Das Nazi-Problem der Wiener Austria

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[VICE] Die Wiener Austria hat ein Problem mit rechtsextremen Fangruppen. Wir haben uns die violette Fanszene genauer angesehen.

Erstveröffentlichung: VICE, 13.12.2016

Rom, 20. Oktober 2016. Die Wiener Austria spielt im Olympia-Stadion gegen AS Roma. Die „Veilchen“ aus Wien-Favoriten schlagen sich beachtlich und können einen 1:3 Rückstand in den letzten Minuten noch in ein 3:3 verwandeln. Doch während am grünen Rasen sportlich gekämpft wird, haben Rechtsextreme in der Kurve der Austria andere Pläne.

Bereits vor Beginn des Spiels befestigen einige Personen am Zaun vor dem Sektor der Violetten aus Wien-Favoriten eine sogenannte Reichskriegsflagge. Diese Flagge ist in Neonazi-Kreisen seit vielen Jahren als Symbol und Erkennungsmerkmal in Gebrauch. Während des gesamten Spiels wird die Reichskriegsflagge zentral vor der Austria-Kurve hängen, gut sichtbar sowohl im Stadion wie auf den Fernsehbildern.

Die Flagge selbst ist im Design der Austria gehalten, rechts unten prangt das Wort „Unsterblich“. Es ist gleichzeitig der Name der bekanntesten Nazi-Gruppierung im Anhang der Wiener.

Credit: Ostkurve statt Ustkurve

„Wir waren nicht überrascht, dass so etwas passiert“, sagt Andreas, Redakteur der Plattform „OSTkurve statt Ustkurve“, die seit mehreren Jahren über die Neonazi-Problematik bei der Austria recherchiert und berichtet. „Bereits im Vorfeld haben wir Berichte bekommen, dass Neonazis das Spiel in Rom als Bühne nutzen wollen.“

Andreas erzählt auch von weiteren Vorkommnissen in Rom: „An verschiedenen Plätzen wurden Sticker mit SS-Totenköpfen und Austria-Logo geklebt. Im Stadion waren es dann unter anderem rassistische Aufkleber der Identitären“, so der langjährige Austria-Fan.

Rosa, ebenfalls Redakteurin der Plattform, erzählt von der schwierigen Situation in Rom: „Rund um die Fahne war eine größere Gruppe von Neonazis. Das Banner runter zu holen hätte wahrscheinlich eine Massenschlägerei bedeutet.“ Nach dem Spiel feierten die Spieler der Austria mit den Fans vor dem Sektor. Das ist üblich und wird auch erwartet. „In Rom bedeutete das allerdings, dass Präsident, Trainer und Spieler direkt vor einer Reichskriegsflagge Party machten“, kritisiert Rosa.

Rechtsextremismus unter Fußballfans ist kein neues Phänomen. In Österreich und Deutschland versuchten Neonazis vor allem in den 1980er und frühen 1990er Jahren, unter Fußballfans zu rekrutieren. Auch in Wien waren Neonazis sowohl bei der Austria als auch beim Lokalrivalen Rapid aktiv. Die Strukturen rund um Gottfried Küssel versuchten so, unter den damals aufkommenden Skinhead- und Hooligan-Subkulturen Einfluss zu gewinnen. Im Mittelpunkt der Agitation stand damals der SK Rapid.

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Als Front-Organisation der Neonazis bei den Hütteldorfern galt die Fangruppe „Terrorszene“. Sie konnte über Jahre eine zentrale Rolle in der Kurve der Grünen spielen. Sogar Sticker mit dem sinnigen Slogan „Adolf Hitler war Rapidler“ wurden damals in Wien verklebt. Doch auch bei der Austria wurden in dieser Zeit mehrere einschlägige Gruppen aktiv.

Unter ihnen waren auch die bis heute existierenden Fanclubs „Atzgersdorfer“ und „Bulldogs“. Insbesondere die Bulldogs zeigten damals mit Aufnähern und T-Shirts mit Reichskriegsflagge und Keltenkreuz ihre rechtsextreme Gesinnung ganz offen. Beide Fangruppen sind auch bei Spielen des Nationalteams weiterhin regelmäßig anzutreffen.

