Frauen auf der Flucht

[LIGA] Kato Tristos ist ein kleines Dorf auf der griechischen Insel Lesbos. Am Rande des Dorfes liegt der griechisch-orthodoxe Friedhof. Irgendwo im Nichts der Felder dahinter ist  versteckt ein umzäunter Acker.

[Erstveröffentlichung: LIGA]

Verteckt in diesem Nichts liegt er, der Friedhof der Namenlosen. Hier liegen jene Menschen begraben, die die gefährliche Überfahrt von der Türkei nach Griechenland nicht überlebt haben. Hastig aufgeworfene Gräber finden sich hier, davor schlichte Steine mit Inschriften, überall in der Luft sind Fliegen.

Viele Gräber tragen keine Namen, dennoch erzählen sie etwas über die Geschichte jener, die hier begraben sind. „Unbekannte Frau, Alter 20“ steht auf einem Grab, „Unbekanntes Mädchen, Alter 6“, auf dem nächsten. Am Rande ist ein Grab, wo zwei Babies gemeinsam verscharrt wurden. Die beiden kleinen Mädchen wurden gerade einmal drei Monate alt.

Der Friedhof in Kato Tristos ist ein stummer Zeuge und ein Mahnmal. Und gleichzeitig berichtet dieser Friedhof auch davon, wer die gefährliche Reise über das Wasser versucht hat. In den Medien ist oft vor allem von jungen Männern die Rede, doch tatsächlich ist das Bild weit vielschichtiger.

Mein Lokal-Augenschein in der türkischen Küstenregion, auf den griechischen Inseln und im Hafen von Athen unterstützt diesen Eindruck. Überall sehe ich Frauen, Kinder, Familien. In Piräus, dem Hafen von Athen wurde ein improvisiertes Lager für mehrere tausend Menschen aufgebaut. Vor sehr vielen Zelten sind Kinderwagen zu sehen, Kinder laufen über die Hafen-Molen, Jugendliche spielen Volleyball zwischen den Lagerhäusern.

Der Friedhof der Flüchtlinge auf Lesbos. Grab für zwei unbekannte Mädchen. Bild: Michael Bonvalot

Der Friedhof der Flüchtlinge auf Lesbos. Grab für zwei unbekannte Mädchen. Bild: Michael Bonvalot

Dieser Eindruck wird durch die Zahlen bestätigt: das UN-Flüchtlingskommissariat UNHCR erfasst die Geschlechterverteilung und Herkunft der Menschen, die die Flucht in die EU geschafft haben. Von Beginn des Jahres 2016 bis Anfang Mai kamen in Griechenland 40 % Männer, 20 % Frauen und 38 % Kinder an. Ziemlich genau die Hälfte dieser Menschen stammt aus Syrien, ein Viertel aus Afghanistan, 16 % aus dem Irak und 4 % aus Pakistan. Es sind die Namen von Ländern, die untrennbar mit Krieg, Elend und existenziellen Problemen verknüpft sind.

Der Fokus der Medien auf junge Männer bedeutet aber auch, dass die Situation und die spezifischen Bedürfnisse von Frauen auf der Flucht oftmals in den Hintergrund rücken. Die Probleme sind vielschichtig: sexuelle Übergriffe, Menschenhandel und Gewalt sind enorm gefährdend. Hygienische Bedürfnisse können kaum oder gar nicht gedeckt werden. Die Versorgung und Ernährung der Kinder ist selten adäquat gewährleistet.

„Sehr viele Flüchtlinge werden von Menschenhändlern abgefangen und gleich in die Bordelle und zur Prostitution gebracht“, schildert etwa Lea Ackermann von der Wiener NGO „Solwodi“ gegenüber dem ORF. Sie habe bereits mit zwölfjährigen Mädchen zusammengearbeitet, die zur Prostitution gezwungen worden seien, so Ackermann.  Anfang Jänner 2016 berichtete die britische Zeitung „Observer“, dass die europäische Polizeibehörde Europol mindestens 10.000 Flüchtlingskinder vermisst.

