Wie John Lennon zum Working Class Hero wird

John Lennon posiert mit einer Ausgabe der trotzkistischen Zeitschrift "Roter Maulwurf"

Anfang der 1970er Jahre reicht John Lennon die Musik nicht mehr. Er verbündet sich mit trotzkistischen Gruppen und stellt sich auf die Seite der Untergrundorganisation IRA. Das Hausschwein Pigasus soll Präsident der USA werden. Teil 3 der Serie.

Teil 1 der Serie: Die frühen Jahre

Teil 2: Drogen, Hare Krishna und der Vietnam-Krieg

Nach dem Auseinanderbrechen der Beatles gehen die „Fab Four“ getrennte Wege, vor allem John Lennon und Paul McCartney waren sich wohl nur noch auf die Nerven gegangen. Im Dezember 1970 erscheint dann das erste Soloalbum von John Lennon. Er bringt es gemeinsam mit seiner Partnerin Yoko Ono heraus, am Schlagzeug sitzt Ex-Beatle Ringo Starr. Das Album ist einerseits eine Aufarbeitung seiner Kindheit, seiner Einsamkeit, des Todes seiner Mutter.

Aber gleichzeitig enthält es auch das politisch bisher eindeutigste Lied von Lennon:  „Working Class Hero“, also „Held der ArbeiterInnenklasse“. Lennons selbst erklärt, dass der Song für ArbeiterInnen geschrieben und das Konzept revolutionär sei.

Und tatsächlich wendet sich das Lied gegen die Unterdrückung der ArbeiterInnen, gegen die Ablenkung durch Drogen und Fernsehen und gegen den Mythos, dass individueller Aufstieg möglich wäre. Stattdessen fordert Lennon dazu auf, ein Held der ArbeiterInnenklasse zu werden.

Das Lied wird später oft – und großartig! –gecovert werden, etwa von Marianne Faithfull, Green Day oder einem Duett von Kris Kristofferson und Tom Morello von Rage Against The Machine.

 

 

Lennon, Ono und der Trotzkismus

Gleichzeitig suchen Lennon und Ono verstärkt den Anschluss an politische Kreise. Sie finden sie vor allem bei jenen britischen TrotzkistInnen, die Lennon noch wenige Jahre zuvor scharf kritisiert hatten. Der Kontakt war weiter intakt geblieben, Lennon und Ali diskutierten offenbar gern miteinander.

Die AnhängerInnen des russischen Revolutionärs Leo Trotzki wirken auf den Freigeist Lennon offenbar besonders attraktiv: Aktivistisch, antikapitalistisch, gleichzeitig entschiedene GegnerInnen des Stalinismus. Im Jänner 1971 schließlich findet das bereits erwähnte Interview mit dem Roten Maulwurf statt.

Fast einen ganzen Tag lang debattieren Lennon und Ono mit Tariq Ali und Robin Blackburn von der International Marxist Group (IMG), der britischen Sektion des Vereinigten Sekretariats der Vierten Internationale (VS). Das VS ist damals die weltweit mit Abstand größte Organisation in der Tradition des Trotzkismus. Nun legen Lennon und Ono ihre politischen Ansichten dar.

Sex und ArbeiterInnendemokratie

Lennon erzählt über seine eigene Geschichte, philosophiert über Marx und Lenin und spricht über die Bedeutung eines offenen Umgangs mit Sexualität. Er kritisiert Kids aus den Mittelschichten, die sich allein wegen ihrer langen Haare progressiv fühlen würden – stattdessen sei eine Hinwendung der RevolutionärInnen zur ArbeiterInnenklasse notwendig.

Die Diskussionen der Vier gehen an diesem Tag tief, sie drehen sich auch um ArbeiterInnendemokratie, die Rolle der revolutionären Führung und die Gefahr der stalinistischen Degeneration. Lennon erzählt, dass er sich für solche Themen schon lange interessieren würde.

„Ich habe mich immer für Russland und China interessiert und für alles, was die Arbeiterklasse betrifft, obwohl ich das kapitalistische Spiel gespielt habe.“ Lennons Einstellung zur Revolution hat sich inzwischen ebenfalls drastisch geändert: „Ohne Kampf kannst Du nicht die Macht erobern.“ Aus diesen Diskussionen entsteht schließlich das Interview für den Red Mole. Hier findet ihr das fertige Interview in englischer Sprache, hier ist ein Audiofile in zwei Teilen:

 

Power To The People!

Tariq Ali sieht das Interview – wohl nicht ganz zu Unrecht – als „Wendepunkt in John Lennons politischer Einstellung“. Denn gleich am nächsten Tag komponiert Lennon ein neues Lied als Kampflied für Demonstrationen: „Power To The People“ („Alle Macht der Bevölkerung!“). Ali ist einer der ersten, die das fertige Lied hören: Unmittelbar nach der Fertigstellung ruft Lennon in der Redaktion des Roten Maulwurfs an und singt es Ali am Telefon vor.

