Wo die Guerilla regiert: Das Gazi-Viertel in Istanbul

An allen Hauswänden Symbole der Guerilla: Am Stadtrand von Istanbul sollte sich Präsident Erdoğan besser nicht blicken lassen. Eine Bildreportage.

Es ist nicht einfach, nach Gazi zu kommen. Eine U-Bahn, danach zwei verschiedene Busse, beide in der Stoßzeit so vollgestopft mit Menschen, dass es kaum möglich ist, sich zu bewegen.

Obwohl beide auf der europäischen Seite liegen, dauert es vom zentralen Taksim-Platz mindestens eine Stunde, um an den Stadtrand nach Gazi zu kommen. Gazi ist ein Teil des Bezirks Sultangazi, wo insgesamt rund eine halbe Million Menschen leben. Gazi gilt als Hochburg der verschiedenen linken Guerilla-Organisationen aus maoistischer und stalinistischer Tradition.

Kurdisch und alevitisch

Und es sind vor allem Angehörige der traditionell links stehenden religiösen Minderheit der AlevitInnen sowie der kurdischen Minderheit, die hier leben. An jeder Straßenecke hängen Plakate, stehen Parolen oder die Abkürzungen der verschiedenen Guerilla-Organisationen zu sehen. (Eine kurze Erklärung zu den verschiedenen Abkürzungen findet ihr am Schluss.)

Das türkische Militär bzw. die Polizei sind hier ausschließlich mit gepanzerten Fahrzeugen, etwa Wasserwerfer und Jeeps, präsent. Das scheint auch eine realistische Einschätzung der Lage. Denn es ist keineswegs ausgeschlossen, dass auf die bewaffneten Kräfte des Staates geschossen wird.

Gleichzeitig wirkt die Präsenz der Kräfte des Staates hier wie die Präsenz einer Besatzungsmacht. Am höchsten Punkt des Viertels steht eine große Kaserne, über ihr eine riesengroße türkische Fahne, die so als Symbol des Staates über dem gesamten Viertel weht.

Im Straßenbild sind die verschiedenen Guerilla-Gruppen extrem präsent. Wie stark der Einfluss in der Bevölkerung tatsächlich ist, ist schwer zu bemessen.

Wie groß ist der Einfluss der Guerilla?

Der Bürgermeister von Sultangazi, also dem größeren Bezirk, dessen Teil Gazi ist, gehört jedenfalls der Regierungspartei AKP an. Beim Referendum zur Einführung der Präsidialrepublik hat nach offiziellen Zahlen in Gesamt-Istanbul eine Mehrheit gegen den Präsidenten gestimmt. In Sultangazi stimmten gegen den Trend 61,4% für Erdoğan.

Allerdings bräuchte es sicherlich genauere Zahlen, um die verschiedenen Viertel von Sultangazi getrennt zu analysieren. Daneben sind in der Türkei Wahlfälschungen nicht unüblich und die legalen Arme der meisten Guerilla-Gruppen treten nicht zu Wahlen an. Dennoch ist das Bild eben keineswegs einheitlich

Am zentralen Markt etwa sind fast ausschließlich konservativ gekleidete Frauen mit Kopftuch und langem Mantel zu sehen. Frauen ohne Kopftuch sind eine auffallend kleine Minderheit. Gleichzeitig ist es gut möglich, dass auch konservativ auftretende Frauen hier bei Wahlen die pro-kurdische HDP wählen.

Schließlich gibt es auch innerhalb der Linken immer wieder Kritik an den verschiedenen Guerilla-Organisationen, insbesondere an der DHPK-C. KritikerInnen werfen ihr türkisch-nationalistische Abgleitflächen, Schutzgelderpressungen und rigides Vorgehen gegen Prostituierte und Drogenabhängige vor.

Unbestritten bleibt aber, dass stalinistische und maoistische Guerilla-Organisationen in Gazi tatsächlich über substantiellen Einfluss verfügen. Es ist ein widerständiges Viertel, wo sich Präsident Erdoğan besser nicht blicken lassen sollte.

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Zur Einordnung der Plakate, Namen und Symbole:

DHKP-C: Die Guerilla-Organisation „Revolutionäre Volksbefreiungspartei-Front steht in der Tradition von Che Guevara, beeinflusst vom Maoismus. Sie tritt auch als „Halk Cephesi“ (Volksfront) oder kurz Cephe auf. Die Grup Yorum ist eine Musikgruppe, die zur Halk Cephesi gehört.

ESP: Die „Sozialistische Partei der Unterdrückten“ steht der Untergrund-Organisation MLKP nahe. Sie kommt damit aus der Tradition der albanischen Spielart des Stalinismus von Enver Hoxha. Figen Yüksekdağ, die Co-Vorsitzende der HDP, also der linken pro-kurdischen Bündnispartei, ist die bekannteste Vertreterin der ESP. Aktuell sitzt sie im Gefängnis. Die Journalistin Meşale Tolu, über deren Fall ich hier für FM4 berichtet habe, steht ebenfalls der ESP nahe.

İbrahim Kaypakkaya: Das Bild des Mannes mit der Mütze ist in Gazi omnipräsent. Kaypakkaya war Mitbegründer der maoistischen TKP/ML und ihrer Miliz, der TİKKO. Er wurde 1973 nach seiner Verhaftung monatelang gefoltert und schließlich ermordet. Er genießt bis heute hohen Respekt in der türkisch-kurdischen Linken.

PKK und YDG-H: Linke kurdische Guerilla in der Türkei sowie in Syrien, dem Irak und dem Iran. Kommt aus stalinistischer Tradition. Sie gilt als wichtigste Kraft hinter der legalen Bündnispartei HDP. Die YDG-H (Patriotisch revolutionäre Jugendbewegung) ist die jugendorientierte Stadtguerilla der PKK.

TKP/ML und TİKKO: Türkische Kommunistische Partei/Marxistisch-Leninistisch und ihre Miliz, die Arbeiter- und Bauernbefreiungsarmee der Türkei. Maoistisch.

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