Wie Männerkult und Homophobie im Fußball den Missbrauch begünstigen

Bild: Michael Bonvalot

In der Fanszene von Rapid Wien wurde ein Fall von sexualisierter Gewalt bekannt. Spätestens jetzt muss eine intensive Auseinandersetzung mit Homophobie, Männlichkeitskult und Hierarchien in den Fanszenen beginnen.

[Erstveröffentlichung: FM4, 01.09.2019] Es war ein außergewöhnliches Statement, mit dem die aktive Fanszene des SK Rapid Wien am 30. August in die Öffentlichkeit gegangen ist. Ein Mann aus der Fanszene soll Jugendliche sexuell missbraucht haben. Die Betroffenen dürften junge Rapid-Fans sein, der Mann hat offenbar seine Position ausgenützt.

Es soll sich um einen zentralen Aktivisten gehandelt haben. „In der Szene heißt es, dass der Typ der Verantwortliche für die Betreuung der jungen Fans war,“ sagt ein Rapid-Anhänger gegenüber FM4. Das Statement der „aktiven Gruppen des Block West“ spricht dabei wichtige Punkte an. „Die Beschaffenheit einer Fanszene“ hätte es dem Mann erleichtert, „sexualisierte Gewalt auszuüben“.

Männerdominierte Kreise

Dieser Vorfall würde den Gruppen „auf drastische Weise vor Augen“ führen, dass auch die Fußballszene „vor sexuellen Übergriffen, wie sie aus männerdominierten Kreisen bekannt sind, nicht verschont“ bleibe. Völlig zu Recht wird angemerkt, dass „überall dort, wo sich Minderjährige aufhalten und ein starkes Machtgefälle vorherrscht“, besondere Wachsamkeit geboten sei.

Anti-Homophobe Aufkleber aus der Fußballszene

Bild: Michael Bonvalot

Die Fangruppen nehmen sich nun vor, „für diese Problematik zu sensibilisieren und Sprachbarrieren zu brechen“ und diskutieren nach ihren Angaben darüber, „ob es nicht möglich gewesen wäre, die Verhaltensmuster frühzeitig zu erkennen“. Abschließend wird im Hinblick auf professionelle Hilfestellung und Unterstützung für Betroffene auf die Wiener Männerberatung sowie auf die Verbrechensopferhilfe „Weißer Ring“ verwiesen. Unterzeichnet ist der Text von den „aktiven Gruppen des Block West“, einzelne Fanclubs werden nicht namentlich aufgeführt.

Kurz vor dem Derby

Das Statement der Rapid-Szene ist zwei Tage vor dem großen Wiener Derby erschienen. Es kursieren Gerüchte, dass der Missbrauchsfall in der Szene der Austria bereits bekannt gewesen sei und am Derby „geoutet“ werden sollte.

Damit zusammenhängen könnte auch der Hinweis auf den Fall eines jüngst ermordeten Austria-Fans im Statement. Soweit bisher bekannt ist, hat der Mann sich über ein queeres Datingportal einvernehmlich mit einem deutlich jüngeren Mann getroffen, der ihn dann ermordet haben soll. Im Statement wirkt der Hinweis damit etwas willkürlich, weil es bis dato keine Hinweise darauf gibt, dass der Fall etwas mit Fanszenen zu tun hat.

Bilder zu Homophobie in Fußball Szene - Aufkleber, Banner usw.

Bild: Michael Bonvalot

Sollten die Gerüchte zum „Outing“ des Missbrauchsfall am Derby stimmen, muss davon ausgegangen werden, dass dieses „Outing“ in einschlägig homophober Form erfolgt wäre (Dieser Artikel wurde vor dem Derby geschrieben, es bleibt abzuwarten, was dort passieren wird).

Nur ein Einzeltäter?

Im Statement der Rapid-Fangruppen werden viele wichtige Punkte angesprochen. Doch gleichzeitig gibt es weiterhin wesentliche offene Fragen und Leerstellen. So heißt es im Statement, dass es sich „beim Täter um einen kranken Einzeltäter“ handeln würde. Doch tatsächlich kann niemand wissen, ob es nur diesen einen möglichen Täter gibt.

