Soll die Öffnung der Pfandleihen die neue Sozialpolitik sein?

ÖVP und Grüne erlauben nach der Corona-Schließung die Wiederöffnung der Pfandleihen. Wenn das als Fortschritt und Hilfe verkauft wird, läuft etwas gewaltig schief.

„Eigentlich geht es um Menschen die ihr Zeug versetzen müssen damit sie an Geld kommen. Wissen viele nicht, dass das für manche Menschen relevant ist“, schreibt die grüne Klubchefin Sigi Maurer auf Twitter. Als die Kritik lauter wird, setzt sie nach: Es gäbe eine „Verachtung gegenüber den Leuten die das brauchen und eine Einbildung, irgendwem ginge es besser wenn sie weiter zu wären.“ (Die Tweets sind inzwischen gelöscht.)

Doch geht es hier wirklich um Verachtung? Bei uns in der Familie gibt es ein Erbstück, einen Ring aus dem Jugendstil. Für mich hatte dieser Ring schon als Kind eine sehr große emotionale Bedeutung: Ich wuchs bei meiner geliebten Großmutter auf, es war das Schmuckstücke das sie immer trug. Das mit dem „immer“, das stimmt allerdings nicht so ganz.

Denn tatsächlich wanderte dieser Ring mit enormer Häufigkeit ins Dorotheum. Das ist die bekannteste Pfandleihe in Österreich mit zahlreichen Filialen. Kurz: Das Pfandl, wie wir WienerInnen sagen. Meine Großmutter hatte eine sehr kleine Pension, das Geld reichte nie. Mindestens zwei Mal im Jahr mussten wir also den Weg ins Dorotheum antreten.

Dein Stolz, den hast ins Pfandl tragen

Dort wurde der Ring geschätzt und wir bekamen etwas Geld – enorm viel war es nicht, der Ring wäre heute wohl um die 1500 Euro wert (und wird sicher nie verkauft!). Doch die Summe reichte, um die Miete zu zahlen, den Strom, die Lebensmittel. Und mit dem Extra-Urlaubs- und Weihnachtsgeld wurde der Ring dann wieder heimgeholt. Meine Großmutter hat es jedesmal geschafft.

Ich weiß also sehr gut, was der Weg ins Pfandl bedeutet. „Dein Stolz, den hast ins Pfandl tragen“, singen André Heller und Helmut Qualtinger in ihrem wunderbaren „Wean, Du bist a Taschenfeitl“ (Wien, Du bist ein Taschenmesser). Und genau so war und ist es.

Der Stolz des Proletariats, der wird in der Pfandleihe abgegeben. Es sind sehr oft persönlich wichtige Gegenstände, die verpfändet werden. Und im Pfandl vermischen sich dann die Emotionen: Die Scham, ins Pfandl zu müssen. Das Zittern, wieviel Geld es für die Pfandgüter gibt. Die Hoffnung, dass es genug für die Rechnungen sein wird.

Und, ja, für viele betroffene Menschen ist die Öffnung der Pfandleihen aktuell tatsächlich wichtig. Sehr viele Menschen sind neu arbeitslos geworden oder müssen Mindestsicherung beantragen. Andere leben schon länger am Rande des Existenzminimums oder darunter und brauchen dringend Geld. Für PensionistInnen, die schon länger kaum genug zum Leben gibt, ist jetzt die Zeit, wo das Extra-Weihnachtsgeld ausgeht.

Das muss auch anders gehen!

Doch: Ist das wirklich die Sozialpolitik, die wir uns wünschen? Ist das der soziale Fortschritt, den wir 2020 einfordern? Es gäbe einige sehr offensichtliche Maßnahmen, um diese Probleme in den Griff bekommen: Eine deutliche Erhöhung der Arbeitslosengelder, der Notstandshilfe, der Mindestsicherung und der Pensionen. Mietzinsbremsen. Machbare Schuldenregulierungen und Privatkonkurse.

Geld ist genug da: Allein die 100 reichsten Familien in Österreich besitzen rund ein Viertel des gesamten Vermögens. Es ist also eine Frage der Verteilung. Wenn diese Verteilungsfrage gelöst ist, dann müssten die Menschen ihren Stolz auch nicht mehr im Pfandl abgeben.

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