„Es ist zum Scheißen“: Das sagen junge Arbeitende über den 12-Stunden-Tag

Bild: Michael Bonvalot

[Vice] „Ich hasse es jetzt schon“ und „eine Sauerei“ sind nur zwei der Antworten, die ihr uns geschickt habt.

[Erstveröffentlichung: Vice] Schon ab September werden Menschen in Österreich bis zu 12 Stunden am Tag und bis zu 60 Stunden in der Woche arbeiten können, müssen oder dürfen – je nachdem, wem man glaubt. Ende Juni demonstrierten in Wien rund 100.000 Menschen gegen den 12-Stunden-Tag, der Unmut ist also offensichtlich groß. Auch innerhalb der FPÖ und ÖVP sorgte der 12-Stunden-Tag für Aufruhr: So trat zum Beispiel der Chef der Tiroler FPÖ-Arbeitnehmer aus der Partei aus, der Tiroler Arbeiterkammer-Präsident von der ÖVP, Erwin Zangerl, bezeichnete die ÖVP als „Putschisten“.

Vergangene Woche haben wir einen Artikel veröffentlicht , in dem wir euch dazu aufgefordert haben, uns zu erzählen, was ihr vom 12-Stunden-Tag haltet. Das sind eure Antworten.

R. ist Elektriker in der Metallindustrie. Er hat eine klare Meinung zum 12-Stunden-Tag: „Falls ich demnächst öfters 12 Stunden arbeiten müsste, wäre das verheerend für mein Privatleben. Es würde für mich bedeuten, um 5 Uhr aufzustehen und abends um halb 8 zu Hause zu sein. Im Endeffekt keine Zeit für Freunde oder die Freundin oder andere Dinge – außer im Bett vielleicht noch eine entspannende Serie schauen.“

Arbeitszeit wurde schon „freiwillig“ erhöht

R. hat auch bereits eigene Erfahrungen mit der „Freiwilligkeit“ gemacht, die ÖVP und FPÖ versprechen: „Falls es die Auftragslage erfordert, wird gern mal die Tagesarbeitszeit ‚freiwillig‘ erhöht über einen längeren Zeitraum.“ Sein Rekord: „Knapp 2 Jahre täglich 9 Stunden ‚freiwillig‘.“

Das Rote Kreuz wirft offenbar kritische MitarbeiterInnen raus

Für R. ist die Schlussfolgerung eindeutig: „Der 12-Stunden-Tag und die 60-Stunden-Woche sind eine Sauerei, darum ist es wichtig, sich gegen diese Regierung und ihre Wahnsinnigkeiten zu organisieren und Widerstand zu leisten.“

12 Stunden im Steinbruch

Auch A. ist kein Freund der neuen Regelung. Er schreibt, er sei 26 und würde in einem Steinbruch arbeiten. Bereits jetzt gäbe es in seinem Betrieb 12-Stunden-Tage: „Seit Jänner arbeiten wir schon 5 mal 10 Stunden pro Woche, damals in der Aussicht darauf, im Sommer mal etwas früher heimgehen zu können. Gekommen ist es anders: Seit Anfang Juni arbeiten wir auf Basis einer Betriebsvereinbarung 5 mal 12 Stunden pro Tag.“

„Persönliche Kontakte komplett eingeschlafen“

Die Erfahrungen, die er damit gemacht hat: „Es ist zum Scheißen. Sowohl persönliche Kontakte als auch meine Tätigkeit bei der Freiwilligen Feuerwehr sind komplett eingeschlafen. Nach 12 Stunden schweißtreibender Arbeit muss man ja trotzdem einkaufen, kochen, Wohnung zusammenräumen, waschen, … Nach 12 Stunden hat man keinen Bock mehr und fällt einfach nur noch auf die Couch oder gleich ins Bett.“

Auch T. hat bereits eigene Erfahrungen gemacht. Er schreibt: „Ich hatte schon 12-Stunden-Dienste und habe selber gespürt, wie lange ich gebraucht habe, mich wieder zu regenerieren.“

