Pro: Geisterspiele sind Scheiße – aber was ist die Alternative?

Bild: Jorono

Die Ligen setzen auf Geisterspiele, viele Fan-Szenen protestieren wütend. Doch welche sinnvolle Alternative gibt es im Kapitalismus – ohne, dass die Vereine zusammenbrechen?

Niemand, der Fußball liebt, kann Geisterspiele lieben. Ohne Fans im Stadion wirken sogar Spitzenspiele wie ein Trainingskick – das Cup-Finale in Klagenfurt zwischen Red Bull Salzburg und Austria Lustenau war bereits ein äußerst warnendes Beispiel. (Sehr böse Zungen würden eventuell hinterfragen, ob bei dieser Paarung die Stimmung wesentlich rasanter gewesen wäre, falls ZuschauerInnen erlaubt gewesen wären.)

Bereits Ende April hatten sich die meisten wichtigen österreichischen Fanszenen in einer gemeinsamen Stellungnahme zum Thema Geisterspiele zu Wort gemeldet (Hier könnt ihr das Statement bei den FreundInnen der Friedhofstribüne des Wiener Sportclub lesen). Es ist ein starkes Statement, klar in seiner Ausrichtung gegen den modernen Fußball, den Kommerz und letztlich – auch wenn das K-Wort nicht vorkommt – gegen die Profit-und Verwertungslogik des Kapitalismus im Fußball.

Der hässliche Spiegel

Der moderne Männerfußball wird völlig zu Recht als „Milliarden-Geldmaschinerie und Spielwiese für einige Reiche“ kritisiert, die nur fortbestehen könne, wenn sie um jeden Preis am Laufen gehalten würde. Der Profifußball hätte sich in den letzten Jahrzehnten „auf eine unheilige Allianz aus windigen Investoren, TV-Vermarktung und unseriösen Spielerberatern eingelassen“.

Auch der Liga wird der hässliche Spiegel vorgehalten: Es sei doch etwas absurd, wenn nun gerade jene mit dem Interesse der Öffentlichkeit an einer Liga-Fortführung argumentieren, die zuvor den Fußball ins Pay-TV verschoben hatten. „Wieder nichts mit Massenphänomen und gesellschaftlicher Verantwortung. Die Abo-Zahlen des Rechteinhabers werden aber wenigstens dort die Kasse klingeln lassen. Wir gratulieren“, schreiben die Fanszenen.

Wie lange würden die Vereine überleben?

All das stimmt – und die Fanszenen haben mit ihrem Statement treffsicher die Finger auf die wunden Stellen des modernen Fußballs gelegt. Doch reden wir an dieser Stelle auch ernsthaft über die Alternativen.

Österreichs Fußball muss sein Homophobie-Problem lösen

Markus Kraetschmer, Vorstandsvorsitzender der Wiener Austria, sagt Anfang Mai gegenüber dem Boulevardblatt Krone, „dass wir einen Saisonabbruch nicht überleben würden“. Christoph Peschek, sein Gegenüber vom Lokalrivalen Rapid, meint, dass die Hütteldorfer zwar noch etwas mehr Luft hätten. Doch auch Peschek sagt: „Dauerhaft wird so aber kein Klub überleben.“ Wohlgemerkt: Wir sprechen hier von den beiden Vereinen in Österreich, die nach den Dosen aus Salzburg mit Abstand das höchste Budget haben.

Wer zahlt, schafft an

Kein Verein, der heute Profi-Fußball betreiben will, kommt ohne Sponsoren aus. Zumeist sind es private Konzerne, die im besseren Fall „nur“ Eigeninteressen haben. Das führt dann etwa bei Rapid zu Absurditäten wie einem eigenen Handytarif – der zufällig im Eigentum der Telekom-Firma des ehemaligen Vereinspräsidenten Michael Krammer steht.

Zieht Fußball besonders viele Arschlöcher an?

Im schlechteren Fall wollen diese Konzerne über ihr Sponsoring primär politischen Einfluss gewinnen. Austria und Rapid sind dafür die besten Beispiele. Bei den Violetten etwa zahlt der umstrittene regierungsnahe russische Energiekonzern Gazprom enorme Summen für den Nachwuchs (Hier könnt ihr lesen, warum Gazprom die Austria sponsert). Bei der grün-weißen Konkurrenz hat der Eurofighter-Konzern EADS über Jahre stillschweigend Millionen bezahlt – mutmaßlich, um die SPÖ zu beeinflussen.

Das Elend der Sponsoren

Ebenfalls nicht gänzlich unproblematisch sind Sponsorings durch staatliche oder staatsnahe Betriebe. Oft sind das zwar tatsächlich primär indirekte Vereinsförderungen – gleichzeitig wird damit aber immer auch ein Stück politischer Einfluss gekauft.