Obwohl Austria und Rapid in Sachen Fußball Erzrivalen sind, verstanden sich die rechtsextremen Fans der beiden Clubs außerhalb des Stadions oft bestens. So marschierten etwa nach einem Wiener Derby im Praterstadion Anfang der 1990er Jahre hunderte Rechtsextreme aus beiden Fanlagern gemeinsam unter Parolen wie „Deutschland den Deutschen! Ausländer raus!“ durch den Prater, wie der Autor dieser Zeilen damals selbst beobachten konnte.

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Auch international traten die rechten Hooligans der beiden Vereine gern gemeinsam auf. Als Name und Kampfschrei wurde der Slogan „Eisern Wien“ gewählt. Diese alten Freundschaften haben die Zeit überdauert: Bis heute arbeiten die Rechtsextremen aus beiden Fan-Lagern unter diesem Motto zusammen. Der Slogan „Wien! Wien! Eisern Wien!“ ist auch bei rechtsextremen Aufmärschen und Kundgebungen der FPÖ immer wieder als Parole zu hören.

Die erste Hochphase der Rechtsextremen in den Fußball-Kurven war Mitte der 1990er Jahre dennoch erst mal vorbei. Der erhoffte Nazi-Umsturz nach der deutschen Wiedervereinigung fand nicht statt, führende Neonazis wanderten hinter Gitter und die nach italienischem Vorbild neu aufkommenden „Ultra“-Gruppen in den Fankurven wollten öffentlich in den meisten Fällen mehr mit Support, Choreografien und Gesängen in Verbindung gebracht werden als mit NS-Parolen.

„Einige Jahre war es bei der Austria deutlich ruhiger“, berichtet auch Rosa. Doch spätestens 2009 sei es dann wieder losgegangen. Verantwortlich dafür war vor allem die Fangruppierung „Unsterblich“—ein Zusammenschluss von zumeist älteren rechten Schläger-Hooligans.

Unsterblich, zumeist kurz „Ust“ genannt, war lange Zeit nur einer von vielen kleinen Fanclubs bei den „Veilchen“. Die Gruppe fiel nicht weiter auf, Ust war mal größer, mal kleiner. „Die Anzahl der Unsterblich-Leute im Stadion war immer auch davon abhängig, wer gerade im Gefängnis saß und wer auf freiem Fuß war“, sagt Andreas. Die Szene bei der Austria ist allerdings sehr kleinteilig organisiert. Selbst die größten Fanclubs haben kaum mehr als 50 aktive Mitglieder. Das führt dazu, dass auch kleine Gruppen unter den richtigen Umständen schnell an Bedeutung gewinnen können.

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Im Dezember 2009 wurde dieser Einfluss dann erstmals für eine breitere Öffentlichkeit sichtbar. Die Austria spielte im Europacup gegen Athletic Bilbao aus dem spanischen Baskenland. Rechtsextreme Austria-Fans hissten Fahnen aus der Ära des faschistischen Diktators Francisco Franco, eine Reichskriegsflagge und ein Transparent mit der Aufschrift „Viva Franco“.

Deutlich wurden beim Spiel gegen Athletic auch die Verbindungen der rechten Elemente in der Austria-Szene zu faschistischen Fans aus Spanien. Insbesondere zu den einschlägig bekannten „Ultras Sur“ von Real Madrid bestanden und bestehen gute Kontakte. In Wien wurde sogar ein eigener Ableger der Gruppe gegründet.“Die Facebook-Seite von US Wien ist bis heute aktiv und einschlägig neonazistisch. Das Ganze dürfte zwar im Wesentlichen ein Ein-Mann-Unternehmen sein, doch die Page fungiert auch als Sprachrohr für Unsterblich“, erklärt Andreas von Ostkurve statt Ustkurve.