„Müde und schlapp“

Im Gesundheitswesen gibt es ebenfalls bereits seit längerem 12-Stunden-Schichten. U. ist in einem Krankenhaus tätig, wie sie schreibt. Ihre Erfahrungen: „Ich habe bereits bis zu 12 Stunden pro Tag gearbeitet. Ich war an diesen Tagen abends meist sehr müde und schlapp und wollte sehr wenig machen.“ Ihr geht es aktuell „ziemlich gut“ im Betrieb, wie sie schreibt, weil sie in ihrem „derzeitigen Bereich keine 12 Stunden arbeiten muss“.

Jugendarbeitslosigkeit: Völlig losgelöst!

Die einzige, die sich zustimmend äußert, ist P. Sie schreibt, sie sei Tischlerin, sie findet „die Reaktionen übertrieben“. Sie würde selbst „auch nicht gerne 12 Stunden am Tag“ arbeiten, „aber wenn es sich mal um ein bis zwei Wochen oder manchmal ein paar einzelne Tage handelt, finde ich das kein Problem.“

Sie glaubt, wenn sie „in stressigen Situationen auch mal die Zähne zusammenbeißt“, gäbe es dann auch ein Entgegenkommen der Chefs, „wenn man kurzfristig frei braucht oder sonstige Anliegen hat“. In ihrem Betrieb sei es „sicher kein Problem, wenn man ablehnt“. Sie glaubt: „Auf Mütter oder andere, die wirklich eingeschränkt sind oder wichtige Termine haben, wird sicher Rücksicht genommen.“

„Nur, wenn ArbeitnehmerInnen es wollen“

Einen eigenen Weg geht E. Sie findet, „12 Stunden sollten erlaubt sein, wenn der Arbeitnehmer es für richtig und wichtig hält“. Es gäbe zwar Berufe, wo es „schädlich wäre, nach 8 Stunden aufzuhören, zum Beispiel IT und sämtliche Kreativbereiche“, aber: „Das kann nur der Arbeitnehmer entscheiden, keinesfalls ein geldgeiler Arbeitgeber“.

„Depressionen nehmen zu“

Die gesundheitlichen Probleme betont L. in ihrem Mail. Sie stellt sich als Sozialarbeiterin in der Psychiatrie vor. Ihr Eindruck sei, „dass Burnout und Depressionen immer mehr zunehmen, vor allem bei Menschen, die Schichtarbeit verrichten“. Sie verweist auf „Studien, die zeigen, dass zu lange Arbeitszeiten und das Ungleichgewicht zur Freizeit psychische Erkrankungen verursachen können.“

In eine ähnliche Richtung geht Maja in ihrem Posting. Sie schreibt: „Auf Dauer hält es kein Mensch aus, so lange regelmäßig zu arbeiten, ohne gesundheitliche Schäden zu bekommen.“

„Ich hasse es jetzt schon“

Auf Facebook ist die überwiegende Anzahl der Postings eindeutig ablehnend. Tatzi etwa schreibt: „Bei mir ist gleich Stunde 11 um. Ich werde, wenn ich in 1,5 Stunden nach Hause komme, tot umfallen und bis morgen um 3:45 Uhr im Koma liegen. Morgen wieder von 5 bis 17 Uhr. Ich hasse es jetzt schon, obwohl es (noch) bezahlt wird.“

 

„Kurz soll Beikraut selbst jäten“

J. dürfte Gärtnerin sein. Ihre Meinung: „Soll doch Sebastian Kurz 12 Stunden in einem Folientunnel arbeiten und Beikraut jäten oder Sommerblumen durchputzen – und das im Sommer bei 30 Grad.“ Sie meint: „Mal sehen, wie lange Kurz das durchstehen würde.“

 

