Wer steckt hinter der Bürgerwehr der Pseudo-Wikinger?

Bild: Karl Banghard

[FM4] Eine neue extrem rechte Bürgerwehr möchte sich in Österreich organisieren. Wer steckt dahinter – und wie gefährlich ist die Truppe?

[Erstveröffentlichung: FM4, 31.10.2018] Gut, aller Anfang ist schwer. Doch gerade einmal 15 Likes und 1 Herzchen für das Gründungsposting der „Vikings Security Austria“ (VSA) sind wirklich kein Ruhmesblatt. Im August 2018 ist die Seite der neuen Bürgerwehr erstmals auf Facebook aufgetaucht. Der großspurige Name: „VSA Hauptquartier“. Seitdem dürften als Aktivität vor allem weitere Facebook-Seiten gegründet worden sein.

Facebook-AktivistInnen

Die Namen der Seiten klingen martialisch: eine „Division Wien“, eine „Division Graz“ und eine „Division Linz“ soll es geben. Der Schönheitsfehler: Die Inhalte unterscheiden sich kaum, der Administrator ist überall der gleiche. Für den 3. November kündigt die Gruppe nun erstmals eine „Patrouille“ durch Linz an. Politik und Behörden lehnen diese Bürgerwehr ab.

Die „Vikings Security Austria“ wolle bei ihrer Patrouille „für das demokratische Grundrecht für Sicherheit und Frieden“ eintreten und „für ein positives Miteinander und den Zusammenhalt der Gesellschaft“, wie es im Aufruf heißt. Sie wolle dabei „friedlich und unbewaffnet“ vorgehen. Doch weder das Auftreten noch die Hintergründe der Truppe passen zu diesen salbungsvollen Worten.

Warum Wikinger?

Die Wikinger-Symbolik der VSA hat ihre Hintergründe. Das Leitmotiv Wikinger wird bereits seit den 1920er Jahren und bis heute in der Nazi-Agitation verwendet. Im NS-Regime gab es sogar eine eigene SS-Division mit dem Namen Wiking. Die neonazistische „Wiking Jugend“ (WJ), die 1952 gegründet wurde, bezog sich ebenfalls auf die Tradition der Nordmänner.

Der Einfluss der WJ reichte sogar über Deutschlands Grenzen hinaus. So hat etwa auch der heutige Vizekanzler und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache in seiner Jugend bei einer Aktion der neonazistischen Organisation mitgearbeitet. 1994 wurde die „Wiking Jugend“ in Deutschland schließlich verboten.

Rabe in Reichsfarben

Die Pseudo-Wikinger der VSA versuchen auch, sich germanische Mythologie anzueignen. Als Logo fungiert etwa ein „Odin-Rabe“ – ein Symbol, das auch in extrem rechten Kreisen gern verwendet wird. Der Rabe selbst ist in den Farben Schwarz-Weiß-Rot gehalten. Es sind die Farben der deutschen „Reichskriegsflagge“, bis heute ein zentrales Symbol der Naziszene.

Die eindeutige Symbolik der VSA sollte nicht verwundern. Schließlich handelt es sich bei der österreichischen Truppe um einen Ableger der „Vikings Security Germany“. Laut dem bayerischen Verfassungsschutz sind diese rechten Kameraden in Deutschland erstmals unter dem Namen „Soldiers of Odin“ (SOO) aufgetaucht.

„Odins Soldaten“

Unter den AktivistInnen der SOO seien mehrere Personen, die dem bayerischen Verfassungsschutz „bereits aus anderen rechtsextremistischen Zusammenhängen bekannt“ seien, wie es im aktuellen Rechtsextremismus-Bericht heißt. Die Soldiers of Odin sind international vernetzt.

Im Oktober 2015 hat sich die rechte Truppe in Finnland gegründet, inzwischen gibt es Ableger unter anderem in Deutschland, den USA und Kanada. Und besonders „friedlich und unbewaffnet“ geht es dort nicht zu.

