Leben wie im Gefängnis

Bild: Michael Bonvalot
[FM4] Im Flüchtlingslager Lesbos warten Menschen unter unzumutbaren Bedingungen auf eine ungewisse Zukunft.

Erstveröffentlichung: FM4, 15.06.2016

Wachtürme, hohe Mauern, doppelte Zäune, NATO-Draht – das Lager sieht aus wie ein Gefängnis. Rund 4000 Menschen leben hier im Camp Moria, dem wichtigsten Lager für Flüchtlinge auf der griechischen Insel Lesbos.

Angelegt war das Lager ursprünglich für rund 1.000 Personen. Es ist eng und es gibt nicht genug Platz für alle. Manche Menschen leben in großen befestigten Zelten, andere in kleinen Camping-Zelten unterschiedlichster Form und Größe. Es ist wahrscheinlich sogar ein Vorteil, in den kleineren Zelten zu leben, die nicht völlig überfüllt sind.

Zeltstadt Moria

Bild: Michael Bonvalot

Allerdings ist das gesamte Lager auf einem abschüssigen Hang errichtet und die kleinen Zelte stehen teilweise auf unebenem Untergrund. Bereits im Lager Samos, wo die Bedingungen ähnlich sind, berichtete ein Vater, dass er in der Nacht seine Kinder festhält, weil er Angst hat, dass sie sonst aus dem Zelt rollen könnten.

Herumkugelnde Kinder

Bild: Michael Bonvalot

Heiß und kaum Schatten

Ich beginne meinen Rundgang von außen um das Lager, die Atmosphäre wirkt bedrückend. Menschen sitzen ohne Beschäftigung herum, überall sind Kinder zu sehen, die Kleidung wird an den Stacheldraht-Zäunen zum Trocknen aufgehängt. Es ist heiß und es gibt kaum Schatten. Am höchsten Punkt des Abhangs haben lokale Geschäftsleute einen mobilen Imbissstand aufgebaut, durch den Zaun hindurch werden Essen und Getränke verkauft.

Frontex Container

Bild: Michael Bonvalot

Gleichzeitig gibt es hier auch Strom, um die Mobiltelefone aufzuladen. Sie sind eine der wichtigsten Habseligkeiten für die Menschen hier. Nur so ist es möglich, mit FreundInnen und Verwandten in Kontakt zu bleiben. Die Handys sind aber auch unumgänglich, um Informationen über die aktuelle Lage auf den verschiedenen Fluchtrouten zu erhalten.

Ich gehe weiter rund um das Lager und komme durch den Zaun mit Omar ins Gespräch, einem Lehrer aus Pakistan. Eigentlich können Journalisten das Lager nicht einfach betreten, doch Omar zeigt mir ein verstecktes Loch im Zaun. Bald sitzen wir in einem Zelt und reden miteinander, neben Omar sitzen noch zwei weitere Menschen aus Pakistan. Schließlich stößt noch ein dritter dazu, Hassan. Er hat Essen geholt, zeigt mir das Brot und scherzt: „Hart wie immer. Das könnten wir bestenfalls als Wurfgeschoss verwenden, wenn die Polizei uns wieder einmal angreift“.

Ein Typ hält ein Brot

Bild: Michael Bonvalot

„Bevor ich zurückgehe, ertrinke ich“

Die drei sagen, dass sie in Pakistan keinerlei Zukunft haben. Die gesamte Familie habe zusammengelegt, damit zumindest ein Familienmitglied die Chance auf ein besseres Leben hat. „Wir können nicht zurück, sehr viele Menschen hoffen auf uns“, sagt Hassan. Wir diskutieren über die europäischen Gesetze gegen Flüchtlinge und über die Gefahr, dass sie wieder abgeschoben werden. Omar ist sich der Probleme bewusst, doch er sagt: „Bevor ich zurückgehe, ertrinke ich lieber hier im Meer.“

3 Männer im Zelt

Bild: Michael Bonvalot

Wir verabschieden uns, ich verlasse das Lager durch den Zaun, nur um ein paar Meter weiter erneut eingeladen zu werden. Alan, ein junger Mann aus Syrien, bittet mich, ihn und seine Freunde zu besuchen. Es ist für die Menschen hier offenbar sehr wichtig, dass über die Situation im Camp berichtet wird. Wieder schlüpfe ich durch ein Loch im Zaun, die Kappe tief ins Gesicht gezogen, damit die Kameras mich nicht bemerken, mit denen das Lager überwacht wird. Wir sitzen nun in einem der Großraum-Zelte, um mich herum sind Menschen aus Syrien und dem Irak.