 

In diesem Lied thematisiert Lennon nicht nur die Kämpfe der ArbeiterInnenklasse, sondern auch die Frage der Frauenunterdrückung – zu einem Zeitpunkt, wo große Teile der Linken zu diesem Thema noch kaum Bewusstsein entwickelt haben. Er singt: „I gotta ask you comrades and brothers how do you treat you own woman back home“ („Ich muss euch fragen, Genossen und Brüder, wie ihr eure eigene Frau zu Hause behandelt“).

Keine Revolution ohne Befreiung der Frau

Die Frauenbefreiung ist für Lennon zu diesem Zeitpunkt insgesamt ein wichtiges Thema: „Wir können keine Revolution ohne Frauen und die Frauenbefreiung haben“, sagt er im Maulwurf. Es sei enorm subtil, wie die Gesellschaft männliche Überlegenheit vermittelt würde.

Deshalb hätte es für ihn auch ziemlich lang gedauert, um seine eigene Männerrolle zu realisieren. Geholfen hätte ihm dabei Ono: „Sie ist eine rote heiße Befreierin und hat mir schnell gezeigt, wo ich falsch lag, obwohl ich gedacht hatte, dass ich mich nur natürlich verhalte.“

Die Antwort ist jetzt anders

Enorm stark ist auch der Beginn von „Power To The People“ – es ist eine direkte Anspielung auf sein eigenes Lied „Revolution“. Und jetzt gibt Lennon eine ganz andere Antwort: „Say we want a revolution, we better get on right away“ („Du sagst, wie brauchen eine Revolution, wir fangen besser sofort damit an“).

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Lennon posiert nun auch öffentlich mit Ausgaben des Roten Maulwurfs und bekennt sich damit zu den TrotzkistInnen. Er wendet sich selbst den Kämpfen der ArbeiterInnenklasse zu und unterstützt sie. So spendet er etwa für den Gewerkschaftsfonds der WerftarbeiterInnen im schottischen Glasgow (die proletarischen Traditionen in Liverpool und Glasgow stehen sich traditionell sehr nahe).

Im Gegensatz zu anderen KünstlerInnen lehnen die Beatles es auch ab, im rassistischen Apartheid-Staat Südafrika aufzutreten. Ganz im Gegenteil unterstützt Lennon verhaftete Apartheid-GegnerInnen in Schottland finanziell.

„Imagine“ und der Kommunismus

Im Juli 1971 erscheint dann Lennons nächstes Album, „Imagine“. Es wird ein enormer kommerzieller Erfolg. Der Titelsong „Imagine“ klingt heute für viele wie ein weichgespülter Schmusesong, quasi Supermarkt-Hintergrundmusik. Doch tatsächlich erzählt Lennon in diesem Lied von seiner Vision einer kommunistischen Gesellschaft: Frieden und Solidarität, eine Welt ohne Hunger, Gier, Länder oder Religionen.

 

 

Gleichzeitig fordert er seine Fans mit dem Lied auf, selbst aktiv zu werden: “ You may say I’m a dreamer but I’m not the only one. I hope someday you’ll join us …“ (Du sagst vielleicht, dass ich ein Träumer bin, aber ich bin nicht der einzige. Ich hoffe, dass du dich uns eines Tages anschließen wirst …“). Lennon selbst erklärt, Imagine sei wie Working Class Hero – nur so geschrieben, dass es auch ein Kind verstehen könne.

Allerdings zeigt dieses Lied auch Lennon Widersprüchlichkeit: Er selbst ist Millionär und bereits aller finanziellen Sorgen entledigt. Ob das seine revolutionären Lieder heuchlerisch oder besonders ernsthaft macht? Entscheidet selbst.

Übersiedelung in die USA

Im September 1971 verlässt Lennon London Richtung New York, damit bricht auch der Kontakt zu den trotzkistischen AktivistInnen der IMG. Eigentlich hätte das VS, also die internationale Organisation der IMG, auch in den USA eine starke Sektion gehabt. Die „Socialist Workers Party“ (SWP) war zu diesem Zeitpunkt eine der größten Organisationen der US-amerikanischen radikalen Linken mit sicherlich tausenden UnterstützerInnen. Bei der Präsidentschaftswahl 1968 hatten über 40.000 Menschen für ihren Kandidaten gestimmt, den gelernten Schneider Fred Halstead

Ob Lennon sich in den USA neu politisch orientieren wollte, ob in Großbritannien vor allem der freundschaftliche Kontakt zu Ali und anderen IMG-Kadern eine Rolle gespielt hatte oder ob es andere Gründe für das Ende der Zusammenarbeit gab? Darüber kann nur spekuliert werden.