Rote Karte für Homophobie

Alle Erfahrungen aus anderen männerdominierten und hierarchischen Milieus, etwa im Sport und in der Kirche, sprechen dagegen – was ja auch im Statement selbst thematisiert wird. So besteht die Gefahr, dass das strukturelle Missbrauchsrisiko wiederum relativiert wird.

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Bild: Privat

Das sieht auch Sozialpädogin und Fan-Aktivistin Stefanie Gunzy sehr kritisch: „Fanhierarchien sind Machthierarchien. Die Ausübung von Gewalt ist in diesen Szenen alltäglich, gerade von jüngeren Mitgliedern wird erwartet, dass sie un-hinterfragt Dinge ausführen.“

Eingeschworene Szene

„Diese Szenen sind in sich enorm geschlossen und eingeschworen,“ sagt Gunzy. „Wer etwas ausplaudert, muss die Szene oft sogar ganz verlassen.“ Neue Mitglieder bekommen das in Fanclubs bereits zu Beginn eingetrichtert. „Für Opfer von Übergriffen kann das bedeuten, dass sie entweder den Mund halten oder still die Szene verlassen.“

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„Es herrscht Gruppenzwang, hinterfragt wird da nichts“, sagt auch Rapid-Fan Lukas. Das sind wesentliche Voraussetzungen, damit Missbrauch lange unbemerkt bleibt und Täter sich sicher fühlen können.

Sexualisiert gedemütigt und blutig geschlagen

Als Einfallstor für sexualisierte Gewalt sieht Gunzy etwa die im Sport und auch in den Fanszenen oftmals üblichen Aufnahmerituale. Im Fußball besonders berüchtigt ist dabei das sogenannte „Pastern“, mit dem junge Fußballspieler gedemütigt wurden und möglicherweise immer noch werden.

Nazis und Homophobie rund um das Spiel Rapid gegen Slovan

Ex-Bundesliga-Profi Peter Hackmair hat dieses Demütigungsritual 2017 gegenüber dem Nachrichtenmagazin Profil beschrieben: Junge Spieler, die gerade einen Profi-Vertrag unterschrieben hatte, wurden geschnappt, auf der Massagebank festgebunden und mit Badeschlapfen oder Ähnlichem geschlagen – oft, bis sie geblutet haben. „Dann wurde der Anus mit einer scharfen Traumasalbe eingerieben“, so Hackmair.

Dazu wären weitere Demütigungen bekommen, „zum Abschluss wurde der Kopf rasiert. Das Ganze dauerte zwischen 15 und 30 Minuten“. Ex-Profi Paul Scharner musste das Pastern selbst ertragen: „Pastern bedeutet menschliche Erniedrigung, mit gravierenden Folgen. Bei mir ist der Vorfall insofern glimpflich ausgegangen, weil ich keine Tube anal eingeführt bekommen hab“, sagte er 2017 dem Standard.

Kritik an der Homophobie muss folgen

Auffallend ist im Statement, dass das Thema Homophobie mit keinem Wort erwähnt wird. Das ist zweifellos eine entscheidende Leerstelle. Homophobe Umgebungen begünstigen auch Missbrauch, weil es dort für Betroffene oft besonders schwierig ist, Übergriffe zu thematisieren: Sie könnten ja dann selbst als schwul gelten.

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Bild: Michael Bonvalot

Und gerade die Fanszene von Rapid ist in den vergangenen Jahren immer wieder einschlägig homophob aufgefallen – übrigens ebenso jene des Stadtrivalen Austria. Beim großen Wiener Derby gegen die Austria am 4. Februar 2018 etwa wurde ein Banner mit der Aufschrift „Schwuler FAK“ über die halbe Fantribüne gehisst. Wenige Tage danach wurde der damalige Austria-Kapitän Raphael Holzhauser auf einem weiteren Banner als „Woama“, also Schwuler, beschimpft.

