„Wir werden sicher nicht alles schlucken.“

Der Fahrradbotendienst Veloce hat zahlreiche KollegInnen gekündigt, nachdem sie zur Gründung eines Betriebsrats aufgerufen haben. Ein Gespräch mit Fahrer Christoph* über harte Tage am Fahrrad, wie es jetzt weitergeht und warum die KollegInnen nicht aufgeben.

Christoph*, Du arbeitest bei Veloce. Ihr wollt nun einen Betriebsrat gründen – und als Reaktion hat die Firma fast alle KollegInnen rausgeworfen, die an der Gründung beteiligt waren. Was ist da los? [Der Name des Kollegen wurde geändert.]

Bei uns in der Firma gibt es extrem chaotische Zustände und die Arbeitsbedingungen sind nicht immer rosig. Dazu machen wir seit Oktober Corona-Tests, werden aber selbst nicht getestet. Da hat sich sehr viel Unmut angestaut.

Wir haben dann begonnen, uns zu organisieren, um einen Betriebsrat zu gründen. Am 23.11. bekamen wir per SMS die Einladung zu einer Besprechung durch die Firma. Am gleichen Tag wurde die Personalverantwortliche informiert, dass einige Kolleginnen und Kollegen einen Betriebsrat gründen wollen. Gleichzeitig wurde ein von rund einem Dutzend Kolleginnen und Kollegen unterschriebenes Formular über die Einberufung einer Betriebsversammlung übergeben.

Wie hat die Firma darauf reagiert?

Veloce hat dann fast alle gekündigt, die für eine Betriebsversammlung unterschrieben hatten. Es gab auch noch weitere Kündigungen, es gibt auch tatsächlich weniger Aufträge. Ich glaube aber nicht, dass es ein Zufall ist, dass bei den Gekündigten fast alle dabei waren, die den Betriebsrat gründen wollten. Dazu wurde ein Teil der BotInnen aufgefordert, entweder Stunden zu reduzieren oder in eine andere Sparte des Unternehmens zu wechseln.

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Was die anderen Kündigungen angeht können wir nur mutmaßen – die Begründung „Flexibilität“ konnte man öfters hören. Ein bisschen frech für ein Unternehmen, bei dem man erst Mitte der Woche den Dienstplan der nächsten kennt und wo es durchaus passieren kann, dass man dann so gegen neun vom Sammelplatz nach Hause fahren kann. So oder so, auch im Falle von Kündigungen wären wir alle besser dran mit einem Betriebsrat. Und zwar einem echten, nicht einen den sich der Chef aussucht, das wollte er nämlich angeblich.

Du hast vorhin über eure Arbeitsbedingungen gesprochen. Kannst Du da ein bisschen mehr zählen?

Es gibt zwei Schichten. Die eine beginnt effektiv um 6 Uhr in der Früh, das ist der Zeitpunkt, wo man sich bereit melden muss. Die andere um 12 Uhr. Arbeitsbeginn ist der Wohnort, Arbeitsende ist dann entweder um 14.30 Uhr oder um 20.30 Uhr bei einem Sammelplatz. Die gibt es mehrere an verschiedenen Orten in Wien. Oft ist aber das Problem, dass wir dort noch länger warten müssen, weil die Übergabe nicht funktioniert. Tagsüber fahren wir mit dem Rad zu den Testpersonen und führen die Corona-Tests durch. Das ist ziemlich anstrengend, vor allem, wenn das Wetter nicht so gut ist. Dazu haben wir die ganze Zeit einen ziemlich schweren Rucksack am Rücken.

Wie sieht es mit eurer eigenen Sicherheit bezüglich Corona aus?

Wir werden selbst nicht getestet, was absurd ist. Schon ganz am Anfang hieß es, dass mit der Stadt Wien vertraglich ausgemacht wäre, dass wir getestet werden. Bei einer Nachschulung irgendwann im November wurde uns dann gesagt, dass man da immer noch mit der Stadt Wien verhandeln würde. Jetzt haben wir Anfang Dezember, wir fahren jeden Tag quer durch Wien zu Menschen, die Verdachtsfälle sind, werden aber selbst immer noch nicht getestet.

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Du hast gesagt, dass ihr quer durch Wien fahren müsst. Könnte das nicht besser organisiert werden?

