Identitärer Mega-Flop: Mini-Aufmarsch statt „Kampf um Wien“

Bild: Michael Bonvalot

Die Ankündigungen waren großmäulig. Am Samstag wollte sich die neofaschistische Gruppe Identitäre „Wien zurückholen“. Doch tatsächlich ist die Gruppe mit ihrem Aufmarsch gnadenlos gefloppt. Zahlreiche AntifaschistInnen protestierten gegen die extremen Rechten.

Allerhöchstens rund 250 Personen nahmen am Samstag nachmittag an einem extrem rechten Aufmarsch in der Wiener Innenstadt teil. Offiziell als Veranstalterin trat die neue Tarnorganisation „Die Österreicher“ auf – doch dahinter verbirgt sich die neofaschistische Gruppe „Identitäre“. Offenbar ist die Gruppe sogar selbst der Ansicht, dass ihr Name mittlerweile „verbrannt“ ist und versucht nun einen neuen Anlauf mit einem Tarnnamen.

Die Gruppe selbst behauptete vom Lautsprecherwagen 400 TeilnehmerInnen, was zweifellos weit übertrieben ist. Der Standard-Journalist Markus Sulzbacher etwa schreibt auf Twitter von 150 TeilnehmerInnen. Ich selbst konnte diesmal nicht zählen, weil ich kurzfristig von der Polizei aufgehalten wurde. Die immer wieder ertönenden Sprechchöre „Wien ist unsere Stadt“ wirkten in Anbetracht dieses kleinen Häuflein jedenfalls bestenfalls skurril.

So sehr bemüht

Dabei hatte sich die Gruppe so sehr bemüht, den Aufmarsch zum Erfolg werden zu lassen. Sowohl in Wien wie mindestens im Wiener Umland wurde der Aufmarsch mit Flugblättern und Plakaten beworben. Intern dürfte wohl bundesweit mobilisiert worden sein, am Aufmarsch selbst gab es dann sogar Dank für TeilnehmerInnen aus Deutschland. In Anbetracht dieses Aufwands wird die Niederlage noch deutlicher.

Update: Im Nachgang versuchte IB-Gesicht Martin Sellner via Youtube, die geringe TeilnehmerInnenzahl zu erklären. Schuld wären der Wiener Wahlkampf und Corona, weshalb laut Sellner viele potentielle TeilnehmerInnen aus Deutschland nicht nach Wien anreisen wollten. Und schließlich hätte es parallel auch noch einen rechten Aufmarsch in Konstanz in Baden-Württemberg gegeben. Es macht den Aufmarsch allerdings nur noch erbärmlicher – offenbar schaffen die „Wien ist unsere Stadt“-SchreierInnen keine Mobilisierung ohne Unterstützung aus Deutschland.

Bereits gegen Samstag Mittag waren die ersten organisierten NeofaschistInnen in der Wiener Innenstadt aufgetaucht. Aufmarschpunkt war der Michaelerplatz, also der Platz vor der Hofburg. Im Umfeld gab es zusätzlich auch Vortreffpunkte, wo kleine Grüppchen herumlungerten. Ich selbst wurde an einem dieser Treffpunkte höhnisch mit dem neuen White-Power-Gruß der extremen Rechten begrüßt. Mehr zu diesem Gruß könnt ihr hier in meiner Recherche lesen.

In einer internen Aktionskarte wurden gleichzeitig Anfahrtstreffpunkte eingegeben und es wurde vor antifaschistischen Kundgebungen gewarnt. So hieß es etwa in der internen Anweisung der extremen Rechten: „Meidet Karlsplatz und Oper“.

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Offenbar Angst vor der Linken

Die Angst war wenig verwunderlich: Denn dort fand zum gleichen Zeitpunkt eine Demonstration für die Rechte geflüchteter Menschen statt, an der über 1400 Menschen teilnahmen (eigene Zählung kurz vor der griechischen Botschaft) – möglicherweise also fast zehn Mal soviele Menschen wie auf dem Aufmarsch der Rechten.

Parallel demonstrierten auch noch über 200 linke KollegInnen und Organisationen aus dem Sozialbereich für höhere Löhne und Arbeitszeitverkürzung.

Gegen 15.30h sammelten sich schließlich die TeilnehmerInnen der neofaschistischen Kundgebung am Michaelerplatz. Die Stimmung bei den extremen Rechten war vor allem zu Beginn enorm schlecht. Kaum verwunderlich: Mehrere Straßen rund um den Platz waren bereits zu diesem Zeitpunkt von AntifaschistInnen blockiert, über den Platz schallten antifaschistische Sprechchöre.

