Ich habe versucht, herauszufinden, wie viele Spitalsbetten es in Österreich gibt

[Moment] Die Frage, wie viele Spitalsbetten es in Österreich gibt, ist in der Corona-Krise von zentraler Bedeutung. Politisch ebenfalls bedeutsam: Wie hat sich die Zahl der Spitalsbetten entwickelt? Sind es in den letzten Jahren mehr geworden oder weniger? Und wie sieht das nach Bundesländern aus? Ich habe versucht, es herauszufinden – und bin auf erstaunliche Hürden gestoßen. Ein persönlicher Erfahrungsbericht.

[Erstveröffentlichung: Moment] Die Zahl der sogenannten Akutbetten ist in Österreich zwischen 1990 und 2017 deutlich gesunken. Das zeigen die Angaben der OECD, also des Zusammenschlusses der wirtschaftlich reichsten Staaten. Doch genau diese Akutbetten wären in der aktuellen Corona-Krise besonders wichtig. „Akutbetten sind Betten, die für nicht geplante Aufnahmen bereit gehalten werden“, erklärt mir S., ein Spitalsarzt aus Salzburg.

Das Problem der Angaben der OECD: Sie zeigen zwar, wie viele Betten je 1000 EinwohnerInnen es gibt. Doch es fehlen die absoluten Zahlen. Und: Es gibt zwar Angaben für ganze Staaten, in Österreich aber nicht nach Bundesländern.

Das müsste doch herauszufinden sein, habe ich mir gedacht – und am 6. April Anfragen zur Entwicklung der Betten ab 1990 an die Pressestelle der neun Bundesländer sowie des Gesundheitsministeriums geschickt.

Der Beginn der Recherche

Der gleichlautende Text des Mails an alle Bundesländer: „Ich recherchiere aktuell für moment.at zur Entwicklung der Spitalsbetten, Akutbetten und Intensivbetten in Österreich in den vergangenen Jahren. Auf der Seite der OECD finde ich bundesweite Zahlen zu Gesamtbetten, Akutbetten und Psychiatriebetten, ich habe mir als Zeitraum die Periode ab 1990 angesehen:  https://data.oecd.org/healtheqt/hospital-beds.htm. Nun würde mich interessieren, wie sich diese Bettenentwicklung in ihrem Bundesland für Spitalsbetten, Akutbetten und Intensivbetten im Zeitraum ab 1990 darstellt.“

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In der Anfrage an das Ministerium werden alle Bundesländer gemeinsam abgefragt. Den Zeitraum habe ich nicht willkürlich gewählt. Nachdem auf der Seite der OECD Zahlen ab 1990 verfügbar sind, müssten diese Zahlen ja auch vorhanden sein. Dachte ich.

Leider nicht möglich

Gleich am selben Tag antwortet das Land Salzburg. Doch, „leider können wir aufgrund der aktuellen Situation diese aufwendige Recherche derzeit nicht leisten.“ Das wirkt zumindest erstaunlich. Denn wenn die Republik gegenüber der OECD Zahlen einmeldet, müssten doch auch Zahlen der Länder vorhanden sein?

Ebenfalls sehr schnell ist das Land Kärnten. Bereits am nächsten Tag folgt die Antwort: „Sie finden die gewünschten Infos auf der Homepage https://www.gesundheitsfonds.at/ „, heißt es in der Antwort auf meine Anfrage. Ein genauer Link wird nicht mitgeschickt. Nun könnte es durchaus so sein, dass die Zahlen irgendwo auf dieser umfangreichen Seite zu finden sind. Gefunden habe ich sie allerdings nicht.

Bundesländer: Verweis auf das Gesundheitsministerium

Auch die Länder Oberösterreich und Tirol antworten am 7. April – und verweisen beide auf das Gesundheitsministerium und die Seite Krankenanstalten in Zahlen. Auf dieser Seite sind in der Rubrik “Betten” zwar tatsächlich sehr viele Tabellen zu finden – aber nicht die Zahlen, nach denen ich gefragt hatte. Es drängt sich der Verdacht auf, dass da einfach irgendein Link geschickt wurde.

Ähnlich das Land Steiermark: Es sei aktuell nicht möglich, die Frage umfassend zu beantworten. Dazu folgt ein Hinweis auf Publikationen der Statistik Austria. Speziell verweist mich Sprecherin Heidi Zikulnig auf den 291-seitigen Bericht „Jahrbuch der Gesundheitsstatistik 2017“.

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Ab Seite 264 dieses Jahrbuchs – niemand soll sagen, ich hätte nicht gesucht – finde ich dann zwar eine Aufstellung der Betten je Bundesland im Jahr 2017. Recherchiert hatte ich allerdings zur Bettenentwicklung ab 1990. Denn spannend ist ja: Werden es mehr, werden es weniger? Dazu habe ich im Jahrbuch nichts gefunden. Auch hier wirkt es so, als sei einfach irgendetwas verschickt worden.

Gesundheitsministerium: Verweis auf die Bundesländer

Doch dann die erste Überraschung. Am 7. April antwortet auch das Gesundheitsministerium. Die gewünschten Daten würden dort gar nicht vorliegen, so Sprecherin Lena Jäger. Die Entscheidung darüber wie viele Akut- oder Intensivbetten ein Bundesland hat, würde auf Landesebene getroffen. „Daher würde ich Sie bitten, ihre Anfrage an die Länder zu richten“, so Jäger. Doch bereits vier Bundesländer hatten zu diesem Zeitpunkt ihrerseits auf den Bund verwiesen.

