in die zweite Liga und dann in die Regionalliga Ost, die dritte Liga ab.

Beide Mannschaften eint allerdings auch der Traum vom Wieder-Aufstieg. So soll etwa der bereits 1904 erbaute Sportclub-Platz, der älteste noch bespielte Platz des Landes, in den nächsten Jahren bundesligareif gemacht werden. Diese Investition wäre auch dringend nötig. Nicht umsonst hängen bei jedem Heimspiel der Sportclub Transparente mit der Aufschrift „Rettet den Sportclubplatz“.

Bild: Michael Bonvalot

Das Stadion des Vereins gilt als völlig marode, alle vier Tribünen müssten dringend saniert werden, bei Regen dringt das Wasser des unterirdisch verlaufenden Alsbach in den Kabinentrakt. Die Stadt Wien verspricht zwar immer wieder Unterstützung bei der Sanierung, doch letztlich passiert nichts. Vor kurzem wurde ein neuerlicher Anlauf zu Gesprächen gestartet, ob die Sanierung nun tatsächlich anläuft, muss abgewartet werden.

Diese jahrelange Verzögerung bei der Sanierung ist allein deshalb sehr überraschend, weil andererseits für kurzfristige Event-Projekte ohne sportliche Nachhaltigkeit genügend Geld vorhanden ist. So kostete allein die Adaptierung der Heimstätte von Wacker Innsbruck für nur drei Spiele während der Europameisterschaft 2008 über 30 Millionen Euro, ein Beitrag, mit dem an der Alszeile bereits ein neues Stadion gebaut werden könnte.

Und das Ergebnis des Spiels? Nebensache. Der Fußball hat gewonnen. Schließlich war es ein Derby der Liebe.

Hier findet ihr die nächsten Spiele des WSC; und hier den Spielplan der Vienna.

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