Mindestens 10.000 Kinder und Jugendliche vermisst

Europol geht davon aus, dass unter den Flüchtlingen, die im Vorjahr den Weg in die EU geschafft haben, 27 % unbegleitete Kinder und Jugendliche seien. Ein Teil der vermissten Kinder könne sich bei Verwandten aufhalten, doch ein anderer Teil sei wohl unmittelbar Opfer von Menschenhändlern und sexuellem Missbrauch geworden, so Brian Donald von Europol. Die Zahl von 10.000 Vermissten sei dabei noch sehr zurückhaltend angegeben.

Auch İdil Gökber ist besorgt. Sie ist Aktivistin der NGO Halklarin Köprüsü (Brücke der Völker) in der türkischen Metropole Izmir. Die Millionen-Stadt an der Küste ist Ausgangspunkt für die meisten Flüchtlinge in der Türkei auf ihrem Weg über das Meer nach Griechenland. Die 38-jährige Lehrerin ist immer wieder mit Missbrauchs-Fällen konfrontiert: „Wir hören von zahlreichen Fällen von sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen, etwa durch die Menschen-Schmuggler, aber auch in den Camps.“

Die Behörden sind dann keine Hilfe, so Gökber: „Sollte eine Frau ihre Scham tatsächlich überwinden und zur Polizei gehen, dann hat das für die Betroffene wenig konkreten Nutzen. Die Polizei versteht ihre Sprache nicht und ist zumeist auch nicht an ihren Problemen interessiert.“

Laut Gökber ist die Verwaltung der Camps in vielen Fällen sogar selbst in die Übergriffe involviert. Vergewaltigungen durch die Aufseher seien keineswegs ungewöhnlich. Und auch die Schlepper beuten Frauen auf der Flucht oftmals sexuell aus: „Oft versprechen die Schmuggler billigen Transfer gegen Sex. Ebenso oft stellen sich diese Versprechungen dann aber als Lüge heraus“, so Gökber.

İdil Gökber: "Oft stellen sich Versprechungen als Lüge heraus." Bild: Michael Bonvalot

İdil Gökber: „Oft stellen sich Versprechungen als Lüge heraus.“ Bild: Michael Bonvalot

Gökber erzählt auch, wie in der Türkei immer mehr Frauen auf der Flucht in die Sex-Industrie abgleiten: „Wenn die Menschen keinen Job finden, dann sterben sie langsam. Für Frauen ist die letzte Alternative dann oft die Prostitution.“ Aufgrund ihrer Zwangslage müssen diese Frauen dann sogar noch die üblichen Preise für Prostitution in der Türkei unterbieten. „Eine türkische Prostituierte verlangt üblicherweise rund 100 Lira [umgerechnet rund € 30] für einmal Sex. Viele Frauen aus Syrien verkaufen sich schon ab 25 Lira für einen ganzen Tag“, berichtet die Aktivistin.

Durch die Prostitution und durch Vergewaltigungen kommt es auch immer wieder zu ungewollten Schwangerschaften, erzählt Gökber: „Es gibt dann zwar legale Abtreibungsmöglichkeiten, aber die 1500 Lira für die Abtreibung können sich dann nur wenige Frauen leisten.“ Selbstverständlich gibt es aber auch Schwangerschaften als Folge selbstbestimmter Sexualität. Verhütungsmittel allerdings sind rar.

Problem Hygiene und Verhütung

Auf der griechischen Insel Samos berichteten mir HelferInnen sogar, dass die Polizei sie im Flüchtlings-Lager an der Verteilung von Kondomen gehindert hätte. Begründung:  Durch die Verteilung von Kondomen würden die Menschen auf die Idee kommen, sexuelle Kontakte zu pflegen. Immer wieder wird in Medien ja hinterfragt, warum sich Menschen mit sehr kleinen Kindern auf die Flucht begeben. Weitaus seltener wird allerdings die Frage gestellt, ob diese Kinder nicht eventuell erst während der Flucht gezeugt wurden, weil es keinen Zugang zu Verhütungsmitteln gegeben hat und natürliche Verhütungsmethoden durch unregelmäßige Zyklen erschwert wurden.