Bonvalot mit Menschen im Zelt

Bild: Michael Bonvalot

Mangelnde medizinische Versorgung

Die Flüchtlinge berichten mir von ihren Problemen im Lager. Hassan, ein Iraker, hat bei einem Bombenanschlag ein Bein verloren. „Ich habe eine Prothese und bräuchte dringend medizinische Versorgung. Doch als ich ins Zelt mit den Ärzten gegangen bin, bin ich einfach davon gejagt worden.“

„Ein großes Problem sind die Moskitos“, sagt ein anderer Mann. Kein Wunder, einige der Zelte stehen direkt neben einem Bach. Der Mann zeigt mir seine entzündeten Wunden und erzählt, dass es keine Möglichkeit gäbe, sie hier im Lager zu versorgen.

Duschen im Lager

Bild: Michael Bonvalot

Die medizinische Situation in den Lagern ist insgesamt sehr problematisch. Der Arzt Manos Logothetis, der auf der Nachbar-Insel Samos die medizinische Versorgung der Flüchtlinge organisiert, sagt: „Es fehlt an allem. Insbesondere aus Syrien ist eine gesamte Bevölkerung auf der Flucht. Wir haben hier also alles: von Diabetes über Krebs-Patienten bis zu seltenen genetischen Erkrankungen.“

Traumatisierte ohne psychiatrische Unterstützung

Logothetis berichtet auch über die psychiatrischen Krankheitsbilder: „Wir haben hier sehr viele Menschen, die durch die Flucht oder den Krieg traumatisiert sind oder die bereits mit psychiatrischen Erkrankungen die Flucht angetreten haben. Gleichzeitig haben wir keine ausreichenden Versorgungsstrukturen.“

Logothetis erwähnt schließlich noch eine weitere drängende Fragestellung: „Das syrische Gesundheitssystem war eigentlich sehr gut, Kinder wurden regulär geimpft. Durch den Krieg ist die Durchimpfungsrate aber auf ein gefährliches Maß gesunken. Wir müssen schleunigst beginnen, die Kinder in den Lagern zu impfen.“

Kinder in Moria

Bild: Michael Bonvalot

Die meisten wirken angeschlagen

Neben der mangelnden medizinischen Versorgung gibt es noch andere Probleme in den Lagern. Alan und seine Freunde berichten von schlechtem Essen, kalten Duschen und unzureichenden Hygieneeinrichtungen. Vielen steht die Frustration ins Gesicht geschrieben. „Es ist die Hölle hier“, sagt Alan. Eine Rückkehr ist allerdings auch nicht möglich, meint er. „In Syrien hatte ich jedes Mal Angst vor einer Bombe, wenn ich nur an einem Auto vorbei gegangen bin.“

A., ein Kurde aus dem Irak stimmt zu: „Ich habe jetzt drei Kriege miterlebt, ich kann einfach nicht mehr.“ Alan sieht für sich ohnehin keine Zukunft in Syrien: „Ich bin Atheist, ich glaube an die Wissenschaft. Wie könnte ich in einem Land leben, das von Religion zerfressen ist?“

Das Lager Moria von draußen

Bild: Michael Bonvalot

Immer wieder höre ich diese oder ähnliche Aussagen. Trotz der prekären Lage hier im Lager wollen die meisten lieber für ihr Bleiberecht kämpfen als freiwillig zurückzukehren. Der Großteil der Menschen im Camp kommt unmittelbar aus Konflikt- und Kriegsgebieten. Laut dem UN-Menschenrechtskommissariat UNHCR haben im Jahr 2016 rund 90.000 Menschen die griechische Insel Lesbos erreicht.
Der überwiegende Teil jener, die die gefährliche Überfahrt über das Wasser nach Griechenland antreten und überleben, stammt dabei aus den Kriegsgebieten in Syrien, Afghanistan und dem Irak, so die Organisation. 2016 kamen 90 Prozent aller Flüchtlinge in Griechenland aus diesen drei Staaten.

