Wie brauchbar sind die Austria- und Rapid-Statements zu Rechtsextremismus?

Sowohl Austria Wien wie Rapid Wien haben sich nun zum Thema Rechtsextremismus positioniert. Es war eine Reaktion auf meine Kritik, die von vielen Medien zitiert wurde. Was ist von den Statements der beiden Vereine zu halten?

Im Vorfeld des Spiels zwischen Slovan Bratislava und Rapid Wien habe ich ein ausführliches Gespräch mit der Austria Presse Agentur (APA) zum Problemfeld Rechtsextremismus im Wiener Fußball geführt. Das Interview wurde von fast allen österreichischen Medien teils vollständig, teils in Auszügen übernommen und zitiert. (Hier etwa vollständig im Kurier.) Ich selbst habe für FM4 die Situation auch nochmals ausführlicher in einem eigenen Artikel beschrieben.

Ich hatte in meinen Aussagen vor allem darauf hingewiesen, dass es eine enge Vernetzung der rechtsextremen Szene bei Slovan Bratislava mit rechtsextremen Fans aus dem Anhang der Wiener Austria gibt. Beim Spiel in Bratislava wurde diese Vernetzung dann auch wieder sichtbar, sowohl eine Reichskriegsfahne der Neonazi-Gruppe „Unsterblich“ (Ust) wie ein Banner des führenden Austria-Fanclubs Viola Fanatics (VF) waren im Sektor von Slovan sichtbar. Ich habe das hier berichtet.

Neonazis beim Spiel Slovan vs Rapid Wien

Andererseits habe ich in meinen Aussagen darauf hingewiesen, dass es auch bei Rapid immer wieder Probleme mit Rechtsextremismus und Antisemitismus gibt. Ich habe auch auf die Fan-Freundschaft mit den teils politisch problematischen Fans von Ferencváros („Fradi“) Budapest hingewiesen. Meine Beschreibungen sorgten in Fanforen und Gruppen teils für Empörung.

Sowohl Fans der Austria wie solche von Rapid fühlten sich dabei missverstanden. Oftmals dürfte dabei vor allem ein enormes Ausmaß an Vereinsidentität mitspielen (die dann politische Positionen und Reflexionsfähigkeit überlagert). Denn auch jene, die in Foren oder Gruppen behaupteten, dass ich von ihrer jeweiligen Szene keinerlei Ahnung hätten, konnten bis dato keinen einzigen faktischen Fehler nachweisen.

Austria: „Klare Positionierung gegen ‚rechts'“

Auch die beiden Vereine haben nun auf meine Aussagen und die Berichterstattung rund um das Spiel reagiert. Für die Wiener Austria hat AG-Vorstand Markus Kraetschmer mit einer Videobotschaft reagiert. Die Überschrift: „Klare Positionierung gegen ‚rechts'“. Das Video habe ich hier verlinkt:

 

Was sind die Kernaussagen im Video? Kraetschmer weist vor allem darauf hin, dass die Neonazi-Gruppe „Unsterblich“ bereits 2013 von der Wiener Austria ausgeschlossen wurde. Die Austria würde also für etwas medial kritisiert, wo sie bereits vor fünf Jahren gehandelt hätte, das sei „sehr ärgerlich“. Unsterblich – Kraetschmer erwähnt die Gruppe nicht namentlich – würde beim Spiel in Bratislava „als möglicherweise Ursache für mögliche Konflikte an den Pranger gestellt“.

Die Aussage „an den Pranger gestellt“ würde Unsterblich tendenziell die Rolle eines Opfers zuweisen. In einem Video-Statement soll natürlich nicht jedes Wort auf die Goldwaage gelegt werden. Doch der „Pranger“ für die Neonazi-Schläger von Ust ist jedenfalls unglücklich formuliert. (Hier habe ich etwa für Vice etwa ausführlich über den Überfall von Unsterblich auf das linke Kulturzentrum EKH in Wien berichtet.)

