„Der Wunsch unserer Familie wird ignoriert“

Bild: SJ

Das „Europacamp“ am Attersee wurde der SJ von Holocaust-Überlebenden übergeben. Künftig sollen hohe Pachtzinsen fällig werden – einer der letzten freien Seezugänge ist damit in Gefahr. Jetzt spricht die jüdische Familie. Der Brief im Wortlaut.

Seit mehreren Jahren tobt ein Streit um das Europacamp der Sozialistischen Jugend (SJ) am oberösterreichischen Attersee. Es geht um die Frage, ob das Camp eine Parteispende sei – damit würden hohe Pachtzinsen fällig. Für die lokale Bevölkerung ist der zum Camp gehörende Strand einer der letzten freien Seezugänge, für viele politische Organisationen ist das Camp eine wichtige Ressource für Camps und Treffen.

Das Gelände am Attersee hatte ursprünglich Gertrude Webern gehört, einer Sozialdemokratin, die 1938 als Jüdin von den Nazis enteignet wurde und aus Österreich fliehen musste. Ihre Erben, die Geschwister Pollak, hatten das Gelände nach der Rückgabe 1962 an das Land Oberösterreich verkauft. Die Auflage: Es müsse der SJ für 99 Jahre und für eine sehr geringe Pacht zur Verfügung gestellt werden. Das Gelände solle für antifaschistische Arbeit verwendet werden – ein Anspruch, der am Camp mit vielen politischen Veranstaltungen laufend eingehalten wird.

Das Camp müsste wohl schließen

Nun behauptet aber das Bundesverwaltungsgericht in einem Erkenntnis, dass die SJ 45.000 Euro Strafzahlung leisten müsse. Grundlage dafür ist ein neues Parteiengesetz aus dem Jahr 2012, das Spenden öffentlich-rechtlicher Körperschaften an politische Parteien verbietet. Die SPÖ hat angekündigt, gegen dieses Urteil Beschwerde beim Verfassungsgerichtshof und Revision beim Verwaltungsgerichtshof einzulegen. Die Gefahr liegt nicht allerdings nur in der Strafzahlung.

Bild: SJ

Denn künftig würden dann auch hohe Pachtzahlungen fällig: Bis zu 280.000 Euro will das Land Oberösterreich laut Oberösterreichischen Nachrichten kassieren. Oberösterreich wird von ÖVP und FPÖ regiert. Damit wäre das Camp wohl am Ende und müsste schließen.

Nun melden sich die Nachfahren von Gertrude Webern zu Wort. Der Brief, der hier im Wortlaut dokumentiert ist, wurde von der SJ Oberösterreich zur Verfügung gestellt.

Stellungnahme von Anthony Cohn, Enkel der ehemaligen Eigentümerin des Grundstücks am Attersee, Gertrude Webern, geborene Pollak.

Mein Bruder und ich sind sehr besorgt über die aktuelle Diskussion um die Zukunft des Europacamps am Attersee. Unserer Meinung nach verabsäumen es die verantwortlichen Politiker in Oberösterreich, das Erbe unserer Familie zu schützen und die Verpflichtungen aus einem gültigen Vertrag einzuhalten. Wir sind auch von der jüngsten Gerichtsentscheidung zutiefst enttäuscht und unterstützen die vorgeschlagene Berufung: Der Wunsch unserer Familie, insbesondere der unserer Großmutter, wird ignoriert. Wir hätten uns von der Landesregierung mehr Sensibilität und die Einhaltung der gesetzlichen Verpflichtungen erwartet, vor allem eingedenk der österreichischen Geschichte.

Ich bin Anthony Cohn, ein Enkel von Gertrude Webern, geborene Pollak. Ihr Bruder wurde von den Austrofaschisten inhaftiert, weil er die sozialdemokratische Partei unterstützte.
Unter der Nazi-Diktatur wurde die Familie Pollak, unsere Familie, enteignet, weil sie jüdisch war. Alle übrigen Mitglieder unserer Familie mussten fliehen. Das Europacamp befindet sich heute auf einem Grundstück, das von den Nazis beschlagnahmt wurde.Glücklicherweise überlebten unsere Großmutter (sowie ihre Kinder, darunter unsere Mutter) und ihr Bruder den Holocaust.

Anthony Cohn

Nach der Befreiung Österreichs versuchten sie, ihren Besitz zurückzuerlangen. Aufgrund eines gerichtlich angeordneten Vergleichs mussten sie jedoch eine sehr hohe Summe an jene Personen zahlen, die in der Zwischenzeit in den Besitz der Liegenschaft gelangt waren. Um dies bezahlen zu können, verkaufte unsere Familie einen Teil ihres Besitzes, darunter auch das Grundstück, auf dem sich heute das Europacamp befindet, das an das Land Oberösterreich verkauft wurde.

Im Kaufvertrag wurde klargestellt, dass das Grundstück nur dann zum vereinbarten Preis an das Bundesland verkauft wird, wenn die Sozialistische Jugend Österreichs darauf ein Jugendlager errichten dürfe. Auch der symbolische Pachtzins, der dem Vernehmen nach in letzter Zeit in Österreich viel diskutiert wurde, wurde dort festgelegt. Die Bedingungen dieses Vertrages, einschließlich der symbolischen Pacht für einen Zeitraum von 99 Jahren, waren der ausdrückliche Wunsch unserer Großmutter und unseres Großonkels. Ohne diese Bedingungen hätte das Land Oberösterreich nicht die Möglichkeit gehabt, Eigentümer des Grundstücks zu werden.

Unsere Großmutter hat zu Lebzeiten immer wieder deutlich gemacht, dass es ihr Wunsch war, dass die Sozialistische Jugend ihr ehemaliges Grundstück für ein Jugendlager mit freiem Zugang zum Attersee für die Öffentlichkeit nutzt. Dieser Wunsch wurde in einem Vertrag, den meine Großmutter, mein Großonkel und das Land freiwillig abgeschlossen haben, rechtlich festgehalten, wobei letzteres diesen jedoch nun einseitig bricht. Dies können wir nicht stillschweigend hinnehmen, und wir möchten auf das Schärfste dagegen protestieren, weil es ungerecht ist – nicht nur im rechtlichen, sondern auch im sozialen und moralischen Sinne.

Unsere Familie wurde von den Machthabern in der Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs sehr schlecht behandelt. Jetzt wird der Nachlass unserer Großmutter von den örtlichen Behörden in Frage gestellt. Jener Nachlass, den zu schützen und zu respektieren, sich die örtlichen Behörden in der Vergangenheit verpflichtet haben. Wir hoffen und erwarten inständig, dass die oberösterreichische Landesregierung ihre unklugen Absichten überdenkt und von ihren geplanten Schritten gegen das Europacamp absieht. Dieses Camp in seiner jetzigen Nutzung und mit der nominellen Pacht ist der ausdrückliche, vertraglich festgehaltene Wunsch unserer Vorfahren; mein Bruder und ich erwarten, dass dieser Wunsch auch in Zukunft respektiert wird, zumindest bis zum Auslaufen der Bestimmungen des Kaufvertrags.

Hochachtungsvoll Anthony Cohn

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