Wir haben alle Diensthandys, auf denen eine App installiert ist, die uns nacheinander die Adressen einspielt. Eigentlich wäre die App darauf programmiert, uns möglichst nahe beieinander liegende Adressen zuzuteilen. Bei der Einschulung wurde uns auch versprochen, dass wir vor allem im eigenen Bezirk unterwegs sein würden. Tatsächlich aber schickt uns die App zum Teil kreuz und quer durch Wien in richtig entlegene Ecken.

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Wir können zwar theoretisch bei der Disposition anrufen und solche Adressen rausnehmen lassen, aber manchmal dürfen die das nicht. Dann müssen wir extrem viele Kilometer machen. Vom eigentlich zugesicherten Dienstort im eigenen Wohnbezirk kann also keine Rede sein. Die teils weit auseinanderliegenden Adressen sind auch für die Bezahlung ein Problem.

Warum?

Bezahlt werden wir nach Kollektivvertrag. Der ist aber so richtig mies. Auf die mehrfach versprochenen 1600 bis 1800 Euro kommen wir nur durch die Prämien – und bei weit auseinanderliegenden Adressen gibt es weniger Prämien. Dann hätte es auch Zuschläge geben sollen. Zu Beginn haben wir es alle so verstanden, dass die alle bekommen. Mittlerweile hat sich aber herausgestellt, dass die nicht alle kriegen.

Du hast vorhin von chaotischen Zuständen gesprochen. Was meinst du damit?

Ein gutes Beispiel ist der Coronatest. Ich glaube ja gerne, dass die eigentlich vorhaben oder vorhatten, uns zu testen. Doch das fällt halt jedes Mal unter den Tisch, weil es eben niemanden gibt, der oder die verlangt, dass das endlich umgesetzt wird.

Probleme gibt es auch bei der Arbeitszeit. Beispielsweise haben wir manchmal elf Arbeitstage hintereinander oder es gibt unangekündigt Überstunden. Auch nicht lustig, wenn die App dir einfach ständig weiter Aufträge rein gibt und du dann irgendwie erfährst, dass eine Überstunde angeordnet wurde. Überstunden können auch entstehen, wenn man nach seiner Schicht „abgeben“ will, aber kein Sammelwagen bereitsteht. Auch das ist schon öfters vorgekommen. Die Dispo, so man sie erreicht, sagt dann, ich schätze auf Anordnung, dass schon ein Wagen unterwegs sei. 15 Minuten später heißt es dann, er wäre gerade eben weggefahren.

Dazu kommt eben noch Verwirrung bei der Bezahlung. Die personalverantwortliche sagt zwar, wir könnten sie immer anrufen, wenn es Probleme gibt, aber das hilft halt nicht. Vor allem, weil sie immer versuchen, schriftliche Zusagen zu umgehen. Das ergibt halt schlicht kein vertrauenswürdiges Bild. Ich will nicht einzeln mit der Personalverantwortlichen telefonieren. Ich hätte gerne jemanden, der das im Namen von uns allen tut und uns dann auch verbindlich, und das heißt eben auch schriftlich, mitteilt, was herausgekommen ist. Daher gab es schon früh die Idee, einen Betriebsrat zu gründen.

Wie werdet ihr nach den Kündigungen jetzt weitermachen?

Die Kündigungen werden wir rechtlich natürlich anfechten. Gleichzeitig sind wir in die Öffentlichkeit gegangen, da gibt es auch schon einen ersten Erfolg. Auf Wien Heute hieß es, wir würden jetzt endlich auch auf Corona getestet. Intern haben wir da zwar noch keine Informationen, aber vielleicht stimmt es ja diesmal.

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Wichtig wäre auch eine klare Stellungnahme der Stadt Wien zur Betriebsratsgründung und den Kündigungen. Das ist immerhin die Institution, die Veloce beauftragt hat. Doch derzeit schweigt die Stadt zu den ganzen Problemen.

Wird es dennoch einen Betriebsrat bei Veloce geben?

Davon gehe ich aus. Am Montag hat es eine Betriebsversammlung gegeben, dort wurde ein Wahlvorstand gewählt. Am 4. Jänner soll dann der Betriebsrat gewählt werden. Egal wie es ausgeht, glaube ich, dass wir gezeigt haben: Wir werden sicher nicht alles schlucken. Und klar ist: Erfolg können wir nur gemeinsam haben.

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