Wenn Wohnen zur Ware wird

[AW] Immobilienkonzerne machen Wohnraum zum Spekulationsobjekt. Darunter leiden immer mehr Menschen, die sich das Wohnen einfach nicht mehr leisten können.

[Erstveröffentlichung: Arbeit und Wirtschaft, 11.11.2019] Auf den Inseraten sieht es ganz nett aus, das neue Hochhaus am Wiener Donaukanal. Es liegt zwar direkt neben der Südosttangente, der meistbefahrenen Autobahn des Landes. Dafür wirken die Wohnungen recht schick. Doch dann der Schock: Rund 520.000 Euro soll eine Wohnung mit 70 m² Wohnfläche kosten.

Ein ähnliches Bild zeigt sich am südlichen Stadtrand von Graz. Dort entsteht ein neues Wohnprojekt, eine Wohnung mit knapp 60 m² wäre noch frei. Kostenpunkt: 410.000 Euro. Wer kann sich solche Preise leisten? Und wie kommen solche Preise eigentlich zustande?

Mindestsicherung: „Es soll sich niemand mehr schämen“

Die beiden Inserate liefern erste Antworten. Beim Grazer Inserat wird stolz darauf hingewiesen, dass „bis zu 6 Prozent Rendite“ im Jahr zu erwarten wären. Beim Wiener Inserat wird der Preis „für Anleger“ gleich extra genannt. In einem Artikel wird dann erklärt, welche Profite „durch eine Kombination aus Mieteinnahmen, Wertsteigerung und Nutzung steuerlicher Vorteile“ zu erwarten wären.

Teuer kaufen, teuer vermieten

Im Klartext: Die Firmen, die solche Gebäude errichten, gehen gar nicht davon aus, dass die Wohnungen primär für den Eigenbedarf gekauft werden. Hier entstehen sogenannte Vorsorgewohnungen. Wohnungen sind zu Anlageobjekten geworden. Zuerst wird teuer gekauft, dann wird teuer vermietet.

„Es gibt Investoren, die Hunderte Wohnungen kaufen und dann leer stehen lassen“, erzählt Walter Rosifka, Leiter des Teams Wohnen der Arbeiterkammer Wien. So würde Geld geparkt, um Wertsteigerungen zu erzielen. Wie hoch der Leerstand in Österreich insgesamt ist? „Das kann niemand seriös beantworten, wir haben dazu einfach keine Zahlen“, so Rosifka.

Betongold

Wo sich der Wohnbau-Experte sicher ist: „Sehr viele Menschen finden einfach keinen bezahlbaren Wohnraum mehr.“ Die privaten Investoren würden zwar bauen. „Doch hier entstehen Luxuswohnungen, die für leistbares Wohnen nichts bringen.“ Mit den hohen Preisen würden vor allem junge Menschen kämpfen, so Rosifka.

„Denn das ist eine Gruppe, in der die Einkommen nochmals niedriger sind als im Durchschnitt der Gesellschaft.“ Was das konkret bedeutet, zeigt eine Preisanalyse der Immobilien-Plattform Immobilienscout24: Rund 56 Prozent ihres Jahresnettoeinkommens sollen Wohnungssuchende im Jahr 2018 in Wien für eine 80-m²-Mietwohnung bezahlt haben.

Arbeitszeit? Verkürzen!

Auch die neuesten Statistiken, die die Arbeiterkammer im Oktober 2019 präsentiert hat, sprechen eine klare Sprache: Allein zwischen 2008 und 2018 sind die Mietkosten in Wien um rund 48 Prozent gestiegen. Die Preise für gebrauchte Eigentumswohnungen haben sich sogar verdoppelt. Für Eigentümer bedeutet das bei Verkauf enorme Gewinne – ohne jede Leistung.

Es ist kein Zufall, dass für die Berechnungen der Arbeiterkammer zum Anstieg der Immobilienkosten das Jahr 2008 als Ausgangspunkt dient. In diesem Jahr erreichte die letzte globale Wirtschaftskrise ihren ersten Höhepunkt – und seitdem haben immer mehr große Finanzinvestoren Geschmack am Immobiliensektor gefunden.

„Seit 2008 haben sich die Preise für Wohnungen und Grundstücke in Österreich deutlich verteuert“, erklärt Lukas Tockner, Referent für Wohnungspolitik der AK Wien. Der Begriff „Betongold“ wird geprägt.

Während für Kapitaleigner in anderen Investitionsbereichen die Zinsen sinken, seien „in Österreich im Immobilienbereich gute und vor allem sichere Profite zu machen“, so Immobilien-Experte Tockner. Hedgefonds investieren verstärkt in den Immobilienbereich und fungieren als Preistreiber.

Das widerständige Frankreich in Bildern

Das Konzept erklärt Investmentspezialist Wolfgang Matejka im „Kurier“: „Mit einem Vermietungsertrag hat man heute das beste Szenario, weil die Miete an die Inflation angepasst wird und man jedes Jahr mindestens den Inflationsausgleich erhält.“ Wohlgemerkt: mindestens. In Österreich wächst die Bevölkerung vor allem in den Ballungszentren, Menschen müssen wohnen, auch wenn die Preise steigen.

