In Wien greifen Neonazis Menschen an und danach werden die Opfer angeklagt

Heute beginnt der Prozess gegen Unsterblich wegen des Überfalls auf das EKH. Wir erklären euch die Hintergründe.

[Erstveröffentlichung: Vice, 09.09.2014] Heute beginnt in Wien der Prozess gegen die Neonazi-Truppe „Unsterblich“. Die Fußball-Rechten hatten das linke Kulturzentrum EKH überfallen, sich dabei aber eine spürbare Abfuhr geholt. Nun sind absurderweise nicht nur die Angreifer, sondern auch die Verteidiger angeklagt. Hier erfahrt ihr alles über den Prozess, die Hintergründe der braunen Kameraden und ihre Verbindungen zur FPÖ.

Den 27. Oktober 2013 werden die Mitglieder der linken Gewerkschaftsfraktion „Komintern“ noch länger in Erinnerung behalten. Sie saßen gerade bei einem Treffen in den Räumen des türkisch-kurdischen Kulturvereins ATIGF, als der Ruf „Da sind Nazis!“ durch die Gänge schallte. Rudolf F. konnte diese Warnung gerade noch absetzen, bevor er niedergeschlagen wurde. Er erlitt dabei eine Schädelprellung, eine leichte Gehirnerschütterung und eine Rissquetschwunde im Gesicht. Danach überfielen rund 30 Neonazis der braunen „Unsterblich“-Truppe das EKH, das linke Kulturzentrum in Wien-Favoriten, wo auch die ATIGF ihre Räume hat. Bewaffnet waren die Nazis mit Holzknüppeln, Steinschleudern und Flaschen.

Österreichische Rechtsextreme feiern bei deutschem SS-Festival

Doch die Nazis hatten die Rechnung ohne die anwesenden Antifaschisten gemacht. Sie wurden sehr schnell aus den Räumen gedrängt und mussten schließlich den Hasengalopp durch Favoriten antreten. Doch es sollte noch bitterer für die „Unsterblichen“ kommen: neun von ihnen wurden von den AntifaschistInnen festgehalten und dann der Polizei übergeben. Unter den jetzt Angeklagten sind auch zentrale Figuren der Unsterblich-Truppe, etwa Stefan Herbert S., Claudio P.-W. und Mihaly K. Vor allem Mihaly „Salo“ K. ist schon früher aufgefallen: er war als einer von wenigen Österreichern im Mailverteiler des norwegischen Massenmörders Anders Breivik, der 2011 insgesamt 77 Menschen ermordet hat.

Der Angriff auf das EKH war wohl als Auftakt für einen besonderen Fußball-Sonntag geplant, denn die „UST“-Kameraden haben sich im Umfeld der Wiener Austria zusammengefunden. Karl und Rosa von der antifaschistischen Austria-Fan-Initiative „Ostkurve statt Ustkurve“erzählen: „An diesem Tag fand das große Wiener Derby zwischen Austria und Rapid statt. Die Nazis haben ein Lokal in der Herzgasse in Wien-Favoriten. Offiziell läuft der Keller als Motorclub namens Austrian Car Box, doch jeder weiß, was tatsächlich Sache ist. Offenbar waren die Nazis am Weg zum Stadion und wollten dabei das Ernst-Kirchweger-Haus überfallen. Gut, dass sie diesmal an die Falschen geraten sind.“ Rosa ergänzt noch lächelnd: „Eine Menge Leute hatten viel Spaß, als die ersten Gerüchte im Stadion die Runde machten.“

Austria: Schon wieder Neonazifahne im Vereinsdesign

Absurderweise sind nun aber neben den Angreifern auch zwei Aktivisten der Komintern angeklagt, die sich den Nazis in den Weg gestellt haben. Der zuständige Staatsanwalt Kronawetter hat bereits beim Verfahren gegen Josef S. eine unrühmliche Rolle gespielt. Seine Anklageschrift las sich streckenweise eher wie ein Boulevard-Stück als wie eine juristische Abhandlung. Da war von „Demonstrationssöldnern“ die Rede und von „Chaoten“. In seinem Eröffnungsplädoyer verglich er die Demonstration gegen den rechtsextremen Akademikerball mit Zerstörungen nach einem Krieg. Das alles lässt für den aktuellen Prozess nichts Gutes vermuten. Selma Schacht von Komintern meint dazu: „Wir hoffen natürlich auf einen fairen Prozess. Denn es kann nicht sein, dass wir zuerst von den Nazis attackiert werden und dann auch noch verurteilt, weil wir diesen Angriff zurückgedrängt haben.“