Nach dem Auftritt in Spanien wurden die Neonazis in der Kurve der Austria immer präsenter. Einmal kaperten sie das Vorsängerpool und skandierten „Zick Zack Zigeunerpack“, „Rassist, Faschist, Hooligan“ und „Hitler ist ein Freund“. Ein andermal enthüllten sie in der Kurve ein Solidaritäts-Transparent für den spanischen Nazi-Mörder Josué Estébanez de la Hija.

Im September 2011 wurde während eines Spiels der Austria sogar ein rechtsextremer Trauermarsch mitten in der Fan-Kurve veranstaltet. Der führende Ust-Kamerad Uwe B. hatte Suizid begangen—Bilder des Begräbnisses zeigen Kränze mit der Aufschrift „Nationaler Widerstand“, eine Südstaatenflagge und einen NS-Parteiadler.

Als Reaktion auf den Suizid marschierten rund 70 Personen hinter einem Kranz geschlossen ins Stadion. „Die Situation war bizarr“, sagt Andreas. „Unter den Teilnehmern waren bekannte Neonazi-Kader wie Gerd Honsik, die braunen Kameraden der Austria und sogar rechte Rapidler, unter anderem vom Fanclub Alte Garde.“

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Während des Aufmarsches wurden sogar Hitler-Grüße ganz offen gezeigt. Die Staatsanwaltschaft Wien stellte ein Verfahren wegen Wiederbetätigung gegen einen Rapid-Anhänger in Folge allerdings ein. Begründung: Er sei dabei betrunken gewesen.

An diesem Tag kam es auch zu Übergriffen auf andere Fans der Austria. „Nachdem sie ins Stadion einmarschiert waren, forderten die Rechtsextremen eine 15-minütige Trauerphase, in der die Kurve schweigen sollte. Wer den Verein dennoch unterstützen wollte, wurde von Rollkommandos bedroht“, erzählt Rosa.

Bei Spielen des Vereins wurden nun regelmäßig rechtsextreme Symbole präsentiert. Darunter waren etwa Reichskriegsflaggen, Keltenkreuze oder auch das neu produzierte Banner von Unsterblich. Es war ident mit dem Logo der im Untergrund agierenden Neonazi-Organisation „Blood and Honour“. Einzig der B&H-Schriftzug war durch das Wort „Unsterblich“ ersetzt worden.

Der Verein reagierte zu diesem Zeitpunkt auf Kritik vor allem abwehrend. So wusste der damalige Sicherheitsbeauftragte der Austria, Christian Rauchhofer, als Reaktion auf rechtsextreme Symbole nichts Besseres zu sagen als: „Wir sind keine Geschichtsprofessoren“. Rauchhofer selbst verließ übrigens später die Austria und heuerte beim FPÖ-nahen Klub Hellas Kagran an, wo er bis Anfang November 2016 Trainer der Kampfmannschaft war.

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Auch die Banner von rechtsextremen und faschistischen Fangruppen aus anderen Ländern wurden in der Kurve bald regelmäßig präsentiert. Insbesondere zu den neonazistischen Fans von Slovan Bratislava gibt es gute Verbindungen. Fans von Slovan produzierten letztes Jahr etwa ein Banner, wo die Deportation von Flüchtlingen nach Auschwitz dargestellt wurde.

Immer öfter wurden im Fan-Sektor auch antifaschistische Austria-Fans attackiert, die gegen die Rechten protestierten. Über das Internet unterstützte sogar die Neonazi-Homepage „Alpen-Donau.info“ der Gruppe rund um Gottfried Küssel die rechten Kameraden bei der Austria und bedrohte antifaschistische Fans. Als einen der möglichen Köpfe hinter „Alpen-Donau.info“ nennt die Presse auch Martin Sellner, mittlerweile Obmann der neofaschistischen „Identitären Bewegung“.

Bald begannen die Neonazis auch außerhalb des Stadions mit Übergriffen auf AntifaschistInnen. Bisheriger Höhepunkt dieser Übergriffe war der Angriff auf das besetzte Ernst-Kirchweger-Haus in Wien-Favoriten im Oktober 2013, der von Unsterblich-Kameraden gemeinsam mit befreundeten Rapid-Fans ausgeführt wurde.

