So eng war die Verbindung des Christchurch-Attentäters zu den Identitären

Auflistung der Spenden: Bericht der neuseeländischen Behörden. Bild: Michael Bonvalot

51 Menschen hatte B.T. 2019 in einer Moschee in Christchurch ermordet. Der Bericht der neuseeländischen Behörden zeigt jetzt, wie eng seine ideologische Verbindung zu den Identitären war – und wieviel Geld ihnen der spätere Attentäter gespendet hat.

Am 15. März 2019 hatte der Rechtsterrorist B.T. in zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch insgesamt 51 Menschen ermordet und weitere 50 teils schwer verletzt. Am 8. Dezember 2020 haben die Behörden in Neuseeland nun ihren Untersuchungsbericht veröffentlicht – und er zeigt, wie groß die Sympathien des Mörders für die neofaschistische Gruppe Identitäre waren.

Spenden an die Identitären

So hat B.T. etwa in den Jahren 2017 und 2018 mehrmals Geld an den französischen und den deutschen Ableger der Gruppe gespendet. Die französischen Identitären bekamen mehrmals Bargeld überwiesen, insgesamt rund 1200 Euro. Die deutsche Gruppe bekam Bitcoins in unterschiedlicher Höhe.

Zusätzlich hat der Attentäter auch direkt Geld an Identitären-Gesicht Martin Sellner geschickt. Laut dem Bericht 2.308,97 australische Dollar, umgerechnet zum damaligen Kurs ziemlich genau 1500 Euro. Das ist eine enorm hohe Einzelspende. Daneben spendete B.T. auch an Neonazimedien wie den „Daily Stormer“ (Täglicher Stürmer).

In den Verhören erklärte B.T., er hätte noch weitere Spenden verschickt. Die Behörden wissen aber derzeit noch nicht, an wen diese Spenden gingen. Sein eigenes Geld an die Identitären zu schicken, reichte dem späteren Rechtsterroristen allerdings noch nicht. „Er ermutigte auch andere, an Martin Sellner zu spenden“, heißt es im Untersuchungsbericht der Behörden.

B.T. gibt Sellner „Energie und Motivation“

Nach seiner Spende hat sich der spätere Terrorist auch per Mail mit Sellner ausgetauscht. Die Mails sind im Bericht ebenfalls erfasst. So schreibt B.T. etwa: „Es ist eine kleine Summe im Verhältnis zur großen Menge der Arbeit, die Du tust. Ich wünschte nur, ich könnte mehr geben. (…) Es wird ein langer Weg zum Sieg, aber mit jedem Tag werden unsere Leute stärker.“ (Aus rechtlichen Gründen wird hier ausdrücklich festgehalten, dass B.T. zu diesem Zeitpunkt noch nicht als Rechtsterrorist in Erscheinung getreten war.)

Identitären-Sprachrohr Sellner klagt mich

Sellner antwortet, dass ihm B.T. „Energie und Motivation“ geben würde. Falls B.T. jemals nach Wien kommen würde, sollten sie „auf einen Kaffee oder ein Bier“ gehen.

Der spätere Terrorist besucht Österreich

Kurz danach fuhr B.T. dann tatsächlich nach Österreich, laut dem Bericht hielt er sich zuerst am 9. November 2018 und dann nochmals vom 26. November bis 4. Dezember 2018 in Österreich auf. Sein archiviertes Facebook-Profil zeigt Fotos unter anderem aus Wien, Salzburg, Steyr und Klagenfurt. Die Bilder aus Wien zeigen etwa den Heldenplatz, die Nationalbibliothek und den Stephansplatz.

Laut dem Bericht sagte B.T. in den Verhören, dass er Sellner nicht getroffen hätte und das auch nicht versucht hätte. Die neuseeländischen Behörden sind geneigt, ihm das zu glauben – unter anderem deshalb, weil er damit möglicherweise die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich gezogen hätte.

Identitäre Propaganda als Grundlage des Terrors

Der Bericht zeigt aber gleichzeitig auch, wie wichtig die Ideologie der Identitären für den späteren Attentäter B.T. war. Der blutige Terroranschlag sei neben anderen Faktoren das Resultat „seines Glaubens in die Theorie des großen Austauschs“. Als der Australier im August 2017 nach Neuseeland übersiedelte, hätte er eine „voll ausgebildete terroristische Ideologie“ gehabt, „basierend auf seiner Adaption der Theorie des großen Austauschs“. Dabei handelt es sich um einen zentralen Propagandaslogan der Identitären.