Solche Sponsorings sind bei vielen österreichischen Vereinen üblich: Bei den Wiener Großvereinen Austria und Rapid sind es die Wien Holding und Wien Energie. Beim LASK ist es die Energie Oberösterreich, bei Sturm die Energie Graz und die Grazer Holding. Sogar Red Bull Salzburg im Eigentum des rechtsdrehenden Brause-Milliardärs Dietrich Mateschitz wird vom Salzburger Verkehrsverbund co-gesponsert.

In Hinblick auf die Existenz der Vereine trotz Corona-Pause sind diese Sponsorings aus öffentlicher Hand aber noch die geringste Sorge: Diese Gelder werden wohl jedenfalls weiter fließen.

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Doch wenn die Sponsorings keinen politischen Hintergrund haben, sind sie vertraglich zumeist an bestimmte Bedingungen geknüpft. Vor allem ist das die Präsenz von Logos bei TV-Übertragungen, dazu kommt die Werbung im Stadion. Wenn diese Gelder nicht mehr fließen, bricht das System zusammen.

Wahnwitzige Summen

Für alle Vereine der oberen Ligen machen zusätzlich die TV-Geldern einen immer wesentlicheren Teil des Budgets aus. Verschärft wird diese Situation durch internationale Wettbewerbe. Sobald die Fernsehübertragungen einer Liga für wahnwitzige Summen hinter einer Paywall verschwinden, löst das einen zwangsläufigen Nachahmereffekt aus.

Warum die österreichische Bundesliga immer drittklassig bleiben wird

Wenn die Ligen anderer Länder nicht nachziehen, werden ihre Vereine bei internationalen Auftritten kaum mehr konkurrenzfähig sein. Auch hier gilt: Wenn die TV-Gelder, die fix budgetiert sind, auf einmal nicht mehr fließen, brechen die Strukturen der Vereine zusammen.

Es gibt keine Inseln im Kapitalismus

Die großen Vereine haben sich schon lange in die Geiselhaft von TV-Geldern und Sponsoren begeben. Unter kapitalistischen Bedingungen sind dazu auch keine Alternativen in Sicht – solange sie im Konzert der großen mitspielen wollen. Auch Vereine mit einem linken Image wie der FC St. Pauli sind keine revolutionären Inseln, sondern letztlich stinknormale kapitalistische Betriebe.

Das gilt übrigens keineswegs nur für die obersten Ligen: Ein gutes Beispiel dafür ist der Wiener Traditionsverein Vienna mit seinen bekannt linken Fans. Seinen letzten Finanz-Crash im Jahr 2017 überlebte der Verein ausschließlich durch ein massives Sponsoring des äußerst ÖVP-nahen Versicherungskonzerns Uniqa.

Pest und Cholera

Für fortschrittliche Fans bedeutet das letztlich die Wahl zwischen Pest und Cholera: Entweder ihr Herzensverein spielt in Liga 5, 6 oder 7 einen Kick, der kaum anzusehen ist. Mit lokalen Gegnern, die nur den eingeweihtesten Fans bekannt sind.

Wie brauchbar sind die Austria- und Rapid-Statements zu Rechtsextremismus?

Oder sie akzeptieren zähneknirschend Konzerne als Sponsoren und die Macht der TV-Gelder. Seien wir übrigens ehrlich: Auch die meisten linken Fans freuen sich, wenn ihr Verein einen dicken Sponsor-Fisch an Land zieht und damit in Spieler und Infrastruktur investieren kann. Wer aber diese Logik akzeptiert, wird letztlich auch Geisterspiele als Konsequenz dieser Logik akzeptieren müssen.

Daneben sollten wir auch noch über etwas anderes nachdenken: Die Fan-Szenen, das sind Fans, die so gut wie jede Woche ins Stadion sind. Für sie sind Geisterspiele im Fernsehen – völlig nachvollziehbar – eine inakzeptable Alternative. Doch was ist mit jenen Fans, die nicht regelmäßig im Stadion sind? Was ist mit jenen Fans, die sich auch bisher Spiele des Öfteren im Fernsehen angesehen haben und bereits begierig auf Spiele ihres Lieblingsvereins warten?

Ein Anstoß gegen den modernen Fußball

Dennoch: Die Fan-Szenen sprechen mit ihrem Statement gute und wichtige Punkte an. Es kann und sollte ein Anstoß sein, insgesamt über den modernen Fußball und die Verwertungslogik des Kapitalismus zu sprechen. Gleichzeitig sollten die Fans in allen Ligen zumindest bestimmte Mindestforderungen stellen.

Die wichtigste ist aktuell zweifellos, dass alle Spiele ohne Bezahlschranken im Free-TV verfügbar sind. Denn wenn wir die unfassbar nervigen Geisterspiele schon schlucken müssen, sollten wir zumindest die Möglichkeit haben, sie auch zu sehen.

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