Frauen und Kinder besonders betroffen

Sanitäranlagen in Moria

Bild: Michael Bonvalot

Alan und einige andere führen mich schließlich durch das Lager. Wir müssen vorsichtig sein, meine Kamera wäre viel zu auffällig und wird im Zelt gelassen. Meine Begleiter fotografieren für mich mit dem Handy. Immer wieder bitten mich Eltern, ihre Kinder zu fotografieren und zu zeigen, wie sie hier leben müssen. Für die Kinder gibt es kaum Platz zu spielen. Die Sanitäranlagen sind völlig überlastet, es stinkt erbärmlich. Viele Menschen, mit denen ich rede, berichten davon, dass sie viel zu wenig zu essen bekommen.

Frauen haben auf der gesamten Fluchtroute besondere Schwierigkeiten. Ein Mangel an Toiletten ist für sie nicht nur eine hygienische Frage, sondern stellt auch ein akutes Sicherheitsrisiko dar. Die Gefahr von Übergriffen ist besonders hoch, wenn die Notdurft nicht in einem geschlossenen Raum verrichtet werden kann. Auch für Eltern mit Kindern braucht es ausreichend Platz und Ressourcen, um die Kinder in einer hygienischen Umgebung stillen, wickeln und versorgen zu können.

Auseinandersetzungen innerhalb des Lagers

Unter diesen Bedingungen ist es kein Wunder, dass auch die Spannungen unter den LagerbewohnerInnen zunehmen. Viele kommen direkt aus Kriegsgebieten und standen dort möglicherweise auf unterschiedlichen Seiten. Alle sind hier in einer psychischen Ausnahmesituation, viele sind vom Krieg und der Flucht traumatisiert.

Es gibt sprachliche und kulturelle Unterschiede zwischen den Menschen aus dem arabischen Raum, jenen aus Afghanistan und Pakistan und jenen aus subsaharischen afrikanischen Ländern. Familien haben andere Bedürfnisse als Alleinreisende. Frauen sind von Übergriffen bedroht. Durch die mangelnde Versorgung gibt es immer wieder Auseinandersetzungen um die Verteilung.

Zaun mit Aufschrift "No Border, No Nation"

Bild: Michael Bonvalot

Aktuell dürfen die Flüchtlinge nach einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofes von Griechenland das Lager verlassen. Wer Geld hat und die Fahrt in die nächste Stadt organisieren kann, kann sich also mit dem Lebensnotwendigsten versorgen. Gleichzeitig ist unklar, wie lange die Situation so bleibt.

Polizei räumt freie Lager

Die unabhängigen und freien Lager auf Lesbos, etwa das Camp rund um die „No Border Kitchen“, wurden in den letzten Wochen von der Polizei angegriffen und die Infrastruktur teilweise zerstört. Auch die Camps rund um Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze werden in diesen Tagen endgültig geräumt, wie die griechische Tageszeitung To Vima am 14. Juni berichtete.Die geflüchteten Menschen werden nach diesen Räumaktionen in die staatlichen Lager gebracht.

Mädchen auf der Straße

Bild: Michael Bonvalot

Im Gespräch mit lokalen FlüchtlingshelferInnen höre ich immer wieder die Vermutung, dass diese Räumungen ein zentraler Schritt für geplante spätere Abschiebungen in die Türkei sind. Diese Vermutung erscheint plausibel. Denn natürlich ist es einfacher, die im EU-Türkei-Deal vereinbarten Abschiebungen durchzuführen, wenn die Menschen, die deportiert werden sollen, bereits hinter Zäunen zusammengefasst sind.

Es ist allerdings davon auszugehen, dass diese Deportationen nicht ohne Widerstand über die Bühne gehen werden. Bereits jetzt organisieren sich die Flüchtlinge im Camp und es gibt immer wieder Aufstände gegen die Bedingungen im Lager.

Flattr this!

Kommentar hinterlassen zu "Leben wie im Gefängnis"

Hinterlasse einen Kommentar