„Wir können nicht zurück“

[ND] Tausende Flüchtlinge auf griechischen Inseln befürchten ihre Abschiebung in noch widrigere Lager in der Türkei. Im Lager Moria auf Lesbos herrscht eine explosive Stimmung. Im türkischen Izmir fehlt unterdessen sogar die Milch für die Kinder, beklagen Nichtregierungsorganisationen. Eine Spurensuche beiderseits der Ägäis.

Erstveröffentlichung: Neues Deutschland

Es müssen zehntausende Rettungswesten sein, die hier liegen. Sie glänzen auf künstlichen Hügeln in rot, blau oder orange in der Sonne. Dazwischen finden sich Schwimmreifen, einzelne Kleidungsstücke, Reste von Schlauchbooten. Hier, das ist die Nord-Spitze der griechischen Insel Lesbos, genau gegenüber dem türkischen Festland. Einheimische nennen die Deponie den „Friedhof der Rettungswesten“. Was mit jenen geschah, denen diese Gegenstände gehörten, ist ungewiss.

Es ist kein Zufall, dass diese Deponie genau hier errichtet wurde. Lesbos ist einer der zentralen Ankunftssorte für Flüchtlinge auf ihrem Weg in die Europäische Union. Die Insel ist nur rund 15 Kilometer von der türkischen Küste entfernt. Insbesondere am Abend wirkt die Überfahrt von der Türkei aus betrachtet wie ein Katzensprung. Der Schein trügt allerdings. Es sind 15 Kilometer Fahrt auf dem offenen Meer, Strömungen und Wellengang machen die Überfahrt lebensgefährlich.

Zwischen der türkischen Küste und den griechischen Inseln Lesbos, Samos und Chios sind bereits tausende Menschen ertrunken, genaue Zahlen werden sich niemals eruieren lassen. Das UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR gibt allein für den Zeitraum von Januar bis Mai 2016 die Zahl von 1361 toten und vermissten Menschen auf der Mittelmeer-Route an.

 

"No Border No Nation" - Parole auf dem Lager Moria auf Lesbos

„No Border No Nation“ – Parole auf dem Lager Moria auf Lesbos –

Bis vor kurzem versprach die Ankunft in Lesbos für die geflüchteten Menschen zumindest kurzfristig Sicherheit. Mit dem Deal zwischen der Europäischen Union und der Türkei, der am 20. März in Kraft trat, hat sich das allerdings geändert. Ankommende Flüchtlinge sollen nun direkt in die Türkei zurückdeportiert werden. Im Austausch, so wird kolportiert, soll für jede abgeschobene Person aus Syrien eine andere Person aufgenommen werden.

Der Trick dabei: Einerseits gibt es für 2016 eine Höchst-Grenze von 72.000 Menschen. Andererseits wird sich die EU so aussuchen können, welche Flüchtlinge ökonomisch passend erscheinen. Die neue Regelung hat noch einen weiteren Haken: Sie gilt nur für Flüchtlinge aus Syrien. Menschen aus anderen Kriegs-Gebieten wie Afghanistan oder dem Irak werden von diesem Deal nicht erfasst.

Im Zentral-Lager Moria auf Lesbos herrscht unterdessen eine verzweifelte Stimmung. Offiziell ist der Zutritt zum Lager nicht möglich, doch mit Hilfe von Flüchtlingen gelingt es mir, das Lager heimlich zu betreten. Alan, ein Flüchtling aus Syrien, sagt: „Wenn sie uns zurückschicken, dann wird es hier brennen. Wir haben alles verloren, wir können nicht mehr zurück.“ Alan erzählt auch von seinem Leben in Syrien: „Jedes Mal, wenn ich an einem Auto vorbeigegangen bin, hatte ich Angst, dass es gleich in die Luft fliegt. Ich kann so nicht mehr leben.“ Auch politisch sieht er für sich in Syrien keine Zukunft: „Ich bin Atheist. Was soll ich in einem Land, das von der Religion zerfressen ist?“

Auch Hassan, der aus dem Irak stammt, denkt ähnlich: „Ich bin Kurde, ich habe genug vom Krieg. Zurück gehe ich sicher nicht.“ Omar, ein Lehrer aus Pakistan, bringt die Stimmung auf den Punkt: „Bevor ich mich zurückschicken lasse, ertrinke ich lieber im Meer.“ Die Ereignisse bestätigen diese Aussagen: In den vergangenen Wochen gab es bereits wiederholt Aufstände im Lager, wobei die griechische Polizei Tränengas gegen die Flüchtlinge einsetzte.

Das Lager selbst wirkt wie ein hastig zusammengestoppeltes Gefängnis, es wurde offensichtlich hastig irgendwo in die Felder gesetzt. Um das Camp verlaufen meterhohe Zäune mit Stacheldraht, überall sind Kameras und Wachtürme zu sehen. Aktuell leben hier rund 2000 Menschen, einige in festen Unterkünften oder Groß-Zelten, andere in kleinen Camping-Zelten auf dem Acker-Boden.

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Kinder im Lager Moria

Die hygienischen Bedingungen im Lager wirken unzumutbar. Die Toiletten stinken, die Duschen sind verschmutzt, das Essen sieht nicht besonders schmackhaft aus. Omar zeigt mir ein Stück Brot, das er gerade geholt hatte und scherzt, dass es bestenfalls als Wurfgeschoss einsetzbar wäre, so hart wie es ist. Die medizinische Versorgung ist offenbar unzureichend. Ein Flüchtling aus dem Irak zeigt mir seine Bein-Prothese. Er hat sein Bein bei einem Anschlag verloren, wie er mir erzählt. Er klagt, dass die Ärzte keine Zeit für Hilfe hätten, andere Menschen im Lager berichten von ähnlichen Erfahrungen.

