„Der Mann hat um Hilfe geschrien“

Mindestens sechs Minuten lang fixieren Securities der Wiener Linien einen schwarzen Mann auf dem Boden. Ein Video, das ich hier exklusiv veröffentliche, scheint massive Gewaltanwendung eines Securities zu zeigen. Fotos zeigen Verletzungen.

Samstagnachmittag, Wien Westbahnhof. Mindestens sechs Minuten lang fixieren drei weiße Securities der Wiener Linien einen schwarzen Mann in der Halle neben dem Aufgang zur U6. Ein Video der Szene, das mir vorliegt, zeigt das Vorgehen der Sicherheitsleute. Ein Security knallt den bereits wehrlos fixierten Mann mit dem Gesicht voran Richtung Steinboden.

„Gesicht gegen den Boden geschlagen“

In der ungepixelten Version des Videos, die mir vorliegt, scheint eindeutig, dass das Gesicht gegen den Boden geknallt wird (es gilt die Unschuldsvermutung). Hier veröffentliche ich zum Schutz des Betroffenen eine verpixelte Version, die zwangsläufig etwas weniger erkennen lässt. David*, der die Ereignisse gefilmt hat, erzählt: „Soweit ich gesehen habe, haben sie sein Gesicht gegen den Boden geschlagen. Nach meiner Erinnerung habe ich sogar gehört, wie das Gesicht aufgeschlagen ist.“

Im Video gut hörbar sind kurz danach die Worte von David*: „Könnten Sie bitte die Hand vom Kopf des Herrn runtergeben.“ (Der Name des Zeugen ist auf dessen Wunsch geändert, die Identität ist mir bekannt.) Mir liegt das gesamte Video unverpixelt mit einer Länge von über sechs Minuten vor, über die gesamte Zeit ist der Mann wehrlos fixiert.

David erzählt, dass die Securities auch Schmerzgriffe angewandt hätten, das ist nicht unabhängig überprüfbar. Doch an einer Stelle im Video schreit der Mann auf, scheinbar vor Schmerzen. Sein Gesicht wirkt schmerzverzerrt. Das fällt auch einem Zeugen auf, wie auf dem Video gut zu hören ist. „Der Mann schreit!“, kritisiert er die Sicherheitsleute.

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„Kriegst Du Luft?“

Auf dem Video ist auch eine weitere Frau zu sehen, die über das Vorgehen der Sicherheitsleute empört ist. Sie nimmt offenbar ebenfalls Schmerzen beim Betroffenen war. Wiederholt sagt sie deutlich hörbar: „Hören Sie auf, das tut ihm weh“.

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Die Situation erinnert sie möglicherweise auch an die Ermordung von George Floyd. „Kriegst du Luft?“, fragt sie den Betroffenen. Die Wiener Linien behaupten in einer Stellungnahme, dass der Betroffene sich geweigert hätte, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen.

„Wird die Person dabei aggressiv, so wird diese bis zum Eintreffen der Polizei festgehalten“, schreiben mir die Wiener Linien auf Twitter. Diese Darstellung rechtfertigt allerdings selbstverständlich nicht, falls Sicherheitsleute das Gesicht eines Mannes auf dem Boden knallen oder möglicherweise Schmerzgriffe anwenden.

Doch auch die Darstellung selbst wirft Fragen auf. Eine weitere Zeugin, Imoan Kinshasa, hat den Beginn der Szene beobachtet. „Das hat ausgesehen wie ein ganz normales Gespräch, der Betroffene war total ruhig“, so die schwarze Wienerin.

Deshalb sei sie dann auch kurz weggegangen, um etwas einzukaufen. Was danach passiert ist, ist derzeit nicht bekannt. Dazu müssten die Bodycams der Sicherheitsleute sowie die Überwachungskameras der Wiener Linien ausgewertet werden.

