Flüchtlingshelfer*innen am Wiener Hauptbahnhof erheben schwere Vorwürfe

Der Wiener Hauptbahnhof am 09.03.2022. Bild: Michael Bonvalot

Ukrainische Flüchtlinge am Hauptbahnhof stehen vor der geschlossenen Notschlafstelle: ÖBB und Caritas behaupten, es gäbe keinen Bedarf. Es fehlen Ärzt*innen. Die Anlaufstelle am Austria Center ist überhaupt zu. 

Der Wiener Hauptbahnhof heute Vormittag. In der gesamten Bahnhofshalle stehen, sitzen und liegen geflüchtete Menschen aus der Ukraine. Einige stellen sich um Essen an, andere warten in einer langen Schlange vor dem Schalter der ÖBB. Zahlreiche geflüchtete Menschen sitzen auf unbequemen Metallbänken in der Wartehalle. Frauen, Kinder, Männer, ältere Menschen. Viele sehen abgekämpft und erschöpft aus. Es ist offensichtlich, dass sie dringend Ruhe benötigen.

Direkt am Bahnhof würde es einen Platz geben, wo sie diese Ruhe bekommen könnten. Genau hinter den Wartebänken gäbe es für die ukrainischen Flüchtlinge eine Halle mit rund 50 Notschlafbetten. Die Tür zur Halle ist unversperrt, als ich sie öffne, sitzt drinnen eine Mitarbeiterin der Caritas. Doch die ukrainischen Flüchtlinge dürfen die Halle tagsüber nicht benützen. Das bestätigen mir unabhängig voneinander mehrere Mitarbeiterinnen der Caritas. Die katholische Organisation ist derzeit für die Betreuung vor Ort zuständig.

„Frauen wickeln ihre Kinder im Sitzen“

Der Hilferuf hatte mich heute früh erreicht. Eine Helferin schreibt mir: „Laufend kommen Menschen aus der Ukraine an. Wir wissen woher und in welchem mentalen und körperlichen Zustand. Sehr viele Kinder, Frauen, auch immer mehr alte Menschen. Viele wollen bekanntlich weiterreisen. Oft geht der Zug aber erst in ein paar Stunden. Sie sitzen dann in den Wartehallen. Sitzen. Wickeln ihre Kinder im Sitzen. Versuchen, ihren Kindern auf Koffern und Rucksäcken ein Lager zu bauen. Umklammern ihre Koffer nach vorne gebeugt.“

Wiener Hauptbahnhof am 09.03.2022. Im Hintergrund der Eingang zum Notschlafquartier. Bild: Michael Bonvalot

Und genau dahinter würde sich der „in den Medien immer wieder hochgepriesene Schlafsaal der ÖBB in Zusammenarbeit mit der Caritas“ befinden. Sie hätte bereits beobachtet, wie älteren Menschen, die hilfsbedürftig waren, die Tür vor der Nase geschlossen wurde.

Offener Brief der Helfer*innen an die Stadt Wien

Helfer*innen vom Hauptbahnhof gehen mit ihrer Kritik jetzt auch an die Öffentlichkeit. Xenia Ostrovskaya erzählt mir, dass sie seit vergangenem Freitag jeden Tag am Hauptbahnhof als freiwillige Helferin für die ukrainischen Flüchtlinge arbeiten würde. Die Russin, die seit mehreren Jahren in Wien lebt, sagt, dass die Strukturen vor Ort völlig unzureichend wären: „Aktuell kommen in der Nacht Züge mit 400 bis 500 Menschen an. Doch von der Caritas sind in der Nacht vielleicht drei Personen vor Ort.“ Die würden tun, was sie könnten, aber: „Das reicht einfach nicht.“ Besonders kritisieren sie und andere Helfer*innen, dass es keinerlei ärztliche Versorgung vor Ort geben würde.