„Zunge abschneiden, Hände abhacken“

In internen Gruppen der SSO Division Bayern ist etwa zu lesen, man solle einem Journalisten die „Zunge abschneiden“ und die „Hände abhacken, damit er keinen Schaden mehr anrichten“, berichtet die Mainpost. Aus einer Abspaltung dieser SOO sind schließlich die „Vikings Security Germany“ hervorgegangen, so der Verfassungsschutz.

Der zentrale Kader der deutschen Pseudo-Wikinger, Michael F., dürfte dabei ein interessantes Verständnis eines „positiven Miteinanders“ haben. So präsentiert er sich auf seinem Facebook-Profil unter anderem mit einem Foto, auf dem er eine Kalaschnikow und eine Axt hält.

Deutsche Nazi-Connection

Michael F. ist auch unter jenen – gerade einmal rund ein Dutzend – Personen, die auf Facebook für die „Patrouille“ am kommenden Samstag in Linz zugesagt haben. Und offenbar ist Verstärkung aus Deutschland dringend erforderlich: Sogar für das Veranstaltungsbild musste eine deutsche „Patrouille“ herhalten. Die Bilder der deutschen Gruppe zeigen übrigens meist denselben Personenkreis, der irgendwann in der Nacht irgendwo posiert.

„Linz stellt sich quer“ – Die Demo gegen Rechts in Bildern

In der Vergangenheit wurde F. auch schon mal auf einer Neonazi-Kundgebung gesehen. Die Seite „Endstation Rechts“ hat ein Bild publiziert, das F. im September 2017 bei einer Kundgebung der Nazi-Kleinpartei „3. Weg“ im bayrischen Straubing zeigt. Von dort sind es gerade einmal 70 Kilometer nach Oberösterreich. Die österreichischen Wikinger schreiben zur Teilnahme von F. an dieser Nazi-Kundgebung, dass F. zwar dort gewesen sei. Die Verbindung zur Gruppe „3. Weg“ sei aber „angedichtet“.

Facebook statt Größe

Ähnlich wie in Österreich täuscht die Gruppe auch in Deutschland durch zahlreiche Facebook-Seiten größeren Einfluss vor – doch alle werden von Michael F. administriert. Es ist eine beliebte Taktik von Rechtsaußen-Gruppen. Nicht zuletzt im Konkurrenzkampf der oft verfeindeten rechten Splittergruppen sollen so Punkte gemacht werden.

Den Eindruck vorgetäuschter Größe hat auch Torsten Nagel von der Regionalen Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus in Schleswig-Holstein. Offiziell haben die Pseudo-Wikinger auch dort einen Ableger. „Wir hatten in der Vergangenheit immer wieder Probleme mit Neonazis auf den Wikingertagen in Haithabu. So sind wir auf die Gruppe aufmerksam geworden“, erzählt Nagel gegenüber FM4. „Dann haben wir näher hingeschaut.“ Ob die Gruppe in Schleswig-Holstein aber auch tatsächlich existiert? „Da sind wir eher skeptisch“, so Nagel.

Wolin Festival

Bild: Karl Banghard

Aktiv in Bayern

Real aktiv ist die Truppe derzeit vor allem in Bayern. Dazu passt, dass neben F. auch Nadja D. aus dem bayerischen Augsburg als Administratorin der deutschen Wikinger aufscheint – auch sie hat für die Patrouille in Linz zugesagt. In Deutschlands südlichstem Bundesland, also nahe der Grenze zu Österreich, sind die rechten Kameraden auch bereits mehrmals auffällig geworden.

„In Bayern ist die Truppe bisher in München, Augsburg, Nürnberg, Donauwörth und Straubing aufgetreten“, erzählt Robert Andreasch von der Antifaschistischen Informations-, Dokumentations- und Archivstelle (AIDA) in München gegenüber FM4. „Viele der in München Beteiligten gehören zum Stammpersonal der neonazistischen PEGIDA München-Versammlungen oder treten auch bei anderen extrem rechten Aktionen auf“, so der AIDA-Sprecher.

