„Die Situation in den Camps ist schlicht menschenunwürdig.“

Ein Gespräch mit Jannis Papadopoulos aus Thessaloniki über die Situation der Flüchtlinge in Griechenland, über Merkel und Faymann und warum Süßigkeiten verteilen nicht ausreicht.

Zur Person: Jannis Papadopoulos von der Antirassistischen Initiative Thessaloniki unterstützt seit September 2014 die Flüchtlinge in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze. Jannis, geboren 1958, ist seit seiner Jugend politisch aktiv und lebte viele Jahre in Deutschland. Heute arbeitet er als Reinigungskraft in einer Schule in Thessaloniki. Er lebt am Papier von rund € 500 im Monat, die Löhne werden allerdings nicht regelmäßig ausbezahlt, im letzten Jahr gab es gerade zwei Auszahlungen.  

Jannis Papadopoulos war auf Einladung von Connect Donaustadt in Wien und Linz. Wir führten unser Interview in Wien, während des dreistündigen Gesprächs klingelte immer wieder das Telefon, weil in Thessaloniki gerade etwas in der Unterstützungs-Arbeit zu organisieren war.

Jannis, wie ist die Lage für Flüchtlinge in Griechenland?

Papadopoulos_Jannis_2016_03_31_Bild_02Die Situation ist beschissener denn je. Nach dem EU-Türkei-Deal werden die Menschen in Gefängnisse und Camps geworfen und dann in die Türkei abgeschoben. Die Situation in den Camps ist schlicht menschenunwürdig. Es wurden einfach Zelte ohne Unterboden auf Äcker gestellt, beim ersten Regen versinken die Zelte im Schlamm.  Am Abend hat es oft nicht mehr als fünf Grad, es gibt aber keine Heizungen. Wir haben Camps, wo es für 3000 Menschen gerade einmal 10 Toiletten gibt.

Es ist absolut grausam, was hier passiert. Die meisten geflüchteten Menschen sind schon glücklich, wenn sie überhaupt etwas zu essen bekommen und ein Dach über dem Kopf haben. Wir selbst helfen auch in den Camps, obwohl wir der Meinung sind, dass niemand in ein solches Lager gehört.

In Idomeni an der Grenze zu Mazedonien halten sich derzeit (Anm: Anfang April 2016) 10.000 bis 12.000 Menschen auf und wissen nicht, wohin sie gehen sollen. Die Menschen haben Hunger. Wir haben fünf große Zelte für insgesamt 1200 Personen, viele müssen in der Kälte unter freiem Himmel schlafen.

Wer übernimmt die Versorgung der Menschen?

Der Großteil der Unterstützung erfolgt durch die sozialen Bewegungen. In Idomeni etwa organisieren die No Border Kitchen und lokale Gruppen bis zu 12.500 Mahlzeiten am Tag.

Sehr wichtig für uns ist auch die internationale Unterstützung. Vor Kurzem sind beispielsweise 200 Leute aus Italien angekommen, die viel Material für den Bau großer Zelte mitgebracht haben. Diese internationalen Brigaden sind eine große Hilfe.

Wir werden aber von der Polizei und auch der UNHCR behindert. Die Polizei bedroht die No Border Kitchen, es gab beispielsweise Hausdurchsuchungen in deren Räumen. Die UNO-Leute sind ahnungslos und überheblich. Sie kommen an, wollen Anweisungen erteilen, verstehen aber die lokalen Strukturen nicht. Einmal hatten wir 8500 Personen an einem Tag in Idomeni, die UNHCR hat aber gerade einmal 500 Portionen Essen zur Verfügung gestellt.

Warum hast Du begonnen, aktiv zu werden?

Ich bin 2010 zurück nach Griechenland gekommen. Ich war schon in Deutschland politisch aktiv, für mich war absolut klar, dass ich auch in Griechenland in den sozialen Bewegungen arbeiten werde. Kurz nach meiner Ankunft habe ich Lärm auf der Straße gehört. Als ich aus dem Fenster gesehen habe, habe ich einen Nachbarn gesehen, der im Müll gewühlt hat, er hatte nach Essen gesucht.

Als er mich gesehen hat, ist er weggelaufen. Ich habe ihn dann am nächsten Tag darauf angesprochen und ihm gesagt, dass Hunger kein Grund sei, sich zu schämen. Wir haben dann gemeinsam etwas zu essen für ihn organisiert. Für mich war das der Ausgangspunkt, mich bei der Solidaritätsküche in Thessaloniki zu engagieren.

Angefangen haben wir mit 30 Portionen an jedem Wochenende, jetzt kochen wir pro Wochenende ca. 280-300 Portionen. Am Beginn waren es vor allem sehr arme Leute, MigrantInnen und unsere GenossInnen aus den sozialen Bewegungen. Durch die Krise verbreitert sich jetzt der Kreis derer, die unsere Hilfe benötigen, es kommen beispielsweise immer mehr ältere Leute und natürlich immer mehr geflüchtete Menschen.