Die Helfer*innen haben inzwischen auch einen offenen Hilferuf an die Stadt verfasst, der mir vorliegt. Darin schreiben die Freiwilligen: „Viele der Ankömmlinge haben Durchfall, Kopfschmerzen, sonstige Beschwerden und niemand von uns kann / darf Medikamente verteilen, zumal niemand eine Diagnose stellen kann oder in schwerwiegenden Fällen medizinisch weiterhelfen könnte.“ Es würde sofort ärztliches Personal benötigt.

Die geschlossene Tür der Notschlafstelle. Bild: Michael Bonvalot

Dazu würde auch Infrastruktur zum Transport der geflüchteten Menschen fehlen. „Teilweise kommen Menschen aus Dörfern an, die noch nie in einer Großstadt waren, keine lateinischen Buchstaben lesen können und nicht Englisch können. Am Hauptbahnhof wird ihnen dann gesagt, sie sollten mit der U-Bahn in der zweiten Bezirk fahren“, so Ostrovskaya. „Die Menschen sind komplett überfordert. Wir brauchen dringend Shuttlebusse.“

Sie und andere Helfer*innen aus der Ukraine, aus Russland, aus Belarus, aus Tschetschenien und aus Österreich würden die Menschen derzeit mit ihren Privatautos zur Anlaufstelle in den zweiten Bezirk bringen. Die Helfer*innen stünden inzwischen an ihren Grenzen. Auch an Übersetzungskapazitäten würde es überall fehlen. In ihrem offenen Brief fordern die Helfer*innen zusätzliche offizielle Übersetzer*innen. „So geht es nicht mehr weiter, wir sind bereits völlig erschöpft“, so Ostrovskaya. Dazu fordern die Helfer*innen auch den Ausbau der Notschlaf-Kapazitäten am Hauptbahnhof.

„Es gibt keinen Bedarf zum Ausruhen“

ÖBB-Sprecherin Gabi Zornig bestätigt, dass die Notschlaftstelle am Hauptbahnhof ein reiner Nachtschlafraum wäre, der ausschließlich zwischen 22 Uhr und 8 Uhr früh geöffnet sei: „Das ist mit der Caritas so vereinbart.“ Es gäbe keine Möglichkeit für echte Quartiere, die Caritas hätte auch nicht um weitere Räume gebeten. Nachdem ich meine Eindrücke von der Lage vor Ort schildere, sagt Zornig, dass alle ankommenden Flüchtlinge weiter reisen oder anderswo untergebracht würden: „Es gibt keinen Bedarf zum Ausruhen“, so die ÖBB-Sprecherin.

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Bei der Caritas wird bestätigt, dass die Halle derzeit geschlossen sei. „Der Raum wird um 23 Uhr geöffnet“, so Sprecherin Melanie Wenger-Rami. Die ÖBB hatte zuvor von 22 Uhr gesprochen. Auf meine Nachfrage bezüglich der Situation vor Ort sagt die Caritas-Sprecherin, darauf würde „eingegangen werden“.

Anlaufstelle Austria Center „wegen Überlastung“ geschlossen

Die medial angekündigte Anlaufstelle der Stadt Wien im Austria Center in der Donaustadt ist währenddessen heute überhaupt geschlossen. Dort findet sich einzig ein Schild mit der Aufschrift in russischer Sprache: „Liebe Gäste, Aufgrund der Überlastung bleibt unsere Einrichtung für heute geschlossen. Bitte kommen Sie an den folgenden Tagen wieder. Danke für das Verständnis!“

Austria Center, 09.03.2022

Einzig zwei Männer stehen dort, die Flugblätter verteilen. Auf denen wird der Weg zur Anlaufstelle im zweiten Bezirk beschrieben. Als eine Gruppe ukrainischer Flüchtlinge fragt, was sie tun sollten, antworten sie auf Deutsch, die Gruppe solle nochmals morgen vor 8 Uhr früh kommen. Es würde sich um die Zeit schon stauen und es könnten nur 300 Familien täglich registriert werden.

Xenia Ostrovskaya sagt, dass sie den Eindruck hätte, dass die Stadt Wien die Situation aktuell völlig unterschätzen würde. Ihr dringender Appell an die Behörden: „Es gibt keine Zeit mehr. Es muss gehandelt werden. Jetzt!“

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