BUWOG: Private kassieren

Welche Profite am Wohnbausektor zu machen sind, zeigt das Beispiel BUWOG. Gegründet wurde sie 1950/51 als Wohnungsgesellschaft für Bundesbedienstete. Doch unter Schwarz-Blau I wurden im Jahr 2004 die BUWOG und vier andere Wohngesellschaften des Bundes privatisiert. 961 Millionen Euro zahlte ein Konsortium für rund 61.000 Wohnungen, Garagen und Baugründe. Gerade einmal knapp 16.000 Euro pro Einheit.

Schwarz-blaue Wiederholungen

Schon drei Jahre später berichtete das „Profil“, dass die ehemaligen Bundesimmobilien bereits gut dreimal so viel wert seien. Nun steht zwar bei der BUWOG bis heute der Verdacht der Korruption im Raum – der damalige Finanzminister Karl-Heinz Grasser (zuerst FPÖ, dann ÖVP) steht deshalb aktuell vor Gericht, es gilt die Unschuldsvermutung. Doch die BUWOG-Privatisierung wäre wohl in jedem Fall ein gutes Geschäft gewesen. Gleichzeitig ist die weitere Entwicklung der BUWOG ein Paradebeispiel, wie Konzerne in den Immobiliensektor drängen.

Spekulation

Denn inzwischen gehört die BUWOG dem deutschen Vonovia-Konzern, laut Selbstdefinition „Europas führendes Wohnungsunternehmen“. Der Konzern hat in den letzten Jahren in Österreich groß eingekauft: Auch Conwert, eine der größten Immobiliengesellschaften des Landes, gehört zu Vonovia. Den AktionärInnen hat es offenbar gefallen: Der Aktienkurs von Vonovia ging in den letzten Jahren durch die Decke. Allein seit 2013 haben die Aktien ihren Wert verdreifacht. Für die Eigentümer bedeutet das fette Profite.

Deshalb wollen FPÖ-WählerInnen Strache und Schwarz-Blau zurück

Einer der größten Anteilseigner von Vonovia ist der globale Finanzkonzern BlackRock. Der Konzern – mutmaßlich der größte Vermögensverwalter der Welt – hält Beteiligungen an zahlreichen internationalen Top-Konzernen. Auch in Deutschland ist BlackRock groß im Geschäft: „Niemand besitzt mehr Anteile an deutschen Unternehmen als BlackRock“, schreibt die ARD.

Solche Konzerne suchen sich ihre Investments ganz genau aus. Sie investieren in den Wohnungsmarkt, weil sie Profite suchen. Es ist eine Wette auf die Zukunft. Wenn Investitionen mit einem stabilen Zinssatz angelegt werden können, wenn Wohnungen sich teuer weiterverkaufen lassen oder wenn die Mieten steigen, ist die Wette gewonnen.

Private Immobilienkonzerne profitieren ebenso wie GrundstücksbesitzerInnen. Große Wohnbauprojekte entstehen vor allem an den Stadträndern. Wenn dort Felder in Bauland umgewidmet werden, bedeutet das für die Eigentümer eine massive Wertsteigerung – und damit ein enormes leistungsloses Einkommen.

Boden wird dadurch zum Spekulationsobjekt. In Wien etwa haben sich die Grundstückspreise allein zwischen 2008 und 2018 mehr als verdoppelt.

Spenden

Die Folge: Kommunen und gemeinnützige Bauträger können sich den Wohnbau kaum mehr leisten. Die Baugründe gehen stattdessen an Private, die frei finanzierte Wohnungen errichten – und diese dann teuer vermieten oder verkaufen.

Kreislauf durchbrechen

Könnte der Kreislauf der Spekulation unterbrochen werden? „Ja“, sagt Walter Rosifka von der Arbeiterkammer. „Wenn ein Grundstück nicht benutzt wird, dann wird es offenbar nicht gebraucht.“ Er weist darauf hin, dass laut Bodenbeschaffungsgesetz Enteignungen möglich sind, um Grundstücke für den Wohnbau zu beschaffen.

Fette Katzen

„Das geht bei Krankenhäusern, Schulen oder Straßen – warum nicht bei Wohnraum?“, fragt Rosifka. Und auch den drastisch steigenden Mieten im privaten Wohnbau müsste der Kampf angesagt werden, so Rosifka: „Da braucht es Obergrenzen beim Mietzins, einen Mietendeckel. Und ordentliche Strafen, wenn jemand zu viel verlangt.“ Parallel bräuchte es weitere Maßnahmen. Rosifka nennt etwa das Problem der Befristungen.

All diese Problemfelder sind aber nur logische Folgen, wenn Wohnen als Ware im Kapitalismus verstanden wird. Hier wäre ein grundlegend anderer Zugang erforderlich, wie auch Wohnbau-Experte Rosifka fordert: „Wir sollten Wohnraum als Zuhause für Menschen sehen – und nicht als Form der Profitmaximierung.“

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