Auch die speziellen hygienischen Bedürfnisse von Frauen werden oft kaum beachtet. İdil Gökber beklagt etwa das Fehlen von Binden und Tampons, aber auch von Toiletten – ein Problem, das Frauen deutlich mehr und häufiger betrifft als Männer. Die Bucht von Dikili an der türkischen Küste etwa ist einer der zentralen Abfahrts-Orte für Flüchtlinge am Weg auf die gegenüberliegende griechische Insel Lesbos. Zeitweise lagerten hier tausende Menschen zwischen Felsen und Bäumen und warteten auf ihre Überfahrt.

Zurückgelassene Schuhe in der Bucht von Dikili. Bild: Michael Bonvalot

Zurückgelassene Schuhe in der Bucht von Dikili. Bild: Michael Bonvalot

Der Toiletten-Gang oder die Versorgung der Periode müssen an solchen Orten auf offenem Feld oder hinter Büschen erledigt werden. Das ist nicht nur äußerst beschämend, sondern wirft auch hygienische Probleme auf und ist nicht zuletzt ein enormes Sicherheits-Risiko für die betroffenen Frauen.

Der Arzt Manos Logothetis berichtet auch von vielfältigen gesundheitlichen Problemen. Er ist auf der griechischen Insel Samos verantwortlich für die Versorgung der geflüchteten Menschen: „Wenn eine gesamte Bevölkerung auf der Flucht ist, so wie in Syrien, dann finden wir logischerweise auch alle Arten von Krankheiten. Das geht von Krebs über Diabetes bis zu seltenen genetischen Erkrankungen.“ Bei Frauen kommen Schwangerschaften, Geburt oder frauenspezifische Erkrankungen hinzu, die oft nur sehr mangelhaft begleitet oder behandelt werden können, so Logothetis.

Der Arzt sagt, dass die medizinische Versorgung der syrischen Bevölkerung eigentlich auf einem sehr hohen Niveau gewesen war. Ein zentrales Problem für die Zukunft sei allerdings, dass seit Ausbruch des Bürgerkriegs die Kinder nicht mehr geimpft werden: „Die Durchimpfungsrate sinkt auf ein problematisches Ausmaß. Es ist dringend notwendig, wieder mit den Impfungen der Kinder zu beginnen“, so Logothetis.

Der Arzt berichtet auch von der enormen Erschöpfung vieler Menschen auf der Flucht: „Ich hatte einmal einen Fall, wo Eltern bereits glaubten, dass ihr Kind tot war und völlig verzweifelt zu mir liefen. Tatsächlich aber war das Kind nur völlig übermüdet mitten auf der Straße eingeschlafen und für fast zwanzig Minuten einfach nicht mehr wach zu kriegen.“

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„Kinder müssen dringend geimpft werden“. Das Lager Moria auf Lesbos. Bild: Michael Bonvalot

Eine niederländische Aktivistin, die auf Samos die lokalen Organisationen unterstützt, wirft noch ein anderes Thema auf: „Wir haben im Lager viele Menschen, die entweder durch den Krieg oder die Flucht traumatisiert wurden oder bereits in ihrem Herkunftsland psychische Erkrankungen hatten. Die Flucht bedeutet natürlich enormen Stress, der nun etwa zum Ausbruch von Psychosen führt.“ Sie sorgt sich auch um das Wohl der HelferInnen: „Wir haben hier gerade einmal in der Woche für ein paar Stunden einen Psychiater. Das ist schlicht viel zu wenig. Und das kann natürlich auch potentiell zu sehr gefährlichen Situationen für uns selbst führen.“

Medizinische und pyschologische Betreuung fehlt

Beide berichten auch von Konflikten innerhalb der Lager. Manche Menschen kämen mit sehr konservativen Vorstellungen, andere seien genau vor diesen konservativen Vorstellungen geflüchtet. Aus Syrien kommen großteils Familien, aus Afghanistan und Pakistan sind es eher Männer, die auf der Flucht sind. Hier entstehen ganz normale Konflikte des Zusammenlebens, die allerdings in der Enge des Camps enorm verdichtet sind.