Die versuchte Attacke auf das EKH, die unmittelbar vor einem Derby zwischen Austria und Rapid stattfand, geriet für die Rechten allerdings zum Desaster. Rosa erzählt: „Die Neonazis gerieten in eine Sitzung von kommunistischen GewerkschafterInnen und mussten dann durch halb Favoriten laufen. Als die ersten Gerüchte dazu im Stadion auftauchten, wurde es einer der lustigsten Tage seit Langem.“

Seit 2013 ist Unsterblich bei der Austria als Fangruppe offiziell nicht mehr erwünscht. „Dieser Schritt war wichtig und richtig, doch er kam viel zu spät,“ meint Rosa. Andreas ergänzt: „Das Verbot zeigte allerdings erst das ganze Ausmaß des Problems auf. Ein großer Teil der Fanclubs protestierte sogar offiziell gegen die Aussperrung von Unsterblich.“

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Tatsächlich bestehen die Probleme trotz des Verbots von Unsterblich in ähnlicher Form weiter wie zuvor, sagen Andreas und Rosa. Der aktuell führende, doch stark geschwächte, Fanclub „Viola Fanatics“ gilt als Verbündeter von Ust. Sogar Tags mit dem Logo der Gruppe und Hakenkreuzen sind in der Vergangenheit aufgetaucht. Der „Capo“ der Gruppe soll laut Ostkurve statt Ustkurve im Umfeld von Vereinsaktivitäten auch in Kleidung der extrem rechten Szenemarke Thor Steinar posieren.

Die Fangruppe „Inferno“ tritt mittlerweile ebenfalls offen mit rechten politischen Parolen auf. Kontakte dürfte es ebenso zu den alten Unsterblich-Leuten wie zur „Identitären Bewegung“ geben. Die Wiener Austria sagt gegenüber VICE, dass diese Entwicklung auch beim Verein wahrgenommen wird, es seien deshalb auch bereits Hausverbot gegen Mitglieder von Inferno ausgesprochen worden.

Eine neue Fangruppe namens „Flagrantia“ wurde vom Verein gar nicht erst zugelassen, weil sie als Tarn-Projekt von Unsterblich interpretiert wurde. Doch auch das Banner dieser Gruppe hing beim Spiel in Rom vor dem Sektor der Austria-Fans. In einer Stellungnahme gegenüber VICE erklärt die Wiener Austria, dass Fanatics, Inferno, Flagrantia sowie die neue Gruppe „Wiener Blut“ unter besonderer Beobachtung des Vereins stehen.

Auch rechtsextreme Symbole sind in der Kurve weiterhin präsent. Rosa erzählt: „Oft wird dabei mit Codes gearbeitet. So wird etwa sehr oft die Fahne der faschistischen Ultras Sur von Real Madrid gehisst.“ Die Banner von anderen rechtsextremen Fangruppen aus dem Ausland sind ebenfalls weiterhin regelmäßig präsent. Laut Verein ist die Fahne von Ultras Sur im Stadion allerdings mittlerweile offiziell verboten.

Die Austria ist sich der Entwicklungen bewusst: „Seit Sommer 2015, also seit dem Beginn der Flüchtlingsbewegung nach Europa, bemerken wir verstärkt Aktivitäten wie Aufkleber mit rechtem Inhalt und Symbolik“, schreibt uns der Verein. Andreas kann diesen Eindruck bestätigen. „Die Nazis wollen offenbar im öffentlichen Raum Präsenz zeigen. Es gibt beispielsweise Kleber mit Keltenkreuz, SS-Totenkopf oder zerschlagenen Hammer-und-Sichel-Symbolen in Verbindung mit der Austria.“

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Andreas sieht darin aber auch eine Reaktion auf zunehmenden antifaschistischen Gegenwind: „Der neueste Aufkleber mit der Aufschrift ‚Austria Fans gegen Links‘, hat uns sogar eher amüsiert. Er ist eine direkte Reaktion auf unsere ‚Austria Fans gegen Rechts‘ Sticker. Das zeigt jedenfalls, dass wir den Nazis gehörig auf die Nerven gehen.“

