Morde und Briefbomben – war Franz Fuchs ein Einzeltäter?

Peter Sarközi, Josef Simon, Karl und Erwin Horvath

Vier Tote und zahlreiche Verletzte durch Briefbomben und den Anschlag von Oberwart. Das ist die Bilanz der faschistischen Anschläge im Österreich der 1990er Jahre. Ob Täter Franz Fuchs tatsächlich allein gehandelt hat, ist bis heute umstritten.

Peter Sarközi, Josef Simon, Karl und Erwin Horvath werden am 4. Februar 1995 von einer Bombe zerfetzt, als sie in Oberwart ein Schild entfernen wollen. Die Aufschrift: „Roma zurück nach Indien“. Eine rassistische Parole als Köder, um Menschen zu töten – das Schild war beim Roma-Ghetto am Rand des burgenländischen Ortes aufgestellt worden.

Die vier Männer aus der Minderheit der Burgenland-Roma waren sind nicht zufällig unterwegs. In einem Bericht des ORF heißt es: „Sie patrouillieren wie so oft um ihre Wohnsiedlung, die Roma-Siedlung in Oberwart, für den Schutz und die Sicherheit ihrer Familien.“ Offenbar war die Siedlung also bereits des Öfteren das Ziel rechter Angriffe. Die BewohnerInnen müssen also den Selbstschutz organisieren.

Die Morde sind der brutale Höhepunkt einer neonazistischen Anschlagsserie, die das Österreich der 1990er Jahre prägt. Bei weiteren Anschlägen mit Briefbomben und einer Rohrbombe werden zahlreiche Menschen verletzt.

Nur zwei Tage nach den Morden von Oberwart explodiert bereits die nächste Bombe, diesmal im burgenländisch Stinatz/Stinjaki. Der Ort ist ein Zentrum der kroatischen Minderheit in Österreich, ein Mitarbeiter der Müllabfuhr wird schwer verletzt.

Polizei attackiert zuerst die Roma

In einem Bekennerschreiben, das in einem Buswartehäuschen in der Nachbarortschaft Ollersdorf/Fratrovo Selo/Barátfalva gefunden wird, heißt es: „Clans der Schifkowits, Grandits, Stoisits, Resetarits und Janisch zurück nach Dalmatien …“ Der Brief schließt mit: „Friedrich II., der Streitbare, Herzog von Österreich Steiermark und Vier Burgenland.“

Erst nach diesem Anschlag ist offenbar auch für die Polizei geklärt, dass Oberwart ein rechter Anschlag war. Zuvor hatte die Polizei noch alle Wohnobjekte im Roma-Ghetto in Oberwart durchsucht, wie die Polizeiprotokolle zeigen. Während also die Leichen der Ermordeten vermutlich noch nicht einmal kalt sind, durchsucht die Polizei die Häuser ihrer Familie, ihrer FreundInnen und ihrer NachbarInnen.

Ethnische Minderheiten und AntifaschistInnen im Visier

Die beiden Anschläge sind allerdings Teil einer ganzen Serie von Briefbomben und Bomben – rund drei Jahre dauert der faschistische Terror. Die erste Serie von Briefbomben startet im Dezember 1993, eine weitere wird im Oktober 1994 verschickt. 1995 folgen schließlich gleich drei Serien, eine letzte Briefbombe kommt Ende 1996. Parallel gibt es Bombenanschläge. Neben Oberwart und Stinatz auch auf die zweisprachige Volksschule in Klagenfurt. Am 24. August 1994, ein halbes Jahr vor Oberwart, explodiert eine Bombe vor Schule. Bereits hier werden mehrere Menschen zum Teil schwer verletzt.

Angegriffen werden bei all diesen Anschlägen Menschen, die in der Öffentlichkeit mit antirassistischen Aussagen auffallen oder ethnischen Minderheiten angehören. Dennoch will die Polizei den Anschlag in Oberwart zuerst nicht als rechten Terror wahrnehmen. Eine Dokumentation der Anschläge und der Zeitabläufe findet ihr hier.

Wer sind die Täter?