„Totenstill“ auf der rechten Kundgebung

Wiederholt versuchte Identitären-Sprachrohr Martin Sellner verzweifelt vom Lautsprecherwagen, die Stimmung anzukurbeln. Einmal forderte er mehr Motivation beim Mitschreien seiner Sprechchöre. Im Vorfeld hatte die Gruppe übrigens intern offizielle „Demoregeln“ ausgegeben. Nur „offizielle Parolen“ durften gerufen werden – und auch diese nur dann, „wenn die Leitung sie anstimmt“. Ein andermal beklagte Sellner dann gar durch das Mikrofon, dass es „totenstill“ sei.

Kurz nach 16.30h setzte sich der rechte Mini-Aufmarsch schließlich in Bewegung, die mutmaßlich geplante Route über die Herrengasse war zu diesem Zeitpunkt allerdings weiterhin ebenso von AntifaschistInnen blockiert wie der Weg in die andere Richtung Richtung Albertina. Die Rechten zogen schließlich über den Ballhausplatz zum geplanten Endpunkt an der Freyung. (Update: Sellner sagt im Nachgang auf Youtube, dass die Route über den Ballhausplatz die angemeldete Route gewesen sei.)

Behinderung von JournalistInnen

Bereits am Aufmarschpunkt wie auch dann während des gesamten Marsches wurden JournalistInnen immer wieder von Ordnern der Rechten bedrängt. Diese Ordner hatten Schirme mit Hartplastikspitzen, mit denen sie laufend versuchten, mich und andere JournalistInnen und Kameraleute zurückzudrängen.

Ähnlich hatten die Rechten bereits bei vergangenen Aufmärschen agiert. Als mich schließlich ein Burschenschafter mit der Spitze seines Schirms sogar traf, wehrte ich den Schirm ab. Reaktion des Burschenschafter: Er holte die Polizei und zeigte mich wegen Sachbeschädigung an, weil ich angeblich seinen Schirm verbogen hätte.

Es wird noch spannend, wie dieses Verfahren ausgeht – und gleichzeitig werden sich JournalistInnen hier auch etwas überlegen müssen. Es ist nicht hinzunehmen, dass die NeofaschistInnen inzwischen regelmäßig bei ihren Aufmärschen JournalistInnen attackieren.

Niederlage für Identitäre

Als die Rechten schließlich bei der Freyung eintrafen, wurden sie wieder von laut protestierenden AntifaschistInnen empfangen. Gegen 19 Uhr schließlich zogen sich nach einer Abschlusskundgebung die letzten Rechten in die U-Bahn zurück. Zuvor hatte IB-Sprachrohr Sellner durch die Lautsprecher noch verkündet, dass die Identitären auf „Anweisungen“ der Polizei warten müssten, um ihren Aufmarsch „sicher“ beenden zu können.  Es klang äußerst verunsichert.

Für die Identitären war der Aufmarsch am Samstag in Wien zweifellos eine komplette Niederlage. Doch auch die linken Organisationen in Wien können mit dem Tag wohl nicht völlig zufrieden sein. Die Kräfte, die auf der großen Pro-Flüchtlings-Demo wie auf der Demo für Arbeitszeitverkürzung gebunden waren, hätten den Protesten gegen die Neofaschisten sicherlich noch weit mehr Kraft verliehen. Gleichzeitig waren beides bereits länger geplante Demonstrationen – und die Linke kann sich nicht immer nur von kleinen neofaschistischen Gruppen ihre Agenda vorgeben lassen.

So sind die Identitären mit einer geplanten „Groß“demo gefloppt

Für die nähere Zukunft kündigen die Identitären eine neue „Groß“-Demo an. Die bisherigen Anstrengungen deuten allerdings auf einen weiteren Mega-Flop hin. Nach den Plänen der Gruppe hätte der Aufmarsch bereits im Sommer als „größte patriotische Demo der zweiten Republik“ über die Bühne gehen sollen – doch tatsächlich ist genau nichts passiert. Sollten die Identitären allerdings nochmals in Wien auf die Straße gehen wollen, sind antifaschistische Kräfte zweifellos erneut und verstärkt gefordert.

Identitären-Sprachrohr Sellner klagt mich

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