Im Stadion arbeiten die Neonazis auch gern mit einer neuen Strategie, erzählt Rosa. „Für wenige Minuten werden einschlägige Transparente hochgehalten, dann verschwinden sie wieder. Das ist schwierig zu verhindern, doch die Botschaft und die Bilder sind produziert.“ Genau mit diesem Trick arbeiteten die Rechtsextremen im Februar dieses Jahres.

Für wenige Minuten tauchten während eines Spiels zwei Banner in der Fan-Kurve der Austrianer auf. Die Aufschriften: „Dresden 1945“ und „Unvergessen“. Angespielt wird damit auf die Bombardierung Dresdens durch die Alliierten im Februar 1945. Der Luftschlag auf Dresden ist bis heute ein zentrales Symbol für die Neonazi-Szene, um so die Verbrechen des NS-Terrors zu relativieren.

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Die gleiche Strategie wurde bereits im letzten Herbst als Reaktion auf die Ankunft von Flüchtlingen in Wien angewandt. Rechtsextreme zeigten im Oktober 2015 im Fan-Sektor der Austria für einige Minuten ein Banner mit der Aufschrift „Islamists not welcome Europe awake“.

Rosa erklärt das Problem: „Nachdem die Fans selbst in der Kurve stehen, bekommen sie während des Spiels gar nicht mit, wenn irgendwo schnell ein Transparent gezeigt wird oder etwas am Zaun vor dem Sektor befestigt wird. Auf Fotos wirkt es dann aber so, als würden alle Fans diese Banner politisch unterstützen.“ Andreas ergänzt: „Die Banner werden manchmal auch von befreundeten Rechten aus dem Ausland hochgehalten, denen ein Hausverbot wenig ausmacht. Da müsste der Verein viel umfassender handeln und die Fanclubs rauswerfen, die diese Rechten eingeladen haben.“

Auffallend dabei war, dass das Bild mit dem „Europe awake“ Banner sehr schnell über Twitter-Accounts von Kadern der „Identitären Bewegung“ verbreitet wurde. Andreas hält das für keinen Zufall: „Wir sehen zunehmende Versuche der IB, sich in der Fan-Szene der Austria zu verankern.“ Auch die Wiener Austria erklärt gegenüber VICE, dass verstärkt Aufkleber der Gruppe rund um das Stadion registriert werden.

Weitere Indizien erhärten den Eindruck, dass die IB gezielt versucht, im Anhang der Austria zu rekrutieren. So wurden etwa Bilder von druckfrischen Aufklebern mit der Aufschrift „Austria-Fans gegen Links“ über einen französischen Identitären-Account namens Ouest Casual verbreitet.

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Rechtsextreme Austria-Fans aus Wien und aus der Steiermark nehmen auch an Aufmärschen der IB teil. Auch bei einer Party der IB im einschlägig bekannten Lokal „Alm“, in der Wiener Innstraße Anfang dieses Jahres, wurden Fußballfans in der Facebook-Veranstaltung extra erwähnt und eingeladen.

„Es gibt zumindest eine personelle Überschneidung zwischen dem Kaderkern der IB und der Austria-Szene. Über diesen Kontakt wird offensichtlich versucht zu rekrutieren“, berichtet Rosa. „Ebenfalls relevant sind Verbindungen über verschiedene Burschenschaften. Insbesondere die Wiener Verbindung Franko Cherusker halten wir in diesem Zusammenhang für beachtenswert“, ergänzt Andreas.