Die Flüchtlings-Lager sind ein zwangsweise zusammengepresster Querschnitt der Bevölkerung mehrerer Welt-Regionen. Es gibt unterschiedliche politische und gesellschaftliche Vorstellungen, es gibt scharfe politische Konfrontationen und es gibt Geschlechter- und Rollen-Konflikte. „Dass das alles nicht immer ohne Streit abgeht, ist ja vollkommen logisch“, so die niederländische Aktivistin.

Es werden aber dabei auch viele Vorurteile reproduziert, ergänzt Logothetis: „Jeden Sommer prügeln sich bei uns die jungen männlichen Touristen aus Großbritannien, Deutschland und den Niederlanden um irgendwelche Mädchen. Warum sollten Jungs aus Afghanistan, Pakistan oder Syrien anders sein?“

Frauen mit Kindern haben auf der Flucht nochmals spezifische Bedürfnisse. Es ist sehr schwierig, an Baby-Nahrung oder Windeln zu kommen, das Stillen wird durch Mangel-Ernährung erschwert und auch der Transport der Kinder ist ohne Kinderwagen ein enormes Problem. „Wir versuchen, diesen Mangel möglichst auszugleichen, etwa indem wir Milch und Windeln verteilen. Aber das alles ist natürlich viel zu wenig“, so İdil Gökber von der „Brücke der Völker“. Sie erwähnt auch noch ein anderes Problem:  „Wir haben sehr viele schulpflichtige Kinder, aber wir haben kaum Lehrpersonal.“

Menschen möchten sich schön fühlen

Jenseits der unmittelbaren Grund-Bedürfnisse gibt es aber natürlich auch noch legitime Bedürfnisse, die darüber hinausgehen und auch enorm wichtig für das Selbstwert-Gefühl und das Wohlbefinden sind. Menschen möchten sich gerne schön fühlen und hin und wieder ihre Haare richten, Frauen möchten sich vielleicht gerne einmal schminken. Menschen möchten nicht nur Kleidung tragen, sondern auch Kleidung, die ihnen gefällt und in denen sie sich wohl fühlen. Menschen möchten nicht nur Essen, sondern gerne auch etwas essen, was ihren Gewohnheiten entspricht und ihnen schmeckt. Menschen auf der Flucht sind eben keine Objekte, sondern konkrete Persönlichkeiten mit Wünschen, Vorlieben und Bedürfnissen.

Familien leben im Lager Piräus/Athen unter elenden Bedingungen.

Familien leben im Lager Piräus/Athen unter elenden Bedingungen. Bild: Michael Bonvalot

All diese Überlegungen liegen allerdings in weiter Ferne. Mit der Umsetzung des EU-Türkei-Deals werden jene, die die gefährliche Überfahrt übers Meer überlebt haben, zu einem großen Teil wieder abgeschoben werden. Gleichzeitig nimmt die Überwachung der Grenzen immer weiter zu, so kreuzt etwa zwischen Griechenland und der Türkei seit Februar ein NATO-Kriegsverband. Die Festung Europa schließt ihre Grenzen.

Im Flüchtlings-Lager in Piräus sehe ich ein junges Mädchen, sie trägt viel zu große Stiefel, in denen sie kaum gehen kann. Bei jedem Schritt berührt ihre Ferse neben der Sohle den Boden. Und dabei hat sie noch enormes Glück gehabt, denn sie hat die Überfahrt nach Griechenland überlebt. Laut UNHCR werden alleine zwischen Jänner und Ende Juli 2016 auf der Mittelmeer-Route über 3100 Menschen vermisst, täglich werden es mehr. Diese Zahl ist dabei noch äußerst unvollständig. Wenn ein ganzes Boot gekentert ist, gibt es oft niemanden mehr, der überlebt hat, um zu berichten. Jene, die es nicht geschafft haben, werden unter anderem am Friedhof von Kato Tristos verscharrt. An den Grenzen der Festung Europa mahnen die Toten.

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