Der Arzt Manos Logothetis, der sich auf den griechischen Inseln um die medizinische Versorgung der geflüchteten Menschen kümmert, bestätigt diese Probleme: „Wir haben in den Camps viel zu wenige Ärzte. Gleichzeitig haben wir sehr unterschiedliche medizinische Fragestellungen, angefangen bei Kriegsverletzungen über Flucht-Erkrankungen bis zu psychiatrischen Krankheitsbildern.“ Logothetis betont vor allem die Vielfältigkeit der Problemlagen: „Aus Syrien ist eine gesamte Bevölkerung aus der Flucht, von jung bis alt. Wir haben hier also wirklich alles, das reicht von Krebs über Diabetes bis zu genetischen Krankheiten.“

Wie es in den Lagern weitergeht, ist aktuell unklar. Derzeit dürfen die Flüchtlinge die Camps betreten und verlassen, doch das kann sich jederzeit ändern. Auffallend ist, dass in den letzten Wochen auf Lesbos mehrere der sogenannten freien Lager geräumt wurden und die Flüchtlinge nach Moria verfrachtet wurden. Auch die Infrastruktur von linken Hilfsorganisationen wurde angegriffen und teilweise zerstört, so etwa die No Border Kitchen in Lesbos. Das könnte darauf hindeuten, dass im Einklang mit dem EU-Türkei-Deal bald weitere Abschiebungen geplant sind.

In den vergangenen Wochen haben bereits erste kleinere Abschiebungen aus Lesbos nach Dikili begonnen. Ursprünglich war in dieser türkischen Hafenstadt auch ein Lager geplant, das allerdings nach Protesten der lokalen Bevölkerung nie errichtet wurde. Das Fehlen von Aufnahme-Kapazitäten scheint derzeit (neben politischen Verwicklungen zwischen der EU und der Türkei) auch einer der Gründe zu sein, warum die Abschiebungen noch nicht in größerem Ausmaß umgesetzt wurden. Gleichzeitig wird auf türkischer Seite eifrig gebaut. So soll etwa in der Stadt Manisa, rund 200 km von der Küste entfernt, ein neues Lager für rund 5000 Menschen entstehen.

Ein Großteil der Menschen, die in die Türkei zurück deportiert werden, wird aber ohnehin nicht im Land bleiben können, sondern sofort weiter geschickt werden. Amnesty International berichtet, dass die Türkei seit Beginn dieses Jahres bereits Tausende Flüchtlinge nach Syrien abgeschoben hätte

Fähren statt Frontex - Aufkleber in Izmir

Fähren statt Frontex – Aufkleber in Izmir

Doch auch für jene, die in der Türkei bleiben können, ist die Situation fatal. İdil Gökber von der Flüchtlings-NGO Halkların Köprüsü (Brücke der Völker) schildert die Lage für Flüchtlinge in der Türkei: „Die Versorgung der Menschen ist absolut mangelhaft. Es fehlt an Nahrung, es fehlt an Unterkünften, es fehlt an medizinischer Versorgung.“ Gökber ist Aktivistin in der Millionenmetropole Izmir. Die Stadt an der Mittelmeer-Küste ist der Ausgangspunkt für die meisten Flüchtlinge auf ihrem Weg in die EU, insbesondere rund um den Bahnhof Basmane prägen syrische Flüchtlinge das Stadtbild.

Gökber nennt ein Beispiel für die mangelnde Versorgung der Menschen: „Die Stadt-Regierung gibt in armen Bezirken kostenlos Milch für die Kinder aus. Flüchtlinge sind von der Verteilung allerdings ausgeschlossen. Aber ein Kind ist ein Kind und braucht Milch.“ Auch den riesigen zentralen „Kültürpark“ von Izmir dürfen Flüchtlinge nicht betreten und dort auch nicht die Toiletten benützen, wie Gökber beklagt.

Die Aktivistin ist äußerst besorgt, was die weitere Zukunft der Menschen der Türkei angeht: „Wir können sehen, dass den Menschen das Geld ausgeht. Sie werden langsam vor unseren Augen sterben.“ Gökber berichtet, dass auch immer mehr Frauen beginnen, sich zwangsweise prostituieren: „Für gerade einmal  25 Lira [umgerechnet rund 3 Euro] machen die Flüchtlingsfrauen einen ganzen Tag Begleitung. Das ist viel weniger, als eine türkische Prostituierte verlangen würde. Aber die Frauen haben keine andere Wahl mehr.“

Wie es weitergehen wird, weiß auch Gökber nicht. An den gängigen Flucht-Routen über das Meer patrouillieren dutzende Boote der Küstenwache, darunter auch deutsche Schiffe. Sogar ein NATO-Kriegsverband unter deutscher Führung ist mittlerweile in der Region stationiert. Gökber denkt, dass die Menschen weiter versuchen werden zu flüchten, dabei aber immer gefährlichere Fluchtrouten wählen werden: „Die Menschen werden natürlich weiter flüchten. Was sollen sie denn sonst tun?“ Die Hügel auf dem Friedhof der Rettungswesten werden also vermutlich bald wieder höher werden.

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