Wer steckt hinter dem Ibiza-Video?

Demo am Tag des Rücktritts der FPÖ-MinisterInnen am Wiener Ballhausplatz. Bild: Michael Bonvalot

[ND] In Österreich werden mögliche Mitverantwortliche bekannt / Spuren führen nach Deutschland

[Erstveröffentlichung: ND, 23.05.2019] Die Inszenierung war aufwendig. Treffen in verschiedenen Städten, teure Autos, eine Villa auf Ibiza und schließlich die Kosten der professionellen Überwachung. Doch wer macht so etwas? Wer hat die Mittel und die Möglichkeiten und wartet dann trotzdem fast zwei Jahre, bis die Bombe platzt?

In Wien tauchen nun erste Vermutungen über Mitverantwortliche auf. Der anfängliche Kontakt lief offenbar über Johann Gudenus, den inzwischen zurückgetretenen FPÖ-Fraktionschef im österreichischen Parlament. Auf dem Ibiza-Video, das im Juli 2017 entstanden ist, tritt er als Übersetzer von Ex-FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache auf. Den Waffenproduzenten Glock »übersetzt« der Burschenschafter plastisch, indem er mit einer imaginären Pistole anlegt.

Video: Burschenschaften in Wien – Eine Spurensuche

Bereits im März 2017 soll es in einem Nobellokal in der Wiener Innenstadt zu einer ersten Begegnung von Gudenus mit der angeblichen lettischen Oligarchennichte gekommen sein. Die fuhr im edlen Maybach vor, berichtet der »Kurier«. Ziel des Treffens: Die vermeintliche Oligarchin zeigte sich daran interessiert, das Jagdgrundstück der einstmals gräflichen Familie Gudenus zu erwerben.

Gudenus biss an. Als Vermittler kam dann ein Wiener Anwalt in Spiel, so der »Kurier« weiter. Dieser habe den Kontakt vertieft und »bestätigt, dass die Identitäten der Herrschaften echt sind«, so Gudenus. Ob die Identitäten einer Recherche standgehalten hätten, ist unklar.

Schwarz-Blau von A bis Z

Auf Ibiza war dieser Anwalt nach derzeitigem Erkenntnisstand nicht anwesend. Dafür aber soll dort der Detektiv Julian H. dabei gewesen sein, der auch am Rande im Video vorkommen soll. Der Österreicher führt eine Sicherheitsberatungsfirma in München. Die Homepage ist inzwischen offline, der Telefonanschluss führt zu einer Münchner Anwaltskanzlei, so der »Kurier«, der auch H.s mutmaßlichen ehemaligen Kompagnon zitiert. Detektiv Sascha Wandl bringt einen Wiener FPÖ-Politiker ins Spiel, der sowohl mit dem Anwalt wie mit Detektiv H. befreundet sein soll. Dabei soll es sich um einen ehemaligen Weggefährten Straches handeln, der heute nicht gut auf diesen zu sprechen sei.

Das würde eine der Theorien zur Urheberschaft des Videos bestätigen: jene, dass es sich um den Versuch (ehemals) FPÖ-naher Kreise handelt, entweder über Erpressung oder über den Verkauf des Videos zu Geld oder Vergünstigungen zu kommen. Unklar bleibt, woher eine private Gruppe die Mittel zu dieser Scharade hatte und warum sie zumindest bis 2018 stillhielt. Damals soll das Video verschiedenen Medien um eine siebenstellige Summe zum Verkauf angeboten worden sein. Offen bleibt auch, warum Kreise aus dem FPÖ-Umfeld das Material kurz vor der EU-Wahl veröffentlichen sollten. Doch hier könnte Jan Böhmermann ins Spiel kommen.

Die FPÖ – Partei der Reichen

Der Satiriker wird ebenso wie das Zentrum für Politische Schönheit immer wieder im Zusammenhang mit dem Video genannt. Böhmermann wusste bereits früh von der Existenz des Videos, wie sein Auftritt bei der Verleihung des Fernsehpreises »Romy« im April 2019 zeigt. Damals sprach er davon, dass er gerade »zugekokst in einer russischen Oligarchenvilla auf Ibiza« rumhängen würde. Dieser Hinweis könnte die Übergabe des Videomaterials beschleunigt haben.

Als Indiz für die Mitwisserschaft des Zentrums für Politische Schönheit wird gewertet, dass auf dem Twitterprofil @kurzschluss14 ein mutmaßlicher weiterer Ausschnitt aus dem Video veröffentlicht wurde. Der erste Account, der dem Profil folgte, war das Zentrum. Weitere Hinweise auf eine Urheberschaft gibt es aber weder bezüglich Böhmermann noch in Richtung Zentrum.

Operation Reisswolf

Eine weitere Spekulation betrifft eine geheimdienstliche Beteiligung. Die FPÖ, die bis vor wenigen Tagen das Innenministerium kontrollierte, hat ein Kooperationsabkommen mit der russischen Staatspartei Einiges Russland. Eine Quelle aus dem österreichischen Parlament sagt gegenüber »nd«, dass möglicherweise brisante Informationen westlicher Dienste nach Russland weitergegeben wurden. Kurz danach soll das gesamte Video an die Medien übergeben worden sein.

Doch all das bleibt derzeit Spekulation. Sicher ist: Das Video stellt eine Blamage für die extreme Rechte dar.

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