Für uns ist dabei sehr wichtig, dass wir nicht für die Leute arbeiten, sondern mit den Leuten gemeinsam. Die Menschen sollen ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen, unsere Gäste sollen involviert sein. Wir haben das in Thessaloniki auch wirklich gut geschafft, die meiste Arbeit machen mittlerweile unsere Gäste selbst.

Was für Aktivitäten macht ihr noch?

Wir wollen auch in Thessaloniki für eine positive Stimmung zu sorgen. Die Antiratsistiki Protovolia (Antirassistische Initiative) Thessaloniki veranstaltet beispielsweise seit 18 Jahren einmal im Jahr ein großes Festival gegen Rassismus und für soziale Gerechtigkeit. Über drei Tage hinweg nehmen rund 15.000 Menschen an den Konzerten und Workshops teil.

Wir arbeiten auch in einem großen sozialen Zentrum mit, wo viele politische und kulturelle Gruppen und Organisationen gemeinsam arbeiten. Da gibt es Veranstaltungen, Workshops, Theater-Aufführungen oder Solidaritäts-Partys, etwa zur Unterstützung für Betroffene von politischer Repression oder für Flüchtlinge.

Wann habt ihr erstmals begonnen, in Idomeni zu helfen?

Im September 2014 haben wir gehört, dass in Idomeni an der Grenze zu Mazedonien Flüchtlinge sein sollen. Wir sind dann dorthin gefahren und haben Wasser und Kleidung mitgenommen. Zuerst haben wir ca. 70-150 Leute gesehen. Als die Leute aber gemerkt haben, dass uns vertrauen können, haben sie uns erzählt, dass sich im Wald noch einige hundert weitere Leute verstecken.

Wir haben den Menschen geholfen und gemeinsam mit der Klinik der Solidarität aus Thessaloniki auch medizinische Versorgung organisiert. Viele Menschen hatten Probleme an den Füßen und Pilze, weil sie sich nicht ausreichend waschen konnten. Auch die Wasserversorgung war ein großes Problem, viele Menschen mussten Wasser aus Pfützen trinken.

In Griechenland regiert die „linke“ Syriza. Wie macht sich das bemerkbar?

Papadopoulos_Jannis_2016_03_31_Bild_04Syriza macht genau dort weiter, wo die vorherige ultrarechte Regierung ihre Arbeit beendet hat. Syriza führt die neoliberale Austeritätspolitik weiter. Sie geben etwa Lebensmittelmarken im Wert von € 70 aus, sie verwalten damit schlicht die Armut, anstatt sie zu bekämpfen.

Die Regierung unterstützt auch den Deal der EU mit der Türkei und führt selbst Abschiebungen durch. Aber es ist lächerlich, zu behaupten, dass sich die Regierung für Flüchtlinge einsetzt, wenn sie gleichzeitig einen solchen Deal unterschreibt.

Anstatt die Landgrenze zur Türkei zu öffnen, wird dort für Millionen Euro ein Grenzwall errichtet. Damit ist Syriza mitverantwortlich für die Menschen, die im Mittelmeer ertrinken. Es gibt leider auch genügend Beweise, dass die griechische Küstenwache Boote mit Flüchtlingen versenkt.

Teilweise gibt es sogar Videos, die das zeigen. Einmal gab es deshalb auch ein Gerichtsverfahren gegen Beamte der Küstenwache. Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren dann skandalöserweise eingestellt und gesagt, die Küstenwache hätte korrekt gehandelt. Die Regierung sagt nichts dazu und tut nichts dagegen.

Wie ist die Stimmung in der Bevölkerung?

Die große Mehrheit der Bevölkerung steht hinter der Hilfe für die Flüchtlinge. Die Stimmung bei den meisten Leuten ist: Wir überlassen diese Leute nicht ihrem Schicksal. Solange es irgendwie geht, werden wir helfen. Idomeni etwa ist eine sehr arme, ländliche Gegend. Dennoch sind viele Menschen sehr solidarisch, kochen oder stellen Waschgelegenheiten zur Verfügung.

Die Leute sehen die Hilfe für Flüchtlinge auch als einen Akt Widerstands gegen die Austeritätspolitik und den Verrat von Syriza. Wir sehen dabei oft, dass diejenigen am meisten geben, die selbst sehr wenig haben. Arme Leute unterstützen arme Leute und geben von dem, was sie eigentlich selbst nicht haben.

Können die FaschistInnen von der aktuellen Lage profitieren?

