Morde und Briefbomben – war Fuchs ein Einzeltäter?

Peter Sarközi, Josef Simon, Karl und Erwin Horvath

Vier Tote und zahlreiche Verletzte durch Briefbomben und den Anschlag von Oberwart. Das ist die Bilanz der faschistischen Anschläge im Österreich der 1990er Jahre. Ob Täter Franz Fuchs allein gehandelt hat, ist bis heute umstritten.

Peter Sarközi, Josef Simon, Karl und Erwin Horvath werden am 4. Februar 1995 von einer Bombe zerfetzt, als sie in Oberwart ein Schild entfernen wollen. Die Aufschrift: „Roma zurück nach Indien“. Eine rassistische Parole als Köder, um Menschen zu töten. Die Bombe soll laut Zeugenaussagen von drei Personen deponiert worden sein.

Die vier Männer waren damals nicht zufällig unterwegs. In einem Bericht des ORF am 04.02.2020 heißt es: „Sie patrouillieren wie so oft um ihre Wohnsiedlung, die Roma-Siedlung in Oberwart, für den Schutz und die Sicherheit ihrer Familien.“ Offenbar war die Siedlung also bereits des Öfteren das Ziel rechter Angriffe.

Die Morde sind der brutale Höhepunkt einer neonazistischen Anschlagsserie, die das Österreich der 1990er Jahre prägt. Bei weiteren Anschlägen mit Briefbomben und einer Rohrbombe werden zahlreiche Menschen verletzt.

Nur zwei Tage nach den Morden von Oberwart explodiert bereits die nächste Bombe, diesmal im burgenländisch Stinatz/Stinjaki. Der Ort ist ein Zentrum der kroatischen Minderheit in Österreich, ein Mitarbeiter der Müllabfuhr wird schwer verletzt.

Ethnische Minderheiten im Visier von Nazis – und Polizei

In einem Bekennerschreiben, das in einem Buswartehäuschen in der Nachbarortschaft Ollersdorf/Fratrovo Selo/Barátfalva gefunden wird, heißt es: „Clans der Schifkowits, Grandits, Stoisits, Resetarits und Janisch zurück nach Dalmatien …“ Der Brief schließt mit: „Friedrich II., der Streitbare, Herzog von Österreich Steiermark und Vier Burgenland.“

Erst nach diesem Anschlag ist offenbar auch für die Polizei geklärt, dass Oberwart ein rechter Anschlag war. Zuvor hatte die Polizei noch alle Wohnobjekte im Roma-Ghetto in Oberwart durchsucht, wie die Polizeiprotokolle zeigen. Während also die Leichen der Ermordeten vermutlich noch nicht einmal kalt waren, durchsuchte die Polizei die Häuser ihrer Familie, ihre FreundInnen und ihre NachbarInnen.

Die Opfer der Anschlagsserien sind vor allem Menschen, die in der Öffentlichkeit mit antirassistischen Aussagen auffallen oder ethnischen Minderheiten angehören. So explodiert etwa am 24. August 1994 eine Bombe vor der zweisprachigen Volksschule in Klagenfurt, mehrere Menschen werden zum Teil schwer verletzt. Eine Dokumentation der Anschläge und der Zeitabläufe findet ihr hier.

Wer sind die Täter?

Zu den Attentaten bekennt sich eine „Bajuwarische Befreiungsarmee“ (BBA). In ausführlichen Bekennerschreiben werden die Attentate politisch begründet. Die Bekennerschreiben zeigten dabei nicht nur ein profundes und deutschnational geprägtes historisches Wissen. Manches deutet auch auf deutschnational-burschenschaftliche Kreise hin.

So ist in einem der Schreiben von „Knallfröschen zu Unserem (sic!) Krambambulicocktail“ die Rede. Der Begriff „Krambambuli“ wird unter deutschnationalen Verbindungsstudenten verwendet, außerhalb dieser Szene ist er kaum bekannt.

Franz Fuchs

Daneben tauchen in den Bekennerschreiben immer wieder Anspielungen auf vertrauliche Informationen aus dem polizeilichen Ermittlungsapparat auf. So berichten etwa die Oberösterreichischen Nachrichten, dass in einem der Schreiben Hinweise auf ein geheimes Gutachten des Salzburger Historikers Heinz Dopsch (66) enthalten wären. Dopsch hätte es im März 1995 für die Briefbombensonderkommission erstellte.

