Süßes oder Saures

Wiener Nobelrestaurant entlässt Kellner wegen 50 Gramm Zucker

Erstveröffentlichung: junge welt

Selbstbewusstsein ist der Wiener Restaurantkette Plachutta sicher nicht abzusprechen. „Wiener Küchenklassiker in ihrer besten Form“ werden den Gästen versprochen. Und tatsächlich gelten die sechs Lokale des Familienbetriebs als erste Adresse für gehobene österreichische Küche, Seniorchef Ewald ist Haubenprämiert und schrieb eines der bekanntesten Kochbücher des Landes.

Plachutta zeigt dieses Selbstbewusstsein allerdings auch im Umgang mit der eigenen Belegschaft. In der Küche herrscht ein strenges Regiment, der Chef ist hier noch Patriarch. Nachdem allerdings das 19. Jahrhundert bereits vorbei ist, verliert Plachutta immer wieder Fälle vor dem Arbeits- und Sozialgericht. Der jüngste Fall sorgt nun in Österreich für breite Aufmerksamkeit: Plachutta hatte einen Kellner gefeuert – wegen 50 Gramm Zucker.

In einer erlaubten Arbeitspause hatte Juraj Tatara seine mitgebrachten Erdbeeren mit ein wenig Firmen-Zucker gesüßt, Wert ungefähr 10 Cent. Für Juniorchef Mario Plachutta gab es für dieses enorme Vergehen nur eine Antwort: die Kündigung. Tatara sah das ein wenig anders und hat Ende April vor Gericht eine Entschädigung zugesprochen bekommen. Plachutta ist mit diesem Urteil gar nicht einverstanden, immerhin sei es ja sogar um ein halbes Kilo Zucker gegangen … also um einen satten Euro (Unklar bleibt, warum jemand ein paar Erdbeeren mit einem halben Kilo Zucker überschütten sollte).

Auch von der Kritik fühlt sich Mario Plachutta sehr missverstanden, schließlich war er laut Aussendung vor allem um weltweite Ernährungssicherheit besorgt: „Wir können und wollen es als verantwortungsvolles Unternehmen nicht unterstützen, dass Lebensmittel auf diese Art und Weise verschwendet werden, wo viele Menschen sich in diesem Land, ganz geschweige in anderen Regionen der Welt, sich selbst Grundnahrungsmittel kaum leisten können.“

Interessanterweise ist diese internationalistische Besorgnis nicht allumfassend. Tatara wurde bei seinem Prozess von der Arbeiterkammer vertreten, einer staatlichen Vertretung für alle ArbeitnehmerInnen des Landes. Und da hört sich, Ernährungssicherheit hin oder her, für Plachutta der Spaß auf: „Weiters möchten wir festhalten, dass es sich bei dem betreffendem Mitarbeiter, um einen slowakischen Staatsbürger handelt, der lediglich zu Arbeitszwecken temporär nach Österreich kommt (…) Es verwundert uns, dass gerade diese Interessensvertretung, die dieses System so anprangert, jene Leute und deren massives Fehlverhalten unterstützt.“

Die Diktion klingt bekannt. Und so verwundert es kaum, dass Juniorchefin Daniela Plachutta sieben Jahre mit FPÖ-Obmann HC Strache verheiratet war. Der hat zwar seit  der Scheidung dem Vernehmen nach Hausverbot, doch bestimmte Geisteshaltungen dürften die eheliche Zerrüttung unbeschadet überdauert haben.

Plachutta fällt übrigens nicht zum ersten Mal unangenehm auf. In der Tageszeitung „Der Standard“ berichtet Herr H., ein ehemaliger Mitarbeiter, über zwei Köche, die sich unterhielten. Plachutta habe ihnen die Getränkedosen aus der Hand gerissen und in den Müll geworfen. Es sei üblich, dass Mitarbeiter bei Acht-Stunden-Diensten das Trinkgeld nicht behalten dürften. Auch Entlassungen aus – gelinde gesagt – seltsamen Gründen dürften keineswegs selten sein. So wurde ein Mitarbeiter fristlos gefeuert, weil er zu laut gelacht hatte. In anderen Fällen, etwa bei den Damen am Empfang, war Plachutta laut H. hingegen sehr aufmerksam: „Plachutta hat sich darum gekümmert, dass sie nie einen Rock trugen, der länger als knielang ist.“

Vor allem das Restaurant in Wiens nobler Wollzeile wird nun zur Zielscheibe von Protesten. Am 1. Mai verteilten AktivistInnen vor dem Lokal Erdbeeren mit Zucker. Am 3. Mai protestierten 150 bis 200 Menschen und sammelten insgesamt 139 Pakete Zucker für Plachutta. Der Zuckerturm vor der Eingangstür hat zwar damit noch nicht ganz geklappt – doch was nicht war, kann ja noch werden!

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