Rote Karte für Homophobie

[FM4] In Wien trafen sich am Wochenende Fußballfans zu einem internationalen Turnier gegen Diskriminierung.

Erstveröffentlichung: FM4, 08.01.2017

„Ostligaschiri!“ Die Fans des Wiener Sportklub sind mit der Entscheidung des Schiedsrichters offenbar nicht einverstanden. Bestenfalls in der dritten österreichischen Liga sollte er pfeifen dürfen. Doch nachdem es sich um ein reines Fan-Turnier handelt, könnte der Chant eventuell sogar als Lob gemeint sein.

Die Mollardburg begrüßt ihre Gäste

Und als der Schiedsrichter kurz danach an den Sportklub-Fans vorbei läuft, lächeln sich alle zu. Die Leute hier kennen und mögen sich. Denn es ist ein besonderes Fußball-Turnier, das an diesem Wochenende in der Berufsschule Mollardgasse in Wien-Mariahilf ausgetragen wurde. Die unter Lehrlingen als „Mollardburg“ berühmte Schule ist in diesen Tagen Schauplatz eines internationalen Treffens der Fußballfans gegen Homophobie.

Fußballfans gegen Homophobie

Bild: Michael Bonvalot

Das Turnier findet heuer zum ersten Mal in Wien statt, davor wurde es bereits drei Mal in verschiedenen deutschen Städten ausgetragen, wie Stefanie Gunzy von „Fußballfans gegen Homophobie Österreich“ erzählt. Die Teams kommen in diesem Jahr aus Österreich, Deutschland, der Schweiz und Slowenien.

Fair Play im Vordergrund

Gespielt wird in einem Modus, der bereits den Fairplay-Gedanken und den Austausch fördern soll: die insgesamt zwanzig Teams wurden zusammen gelost, jeweils zwei Teams spielen nun gemeinsam, in jedem Team müssen Männer und Frauen sein. Vor allem die deutschen Fans sind beim Turnier in Wien gut vertreten.

Aus München sind etwa die „Löwenfans gegen Rechts“ von 1860 und die „Monaco Queers“ von Bayern München dabei, aus Hamburg die „Palette Pauli“ der Fans von FC St. Pauli, aus Potsdam das Fanprojekt des SV Babelsberg 03. Aus der Schweiz haben sich die Supporter der „Vecchia Brigata“ des FC Zürich auf den Weg nach Wien gemacht, aus Slowenien die „sLOVEnia Shooters“.

Aus Österreich sind ebenfalls mehrere Teams am Start. Unter ihnen sind etwa die „FreundInnen der Friedhofstribüne“ des Wiener Sportklub und die „Vienna Supporters“ des First Vienna FC, beide seit Langem sehr engagiert im Kampf gegen Diskriminierung. Aus St. Pölten ist die „Wolfbrigade“ des Bundesligisten SKN dabei, durch ihren roten Stern im Logo zeigen sie sehr klar, wo sie politisch stehen. Ebenfalls angetreten ist „Vorwärts Rapid“, ein neuer loser Zusammenschluss von linken Fans der Hütteldorfer.

Fußballspielende

Bild: Michael Bonvalot

Grenzenloses Fußballfest

Besondere Aufmerksamkeit verdient das Team von „Kicken ohne Grenzen„. Insgesamt rund sechzig jugendliche Flüchtlinge spielen für dieses Projekt, das hauptsächlich von Ehrenamtlichen organisiert wird. Projektleiter und Trainer Alois Gstöttner erzählt, dass sie im September 2015 mit gerade einmal einer Handvoll Jugendlichen begonnen hätten.

„Mittlerweile haben wir zwei Männerteams und ein Frauenteam. Einmal in der Woche gibt es Training, Ziel ist natürlich, auch an andere Vereine zu vermitteln.“ Die Idee des Turniers findet Gstöttner sehr gut. „Wir haben die Gelegenheit genützt, mit den Jugendlichen über Sexismus und Homophobie zu sprechen. Und wir wollen gemeinsam mit unseren Jugendliche solche Initiativen mitleben“, erzählt Gstöttner.

Gerade die Aufklärung von Jugendlichen findet auch Stefanie Gunzy von den „Fußballfans gegen Homophobie“ zentral: „Wir brauchen antidiskriminierende Fanarbeit gerade mit den jungen Fans. Nur die bekannten Nazis rauswerfen, ohne sich um den Nachwuchs zu kümmern, ist zu wenig.“

Refugees Welcome

Bild: Michael Bonvalot

Der Kotzkübel steht bereit

Gunzy kritisiert auch die großen Klubs für ihr mangelndes Engagement: „Ich sehe mir eigentlich sehr gerne Fußballspiele an und mag auch die Wiener Derbys zwischen Austria und Rapid. Aber leider brauche ich dabei regelmäßig einen Kübel zum Kotzen. Das letzte Spiel Oktober 2016 war wieder einmal exemplarisch. Auf beiden Seiten gab es homophobe und transphobe Transparente, vor allem das Transparent im Rapid-Sektor war richtig übel.“

Laut Gunzy ist das Problem, dass in vielen großen Kurven immer noch jene Fans die Worthoheit haben, für die Diskriminierung ganz selbstverständlich ist: „Die Leute wissen ja ganz genau, dass homophobe oder sexistische Sprüche nicht okay sind. Wenn sie böse angeschaut werden, wissen Sie auch, warum. Aber sie glauben, dass sie in der Kurve Narrenfreiheit für ihre gekränkte Männlichkeit haben.“

Dass das auch in großen Kurven nicht so sein müsste, zeigt für Gunzy das Beispiel von Bayern München. Der führende Fanclub „Schickeria“ hat ein klares linkes Profil und sorgt für eine entsprechende weltoffene Stimmung in der Kurve.