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Widerstand gegen neues Identitären-Zentrum in Wien

Die NeofaschistInnen behaupten, dass die „weiße“ Bevölkerung ausgetauscht und ersetzt würde. Sie seien die letzte Generation, um das zu verhindern. Und genau hier zeigt sich auch die inhaltliche Verbindung zwischen den Theorien der Identitären und dem späteren Rechtsterroristen: Wenn die eigene Generation die angeblich letzte ist, um etwas angeblich Furchtbares zu stoppen – dann ist natürlich buchstäblich alles erlaubt, um das zu tun.

Zahlreiche Bezüge zu Wien und Österreich

Obwohl der Bericht der neuseeländischen Behörden über 800 Seiten stark ist, werden viele andere Bezüge zu Österreich beim Attentat seltsamerweise nicht erwähnt. Bereits bei seiner Reise durch Europa im Jahr 2018 dürfte B.T. den Spuren der Kreuzritter sowie des Krieges zwischen dem Habsburger-Reichs und dem osmanischen Kaiserhaus gefolgt sein.

Warum ein Verbot der „Identitären“ eine Nebelgranate wäre

So berichtet T-Online, dass T. etwa nach Rumänien gereist sei und Bilder in der Stadt Ordea gemacht hätte. Sie wurde 1598 erfolgreich gegen osmanische Truppen verteidigt. In Siebenbürgen reist er zu Burg Hunedoara. Ihr Erbauer ist Johann Hunyadi, ein Heeresführer, der 1441 einen wichtigen Sieg über die Türken erzielte und 1442 ein türkisches Heer bei Hermannstadt vernichtete. Hunyadis Name wird sich später auf der Waffe des Attentäters finden.

Zur Stadt Wien gibt es dann sogar eine ganze Reihe von Bezügen beim Attentat. Sogar mehrmals findet sich auf seinen Waffen die Aufschrift „Vienna“ oder „Vienna 1683“. Es ist eine Anspielung auf das Jahr 1683, wo die Stadt Wien von osmanischen Truppen belagert worden war. Ebenfalls auf eine Waffe geschrieben hat er den Namen von Ernst Rüdiger von Starhemberg, 1683 der Kommandant der Wiener Truppen.

Immer wieder 1683

Weiters auf der Waffe des Attentäters zu finden sind die Namen von Johann Sobieski und von Șerban I. Cantacuzino. Sobieski hatte 1683 vor Wien den Entlastungsangriff gegen die osmanischen Truppen angeführt. Cantacuzino hatte auf osmanischer Seite an der Belagerung Wiens teilgenommen, aber heimlich mit den Habsburgern zusammengearbeitet.

Für österreichische und europäische extreme Rechte spielt das Jahr 1683 bis heute eine wesentliche propagandistische Rolle. So marschieren die Identitären entweder alleine oder über Plattformen bereits seit mehreren Jahren im September am Wiener Kahlenberg auf, von wo die Entsatztruppen auf Wien vorstießen. Die FPÖ kündigte 2019 an, künftig ebenfalls Veranstaltungen aus diesem Anlass abhalten zu wollen.

In Wien soll der spätere Attentäter B.T. dann auch das Heeresgeschichtliche Museum besucht haben, wo es eine eigene Abteilung über die Kriege mit dem osmanischen Reich gibt. Das Museum ist wegen Rechtslastigkeiten äußerst umstritten, es untersteht dem ÖVP-geführten Verteidigungsministerium.

Religion? Imperialismus!

Generell ist die religiöse Aufladung des Konflikts rund um Wien übrigens ziemlich unsinnig. Beim jahrhundertelangen Konflikt zwischen Habsburgern und des Osmanen handelt es sich um einen klassischen imperialistischen Krieg, es ging vor allem um die Vorherrschaft auf dem Balkan. Im Westen hatten die Habsburger ähnliche Konflikte mit dem katholischen Frankreich.

Extreme Rechte sind am Wiener Kahlenberg aufmarschiert

Tatsächlich war Frankreich sogar mit den Osmanen verbündet, französische Spezialtruppen sollen die osmanischen Verbände vor Wien auch unterstützt haben. Auf der anderen Seite waren im polnischen Entsatzheer muslimische Truppenverbände. Muslimisch-tatarische Truppen gehörten zur Elite der polnischen Offizierskaste.

Polnische Adlige kämpften mit Krummsäbeln, sie rasierten ihre Köpfe und ließen sich lange Schnurrbärte stehen. Bevor die „polnischen“ Reiter den Angriff über den Kahlenberg begannen, befestigten sie Strohhalme auf ihren Helmen – damit die restlichen Truppen zwischen den Verbündeten und den Osmanen unterscheiden konnten. Das alles passt aber natürlich nicht so ganz in die Geschichte von einem angeblichen christlich-islamischen Kulturkampf – deshalb reden Rechte nicht so gern darüber.