Kritische Fragen angebracht

Zum Thema Rechtsextremismus sagt Kraetschmer: „Es ist klar, dass solche Leute ein Gedankengut haben, dass in keinster Weise mit den Grundsätzen der Wiener Austria vereinbar ist.“ Diese Aussage ist in dieser Klarheit zu begrüßen. Kraetschmer sagt gleichzeitig auf die Frage, ob der Verein bereits genügend Aktivitäten zeigen würde: „Ich glaube, dass wir hier sehr viel tun und dass wir genug tun.“ Hier sind kritische Fragen durchaus angebracht.

Denn Kraetschmer nimmt auch die sogenannte aktive Fanszene in Schutz. Er sagt: „Wir haben eine Linie, die ist sehr, sehr klar, die wird auch von 99 Prozent aller Fanclubs ganz klar verstanden.“ Und hier beginnt das zentrale Problem. Denn eine große Schwierigkeit der medialen Berichterstattung ist, dass das Nazi-Problem der Austria vor allem auf den Fanclub Unsterblich reduziert wird. So kann die Austria auch darauf hinweisen, dass hier bereits 2013 gehandelt worden sei.

Tatsächlich aber hat sich das Problem inzwischen bereits lange auf andere Fanclubs verlagert. Zwischen Unsterblich und der führenden Gruppe Fanatics gab es immer beste Verbindungen. Auch die Freundschaft mit den rechtsextremen Fans von Slovan wird nun stark von den Fanatics gepflegt. Auch zumindest ein weiterer Fanclub bei der Austria hat eine problematische Schlagseite.

Das Problem ist größer als „Unsterblich“

Die Gruppe „Inferno“ und ihre Mitglieder fallen immer wieder mit extrem rechten Postings und Bildern auf. Ein Schnittpunkt dürfte hier der Zusammenschluss „Ballermann Jungs“ sein. In einem Statement im September 2016 hat die Austria mir gegenüber auch selbst geschrieben, dass im Zusammenhang mit dem Thema Rechtsextremismus vor allem „Fanatics, Inferno Wien und die nicht anerkannte Fangemeinschaft Flagrantia und neue Hools Vereinigung Wiener Blut“ im Fokus stehen würden (Aus unbekannten Gründen wurde Flagrantia inzwischen dennoch anerkannt).

Logo der „Viola Fanatics“ mit Hakenkreuz

Fanatics und Inferno (die kürzlich den Fanatics beigetreten sind) besetzen aktuell zwei der drei Vorsängerpulte der Austria. Und genau wegen den Problemen mit diesen Fanclubs gibt es auch immer noch wichtige andere Fanclubs, die nicht auf der Osttribüne der Austria stehen – weil sie mit den Rechten nichts zu tun haben wollen. Dem Verein ist das alles natürlich gut bekannt.

Ein klarer Schnitt mit dem Rechtsextremismus kann also nicht bei Unsterblich Halt machen. Er müsste tief in die Szene gehen und auch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Fanatics und Inferno mit sich bringen. Hier hat der Verein noch viel vor sich und noch keineswegs genug getan.

Unsterblich-Neonazis weichen in die Slowakei aus

 

Die Ultra-Gruppen der Austria haben zwar mit der Eröffnung des neuen Stadions ein Statement abgegeben, dass sie künftig keinerlei einschlägige Symbole im Stadion dulden wollen. Doch wenn gleichzeitig in Bratislava der „Fetzn“ (das Fanclub-Banner) der Fanatics gleichermaßen hängt wie die Reichskriegsfahne von Unsterblich, sind solche Statements noch wenig wert.

Austria kritisiert Untätigkeit der Behörden

Kraetschmer erwähnt in seinen Statement auch ein tatsächliches Problem. Der Verein hätte Personen wegen Wiederbetätigung bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. Das sei dann „unter für uns unverständlichen Gründen – Titel beispielsweise ‚bsoffene Gschicht“ – eingestellt“ worden. Der AG-Vorstand spricht dabei einen Fall aus dem Jahr 2011 an. Bei einem Aufmarsch extrem rechter Hooligans auf der Fantribüne der Austria hatte ein verbündeter rechter Rapid-Fan die Hand zum Hitlergruß gehoben. Das alles ist auf Video gut dokumentiert, dennoch wurde der Fall unverständlicherweise eingestellt.