Der Professor ist sich laut OÖN sicher: „Der Verfasser der Bekennerschreiben hat mein Gutachten zu Gesicht bekommen.“ In späteren Schreiben habe dieser auf jene Passagen des Gutachtens reagiert, in denen er zu Recht korrigiert wurde. Etwa durch die spätere Übernahme korrekter Fachausdrücke. Die Folgerung des Experten laut OÖN: „Es gab wohl direkte Verbindungen zwischen Innenministerium und den Hintermännern der Briefbomben.“

Kontakte zu Personen im Sicherheitsapparat?

Auch der damalige Innenminister Caspar Einem erklärt im Oktober 1995: „Es gibt Hinweise, dass die Täter Kenntnis von bestimmten Papieren haben, die es bei uns im Haus gibt.“ Der Sprachwissenschaftler Günter Lipold sagt nach Analyse der BBA-Bekennerbriefe, dass zumindest drei Personen die BBA-Briefe verfasst hätten.

Dürfen die rechten Burschenschafter wirklich auf der Uni Wien aufmarschieren?

In der ersten Ermittlungsphase gehen die Behörden diesen Hinweisen auch nach. Im März 1995 beschlagnahmt die Staatspolizei die gesamte Abonnentenkartei der Aula, der burschenschaftlichen geprägten Zeitschrift der FPÖ-nahen Akademikerverbände. Es werden auch mehrere Personen aus der neonazistischen – und ebenfalls burschenschaftlichen unterstützten – Gruppe VAPO von Gottfried Küssel verhaftet.

Verhaftungen im Burschenschafter-Nazi-Milieu

Unter ihnen ist Franz Radl, ein Steirer. Er ist damals Mitglied der Wiener Burschenschaft Teutonia und ehemaliger Sprecher des Wiener Korporationsrings (WKR), des Dachverbands der extrem rechten Studentenverbindungen in Wien. Beim Prozess werden Radl und Peter B. trotz zahlreicher Indizien freigesprochen. R. gilt bis heute als eine der wichtigsten Neonazis in Österreich.

Schließlich verhaften die Behörden einen Täter – aus purem Zufall: Am 1. Oktober 1997 wird der Steirer Franz Fuchs bei einer Verkehrskontrolle aufgehalten. Der Mann aus der südsteirischen Ortschaft Gralla zündet eine Rohrbombe, weil er glaubt, er wäre enttarnt worden. Fünf Briefbombenserien sowie der Anschlag in Oberwart sind zu diesem Zeitpunkt zwischen 1993 und 1996 zu vermelden.

Nach seiner Verurteilung zu lebenslanger Haft begeht Fuchs am 26. Februar 2000 in seiner Zelle Selbstmord. Beim Prozess hatte er Parolen wie „Es lebe die deutsche Volksgruppe“ gebrüllt. Offiziell ist Fuchs ein Einzeltäter, der Fall damit abgeschlossen. Medial wird Fuchs pathologisiert, die FPÖ versucht gar, ihn als Linken darzustellen.

„Mundtot gemacht“

Bis heute gibt es berechtigte Zweifel, ob Fuchs allein gehandelt hat. So sagt etwa der Historiker Herwig Wolfram, emeritierter Direktor des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung und ehemaliger Gutachter im Fall BBA: “Irgendwann hat man uns ja alle für verrückt erklärt, weil wir nicht an die Einzeltäterthese glauben wollten. Wir wurden mundtot gemacht.” Der Ex-Briefbomben-Sonderermittler Rudolf Huber nennt in einer Anzeige den 1973 wegen Mordes verurteilten Schriftsteller Otto Rudolf Braun sowie den Techniker Walter H.. Beide sind allerdings inzwischen verstorben.

Extreme Rechte zeigen immer öfter ein neues White-Power-Zeichen

Der Wiener Schauspieler Alexander Waechter, ein Schauspieler am Theater in der Josefstadt, erklärt, dass er in einem Wiener Wirtshaus einen berüchtigten Neonazi aus seinem Heimatdorf im Weinviertel erkannt hätte. „Der Neonazi“, so erinnert sich Waechter gegenüber dem Falter, „begrüßte mich und macht mich mit seinem Tischnachbarn bekannt: ,Darf ich dir vorstellen, Ingenieur Franz Fuchs aus Gralla, Südsteiermark.'“ Ein gepflegter, höflicher Herr sei dieser Herr Fuchs gewesen. „Ich hab‘ mich noch geärgert, daß ich als geborener Steirer die Ortschaft Gralla nicht kenne“, sagt Alexander Waechter dem Format. Wenige Tage später trifft Waechter dasselbe Paar noch einmal, diesmal auf dem Dorfplatz von O.