Zu den Attentaten bekennt sich eine „Bajuwarische Befreiungsarmee“ (BBA). In ausführlichen Bekennerschreiben werden die Attentate politisch begründet. Die Bekennerschreiben zeigten dabei ein profundes, deutschnational geprägtes, historisches Wissen. Manches deutet auch auf deutschnational-burschenschaftliche Kreise hin.

So ist in einem der Bekennerschreiben von „Knallfröschen zu Unserem (sic!) Krambambulicocktail“ die Rede. Der Begriff „Krambambuli“ wird unter deutschnationalen Verbindungsstudenten gern verwendet, doch außerhalb dieser Szene ist er kaum bekannt.

Franz Fuchs

Daneben tauchen in den Bekennerschreiben immer wieder Anspielungen auf vertrauliche Informationen aus dem polizeilichen Ermittlungsapparat auf. So berichten etwa die Oberösterreichischen Nachrichten, dass in einem der Schreiben Hinweise auf ein geheimes Gutachten des Salzburger Historikers Heinz Dopsch enthalten wären. Dopsch hätte es im März 1995 für die Briefbombensonderkommission erstellte.

Der Professor ist sich sicher: „Der Verfasser der Bekennerschreiben hat mein Gutachten zu Gesicht bekommen.“ In späteren Schreiben habe dieser sogar auf jene Passagen des Gutachtens reagiert, in denen er zu Recht korrigiert wurde. Etwa durch die spätere Übernahme korrekter Fachausdrücke. Die Folgerung des Experten: „Es gab wohl direkte Verbindungen zwischen Innenministerium und den Hintermännern der Briefbomben.“

Kontakte zu Personen im Sicherheitsapparat?

Auch der damalige Innenminister Caspar Einem erklärt im Oktober 1995: „Es gibt Hinweise, dass die Täter Kenntnis von bestimmten Papieren haben, die es bei uns im Haus gibt.“ Dazu gibt es bereits auf Basis der Bekennerschreiben klare Hinweise auf mehrere Täter. So sagt etwa der Sprachwissenschaftler Günter Lipold nach Analyse der BBA-Bekennerbriefe, dass zumindest drei Personen die BBA-Briefe verfasst hätten.

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In der ersten Ermittlungsphase gehen die Behörden diesen Hinweisen auch nach. Im März 1995 beschlagnahmt die Staatspolizei sogar die gesamte Abonnentenkartei der Aula, der burschenschaftlichen geprägten Zeitschrift der FPÖ-nahen Akademikerverbände. Es gibt auf Basis der Bekennerschreiben Hinweise, dass der oder die AutorInnen die Aula lesen würden.

Bald werden auch Personen aus der neonazistischen Gruppe Volkstreue Außerparlamentarische Opposition (VAPO) rund um Gottfried Küssel verhaftet. Die VAPO ist ebenfalls eng mit verbindungsstudentischen Kreisen verwoben, auch Küssel selbst war Mitglied einer Verbindung, der Wiener Akademischen Turnerschaft Danubo-Markomannia.

Verhaftungen im Burschenschafter-Nazi-Milieu

Unter den Verhafteten ist auch der Steirer Franz Radl jun.. Der VAPO-Mann ist damals Mitglied der Wiener Burschenschaft Teutonia, einer der zentralen Burschenschaften im ganzen deutschsprachigen Raum. Radl ist einer der wichtigsten burschenschaftlichen Kader des Landes, er ist sogar ehemaliger Sprecher des Wiener Korporationsrings (WKR), des Dachverbands der extrem rechten Studentenverbindungen in Wien. Nach der Verhaftung werden Radl und sein Kamerad Peter B. dann auch vor Gericht gestellt.

Beim Prozess im Oktober 1995 werden Radl und B. dann allerdings trotz zahlreicher Indizien vom Vorwurf der Beteiligung an den Anschlägen freigesprochen. Radl wird gleichzeitig zu drei Jahren Haft wegen NS-Wiederbetätigung verurteilt, B. sogar zu fünf Jahren. Bis heute können Radl und B. als wichtige Kader der Neonazi-Szene gelten. Beide stehen auch danach wiederholt wegen einschlägiger Delikte vor Gericht und werden verurteilt.