„Niemand macht das freiwillig“

„Kein normaler Mensch macht freiwillig 12-Stunden-Schichten“, meint Siggi. Er hätte „das jahrelang gehabt. In der Früh um 5 weg und am Abend um 19 Uhr total kaputt heimkommen. Keine Zeit für Nichts unter der Woche. Das braucht niemand“. Auch zur angeblichen Freiwilligkeit hat S. eine eindeutige Meinung: „Wer Strache und Kurz die Freiwilligkeit abnimmt, darf sicher nicht mit Messer und Gabel essen.“

„Lieber weniger oft pendeln“

Daraus ergibt sich eine Debatte. Christopher entgegnet, dass er 3 Stunden täglich pendeln würde. Ihm „wäre es geblockt lieber, dafür einen Tag nicht pendeln“. Sein Fazit: „Mir wären 4 mal 10 Stunden lieber als 7 mal 6 Stunden“. Allerdings würden 4 mal 10 Stunden pro Woche ohnehin 40 Stunden bedeuten, also eine normale Arbeitswoche für die meisten Vollzeit-Beschäftigten. Und 10 Stunden waren bereits bisher erlaubt.

Auch an anderer Stelle ergibt sich eine ähnliche Diskussion. Peter meint, er sei „sehr zufrieden. Wir wollten eigentlich mit Februar 2019 auf eine 4-Tage-Woche umstellen, jetzt wird es laut Chefin der Oktober 2018.“ Doch wie gesagt: Eine 4-Tage-Woche hat eben nichts mit einem 12-Stunden-Tag zu tun, das könnte beispielsweise auch durch Arbeitszeitverkürzung erreicht werden.

„Hundemüde“ nach 12,5 Stunden

Mehr Freizeit wünscht sich auch Jenne. Sie schreibt, dass sie in einem Spital arbeitet und jetzt bereits 12,5 Stunden arbeitet. Aufgrund fehlenden Personals wären die meisten dort nach einem Arbeitstag bereits jetzt „hundemüde“. Sie hätte gern im Ausgleich für ihre langen Schichten „dafür ein bis zwei Tage mehr frei“. Als Barbara einwirft, dass sie unter solchen Umständen nicht gern betreut werden würde, stimmt Jenne zu: „Aber finde erst mal Menschen in der Pflege, die ausgeruht arbeiten gehen.“

„Kürzere Arbeitszeit für die Gesundheit“

In einem längeren Posting geht Claudia auf die Situation von Menschen ein, die bereits jetzt 12 Stunden arbeiten. Sie meint: „Auch Menschen am Bau, in der Pflege oder im Gastgewerbe sollten nicht 12 Stunden arbeiten müssen. Man sollte nicht alle Gruppen an die 12 Stunden anpassen, man sollte alle Berufsgruppen an einen 8-Stunden-Tag anpassen.“

Eine Arbeitszeitverkürzung fordert auch Sozialarbeiterin L. Sie meint, „dass kürzere Arbeitszeiten besser für die Gesundheit wären.“ Auch U., die in einem Krankenhaus arbeitet, schreibt, dass sie „gegen eine Arbeitszeitverkürzung nichts einzuwenden“ hätte.

Problem Kinderbetreuung

Edeltrude schreibt über die speziellen Probleme von Frauen mit dem 12-Stunden-Tag. Frauen würde „noch immer die Betreuung von Kindern und Alten zugeschoben. Indirekt wird damit die Frau aus der Erwerbstätigkeit gedrängt. Ältere oder kranke Menschen werden ins Aus befördert.“ Zum Problem der Kinderbetreuung ergänzt sie: „Es bleibt ja nicht einmal bei den 12 Stunden, da muss ja noch der Hin- und Rückweg dazu gerechnet werden.“

Die Kinderbetreuung könnte tatsächlich künftig zu einem enormen Problem werden. Vermutlich werden sich die Schwierigkeiten sogar noch verschärfen, denn ÖVP und FPÖ haben Anfang Juli angekündigt, dass sie bei der Kinderbetreuung in großem Ausmaß kürzen wollen. Statt bisher 140 Millionen Euro könnten künftig nur noch 90 Millionen Euro zur Verfügung stehen. Kindergartenplätze für über Dreijährige würden nicht weiter ausgebaut.