Österreich: Rechtes Stelldichein

Der Administrator aller österreichischen Vikings-Seiten nennt sich auf Facebook „Arnold Graf“. Er liked unter anderem zahlreiche Seiten der FPÖ, der AfD sowie des russischen Kampfsports Systema. Ebenfalls Sympathien zeigt Graf für Seiten und Aktionen der neofaschistischen Gruppe „Identitäre Bewegung“ (IB).

Die offiziellen Seiten der IB wurden von Facebook zwar im Frühjahr gelöscht. Doch seit einiger Zeit versuchen sie, mit Tarnseiten wieder im sozialen Netzwerk Fuß zu fassen. Graf hat die meisten davon geliked und ist auch mit Kadern der IB befreundet – das trifft allerdings auch für andere Milieus der extremen Rechten zu.

Verbindung zu „Identitären“?

Organisatorische Verbindungen der IB zu den Pseudo-Wikingern sollten aus diesen Likes nicht automatisch abgelesen werden. Die altbacken wirkende Germanen-Rhetorik und das martialische Auftreten passen schlicht nicht zur IB. Nach außen ist die IB-Truppe um Abgrenzung zur traditionellen NS-Szene und um ein friedliches Image bemüht – wohlgemerkt, das gilt für Auftritte in der Öffentlichkeit. So gab es bereits im Jänner 2016 aus dem Führungskader der IB Graz eine Attacke auf AntifaschistInnen (das Verfahren wurde eingestellt).

Das Netzwerk der Identitären

Doch offiziell versucht die IB, ein Image aufzubauen, das nicht zu den Vikings passt. Das sieht auch der Wiener Jugendarbeiter und Soziologe Jerome Trebing so, der sich seit Jahren mit der IB beschäftigt. „Hier poppt wohl eher ein offen militantes extrem rechtes Milieu mit Kampfsport-Verbindungen auf, das jahrelang wenig sichtbar war.“ Er sieht die Vikings Security eher als Zeichen, „dass sich bestimmte Teile dieser Szene radikalisieren“.

Vogel für Vollmitglieder

Vieles an den Vikings erinnert an das Auftreten von Motorrad-Clubs (MCs), etwa Kleidung und Begrifflichkeiten. Nur die Vollmitglieder dürfen klassische MC-Kutten mit dem Emblem der Gruppe tragen, dem schwarz-weiß-roten „Odin-Raben“. Die Gruppe ist in „Chapter“ und „Divisionen“ unterteilt. Für „Supporter“ und „Prospects“ gibt es eigene „Support-Kleidung“, wie die Gruppe im August 2018 in einer Art Statut schreibt – diese Kandidaten müssen noch ohne Vogel auf der Jacke auskommen.

In diesem Statut ist auch die Rede von einem „Präsident“, einem „Vice Präsident“, einem „Sergeant at Arms“ sowie einem „Secretary“. Auf Bundesländer-Ebene würde sich diese Hierarchie wiederholen, dann gäbe es noch „Leader“ der „Chapter“. Allzu ernst sollte die Hierarchie allerdings nicht genommen werden – vermutlich handelt es sich in ganz Österreich bestenfalls um ein Dutzend Personen. Doch dass es einen eigenen „Waffensergeanten“ gibt, sollte zu denken geben.

Rechte Motorrad-Gangs

Dass eine extrem rechte Gruppe solche Assoziationen zu Motorrad-Clubs weckt und vermutlich wecken will, sollte nicht überraschen. Bereits seit Jahren versuchen vor allem Nazis ab 30 in diesen Milieus anzudocken – oft mit Erfolg.

„Ganze Chapter und Charter führender Rockerclubs sind heute von Personen dominiert, die in der Neonaziszene politisiert und sozialisiert wurden“, schreibt etwa das Antifaschistische Infoblatt im Frühjahr 2016 in der Recherche „Mehr als nur Kameraden“ in Rahmen einer Schwerpunkt-Ausgabe zu neonazistischen „Bruderschaften“ und Rockergruppen. Auch Soziologe Trebing bemerkt, dass die „männerbündische Rockerästhetik“ unter Nazis sehr angesagt ist.