Regelmäßig mit Diskriminierung konfrontiert

Gunzy ist seit ihrer Jugend ein Fan des runden Leder. Die 32-Jährige erzählt von ihren eigenen Erfahrungen am Platz: „Du bist in vielen Kurven eigentlich permanent mit Homophobie und Sexismus konfrontiert. Wenn ein Spieler schlecht spielt, dann spielt er ’schwul‘ oder ‚wie ein Mädchen‘. Ich habe als Frau dann auch noch doppelt Angriffsfläche geboten, wenn ich was gesagt habe.“

Fußballspielende

Bild: Michael Bonvalot

Auch Gregor Unfried von der Wolfbrigade des SKN St. Pölten kennt das Problem: „Diese verbale Diskriminierung ist in vielen Kurven leider vollkommen normal. Viele glauben auch, dass es völlig in Ordnung wäre, wenn sie andere als ’schwul‘ oder ‚warm‘ beschimpfen.“

Entspannt und leiwand sein

Für Unfried sollte die Freude am Spiel im Vordergrund stehen: „Wir wollen entspannt und leiwand miteinander spielen und dabei gleichzeitig ein Zeichen für Toleranz setzen. Denn Fußball ist ein Sport für jeden, egal welche Herkunft, welches Geschlecht oder welche sexuelle Orientierung.“ Der Spaß soll auch für Nora im Mittelpunkt stehen. Die 26-Jährige spielt regelmäßig bei Dynama Donau aus Wien-Brigittenau, heute ist sie im Team der FreundInnen der Friedhofstribüne angetreten.

„Ich spiele einfach gern Fußball. Noch mehr Spaß macht es, wenn es gegen Diskriminierung geht.“ Warum sie heute hier ist? „Ich kann viel mit dem Begriff Gewissen anfangen. Jeder Mensch sollte Wertschätzung genießen, Verschiedenheit ist gut. Wenn jemand diskriminiert wird, dann ist mir das einfach nicht egal“, erklärt Nora.

Friedhofstribüne Leiberl

Bild: Michael Bonvalot

Getrübte Freude

Leider machen es die Umstände oft nicht möglich, einfach nur Spaß zu haben. „Wenn Du weißt, welche Sprüche heute wieder kommen werden, gehst Du oft schon extrem angespannt ins Stadion“, erzählt Stefanie Gunzy. Sie findet es gut, wenn vor allem die Fans selbst aktiv werden: „Am liebsten ist es mir, wenn es von unten nach oben geht. Wenn Fans auf der Tribüne sagen, dass sie keine Diskriminierung wollen und auch Druck auf die Vereine ausüben, sich entsprechend zu engagieren.“

Von den Vereinen und Verbänden wünscht sich Gunzy viel mehr Bewusstsein und Aktivität. „Fanprojekte mit einem klaren Anspruch gegen Diskriminierung sollten bei jedem großen Verein ein Mindeststandard sein. Solche niederschwelligen Räume ohne Konsumzwang, wo mit den jungen Fans diskutiert und gearbeitet werden kann, können extrem viel bewegen.“

Spieler müssen sich verstecken

Sie sieht die Vereine aber auch bei den Hausordnungen gefordert: „Es kann nicht sein, dass homophobe Transparente ins Stadion kommen und dort ganz selbstverständlich hängen können.“ Hier müsse Bewusstsein bei den Verantwortlichen in den Vereinen geschaffen werden, so Gunzy. Sie wünscht sich Veränderungen aber nicht nur in den Kurven, sondern auch am Rasen: „Diskriminierung ist ein Foulspiel. Und wenn es für Fouls die rote Karte gibt, dann sollte es auch für verbale Fouls rote Karten geben.“

Das könnte auch Spielern Mut machen. Es gibt bisher international gerade einmal eine Handvoll geouteter schwuler Spieler – und diese haben fast alle ihr Outing erst nach dem Ende ihrer Karriere erklärt. In Österreich gibt es noch keinen einzigen Profispieler, der sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekennt. Etwas leichter ist es in den Frauenteams, hier gibt es eine ganze Reihe von offen lesbischen Spielerinnen.

Lieb doch wen du willst-Sticker

Bild: Michael Bonvalot

Laut gegen Homophobie

Auch Turniere wie jenes am Wochenende in Wien können dabei helfen, Bewusstsein zu schaffen. Für Gunzy ist es sehr wichtig, die AktivistInnen zu bestärken und zu vernetzen. „Nicht in jedem Stadion ist es gleich einfach. Doch hier können wir uns treffen, international Erfahrungen austauschen und uns gegenseitig von erfolgreichen Aktionen berichten.“ Die Vielfalt der verschiedenen Fangruppen ist für Gunzy dabei eine enorme Stärke: „Für uns gilt: in den Farben getrennt, in der Sache vereint.“

Für die Zukunft sieht Stefanie Gunzy eine klare Perspektive: „Viele Vereine haben immer noch Angst, das Thema anzugehen. Doch es gibt viele Fans, die keine Lust auf diskriminierende Rülpser haben. Und mit diesen Fans wollen wir gemeinsam Stimmung machen.“

 

Weitere Fotos vom Turnier findet ihr hier

 

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