Die „Kultur“ des Amokläufers

Bild: Cocoparisienne

In Baden bei Wien ist ein Mann mit einem Messer Amok gelaufen. Die Polizei schließt kulturelle oder religiöse Hintergründe sofort aus. Wie kommt sie darauf?

Fünf Menschen wurden teils schwer verletzt, als in der Nacht auf Donnerstag ein junger Mann in Baden bei Wien Amok gelaufen ist. Der Täter, der 19-jährige Adam H., soll seine 16-jährige Ex-Freundin sowie Freunde und Bekannte der jungen Frau verletzt haben. Auch ein 63-jähriger Passant, der helfen wollte, soll verletzt worden sein. Der Täter: Ein österreichischer Staatsbürger, laut Medien in Prag geboren.

Eine „Beziehungstat“, so schreiben es die meisten Medien. Ein keineswegs unproblematischer Begriff – ist das tatsächlich eine Form von Beziehung?

Ein „Unsriger“

„Nach derzeitigen Erkenntnissen können wir einen religiösen, einen terroristischen oder auch einen kulturellen Hintergrund zur Zeit ausschließen.“ Das erklärt Raimund Schwaigerlehner, Pressesprecher der Polizei Baden, gegenüber der Zeit im Bild. Die Polizei gibt so scheinbare Entwarnung. Ein Einzeltäter. Es gibt nichts zu sehen. Gehen Sie weiter.

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Doch, Moment mal. Religiöse oder kulturelle Hintergründe? Wir alle verstehen den Code. Was uns die Polizei damit tatsächlich sagen will: Es war kein „Muselmann“. Es war ein „Unsriger“ – mindestens ein Weißer, ein Christlicher. Damit: Religiöse oder kulturelle Hintergründe postwendend auszuschließen. Laut Polizei. Doch wie einfach macht es sich die Polizei damit eigentlich? Und wie rassistisch?

Adams und Ahmeds

Tatsächlich zeigt diese Erklärung einen tief sitzenden strukturellen Rassismus. Denn offenbar hat ein Täter namens Adam per se keinen religiösen oder kulturellen Hintergrund. Oder gesellschaftliche Wertvorstellungen. Den haben vermutlich nur Ahmeds.

Doch die Fakten sehen anders aus: Die Taten von Menschen sind nicht zuletzt durch ihre Wertvorstellungen erklärbar. Und die Wertvorstellungen von Menschen werden immer durch Umfeld und Sozialisation geprägt. Kultur und Religion spielen dabei naturgemäß eine wesentliche Rolle. Sogar jemand, der in Österreich atheistisch aufwächst, erfährt fast automatisch eine gewisse Prägung durch die katholische Kirche – sei es im Kindergarten, in der Schule oder im sozialen und verwandtschaftlichen Umfeld.

Woher stammen die Behauptungen der Polizei?

Der Polizeisprecher hat sein Interview mit der Zeit im Bild am Donnerstagabend gegeben. Doch eine erste Einvernahme des mutmaßlichen Täters sollte erst kurz davor, am Donnerstagnachmittag beginnen, schreibt der Kurier.

Woher also will der Polizeisprecher zu diesem Zeitpunkt bereits genau wissen, wie die Wertvorstellungen von Adam H. aussehen? Wie sich seine kulturellen und religiösen Hintergründe darstellen? (Denn nochmals: Die hat jeder.) Ob er beispielsweise strenggläubig katholisch ist oder ein zutiefst reaktionäres Frauenbild hat?

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Wer kann „Ehrenmörder“ sein?

Der Begriff „Ehrenmord“ wird medial immer dann verwendet, wenn es um Täter mit muslimischen Hintergrund geht.  Die strukturell-reaktionäre Komponente der Tat wird mit dem Begriff erfasst – auch wenn hier ebenfalls wieder die Unzulänglichkeit des Begriffs festgehalten werden muss: Der Mord an einer Frau ist keine „Ehre“.

Doch gleichzeitig wird diese strukturell-gesellschaftliche Komponente der Tat bei Tätern komplett ausgeblendet, die keine muslimischen Hintergrund haben. Da gibt es keinen „Ehrenmord“ im Boulevard. Und für dieses Messen mit zweierlei Maß gibt es einen simplen Begriff: Rassismus.

Extrem rechte Täter

Gerade bei Amokläufern in Österreich und international sehen wir dagegen tatsächlich immer wieder, dass im Hintergrund eine extrem rechte Gesinnung der Täter vorhanden ist. Also ein kultureller Hintergrund. Kein Zufall: in diesen Kreisen gibt es ein gewisses Menschenbild, es gibt eine Affinität zu Waffen und Gewalt.

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Wohlgemerkt: Rechtsextremismus ist kein – zweifelhaftes – Privileg von ÖsterreicherInnen. Menschen mit Migrationshintergrund können gleichermaßen extrem rechte Einstellungen haben. Die Herkunft ist hier also nicht entscheidend, es sind die Wertvorstellungen.

In Österreich war diese einschlägige rechte Gesinnung etwa beim immer noch gesuchten mutmaßlichen Doppelmörder Friedrich Felzmann ebenso vorhanden wie beim Amokläufer von Nenzing in Vorarlberg im Jahr 2016. Auch da schrieben Medien übrigens von einem „Beziehungsstreit“.

Die Wurzeln der Gewalt

Straftaten können niemals unabhängig von der Sozialisation der Täter betrachtet werden, also von ihrem kulturellen oder religiösen Hintergrund. Warum ich mir diese Expertise erlaube? Ich habe viele Jahre als Sozialarbeiter gearbeitet und bin bis heute ehrenamtlicher Bewährungshelfer. Ich arbeite also mit Straftätern.

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Der Beziehungstäter etwa, auch wenn er scheinbar spontan handelt, hat zumeist bestimmte Wertvorstellungen. Die Frau ist in seinen Augen sein Eigentum, das sich ihm entziehen oder nicht hingeben will – eine enorme narzisstische Kränkung. Und der Täter, der eine Frau verletzt, hat in den meisten Fällen nicht zum ersten Mal Gewalt gegen eine Frau angewendet.

Wir können uns Gewalt gegen Frauen dabei in den meisten Fällen wie eine immer enger werdende Spirale vorstellen: Zuerst ist die Gewalt oft psychisch, etwa durch Erniedrigungen oder das Verbot von Kontakten mit anderen. Dann wird die Gewalt körperlich und infolge zumeist zunehmend brutaler. Irgendwann folgt die Waffe -und im schlimmsten Fall der Mord.

Der blinde Spiegel und die Kultur der Gewalt

Das alles müsste eigentlich auch ein Polizeisprecher wissen. Er müsste wissen, dass Täter keine leeren Schablonen sind, sondern Menschen mit Wertvorstellungen. Also mit kulturellen und religiösen Hintergründen. Doch wenn der Polizeisprecher von Baden bei einem offenbar nicht-muslimischen junger Mann von solchen Hintergründen sprechen würde, würde er ja der österreichischen, weißen, christlichen Mehrheitsgesellschaft einen Spiegel vorhalten.

Dann müssten wir darüber sprechen, welche „Kultur“ der Gewalt gegen Frauen unter vielen weißen und christlichen Staatsbürgern immer noch allgegenwärtig ist. Dann müssten wir von den strukturellen Frauenverachtung in weiten Teilen der österreichischen Gesellschaft reden.

Da ist es doch weit einfacher, all diese gesellschaftlichen Hintergründe komplett auszublenden. Bis wieder mal ein Ahmed kommt.

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