Sogar die Rettung angerufen

Als sie zurückgekommen sei, sei der Mann bereits am Boden fixiert gewesen. Kinshasa zeigt sich ebenfalls schockiert vom Einsatz der Securities. Sie erzählt, dass eine weitere Frau nach eigener Darstellung sogar bereits mehrmals die Rettung angerufen hätte. Diese hätte aber nicht reagiert.

Auch Kinshasa hat mehrere Videos der Szene gemacht, genauso wie mehrere andere PassantInnen. Ein Video zeigt, wie einer der Securities zu ihr kommt und sagt: „Gehen Sie rüber und seien Sie nicht so provokant“. Das Video zeigt, dass Kinshasa komplett ruhig ist. „Der Typ ist genau zu mir als schwarzer Frau gekommen. Das ist schon auffällig“, sagt Kinshasa.

In einem ihrer Videos ist auch ein Gespräch über die Maske des Betroffenen zu hören. Eine Frau am Video erzählt, dass ein Passant ihm während der Situation eine Maske gegeben hätte, die er dann auch trug. „Der Mann war also offensichtlich kein Maskenverweigerer, sondern hatte einfach nur keine dabei“, so Kinshasa.

„Ruhig und sehr gefasst“

Schließlich trifft die Polizei ein. „Die haben die ersten Minuten mal nur Leute weggeschickt und sich null um den Menschen am Boden gekümmert“, sagt David. Schließlich durfte der Mann aufstehen, David und Imoan Kinshasa schildern ihn unabhängig voneinander als komplett ruhig. „Er war super ruhig“, sagt David. „Extrem ruhig mit ganz leiser Stimme und sehr gefasst“, sagt Kinshasa.

Hört auf, Polizei-Propaganda zu BlackLivesMatter zu verbreiten!

Auch ein Video der Situation zeigt, dass der Betroffene völlig ruhig an einer Wand lehnt. Niemand muss ihn festhalten oder fixieren, die Polizisten beachten ihn auch kaum mehr. Das aber stellt das vorherige Verhalten der Securities noch mehr infrage.

Polizistin ohne Nasenschutz

Besonders skurril: Eine Polizistin trägt ihren eigenen Mund-Nasen-Schutz deutlich erkennbar vollkommen unzulässig: Ihre Nase hängt über der Maske.

Screenshot: Video bonvalot.net

Wenn es aber tatsächlich um einen Einsatz bezüglich Mund-Nasen-Schutz geht, sollten wohl zumindest die PolizistInnen selbst die Maske korrekt tragen, bevor sie über andere richten. „Ob sie weiß, dass das Mund-Nasen-Schutz heißt“, ist eine Stimme auf einem der Videos zu hören.

„Nach einer Identitätsfeststellung konnte der Betroffene dann einfach weg gehen“, erzählt David. „Davor hat er mir noch gesagt, dass ich Videos dieses Vorfalls an die Öffentlichkeit bringen soll.“ Imoan Kinshasa hat danach noch mit dem Betroffenen gesprochen.

Verletzungen

„Er war sehr lieb und hat sehr introvertiert gewirkt“, sagt sie. Nach ihrem Eindruck stand er nach den Erlebnissen unter Schock und war noch traumatisiert. Fotos, die sie gemacht hat, zeigen, dass der Betroffene eine sichtbare Verletzung über der Augenbraue hat. „Er hat auch gehumpelt“, erzählt Kinshasa.

Wir wissen nicht, was zwischen dem offenbar sehr ruhigen Beginn der Situation und der Fixierung des Betroffenen durch die Securities passiert ist. Das können erst die Überwachungsvideos der Wiener Linien zeigen. Doch zwei voneinander unabhängige ZeugInnen schildern den Betroffenen als ruhig und gefasst. Videos bestätigen das.

Und wenn der Mann weiß gewesen wäre?

Ein Video zeigt, dass das Gesicht des betroffenen Menschen von einem Security Richtung Boden geknallt wurde. Dafür gibt es keine Rechtfertigung.

Und schließlich sollten wir uns alle die Frage stellen: Wie hätten die Securities bei einem weißen Menschen ohne Maske reagiert?

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