Schließlich erwähnt Kraetschmer die Linie des Vereins: „Keine Politik, keine Gewalt, keine unerlaubte Pyrotechnik“. Eine durchaus problematische Aussage, denn es geht ja nicht um Politik insgesamt, sondern es geht explizit um Rechtsextremismus und Neonazismus. Hier trifft sich die Austria übrigens mit Rapid.

Auch der SK Rapid hat mit einem Statement geantwortet. Überschrieben ist es mit den Worten „Lassen uns nicht ins rechtsextreme Eck rücken!“ Das vollständige Statement kann hier auf der Seite von Rapid nachgelesen werden. Rapid schreibt, „die Kurve des SK Rapid lehnt jegliche Form von politischen Extremismus rund um die Spiele ihres Herzensvereins ab“. Damit gibt es auch hier das gleiche Problem. Denn es geht ja nicht um irgendwelche Formen politischer Radikalität, sondern es geht explizit um Rechtsextremismus.

 

 

Rapid spricht mich im Statement des Vereins direkt und namentlich an. Vor allem kritisiert wird ein Sekundärzitat der Austria Presse Agentur, wo es darum geht, dass bestimmte Fans sich um „den Führungsanspruch unter den mitteleuropäischen rechtsextremen Fans“ matchen würden.

Das Zitat ist eine zusammengefasste Zuspitzung einer längeren Analyse in einem ausführlichen Gespräch. Worum ging es? Beide Fanszenen pflegen Fanfreundschaften zu Gruppen in anderen Ländern. Bei der Austria sind dies beispielsweise die rechten Gruppen bei Slovan oder Paris Saint Germain. Dazu kommen beste Verbindungen nach Brno.

Bei Rapid fällt als problematisch vor allem die Verbindung zu Ferencváros auf.  Vor dem Spiel Slovan gegen Rapid gab es auch vor dem Austria-Stadion eine einschlägige Schmieraktion. Dabei wurden in riesigen Lettern die Worte „Slovan Jude“, garniert mit Davidsternen, geschmiert. Verantwortlich dafür sollen rechte Fans von Sparta Prag sein, die eine traditionelle Rivalität mit Slovan haben. Es war und ist nicht ausgeschlossen, dass die Prag-Fans die Nähe zu Rapid suchen, um Verbündete gegen Slovan zu finden.

Dazu dürfte es auch innerhalb der Rapid-Szene enge Verbindungen mit rechtsextremen kroatischen Milieus geben. Hier etwa ein Bild auf der Wiener Ottakringer Straße, wo faschistische kroatische Aufkleber direkt neben solchen einer Fangruppe von Rapid prangen. Eine Zaunfahne der gleichen Gruppe hängt auch zentral auf der Westtribüne von Rapid. Auf diese länderübergreifenden Verbindungen hatte ich hingewiesen.

Rapid erwähnt auch, dass Personen, die sich bei einem Nachwuchsderby durch antisemitische Rufe hervorgetan hatten, mit Hausverbot belegt wurden. Ich hatte diesen Fall 2017 mit aufgebracht. In Fankreisen wird allerdings behauptet, dass die Hausverbote, die damals ausgesprochen wurden, bereits kurz danach wieder aufgehoben wurden (ich kann das nicht verifizieren und es muss nicht stimmen).

Eine andere Problematik ist aber sehr wohl verifiziert. Bereits seit Jahren gibt es mit den „Werwölfen Rapid“ einen einschlägig extrem rechten Fanclub, der sich auf Facebook immer wieder politisch positioniert. Bereits im September 2016 hatte ich zum Thema Rechtsextremismus ausführlicher Kontakt mit Rapid, dabei besprachen wir unter anderem auch dieses Thema.