Oberflächlich betrachtet handelt es sich bei den „Unsterblich“-Leuten um ein paar braune Hooligans. Doch tatsächlich dürfte weit mehr dahinter stecken—es gibt eindeutige Verbindungen zu Kadern der Neonazi-Szene und zur FPÖ. Dass sich die Nazis gerade die Wiener Austria ausgesucht haben, ist allerdings ein wenig absurd. Die „Veilchen“ waren historisch der Verein des liberalen jüdischen Bürgertums. Nach dem „Anschluss“ im Jahr 1938 musste fast der gesamte Vorstand flüchten. Unter den Flüchtlingen war etwa Norbert Lopper, den die Nazis schließlich in Belgien verhafteten und nach Auschwitz deportierten. Er überlebte, doch seine Frau, seine Schwester, sein Vater und seine Schwiegereltern wurden von den Nazis ermordet. Nach 1945 war er so etwas wie ein General Manager der Austria und wesentlich an den Erfolgen des Vereins beteiligt. Doch gut, Nazis und Geschichte, das geht sich oft nicht aus.

Die Austria unterm Hakenkreuz: Opfer, Täter und Mitläufer

Die breitere Öffentlichkeit erfuhr erstmals 2009 von den Neonazi-Umtrieben bei der Wiener Austria. Bei einem Spiel gegen den baskischen Club Athletic Bilbao stürmten einige Anhänger der Austria das Spielfeld und unterbrachen das Spiel für rund zwanzig Minuten. Bereits im Hinspiel in Bilbao hatte es Auseinandersetzungen gegeben, nachdem es aus dem Sektor der Austria zu Provokationen gegen die traditionell linken Fans von Bilbao gekommen war.

In Wien zeigten die Mitglieder von „Unsterblich“ dann eindeutig, wo sie stehen: Sie präsentierten ein Transparent mit der Aufschrift „Viva Franco“—eine Hommage an den ehemaligen faschistischen Diktator Spaniens. Dazu hissten sie erstmals ihre Fahne: eine Reichkriegsfahne mit deutschem Adler, der in den Klauen statt dem Hakenkreuz ein Austria-Logo hält. Bildunterschrift: das Wort „Hooligans“, wobei die Buchstaben „o“ mit den von Nazis verwendeten Keltenkreuz bemalt waren.

Die Präsenz von Nazis bei Wiener Großklubs war zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahren ein Problem. Vor allem ab den 1980er Jahren versuchten Neonazis gezielt, in den Stadien zu rekrutieren. Bei Rapid war es die Nazi-Truppe VAPO rund um ihren Führer Gottfried Küssel. Die „Terrorszene“ von Rapid galt damals als Hort des Neonazismus. Und auch bei der Austria gab es offen rechte bzw. rechtsextreme Gruppen wie „Bulldogs“ oder „Atzgersdorf“ (die auch heute noch bestehen). Ab Mitte der 1990er war es für eine längere Zeit relativ ruhig, doch die alten Verbindungen und Zusammenhänge existierten weiter. Rosa von „Ostkurve statt Ustkurve“ erzählt, dass rechtsextreme Fans von Austria und Rapid sogar einen vereinsübergreifender Zusammenschluss namens „Eisern Wien“ gründeten, der bis heute aktiv ist: „Eisern Wien ist so etwas wie eine Dachorganisation der Neonazis von Austria und Rapid. Am Fußballplatz beschimpfen sie einander, doch bei ihren Treffpunkten, etwa einem Würstelstand am Meidlinger Markt, wird dann gemeinsam gefeiert.“

Nun aber hatte sich die Situation bei der Austria deutlich verschärft: die Neonazis waren nun nicht mehr nur ein—mehr oder weniger geduldetes—Element in der Fan-Szene, sondern versuchten gezielt, andere Fans hinauszudrängen und die gesamte Fan-Kurve zu übernehmen.

Vieles spricht dafür, dass hinter diesen Kameraden das Nazi-Terror-Netzwerk „Blood and Honour“ steht. Blood and Honour ist eine der gefährlichsten Neonazi-Gruppen Europas. Der Name stammt von den Messern der Hitler-Jugend, auf denen „Blut und Ehre“ eingraviert waren. Die Truppe hat Ableger in vielen europäischen Ländern, die deutsche Sektion ist eng mit dem Terror des NSU verbunden, der mutmaßlich zehn Todesopfer forderte. Für diese Verbindung zwischen „Unsterblich“ und „Blood and Honour“ gab es lange Zeit vor allem Aussagen von Aussteigern und aus der Fan-Szene, doch schließlich hat sich „Unsterblich“ auch selbst geoutet: Ab 2010 spannten sie quer über die Fankurve der Austria ein riesiges Transparent mit dem Logo von „Blood and Honour“. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war eindeutig, dass es sich bei Unsterblich offensichtlich um eine organisierte Neonazi-Struktur handelt.