Lennon selbst erzählt 1975 in einem Interview mit dem Rolling Stone, dass die Yippies, mit denen er nun zusammenarbeiten wird, einfach die ersten gewesen seien, die mit ihm in New York Kontakt aufgenommen hatten: „Ich bin als Künstler ziemlich beweglich, weißt Du.“ Jedenfalls bedeutet das Ende der intensiven Zusammenarbeit mit der IMG keineswegs das Ende von Lennons politischer Aktivität. Ganz im Gegenteil.

Ein Schwein als Präsident

Lennon bleibt weiter sehr aktiv, wendet sich nun aber den Yippies zu, der Young International Party rund um Jerry Rubin sowie Abbie und Anita Hoffman. Diese antiautoritär und anarchistisch inspirierte Organisation fällt vor allem durch ihre provokanten Aktionen auf. So nominiert sie etwa im Jahr 1968 als ihren Kandidaten für die US-Präsidentschaftswahl ein Hausschwein namens „Pigasus, der Unsterbliche“.

Vermutlich passt diese Form der kulturellen Provokation auch weit eher zu Lennons sozialer Realität als die IMG mit ihren Versuchen, revolutionäre Strukturen im Proletariat zu etablieren. Doch gleichzeitig wäre es verfehlt, Lennon in dieser Phase auf kulturelle Provokationen zu reduzieren.

Der Sänger ist gleichzeitig Aktivist, an seiner Seite zumeist seine Partnerin Yoko Ono. Lennon demonstriert gegen den Landraub an den Onondaga-Indigenen, gegen die britische Nordirland-Politik, gegen die Verurteilung des politischen Aktivisten John Sinclair, für die menschenwürdige Behandlung von Kindern mit geistigen Behinderungen oder für die Opfer des Massakers im Staatsgefängnis von Attica (wo ein Aufstand von teils politisch bewussten Gefangenen blutig niedergeschlagen worden war).

Lennon und die irische Unabhängigkeit

Besonders engagiert sich der Brite Lennon für die Befreiungskämpfe der katholischen Bevölkerungsgruppe in Nordirland. Auch das ist wohl vor allem mit seiner Herkunft aus Liverpool erklärbar ist: Die Hafenstadt ist traditionell stark geprägt von irischen MigrantInnen.

Lennon und Ono in London mit einer Ausgabe des Red Mole: „Für die IRA – Gegen den britischen Imperialismus“

Über 100.000 Menschen sind allein in der irischen Hungersnot der 1840er nach Liverpool geflüchtet. Lennon hatte also wohl bereits früh ein Bewusstsein zur irischen Frage. Nun äußert er sich auch musikalisch, etwa mit seinem Lied „Sunday Bloody Sunday“ über den sogenannten blutigen Sonntag von 1972.

Die verdammten britischen Fahnen

Britische Truppen hatten im nordirischen Derry in einem Massaker 13 unbewaffnete DemonstrantInnen ermordet. In dieser Stadt ist bereits der Name politisch: „Londonderry“ heißt sie für jene, die zur britischen Krone stehen, (Free) Derry für alle anderen.

Mit Textzeilen wie jener über die „bloody Union Jacks“ (die verdammten/blutigen britischen Fahnen) und seinem Bekenntnis zum „Free Derry“ singt Lennon eine scharfe Anklage gegen den britischen Imperialismus. Lennon zeigt sogar ganz offen seine Sympathie für die linkskatholische irische Untergrundorganisation IRA.

Ob Lennon der IRA auch Geld für ihre militärischen Attacken gespendet hat, ist bis heute umstritten. Gesichert ist, dass er Solidaritätskonzerte für die IRA in Belfast und Dublin angeboten hatte. Warum die Konzerte schlussendlich nicht stattgefunden haben, ist nicht geklärt. Sie wären jedenfalls ein enormer Schlag ins Gesicht der britischen Regierung gewesen.

Doch bei all seinen Aktivitäten steht der britische Staatsbürger Lennon unter strenger Beobachtung. Denn der US-Inlandsgeheimdienst FBI ist schon lange auf die Aktivitäten des populären und finanzstarken Sängers aufmerksam geworden …

Teil 1 der Serie: Die frühen Jahre. Der Käfer findet den Beat – und Lennon gerät in erste Konflikte mit dem Establishment

Teil 2: Drogen, Hare Krishna und der Vietnam-Krieg. Lennon wird politisch – doch davor besucht er noch Traumwelten aus Drogen und Hare Krishna.

Teil 4: Geheimdienste, Revolution und der Rückzug ins Privatleben. Anfang der 1970er Jahre wird die Repression der US-Geheimdienste immer massiver. Lennon bäumt sich lange auf … doch schließlich gibt er auf. Am 8. Dezember 1980 wird John Lennon ermordet. 

Buchtipp: The Beatles. 24 Comic-ZeichnerInnen erzählen die Geschichte der Beatles. Bahoe Verlag, Wien, 2020
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