„Doppelgänger“

Dem Falter erzählt der Schauspieler ein weiteres brisantes Erlebnis: Er führte gerade seinen Dalmatiner in der kleinen Weinviertler Gemeinde O. spazieren, als er Verdächtiges wahrnimmt. Er beobachtete den erwähnten Neonazi dabei, wie er stapelweise Bücher ins Haus schleppte. „Wir bauen eine rechtsradikale Bibliothek auf!“ sagte der Mann zu Waechter.

Der sah sich die Bücher genauer an – siehe da: Auf einem der Buchdeckel war das Wort „Bajuwarisch“ zu lesen. Waechter provozierte den Neonazi: „Die Bajuwaren sind doch eigentlich Slawen!“ Der Neonazi, so erinnert sich Waechter, fand die Bemerkung gar nicht lustig und verschwand im Haus. Nicht ohne einen provokanten Abschiedsgruß hervorzustoßen: „Wir wehren uns!“. Diese Parole findet sich auch in Bekennerschreiben der BBA.

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Der damalige Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit, Michael Sika, hingegen behauptet, es könne sich um einen „Doppelgänger“ von Franz Fuchs handeln. Warum allerdings der Doppelgänger mit dem Namen Fuchs vorgestellt wird, bleibt offen. Doch sogar Sika sagt nach dem Prozess, er hielte „zumindest Teil-Mitwisser“ für möglich.

Erhebliche Zweifel

Viele Fragen sind weiter offen. Die Bekennerschreiben zeigen eine umfangreiche Mediendokumentation, diese wird niemals gefunden. Woher Fuchs sein historisches Wissen beziehen sollte, ist nicht geklärt. Ebenso ist nicht geklärt, warum er burschenschaftliche Begriffe verwendet und woher er vertrauliche Kontakte zu hochrangigen Sicherheitsbehörden haben könnte.

Die Frage, wieviele Personen die Bekennerschreiben verfasst haben, bleibt offen. Die Aussage von Waechter steht ebenso weiter im Raum wie die Aussagen von ZeugInnen, die in Oberwart drei Täter angaben. Viele dieser offenen Fragen hat der damalige ORF-Redakteur Hans Christian Scheid in seinem Buch “ Franz Fuchs – Doch kein Einzeltäter?“ erläutert – die wichtigsten davon finden sich in diesem Artikel.

Ob es tatsächlich weitere (lebende) MittäterInnen gibt, wissen wir aufgrund mangelnder Ermittlungen nicht. Ebenso unklar ist, ob und welches Wissen es in burschenschaftlichen und neonazistischen Kreisen zu diesem Fall gibt. Doch wir sind es den ermordeten und verletzten Menschen schuldig, immer wieder an diese offenen Fragen zu erinnern.

Politisch war Fuchs jedenfalls nicht allein

Die Attentate der BBA fallen in die Zeit des Aufstiegs der FPÖ unter Jörg Haider. Die Partei überschwemmte mit rassistischen Parolen das Land, die sich im Kern kaum von den Thesen der BBA unterschieden.

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Die Kronenzeitung veröffentlichte Artikel, die ebenfalls oft nur wenig Unterschiede zu Thesen der BBA aufwiesen. Und schließlich ging auch die Sozialdemokratie auf scharfen Rechtskurs – nicht ohne Grund konnte Haider den damaligen SPÖ-Innenminister Franz Löschnak als seinen „besten Mann in der Regierung“ bezeichnen.

Die BBA hatte sich auch auf die Türkenkriege bezogen – die ersten BBA-Anschläge wurden von einer „Kampfeinheit Ernst Rüdiger von Starhemberg“ ausgeführt, benannt nach dem österreichischen Türkenkrieger des 17. Jahrhundert. Heute sind die Bezüge auf die Türkenkriege in der extremen Rechten weit verbreitet, unter anderem bei der neofaschistischen Gruppe „Identitäre„.

Fuchs selbst stammt aus dem steirischen Grenzland-Milieu, einer traditionellen Hochburg deutschnationaler Kräfte. Die slowenische Minderheit in der Steiermark ist bis heute kaum anerkannt und sichtbar. Auch, wenn Fuchs also tatsächlich ein Einzeltäter war: Politisch war – und ist – er sicherlich nicht alleine.

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