Der Verein reagierte auf diese eindeutigen Nazi-Provokationen defensiv. Es gab zwar eine Distanzierung und langsam auch einzelne Hausverbote, aber keinerlei weitere Reaktionen. Ein Verantwortlicher des Vereins sprach in kleiner Runde davon, dass die meisten „Unsterblich“-Leute früher oder später ohnehin ins Gefängnis gehen würden, damit hätte sich die Sache erledigt. Das Logo der Neonazis konnte somit weiter im Sektor der Austria hängen, ohne dass der Verein eingriff. Einziges „Zugeständnis“: das Transparent wurde in die Klubfarben der Austria umgefärbt. In einem Interview erklärte der damalige Fanbeauftrage Christian Rauchhofer dazu lapidar: „Wir sind ja keine Geschichtsprofessoren“ und sprach sich sogar eindeutig gegen den Ausschluss von „Unsterblich“ aus.

Von dieser Nicht-Reaktion des Vereins fühlten sich die Hooligans natürlich bestärkt. Sie hissten die Reichskriegsfahne und die Keltenkreuz-Fahne der Neonazis. Als Botschaft an ihre Gegner wurde ein Solidaritäts-Transparent für den spanischen Neonazi Josué Estébanez gehisst, der wegen Mordes an dem Antifaschisten Carlos Palomino zu 26 Jahren Haft verurteilt worden war.

„Unsterblich“-Mitglieder zeigen bei einem Auswärtsspiel in Porto das Keltenkreuz und die Reichskriegsfahne. Foto mit freundlicher Genehmigung von Austria80.

Andere Fans wurden bedroht, die Neonazis verschafften sich teils sogar gewaltsam Zugang zur Stadion-Lautsprecheranlage und brüllten dort rassistische und NS-Parolen. Ein Augenzeuge beschreibt die Stimmung im Stadion am Höhepunkt des Einflusses von „Unsterblich“: „Ein weiteres ,Unsterblich‘ Mitglied brüllt ins Mikro ,Adolf Hitler ist ein Freund‘. Übliches Begrüßen auf der Tribüne mit Hitlergruß. Unsterblich im 1. Rang direkt beim ,Ausgang‘ zum Spielfeld mit Sturmhauben in der Hand. Auch antisemitische Beschimpfungen und Auftritte waren an der Tagesordnung.

Rapid-Fans beschimpfen Austria-Spieler als „Judenschweine“

Schließlich veranstalteten die UST-Leute sogar eine rechtsextreme Demonstration während eines Spiels und mitten in der Austria-Kurve. Anlass war der Suizid des langjährigen UST-Mannes Uwe B., offiziell handelte es sich um eine Trauerkundgebung. Mit dabei: Nazi-Kader wie Gerd Honsik und sogar rechtsextreme Kameraden von Rapid, gut erkennbar an ihren T-Shirts. Dabei wurden auch Hitler-Grüße gezeigt, es kam allerdings nicht zu Verurteilungen. Die abstruse Begründung von Staatsanwaltschaft und Verfassungsschutz: der schließlich angeklagte Rechtsextreme habe sich schließlich nur „aufgrund des starken Alkoholisierungsgrads zum Hitlergruß hinreißen lassen“. Andere Fans wurden an diesem Tag von den UST-Leuten terrorisiert. Wer nicht mittrauern wollte sondern stattdessen die Mannschaft anfeuern, wurde bedroht.

Immer öfter gab es Angriffe von „Unsterblich“, teils im Stadion auf Andersdenkende, teils außerhalb. Oft fanden diese Attacken rund um FPÖ-Kundgebungen statt. So etwa im Frühjahr 2010: nach der Wahlversammlung für FPÖ-Präsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz (das ist die Dame, die mit dem NS-Verbotsgesetz so ihre Probleme hat) bedrohten Unsterblich-Leute eine Solidaritäts-Kundgebung für das linke Kulturzentrum Amerlinghaus vor dem Wiener Burgtheater.

Mo Sedlak von der Organisation „ArbeiterInnenstandpunkt“, berichtet, dass die Situation sehr bedrohlich gewesen sei: „Die Nazis waren eindeutig zum Angriff bereit und ausgerüstet. Erst im letzten Moment konnten zu Hilfe eilende AntifaschistInnen den Nazis klar machen, dass wir uns wehren würden und so die Attacke verhindern. Schließlich mussten sich die ,Unsterblich‘-Leute zurückziehen.“

Sticker der Austria-Fans gegen Rechts.