Update: Im Dezember 2020 werden B. und mehrere andere extreme Rechte im Zusammenhang mit einem riesigen Waffenfund festgenommen. Die Nazis hatten insgesamt 76 voll- oder halbautomatische Waffen gehortet, dazu Pistolen, Revolver, Handgranaten, Sprengstoff und bis zu 100.000 Schuss Munition. Die Waffen sollen für den Aufbau von Nazi-Milizen in Deutschland bestimmt gewesen sein. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Fuchs wird verhaftet

Nach dem missglückten Prozess gelingt den Behörden erst am 1. Oktober 1997 eine weitere Verhaftung – aus purem Zufall: Bei einer Verkehrskontrolle wird der Steirer Franz Fuchs aufgehalten. Der Mann aus der südsteirischen Ortschaft Gralla zündet eine Rohrbombe, weil er glaubt, er wäre enttarnt worden.

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Nach seiner Verurteilung zu lebenslanger Haft begeht Fuchs am 26. Februar 2000 in seiner Zelle Selbstmord. Beim Prozess hatte er Parolen wie „Es lebe die deutsche Volksgruppe“ gebrüllt. Offiziell ist Fuchs ein Einzeltäter, der Fall damit abgeschlossen. Medial wird Fuchs pathologisiert, die FPÖ versucht gar, ihn als Linken darzustellen.

„Mundtot gemacht“

Doch bis heute gibt es zahlreiche berechtigte Zweifel, ob Fuchs tatsächlich ein Einzeltäter war. Es gibt zahlreiche Gutachten und Aussagen von ZeugInnen, die dagegen sprechen. So soll etwa die Bombe in Oberwart laut Zeugenaussagen von drei Personen deponiert worden sein.

Auch der Historiker Herwig Wolfram, emeritierter Direktor des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung und ehemaliger Gutachter im Fall BBA ärgert sich: “Irgendwann hat man uns ja alle für verrückt erklärt, weil wir nicht an die Einzeltäterthese glauben wollten. Wir wurden mundtot gemacht.” Der Ex-Briefbomben-Sonderermittler Rudolf Huber nennt in einer Anzeige sogar Namen. Der bereits 1973 wegen Mordes verurteilten Schriftsteller Otto Rudolf Braun sowie der Techniker Walter H. sollen weitere Täter gewesen sein. Beide sind allerdings inzwischen verstorben.

Extreme Rechte zeigen immer öfter ein neues White-Power-Zeichen

Der Wiener Schauspieler Alexander Waechter, ein Schauspieler am Theater in der Josefstadt, erzählt von einer brisanten Begegnung. In einem Wiener Wirtshaus hätter er einen berüchtigten Neonazi aus seinem Heimatdorf im Weinviertel erkannt. „Der Neonazi“, so erinnert sich Waechter gegenüber dem Falter, „begrüßte mich und macht mich mit seinem Tischnachbarn bekannt: ,Darf ich dir vorstellen, Ingenieur Franz Fuchs aus Gralla, Südsteiermark.'“ Ein gepflegter, höflicher Herr sei dieser Herr Fuchs gewesen.

„Ich hab‘ mich noch geärgert, daß ich als geborener Steirer die Ortschaft Gralla nicht kenne“, sagt Alexander Waechter dem Format. Wenige Tage später trifft Waechter dasselbe Paar noch einmal, diesmal auf dem Dorfplatz von O. Das würde darauf hindeuten, dass Fuchs sehr wohl in Neonazi-Kreisen verkehrte.

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„Doppelgänger“

Dem Falter erzählt der Schauspieler ein weiteres brisantes Erlebnis: Er führte gerade seinen Dalmatiner in der kleinen Weinviertler Gemeinde O. spazieren, als er Verdächtiges wahrnimmt. Er beobachtete den erwähnten Neonazi dabei, wie er stapelweise Bücher ins Haus schleppte. „Wir bauen eine rechtsradikale Bibliothek auf!“ sagte der Mann zu Waechter.