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Gesundheitsministeriums-Sprecherin Jäger gibt noch eine weitere Mutmaßung. Eventuell könne ja die staatliche „Gesundheit Österreich GmbH“ (GÖG) helfen? Dazu verweist auch sie auf die bereits bekannte Seite „Krankenanstalten in Zahlen“. Am gleichen Tag meldet sich auch das Land Oberösterreich – auch dort der Verweis auf GÖG.

Das klingt interessant, eine Anfrage an die GÖG geht raus. Das Land Niederösterreich schreibt mir inzwischen, dass Zahlen bis 1990 dort gar nicht vorliegen würden. Zur Erinnerung: Das Gesundheitsministerium hatte an die Länder verwiesen.

Wien, Burgenland und Vorarlberg antworten gar nicht

Zu diesem Zeitpunkt haben die Bundesländer Tirol, Salzburg, Kärnten, Steiermark, Oberösterreich und Niederösterreich zumindest reagiert – wobei kein einziges Bundesland einfach Zahlen geschickt hat. Die sozialdemokratisch regierten Bundesländer Wien und Burgenland sowie das ÖVP-dominierte Vorarlberg antworten dagegen nicht einmal auf meine Anfrage.

Am 14. April antwortet dann die GÖG – und schickt tatsächlich erstmals Zahlen für die Bettenentwicklung statt irgendwelcher dubioser Links. Ich erhalte eine Excel-Tabelle mit dem Titel „Alle tatsächlich aufgestellten Betten in Fondskrankenanstalten, UKH und Sanatorien“. Die Bundesländer sind einzeln aufgeführt, die Zeitspanne umfasst die Jahre 1994 bis 2018. Nicht ganz 1990, doch enorm brauchbar. Extra angeführt sind die Intensivbetten.

Ich frage noch, ob es auch Zahlen zu den Akutbetten geben würde, denn laut der Tabelle sind hier ja „alle tatsächlich aufgestellten“ Betten enthalten. Die Antwort: „Bei der übermittelten Aufstellung der Betten handelt es sich um Akutbetten“ – womit wieder die Gesamtzahl der Betten fehlt. Doch zumindest kann ich die Zahlen damit gegenprüfen.

Gegencheck macht stutzig

Mehrere Bundesländer hatten ja auf die Seite „Krankenanstalten in Zahlen“ verwiesen. Dort heißt es, im Jahr 2018 hätte es in ganz Österreich 47.643 Akutbetten gegeben. In der Excel-Tabelle der GÖG ist dagegen von 47.429 Betten die Rede. Das mag nicht viel klingen – aber über 200 Akutbetten sind eine durchaus relevante Abweichung. Auch andere Zahlen weichen ab. Besonders auffallend sind die enorm unterschiedlichen Werte für Wien.

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Laut der Tabelle der GÖG gibt es in Wien im Jahr 2018 insgesamt 10.127 „tatsächlich aufgestellte Betten“. Laut einer Grafik von „Krankenanstalten in Zahlen“ (KAZ) sind es dagegen 14.321 „tatsächlich aufgestellte Betten“. Das ist eine Abweichung von über 4.000 Betten, rund einem Drittel aller Betten in Wien. Die Erklärung von Katharina Habimana von der GÖG auf meine Nachfrage: „Die 14.231 Betten für Wien in KAZ inkludieren auch Rehabilitation und Sonstige KA [Krankenanstalten], beide zählen nicht zu den Akutkrankenanstalten.“ Aus den Statistiken geht das aber nicht hervor.

Empfehlung: Mit „gerundeten Werten“ arbeiten.

Grundsätzlich, so Habimana, gäbe es „unterschiedliche zugrundeliegende Definitionen“. So würden sich Unterschiede zwischen der Auswertung der GÖG und der Darstellung des Ministeriums auf „Krankenanstalten in Zahlen“ erklären lassen.

Eine weitere Einschränkung, so Habimana: Die Zahlen von KAZ würden auch Heeres-und Justizkrankenanstalten umfassen, die der allgemeinen Öffentlichkeit gar nicht zur Verfügung stehen. Generell sei die Empfehlung der GÖG, „mit gerundeten Werten zu arbeiten“.

Wissen die verantwortlichen Stellen überhaupt, wie sich die Bettenzahl entwickelt?

Ich will nicht ausschließen, dass sich in irgendeinem Unterpunkt auf einer der Seiten, die ich von den Pressereferaten der Bundesländer zugeschickt bekommen habe, weiterführende Zahlen verbergen und ich das übersehen habe. Doch klarerweise geht es im journalistischen Alltag über jede reale Möglichkeit hinaus, buchstäblich tausende Seiten von Berichten durchzulesen, um an eine bestimmte Zahl zu kommen.

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Ich habe mich schließlich entschieden, für meine Recherche über die Entwicklung der Betten in Österreich auf die Zahlen der GÖG zurückzugreifen. Die Ergebnisse der Recherche findest du hier. Die Zahlen reichen bis 1994 zurück und geben daher den längsten Überblick. Das Problem dieser Zahlen ist, dass nur die Akutbetten erfasst sind und nicht alle Spitalsbetten in Österreich.

Dennoch wirkt es seltsam, dass es trotz zahlreicher Anfragen, Mailwechsel und umfangreicher Recherchen nicht möglich war, eindeutige Zahlen zur Entwicklung der Spitals- und Akutbetten zu erhalten. Entweder sind diese Zahlen nicht verfügbar oder sie sollen nicht veröffentlicht werden – vor allem die Länder haben hier wohl auch politische Interessen.

Doch es bleibt der Eindruck, dass die Einrichtungen der Republik entweder selbst keinen Überblick haben, wie sich die Zahl der Spitalsbetten in Österreich entwickeln. Oder dass sie nicht wollen, dass diese Zahlen bekannt werden. Es wirkt, offen geschrieben, nicht sehr vertrauenserweckend.

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