Diese Verbindung von FPÖ-Wahlkampf und UST ist kein Zufall, denn es gibt eine Reihe von augenscheinlichen Verknüpfungen zwischen der blauen Partei und den Hooligans. Vor allem ist da Alexander Ch. Wenn im Stadion oder bei Auswärtsspielen UST-Symbole gezeigt werden, ist Ch. auf Bildern oft im Zentrum des Geschehens zu finden. Auch das Nachrichtenmagazin Profil rückt Ch. eindeutig in die Nähe von UST. Ch. ist gleichzeitig eng mit der österreichischen Neonazi-Szene verknüpft. Von ihm existieren etwa Fotos, auf denen zu sehen ist, wie er gemeinsam mit den oftmals verurteilten Nazi-Größen Gottfried Küssel und Franz Radl an Demonstrationen teilnimmt. Ch. war lange Zeit Generalsekretär des österreichischen Rechtsanwaltskammertages. Erst als seine Nazi-Verbindungen öffentlich wurden, verlor er diesen Job. Selbstverständlich nimmt Ch. auch am Wiener Akademikerball teil, den offiziell die Wiener FPÖ veranstaltet. Denn neben Fußballplatz, rechten Demos und Juristerei hat Ch. noch eine weitere Leidenschaft: er ist in der FPÖ in Wien-Alsergrund offenbar gut verankert und hat für die FPÖ sogar bereits für den Nationalrat kandidiert.

Dann wäre da Dietmar R. Der FPÖ-Gemeinderat aus Gerasdorf bei Wien ist selten weit weg, wenn der rechte Teil des Anhangs der Wiener Austria auftritt. Pikant: R. war in der Vergangenheit bereits Mitarbeiter im FPÖ-Parlamentsklub und hat somit beste Kontakte ins Partei-Establishment. Bei diesen Verbindungen verwundert es kaum, dass im März 2014 die FPÖ-Abgeordneten Höbart und Kunasek die Betreiber von „Ostkurve statt Ustkurve“ sowie den grünen Abgeordneten Albert Steinhauser (der auch im Austria-Kuratorium sitzt) angezeigt haben. Auch die Homepage des Burschenschafters und Ex-Nationalratspräsidenten Martin Graf attackiert immer wieder Antifaschisten, die gegen Unsterblich aktiv werden. Graf ist übrigens auch Präsident des Fußball-Clubs Hellas Kagran, der mittlerweile als Außenstelle der Burschenschaft Olympia gilt … und Unsterblich-Leute sind des Öfteren in Kagran zu Gast.

Neonazi mit SS-Totenkopf im Violapub der Austria. Foto von VICE Media.

Mittlerweile hat zumindest die Wiener Austria reagiert. Im vorigen Jahr wurde „Unsterblich“ von der Liste der Fanclubs gestrichen. Seit heuer sollen alle, die die Truppe unterstützen, mit Hausverbot belegt werden. Das kommt sehr spät, aber immerhin wurde nun ein erster Schritt gesetzt. Im Interview mit VICE spricht auch Austria-Kapitän Ortlechner klare Worte: „Wir müssen gegen die Nazis auftreten, ob am Sportplatz oder außerhalb.“ Auch in der Fan-Szene tut sich was. Rosa und Karl von „Ostkurve statt Ustkurve“ erzählen, dass es unter den Austria-Fans viele Diskussionen gibt: „Einige Fanclubs hat es regelrecht zerrissen, andere wurden mit Gewalt von der Fan-Tribüne vertrieben, weil sie nicht mit den Nazis gemeinsame Sache machen wollten. Es gibt immer noch viele Verbindungen zwischen den führenden Fanclubs und ,Unsterblich‘. Doch wir sehen, dass immer mehr Fans aufstehen und sich gegen den braunen Müll wehren. Das gibt Hoffnung.“

Austria würdigt Opfer des Holocaust

Auch die „Offensive gegen Rechts“ betont, dass Widerstand gegen die Unsterblich-Mitglieder notwendig ist. Um das zu unterstreichen und die angeklagten Antifachsisten zu unterstützen, ruft die OGR für den 16.09. zu einer Demonstration um 18 Uhr vor der Uni Wien auf. Rosa und Karl von Ost statt Ust finden das sehr gut, denn: „Es ist hier egal, welchen Verein wir anfeuern. Es ist egal, ob jemand Fußball mag oder nicht. Gegen Nazis sollten wir alle gemeinsam aufstehen!“

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