Oberösterreichs Nazi-Rocker

Die „Vikings Security“ ist auch nicht der erste Versuch extrem rechter Rocker-Aktivitäten in Oberösterreich. Ausgehend unter anderem vom einem rechtsextremen Fanclub des SK Rapid in Wels sowie von rechten Hooligans von Blau-Weiß Linz entstand in Oberösterreich ab 2012 ein MC namens „Road Crew“. Mitglieder dieser Gruppe fielen unter anderem als Ordner des rechtsextremen „Verteidiger Europas“-Kongresses im Oktober 2016 in Linz auf.

Linz: 3.000 Bürger gegen 300 rechte „Verteidiger Europas“

Auch die schwer kriminelle oberösterreichische Neonazi-Struktur „Objekt 21“ hatte – wie viele Nazis aus Oberösterreich – beste Verbindungen zur Neonazi- und Rockerszene in Bayern und Thüringen sowie in das Rotlicht-Milieu. Trotz jahrelanger Aktivitäten wurde „Objekt 21“ erst 2016 behördlich endgültig zerschlagen – mehrere Mitglieder wurden unter anderem wegen Verstößen nach dem Verbotsgesetz, Körperverletzung, Freiheitsentzug, Rauschgift- und Waffenhandel, Brandstiftung, Hausfriedensbruch oder/und Sachbeschädigung zu teils langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Wie gefährlich ist die Truppe?

Ob sich ehemalige AktivistInnen aus diesen rechten Fußball- und Rocker-Milieus nun bei „Vikings Security Austria“ wiederfinden werden, bleibt abzuwarten. Auffallend ist jedenfalls, dass mehrere angekündigte TeilnehmerInnen für die „Patrouille“ am Samstag auf ihren Facebook-Profilen das Logo der Nazi-Fußballtruppe „Hooligans gegen Salafisten“ geteilt haben.

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Eine konkrete Gefährdungseinschätzung ist aktuell schwierig. Die österreichische Gruppe dürfte extrem klein sein und wirkt ziemlich unprofessionell. Es gibt allerdings eindeutige Verbindungen zu einschlägigen extrem rechten Kampfsport-Milieus in Deutschland. Auch die aktuellen Medienberichte haben sich ausgewirkt: Ich beobachte die Seiten der Gruppe bereits seit Längerem, über die meiste Zeit ging es dort eher verschlafen zu.

In den letzten Tagen haben die Interaktionen auf der Seite nun stark zugenommen. Ob und wie sich das auswirkt, ist noch nicht abzuschätzen. Sicher aber ist, dass die „Patrouille“ der Pseudo-Wikinger am Samstag – so sie stattfindet – auf antifaschistischen Protest treffen wird.

Proteste sind angekündigt

Nina Andree vom Bündnis „Linz gegen Rechts“ warnt gegenüber FM4 vor der Gefahr rechter Bürgerwehren. „Wir haben bei den Nazi-Hetzjagden in Chemnitz sehr genau sehen müssen, was passiert, wenn Neonazis Selbstjustiz üben.“ Amüsiert zeigt sie sich allerdings darüber, dass sich extreme Rechte gerade in Linz unsicher fühlen. „Immerhin ist in Linz mit Detlef Wimmer ein bekannter FPÖ-Rechtsaußen der zuständige Stadtrat für Sicherheit“, so Andree.

Die Sozialistische Linkspartei (SLP) ruft bereits ab Samstagnachmittag zu einer Kundgebung bei der Mozartkreuzung auf. Die Kundgebung sei als Sammelpunkt gedacht. „Wir wollen den Rechten die Tour vermasseln“, so Florian Klabacher von der SLP zu FM4. „Linz gegen Rechts“ hat unterdessen auch eine eigene Seite mit dem Titel „Spotted Bürgerwehr“ eingerichtet.

UserInnen können dort eintragen, falls sie die rechte Bürgerwehr am Samstag sehen. „Es ist klar, dass rechte Aufmärsche für viele Menschen eine reale Bedrohung darstellen“, so Andree. „Gemeinsam mit Betroffenen werden wir uns gegen solche rechten Aufmärsche zur Wehr setzen.“

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