 

Peter Klinglmüller von Rapid schrieb mir damals, dass der Fanclub „genau und aufmerksam verfolgt werden“ würde und der Ethikrat des Vereins „sich mit etwaigen Verfehlungen“ auseinandersetzen könne. Trotz einschlägiger Postings auf Facebook ist der Fanclub aber per Stand 11. August 2018 auf der offiziellen Vereinshomepage immer noch auf der Liste der Fanclubs zu finden.

Es ist klar, dass aktuell die Probleme mit Rechtsextremismus bei der Austria sowohl qualitativ wie quantitativ auf einem völlig anderen Niveau sind als jene bei Rapid. In der Vergangenheit waren allerdings vor allem die Hütteldorfer betroffen, in den 1980er und zu Beginn der 1990er Jahre intervenierten Neonazis massiv bei Rapid (wobei es damals auch beim Erzrivalen aus der Probleme gab). Es war also schon mal anders und es gibt auch keine Garantie, dass es nicht wieder anders wird.

Relativierungen und Verharmlosungen oder gar der Fingerzeig auf den jeweiligen Lokalrivalen werden da nichts bringen. Beide Vereine und ihre antifaschistische Fans haben noch Hausaufgaben zu erledigen. Tatsächlich könnten vor allem beide Vereine noch wesentlich aktiver werden.

BVB Merchandising gegen Rassismus im offiziellen Fanshop

Gerade einem Verein, der von den Fans heiß geliebt wird, stehen dabei enorme Möglichkeiten zur Verfügung. Genannt seien etwa einschlägiges Merchandising, Durchsagen über die Stadionslautsprecher, Artikel in der Stadionszeitung, Bannerwerbung oder regelmäßige Statements bekannter Spieler.

Stadion als Spiegel der Gesellschaft

Entscheidend ist gleichzeitig, gesellschaftliche Ursachen für die Problematik von Rechtsextremismus, Rassismus und Diskriminierung in den Stadien zu erkennen. Bei der Bundespräsidentschaftswahl 2016 stimmten knapp 50 % für den Kandidaten der rechtsextremen FPÖ.

Aus Studien wissen wir, dass vor allem junge Männer nochmals deutlich weiter rechts wählen als die Gesamtgesellschaft. Im Standard vom 7. August 2018 schreibt Politikwissenschafter Laurenz Ennser-Jedenastik, dass 71 Prozent der unverheirateten Männer bei der Nationalratswahl 2017 ÖVP, FPÖ, Neos oder andere offen rechte bzw. neoliberale Parteien gewählt hätten.

In den meisten Kurven sind noch dazu vor allem muttersprachlich deutsche Männer, die nochmals eher rechts wählen. Es wäre naiv zu glauben, dass sich solche Wahlergebnisse nicht auf den Fußballplätzen des Landes widerspiegeln und abbilden.

Antifaschistische Fans stärken

Gleichzeitig bedeutet das aber auch, nicht alle Fans in einen Topf zu werfen. Immer wieder etwa kommt es vor, dass Fans je nach eigener Vereins-Vorliebe mit dümmlichen und pauschalen Zuschreibungen belegt werden („alle xy sind Nazis“). Vereinzelt werden sogar antifaschistische Fußball-Aufkleber von vorgeblichen „Linken“ anderer Vereine überklebt.

Dass so etwas absurd und abzulehnen ist, sollte auf der Hand liegen. Gleichzeitig birgt es auch eine Gefahr: wenn beim jeweils eigenen Verein angeblich alles in Ordnung ist, dann müssen auch keine weiterführenden Maßnahmen gesetzt werden. Das aber bestärkt Rechtsextreme.

Aktuell gibt es sowohl bei Austria wie bei Rapid zahlreiche engagierte antifaschistische Fans. Wünschenswert wäre, dass diese auch stärker ihre politischen Gemeinsamkeiten finden. Sie sollten – durchaus auch in Absprache miteinander – gegen Rassismus, Sexismus, Homophobie und jede Form der Diskriminierung vorgehen.

Und auch die Vereine sind weiterhin gefordert.  Für einen Dialog mit den Vereinen stehe ich übrigens jederzeit zur Verfügung.

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