Der sah sich die Bücher genauer an – siehe da: Auf einem der Buchdeckel war das Wort „Bajuwarisch“ zu lesen. Waechter provozierte den Neonazi: „Die Bajuwaren sind doch eigentlich Slawen!“ Der Neonazi, so erinnert sich Waechter, fand die Bemerkung gar nicht lustig und verschwand im Haus. Nicht ohne einen provokanten Abschiedsgruß hervorzustoßen: „Wir wehren uns!“. Genau diese Parole findet sich als wichtiger Slogan in den Bekennerschreiben der BBA.

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Der damalige Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit, Michael Sika, hingegen behauptet, es könne sich um einen „Doppelgänger“ von Franz Fuchs gehandelt haben. Warum allerdings der Doppelgänger als „Ingenieur Franz Fuchs aus Gralla, Südsteiermark“ vorgestellt wird, bleibt wohl Sikas Geheimnis. Doch sogar Sika selbst sagt nach dem Prozess, er hielte „zumindest Teil-Mitwisser“ für möglich.

Erhebliche Zweifel

Viele Fragen sind weiter offen. Die Bekennerschreiben zeigen etwa eine umfangreiche Mediendokumentation, diese wird niemals gefunden. Woher Fuchs sein historisches Wissen beziehen sollte, ist nicht geklärt. Ebenso ist nicht geklärt, warum er burschenschaftliche Begriffe verwendet und woher er vertrauliche Kontakte zu hochrangigen Sicherheitsbehörden haben könnte. Auch die Kontakte selbst sind bis heute nicht aufgeklärt.

Die Frage, wieviele Personen die Bekennerschreiben verfasst haben, bleibt offen. Die Aussage von Waechter steht ebenso weiter im Raum wie die Aussagen von ZeugInnen, die in Oberwart drei Täter angaben. Viele dieser offenen Fragen hat der damalige ORF-Redakteur Hans Christian Scheid in seinem Buch “ Franz Fuchs – Doch kein Einzeltäter?“ erläutert – die wichtigsten davon finden sich in diesem Artikel.

Ob es tatsächlich weitere (lebende) MittäterInnen gibt, wissen wir aufgrund mangelnder Ermittlungen nicht. Ebenso unklar ist, ob und welches Wissen es in burschenschaftlichen und neonazistischen Kreisen zu diesem Fall gibt. Doch wir sind es den ermordeten und verletzten Menschen schuldig, immer wieder an die offenen Fragen zu erinnern.

Politisch war Fuchs jedenfalls nicht allein

Die Attentate der BBA fallen in die Zeit des Aufstiegs der FPÖ unter Jörg Haider. Die Partei überschwemmte mit rassistischen Parolen das Land, die sich im Kern kaum von den Thesen der BBA unterschieden.

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Die Kronenzeitung veröffentlichte Artikel, die ebenfalls oft nur wenig Unterschiede zu Thesen der BBA aufwiesen. Und schließlich ging auch die Sozialdemokratie auf scharfen Rechtskurs – nicht ohne Grund konnte Haider den damaligen SPÖ-Innenminister Franz Löschnak als seinen „besten Mann in der Regierung“ bezeichnen.

Die BBA hatte sich auch auf die Türkenkriege bezogen – die ersten BBA-Anschläge wurden von einer „Kampfeinheit Ernst Rüdiger von Starhemberg“ ausgeführt, benannt nach dem österreichischen Türkenkrieger des 17. Jahrhundert. Heute sind die Bezüge auf die Türkenkriege in der extremen Rechten weit verbreitet, unter anderem bei der neofaschistischen Gruppe Identitäre.

Fuchs selbst stammt aus dem steirischen Grenzland-Milieu, einer traditionellen Hochburg deutschnationaler Kräfte. Die slowenische Minderheit in der Steiermark wird dagegen bis heute unterdrückt, sie ist kaum anerkannt und soll nicht sichtbar werden. In diesem Milieu hat sich Fuchs politisiert. Auch, wenn Fuchs also tatsächlich ein Einzeltäter gewesen sein sollte: Politisch war – und ist – er sicherlich nicht alleine.

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