Neben den Kontakten zu ausländischen einschlägig bekannten Fanclubs und neofaschistischen Gruppen fallen vor allem die Vernetzungen von rechtsextremen Austria-Fans mit der FPÖ auf. Eine zentrale Rolle in dieser Vernetzung nimmt der bereits erwähnte Landesligaverein „Hellas Kagran“ ein. Präsident des Vereins aus Wien-Donaustadt ist Martin Graf, ehemals FPÖ-Nationalratspräsident, eng verknüpft mit der rechten Website „Unzensuriert“. Auf dieser Seite erscheinen auch immer wieder Artikel mit Bezug zur Wiener Austria, etwa wenn rechte Fans Probleme mit dem Verein bekommen.

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Martin Graf, auch Alter Herr der einschlägig bekannten Burschenschaft Olympia, hat zahlreiche Kameraden aus FPÖ und Burschenschaft zu seinem Verein gelotst. Hellas hat sich seither zum beliebten Treffpunkt für rechtsextreme Fans von Austria und Rapid entwickelt. Auch Mitglieder der Fanclubs Unsterblich und Inferno sind dort regelmäßig anzutreffen. Für Rosa ist klar: „Der Hellas-Platz spielt eine wichtige Rolle bei der Vernetzung. Dort können sich die Kader, die bei der Austria bereits seit langem Hausverbot haben, mit anderen Fans treffen.“

Auf dem Platz von Hellas Kagran können Rechtsextreme offen ihre einschlägige Gesinnung zeigen. Sie spielen eine wichtige Rolle im Verein und in der Fanszene. So berichtet etwa das Fußballmagazin ballesterer von einem Spiel gegen die als links geltenden Fans von Wacker Innsbruck. Dort soll es zu Übergriffen gekommen sein—es seien sogar Rufe wie „Zyklon B fürn FCW“ ertönt.

Hellas Kagran und die dort anwesenden FPÖ-Kader scheint die Ausrichtung von Unsterblich wenig zu stören. Im Gegenteil: Der FPÖ-Politiker Christian Hein, stellvertretender Bezirksvorsteher in Wien-Ottakring (und eigentlich bekennender Rapid-Anhänger), lobt die rechte Truppe sogar ausdrücklich: „Unsterblich on Tour!! Danke für die Unterstützung von Hellas Kagran“.

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Auch andere FPÖ-Politiker oder Aktivisten haben Verbindungen zum rechten Teil der Austria-Szene. Alexander Christian etwa, ehemaliger Kandidat der FPÖ in Wien, wird immer wieder mit Unsterblich und der österreichischen Neonazi-Szene in Zusammenhang gebracht. Nachdem diese Verbindungen öffentlich wurden, musste er seinen Arbeitsplatz als Generalsekretär der österreichischen Rechtsanwaltskammer räumen. Die Austria hat gegen Christian bereits vor einiger Zeit ein Hausverbot verhängt.

Der Wiener Vorsitzende des Rings freiheitlicher Studenten (RFS), Markus Ripfl, kam ebenfalls einschlägig und in Zusammenhang mit der Austria in Bedrängnis. Die NÖN publizierte Bilder des FPÖ-Funktionärs, wo er den neonazistischen „Kühnengruß“ zeigte und vor einer Keltenkreuz-Fahne posierte. Als Begründung führte Ripfl an, dass er einfach begeisterter Fußballfan der Wiener Austria und des FavAC sei und nicht gewusst hätte, was diese Symbole bedeuten würden. Ripfl gilt als eines der Bindeglieder zwischen FPÖ und „Identitärer Bewegung“.

Dass sich Rechtsextreme und Neonazis gerade die Austria für ihre Agitation ausgesucht haben, wirkt im Licht der Geschichte des Vereins allerdings reichlich absurd. Die Violetten galten vor allem zwischen den beiden Weltkriegen als Verein des liberalen jüdischen Bürgertums; zahlreiche zentrale Funktionäre der „Veilchen“ wurden Opfer des Nazi-Terrors.

Der langjährige Klubsekretär Norbert Lopper überlebte das Konzentrationslager Auschwitz; seine Frau, seine Schwester, sein Vater und die Schwiegereltern wurden von den Nazis ermordet. Präsident Michl Schwarz, unter dessen Führung die Austria eine der besten Mannschaften Europas war, musste vor den Nazis fliehen. Franz Horr, bis vor kurzem Namensgeber des Stadions der Wiener Austria, war als „Revolutionärer Sozialist“ im Untergrund gegen den Faschismus aktiv.