Leerstelle im Bericht zeigt die Notwendigkeit unabhängiger Recherchen

Im Bericht der neuseeländischen Behörden finden die Aufschriften auf der Waffe und der Ausrüstung von B.T. kaum Erwähnung. Das ist seltsam, denn erst sie zeigen den Umfang der Ideologie von B.T. Einerseits sind da eben die Kreuzzüge und die Ideologie eines angeblich christlichen Abendlandes, das verteidigt werden müsse.

Andererseits finden sich auch Aufschriften, die aktuelle Vorbilder der Neonazi-Szene zeigen. Eine der Aufschriften lautet etwa „Josué Estébanez“. Dabei handelt es sich um einen spanischen Neonazi, der im November 2007 während einer Antifa-Demonstration in Madrid den damals 16-jährigen Carlos Palomino niedergestochen und ermordet hatte.

Die Identitären und der japanische Faschismus – Ein Code für Putsch, Gewalt und Diktatur

Estébanez gilt heute als Märtyrer der rechten Szene. Auf seinem Rucksack hatte B.T. eine schwarze Sonne sowie Keltenkreuze, beides beliebte Symbole der Neonazi-Szene. Warum die neuseeländischen Behörden auf diese Bezüge nicht näher eingehen, bleibt unklar. Gleichzeitig zeigen diese Leerstellen aber auch, wie notwendig unabhängige Recherchen bleiben.

Die aktuellen Strukturen der Gruppe

Die Gruppe Identitäre selbst besteht in ganz Österreich bestenfalls aus rund 200 bis 300 Personen. In den letzten Jahren waren sie tendentiell bereits wieder am absteigenden Ast: Sogar das Label „Identitäre“ wird kaum mehr verwendet. Stattdessen nennen sie sich nun „Die Österreicher“, „Widerstand in Bewegung“, „Patrioten in Bewegung“ oder „Kontrakultur Salzburg“. Dazu kommen Tarnvereine der Gruppe wie „Kulturfestung / Kulturverein Kreidfeuer“ in der Oststeiermark.

Mit hektischem Aktivismus durch Mini-Aufmärsche oder Transparent-Aktionen soll Masse vorgetäuscht werden. Für die Gruppe geht es dabei um Aufmerksamkeit durch Provokation. Wir sollten das also auch nicht überbewerten.

Der Einfluss auf die FPÖ

Eine wichtige Funktion aber kommt ihr im Ökosystem der FPÖ zu. Noch im April 2016 hatte der damalige FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache auf Facebook gepostet: „Die Identitären sind eine parteiunabhängige nicht linke Bürgerbewegung (…) Sie sind quasi junge Aktivisten einer nicht linken Zivilgesellschaft.“ Während der schwarz-blauen Regierung hatte sich die FPÖ dann zwar halbherzig von den NeofaschistInnen distanziert. Doch jüngst gibt es wieder offene Verbindungen.

Im November hat FPÖ-Generalsekretär Michael Schnedlitz der extrem rechten Plattform „Info-Direkt“ ein Interview gegeben. Zu den Identitären erklärte er dort: „Mit dieser Distanziererei ist es jetzt aber definitiv vorbei.“

Wie gefährlich sind die Identitären?

Die Identitären stellen sich selbst gerne als weitgehend harmlose Truppe von Provokateuren dar. Tatsächlich aber handelt es sich um eine neofaschistische Formation, deren Ideologie sogar einen späteren Massenmörder inspirierte. Mindestens spielen sie dabei die Rolle eines Durchlauferhitzers, real aber ist ihre Ideologie auch absolut kompatibel mit rechtsterroristischen Anschlägen.

Wie extreme Rechte die Pressefreiheit in Österreich angreifen

Die angebliche Endzeit-Stimmung, die sie mit ihrem Slogan eines angeblichen „Großen Austauschs“ verbreiten, gibt Attentätern die Rechtfertigung für ihre Taten. Gleichzeitig bezieht sich die Gruppe selbst ganz offen auf ihre faschistischen Vorbilder, etwa auf Protagonisten der deutschen „Konservativen Revolution“, auf japanische Faschisten wie Yukio Mishima oder auf französische faschistische Theoretiker wie Alain de Benoist.

In einer breiteren Öffentlichkeit wird das oft nicht wahrgenommen. Die dazugehörigen Namen sind weniger bekannt als Hitler, Franco oder Mussolini. Die NeofaschistInnen arbeiten so ganz bewusst mit Codes: Wer die Personen kennt, versteht die Botschaft. Und diese Botschaft kann buchstäblich lebensgefährlich sein.

Dieser Artikel wurde am 9.12.2020 um weiterführende Informationen zu den Verbindungen mit der FPÖ ergänzt.

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