„Panikmache der roten Faulpelze“

Eine längere Debatte entwickelt sich um ein Posting von Daniel. Er schreibt: „Kein Problem damit, arbeite mit meinen zwei Firmen mehr als 12 Stunden am Tag“. Im weiteren Verlauf der Diskussion stellt sich heraus, dass Daniel ein Einzelunternehmer ist, er hätte „einen Freelancer“, den würde er „mehr als fair“ bezahlen.

Ich frage Daniel, wie die Situation wäre, wenn er für jemand anderen arbeiten würde und die Gewinne nicht selbst behalten könnte. Seine Antwort: „Dann kann ich OK sagen, wenn mehr bezahlt wird oder ich gehe.“ Daniel hat eine eindeutige Meinung über GegnerInnen des 12-Stunden-Tags, er schreibt von „Panikmache der roten Faulpelze“.

Die Proteste gegen den 12-Stunden-Tag in Bildern

Kim antwortet Daniel: „Als Firmenchef ist das etwas anders als für eine alleinerziehende Mutter, die im Einzelhandel an der Kassa stehen muss. Da sind 12 Stunden nicht machbar und da ist ‚ich gehe einfach, wenn es nicht passt‘ auch keine Option.“ Sie meint: „Man muss halt auch mal weiter denken als bis zum eigenen Gartenzaun.“

Ako ergänzt: „Es ist egal, ob der Arbeitgeber ein netter Mensch ist oder nicht. Da er mit anderen Arbeitgebern in Konkurrenz steht, wird er diesen Konkurrenzdruck letztlich an den Arbeitnehmer weitergeben müssen.“

„Ohrfeige für Regierung wird kommen!“

Viele kritisieren nicht nur den 12-Stunden-Tag, sondern auch ÖVP und FPÖ. Micha etwa schreibt: „Was für ein Pack! Die Ohrfeige wird kommen und wird heftig sein. Über Jahrzehnte hart erkämpfte Rechte werden einfach weggewischt.“ Es ist auch das Posting, das die meisten Likes bekommt, nämlich 22.

„Generalangriff auf ArbeitnehmerInnen“

Claudia meint, Kurz und Strache seien „lebensfremd“, Wilhelm kritisiert die Regierung als „autoritär“. S schreibt, dass das neue Gesetz ein „Generalangriff gegen die ArbeitnehmerInnen“ sei. L. erinnert daran, „dass ÖVP und die FPÖ sich [während des Wahlkampfes] gegenseitig lachend vorhielten dasselbe Wahlprogramm zu fahren“.

Mehrheit für Streiks

Insgesamt waren rund 75 Prozent der Rückmeldungen, die wir bekommen haben, eindeutig negativ. Die Rückmeldungen waren zwischen Männern und Frauen relativ ausgeglichen, Menschen mit Migrationshintergrund waren unterrepräsentiert.

Die Einstellung unter den VICE-Leserinnen und -Lesern dürfte damit der insgesamt negativen Stimmung zum 12-Stunden-Tag entsprechen – oder sie sogar übertreffen. In einer Umfrage im Juni, also noch vor der Abstimmung im Parlament, sprachen sich 59 Prozent der Bevölkerung gegen die Pläne von ÖVP und FPÖ aus.

Die Abstimmung im Parlament ist nun gelaufen. Am 30. Juni waren bereits bis zu 100.000 Menschen gegen den 12-Stunden-Tag auf der Straße. Von diesen einmaligen Protesten ließ sich die Regierung bisher allerdings nicht beeindrucken.

Anders wäre das vermutlich, wenn die Gewerkschaft zu Streiks aufrufen würde. Eine Mehrheit der Bevölkerung hätte sie dabei jedenfalls hinter sich: Laut einer Umfrage, die Profil am 7. Juli veröffentlicht hat, sind 59 Prozent der Bevölkerung der Meinung, dass Streiks gegen den 12-Stunden-Tag gerechtfertigt sind.

 

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