Noch heute werden die Violetten oft als „Judenclub“ bezeichnet und regelmäßig von rechten AnhängerInnen anderer Fangruppen antisemitisch beschimpft. Erst im April dieses Jahres schoss die Austria den SV Mattersburg mit 9:0 vom Platz. Aus dem Anhang der Burgenländer war als Reaktion darauf unter anderem der Ruf „Scheiß Judenverein“ zu hören.

„Dass Nazis gerade bei der Austria agitieren, zeigt nur, dass sie in Wirklichkeit keine Ahnung von unserer Geschichte haben“, sagt Rosa. „Offenbar geht es eben gar nicht um den Verein, sondern nur um eine Bühne für die eigene Nazi-Agitation“, meint auch Andreas.

Die Wiener Austria erklärt, dass sie inzwischen verstärkt gegen Rechtsextreme vorgehen würde und diese Personengruppe auch aus dem Stadion verbannen würde: „Wir haben knapp 60 Hausverbote, 33 davon auch mit österreichweitem Stadionverbot. Gut die Hälfte der Personen sind auch durch Rechtsextremismus aufgefallen, wobei hier auch nebenbei Gewaltdelikte als Grund gelten.“

Der Verein betont gegenüber VICE, dass er sich zur Bekämpfung jeglicher Form von Rassismus, Faschismus und Antisemitismus im Fußball bekennt. Die Austria weist auch auf ihre Aktivitäten zur Unterstützung geflüchteter Menschen hin: So gäbe es regelmäßig Training für Flüchtlinge und Benefiz-Veranstaltungen. Geflüchtete Menschen werden auch gezielt zu Spielen der Violetten eingeladen.

Foto: VICE Media | Michael Bonvalot

Um den braunen Sumpf bei der Austria tatsächlich auszutrocknen, bräuchte es aber wohl noch einige weitere Maßnahmen. Aktuell ist die Haltung des Vereins etwa für viele Fans nicht sichtbar. Mehr Öffentlichkeit, etwa über eigenes Merchandising wie Schals und Trikots oder über Aktionen im Stadion, könnte hier Abhilfe schaffen. In Fan-Foren wird regelmäßig kritisiert, dass es bei der Austria keine Sozialarbeit gibt.

Und tatsächlich könnte gut durchdachte Fan-Sozialarbeit, die das Problem Rechtsextremismus engagiert aufgreift, insbesondere jüngere Fans erreichen und sensibilisieren. Und schließlich wünschen sich viele Fans vom Verein auch mehr Sanktionen: „Wenn eine Fangruppe mit den Rechtsextremen in irgendeiner Form zusammenarbeitet, sollte das für diese Gruppe der letzte Auftritt im Stadion gewesen sein“, fordert Andreas.

Doch auch in der Fan-Szene tut sich einiges. Der Block der rechtsoffenen Fangruppen im ersten Rang des Happel-Stadions, wo die Austria aktuell ihre Heimspiele austrägt, dünnt zunehmend aus. Erst jüngst verabschiedete sich einer der wenigen größeren Fanclubs offiziell aus der „aktiven Fanszene“.

Viele violette AntifaschistInnen werden hingegen zunehmend aktiv. Die Seite „Ostkurve statt Ustkurve“ berichtet über viele Anfragen, mehrere andere Fan-Zusammenschlüsse lehnen in ihren Statuten jede Form von Diskriminierung ausdrücklich ab oder handeln praktisch in diese Richtung. Daneben gibt es immer wieder vereinsübergreifende Initiativen, etwa die Kampagne Tatort Stadion. Auch rund um das Happel-Stadion gibt es mittlerweile eine enorme Präsenz von Anti-Nazi-Aufklebern. Und letztlich läge in einem erfolgreichen Protest der Fans gegen den Rechtsextremismus wohl der beste Schlüssel für eine langfristige Veränderung der Situation.

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