Österreichs Fußball muss sein Homophobie-Problem lösen

Ein Austria-Logo wurde zusätzlich mit der Aufschrift „Angsthasen“ und Symbolen der Schwulenbewegung versehen. Es ist ein klassisches homophobes Bild: Vermeintlich männliche Stärke gegen angeblich ängstliche Schwule.

Im August 2018 wurde im Rapid-Sektor dann gar ein Banner mit der Aufschrift „We hate Homos“ gegen die Austria präsentiert. Das Banner tauchte nicht irgendwo in der Kurve auf. Es wurde genau im Mittelblock gezeigt, über dem Fanclub-Banner der „Sektion Gioventù“. Und das ist die Jugendsektion der „Ultras Rapid“, also der wichtigsten Fangruppe der Hütteldorfer.

Solche Banner werden nicht von Einzelpersonen produziert und präsentiert. Es wäre in der Fußballszene undenkbar, dass solche sogenannten „Fetzn“ ohne die Erlaubnis der jeweils führenden Fanclubs präsentiert werden.

Bilder zu Homophobie in Fußball Szene - Aufkleber, Banner usw.

Screenshot ORF

„Das war die übliche Beschimpfung“

Im Wiener Stadtbild finden sich Rapid-Aufkleber mit Aufschriften wie „We hate Homos“, „Wien hasst Homos“ oder „Huren Gay Kinder“ gegen die Austria. Im Stadion sind bei jedem Derby homophobe Beschimpfungen aus der Kurve von Rapid – wie auch der Austria – zu hören, angestimmt zumeist von den Vorsängern der Kurven.

Auch er hätte immer mitgeschrien, wenn im Stadion „Schwuler FAK“ gerufen wurde, erzählt Rapid-Fan Lukas. „Als ich 14 oder 15 war, war das für mich die übliche Beschimpfung der Austria.“ Sie hätten einfach immer mitgebrüllt, was der Vorsänger ruft. „Als ich dann etwas älter geworden bin und mich politisiert habe, habe ich den homophoben, sexistischen und antisemitischen Bullshit gelassen“, sagt Lukas.

Männerkult und Gorilla-Gehabe

In einem Milieu aber, wo Homophobie in einem solchen Ausmaß alltäglich ist, ist es für Betroffene besonders schwierig, Missbrauch zu thematisieren. Wer den Übergriff thematisiert, könnte möglicherweise selbst als schwul gelten. Wer darüber erzählt, von Übergriffen betroffen zu sein, könnte damit Schwäche zeigen.

Anti-Homophobe Aufkleber aus der Fußballszene

Michael Bonvalot

„Opfer“ und „schwach“ sein – es widerspricht dem Selbstbild vieler Männer in den Fußball-Szenen mit ihrem intensiv ausgelebten Männlichkeitskult. „Gorilla-Gehabe“ nennt es Gunzy. Das aber schützt und stützt die Täter.

In ihrem Statement schreiben die aktiven Fangruppen von Rapid nun, dass der Täter „mit der gebotenen Härte aus dem Szeneumfeld entfernt“ worden sei. Die Szene will damit vermutlich einen klaren Schlussstrich formulieren. Doch gleichzeitig werden so Bilder (männlicher) Stärke reproduziert.

Wie der aktuelle Fall bei Rapid nun weitergeht, ist unklar. Man kann aber annehmen, dass es nicht der einzige Fall von Missbrauch und sexualisierten Übergriffen in Österreichs Fanszenen ist. Besonders wichtig wäre nun einerseits, die Betroffenen zu stärken, damit sie den Mut finden und sich um professionelle Unterstützung und Hilfe bemühen. Gleichzeitig wäre es höchste Zeit, die problematischen Hierarchien, die überholten Männerbilder und die Homophobie in vielen Fußball-Fanszenen zu thematisieren, kritisch zu reflektieren – und zu überwinden.

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