Die FaschistInnen der Goldenen Morgenröte versuchen natürlich ihre islamophobe Hetze. Aktuell stagnieren sie aber und können damit keine Zugewinne erreichen. Sie versuchen auch Falsch-Meldungen im Internet zu verbreiten, wir decken das auf. Vor ein paar Tagen haben sie einen Aufmarsch in Thessaloniki probiert, es waren gerade einmal 70 Leute, die von der Polizei geschützt werden mussten.

Natürlich gibt es immer wieder Probleme, etwa mit Mafia-Gruppen die die Unterkünfte von Flüchtlingen niederbrennen.  Das sind oft Schlepper-Banden, die die Flüchtlinge verunsichern wollen. Einige bereichern sich auch am Elend der Menschen. In Idomeni etwa besitzt ein Faschist eine Kantine und verlangt von den Flüchtlingen Fantasiepreise für Wasser und Essen.

Es gibt aber auch sehr absurde Situationen. In Thessaloniki hat eine Genossin von uns für Flüchtlinge gesammelt, die meisten in der Nachbarschaft haben etwas gegeben. Nach ein paar Tagen kam dann heimlich sogar der lokale Vorsitzende der Morgenröte und gab ihr ein paar Säcke mit Spenden. Ende März haben RassistInnen in Veria in der Nähe von Thessaloniki mit Schweineköpfen gegen die Flüchtlinge demonstriert. Nach ein paar Tagen haben sich einige von ihnen dann dafür entschuldigt.

Habt ihr Kontakte in andere Länder?

Geflüchtete Menschen werden weggesperrt. Bild: Auffanglager Röszke an der ungarisch-serbischen Grenze

Geflüchtete Menschen werden weggesperrt. Bild: Auffanglager Röszke an der ungarisch-serbischen Grenze

Wir haben sehr gute Kontakte zu GenossInnen in Mazedonien und Serbien. Unsere FreundInnen in Mazedonien sind auch sehr aktiv, beispielsweise konnten sie erreichen, dass ein Gefängnis geschlossen wird, wo Flüchtlinge von den Wachen beraubt, erniedrigt und vergewaltigt worden sind. Die mazedonische Polizei ist leider dafür bekannt, Flüchtlinge zu schlagen und auszurauben.

Wir haben übrigens auch den Eindruck, dass Mazedonien, wohl auf Zuruf der EU, bewusst Politik mit dem Öffnen und Schließen der Grenze macht. Beispielsweise sind die Grenzen unmittelbar vor den letzten Wahlen und vor dem Referendum im Juli 2015 geschlossen worden, wo über die EU-Austeritäts-Politik abgestimmt wurde.

Einige Male haben verzweifelte Menschen auch versucht, die geschlossenen Grenzen zu stürmen, die mazedonischen Sicherheitskräfte haben daraufhin Plastikmunition und Tränengas eingesetzt, es gab viele Verletzte.

Glaubst Du, dass es der EU gelingen wird, die Routen für Flüchtlinge dicht zu machen?

Das weiß ich nicht. Wir können nur dafür kämpfen, dass alle Menschen sicher da ankommen, wo sie gerne hin möchten. Klar ist aber, dass Griechenland auch überhaupt nicht dafür ausgerüstet ist, alle Asyl-Anträge entgegenzunehmen. Es gibt keine DolmetscherInnen, keine technischen Möglichkeiten, die Hotspots funktionieren nicht.

Ende März etwa ging ein neues EDV-System online, das gleich am ersten Tag kollabiert ist. Mit dem aktuellen Tempo würde es Jahre dauern, bis der letzte Asyl-Antrag bearbeitet ist.

Wie siehst Du die Politik von Deutschland und Österreich?

Ob Merkel die gute Tante spielt oder nicht, ist egal. Entscheidend ist, wie sie politisch handelt. Und es ist eindeutig, dass derzeit die Grenzen dicht gemacht werden. Faymann und andere ebnen den Weg in den Faschismus, sie haben aus der Geschichte nichts gelernt.

Entscheidend wird sicherlich sein, wie die politischen Aktivisten in Deutschland und Österreich handeln. Ein paar Decken und Croissants verteilen wird nicht reichen. Es geht darum zu kämpfen und den ganzen neoliberalen Mist zu beseitigen. Wir müssen gemeinsam und global über Kapitalismus und Imperialismus diskutieren und darüber, was wir gegen dieses System tun können.

Eine letzte Frage: woher schöpfst Du Deine Kraft?

Wenn mich ein Kind anstrahlt, weil ich ihm etwas schenken konnte, dann weiß ich, warum ich das hier mache.

Ich bedanke mich für das Gespräch!

 

 

 

 

 

Flattr this!

Kommentar hinterlassen zu "„Die Situation in den Camps ist schlicht menschenunwürdig.“"

Hinterlasse einen Kommentar