Tränengas und Tod in Genua – wie ich die Proteste 2001 erlebt habe.

Bild: Michael Bonvalot

Bei den Protesten gegen den G8-Gipfel in Genua wurde am 20. Juli 2001 der junge Aktivist Carlo Giuliani von der Polizei erschossen. Ich war damals in Genua. Kurz vor Carlos Tod war ich noch an der Stelle, wo er später getötet wurde.

Es war klar, diese Demonstration würde ein neuer Höhepunkt der Bewegung gegen die kapitalistische Globalisierung werden: Die Mächtigen der Welt wollten sich im Juli 2001 in der italienischen Hafenstadt Genua zum G8-Gipfel versammeln, geschützt von zehntausenden Polizist*innen. Ausgerechnet in Genua mit seiner bekannt linken Tradition

Begonnen hatte die internationale Bewegung vor allem mit den großen Demonstrationen im US-amerikanischen Seattle gegen die WTO-Konferenz im Dezember 1999. Dann kamen die Mobilisierung gegen die Sitzung der Weltbank im September 2000 in Prag und gegen den EU-Gipfel in Göteborg im Juni 2001. Und nun Italien. Nicht weit von Österreich – die Gelegenheit war also enorm günstig.

Da war noch alles ruhig und ich habe für ein Bild posiert.

Ich wollte dabei sein und fuhr mit Freund*innen nach Genua. Schon bei der Anfahrt wurde klar, dass es ungemütlich würde. Die Polizei hielt uns stundenlang an der Grenze auf, tat alles, um die Anreise zu verzögern.

Schließlich erreichten wir Genua mit enormer Verspätung aber dennoch und konnten unsere Zelte im Carlini-Stadion aufbauen. Ich erinnere mich noch sehr gut an meine ersten Eindrücke am 20. Juli, als die Demonstrationen schließlich losgingen: Große Gruppen von Demonstrant*innen, die mit Plastik und Schaumstoff an Armen und Beinen geschützt in die Innenstadt strömten. Ihre geplante Strategie: Mit der Macht ihrer Körper die Polizei zurückdrücken. Die Strategie sollte sich später als nutzlos erweisen gegen Unmengen von Tränengas.

Enorme Solidarität

Das Carlini-Stadion steht auf einer Anhöhe über der Innenstadt. Als wir losgingen, sahen wir bereits die ersten Rauchsäulen an verschiedenen Orten der Stadt aufsteigen. Insgesamt waren an diesem Tag schon mehrere zehntausend Menschen auf der Straße, um gegen den Gipfel zu protestieren.

Bild: Michael Bonvalot

Besonders beeindruckten mich die Menschen am Straßenrand – unter ihnen sogar Hausfrauen mit Schürzen – die den Demonstrant*innen applaudierten. Diese Solidarität sollte sehr schnell auch praktisch werden: Anwohner*innen verspritzten aufgrund der glühenden Hitze etwa Wasser auf den Straßen oder verteilten es an die Demonstrant*innen.

Sturm auf die rote Zone

Denn Genua hat eine enorm linke und kämpferische Tradition. Ich erinnere mich an eine Zeitung, die mir damals in Genua gezeigt wurde: Rund ein Viertel der Bevölkerung von Genua waren laut einer Umfrage damals dafür, dass die Demonstrant*innen die rote Zone gegen die Polizei stürmen sollten.

Bild: Michael Bonvalot

Die Situation eskalierte enorm schnell. Luxusautos brannten. Es gab erste Auseinandersetzung zwischen Polizei und Demonstrant*innen. Es wurde auch sehr schnell klar, dass es keine Möglichkeit geben würde, bei Auseinandersetzungen einfach zur Seite zu gehen und sich so möglicher Polizeigewalt zu entziehen.

Er hatte Glück, er wurde nur geschlagen.

Es war völlig klar, dass jede Person, die für eine/n Demonstrant*in gehalten werden konnte, zusammengeschlagen würde. Ein Bekannter aus Österreich etwa wurde von der Polizei mit Flugblättern angehalten. Er wurde geschlagen und dann laufen gelassen.

Im Nachhinein wissen wir: Damit hatte er sogar noch enormes Glück. Überall in der Innenstadt gab es schließlich Kämpfe. Und dann schoss die Polizei.

Die Schüsse auf Carlo Giuliani

Ich war rund 20 bis 30 Minuten zuvor noch an der Stelle, wo Carlo Giuliani von einem Polizisten mit einem Kopfschuss getötet werden sollte. Die Polizei gab später zu, etliche Male geschossen zu haben.

Zu dem Zeitpunkt, wo ich dort war. war es an den Platz noch verhältnismäßig ruhig – soweit in diesen Tagen und an diesem Ort von Ruhe gesprochen werden kann. Kurz danach eskalierte dann die Lage. Vom Tod von Carlo erfuhr ich aber erst am Abend, wo die ersten Gerüchte über seinen Tod die Runde machten. Im Stadion malten Menschen ein erstes Graffiti zur Erinnerung an Carlo.

Bild: Michael Bonvalot

In den nächsten Jahren sollten vor allem seine Eltern dafür sorgen, dass auch die öffentliche Erinnerung und Empörung über den Tod von Carlo nicht verstummte. Seine Mutter, Haidi Guilani, zog 2006 für die Partei der kommunistischen Wiedergeburt (PRC) sogar in den italienischen Senat ein.

Die Schüsse auf Carlo kamen an diesem Nachmittag allerdings auch nicht völlig überraschend. Mir war schon am Nachmittag klar, dass es hier nicht ohne schwere Verletzungen abgehen würde. Die Polizei schoss etwa enorme Mengen von Tränengas in die Demo, soweit ich mich erinnere, auch aus Hubschraubern. Es war jedenfalls unmöglich, schneller zu sein als das Tränengas

Wolken aus Tränengas

Ich war unzureichend geschützt und bekam kaum mehr Luft in der Tränengaswolke. Ich wollte da nur irgendwie raus. Ich erinnere mich noch genau an einen bestimmten Punkt, wo ich mir dachte, es geht einfach nicht mehr, ich kann nicht mehr, egal was jetzt mit mir passiert.

Doch dann habe ich nur noch rund hundert Meter hinter mir große Mengen von Polizei gesehen, die schnell und offensichtlich gewaltbereit näher rückten. Irgendwie habe ich dann doch noch die Energie gefunden, um gemeinsam mit einer Freundin aus dem Zentrum der Tränengaswolke zu flüchten. Der erste Abend war dann noch verhältnismäßig ruhig. Doch vor allem nach dem Tod von Carlo war klar: Am nächsten Tag würde es heiß werden.

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Bild: Michael Bonvalot

Am nächsten Tag waren dann sogar bis zu 300.000 Menschen in der Stadt, um gegen den Gipfel der Eliten zu demonstrieren. Wieder erlebte ich sehr viel Solidarität von Anwohner*innen: Ein älterer Mann etwa zeigte mir einen Fluchtweg, als die Polizei angriff.

Polizei-Provokateure in der Demo

Die Auseinandersetzungen mit der Polizei eskalierten diesmal am Piazzale Martin Luther King – direkt am Hafen und knapp vor der roten Zone, die die Polizei ausgerufen hatte. Strategisch betrachtet der dümmste Ort für die Demonstrant*innen und der mit Abstand beste Ort für die Polizei. Denn aufgrund der hohen Hafenmauern bedeutete das, dass ein großer Teil der Demo faktisch am Hafen festgehalten wurde und nicht mehr weitergehen konnte. Dazu wurde auch noch das Begegnungszentrum der Demo-Organisation am Hafen weitgehend unbrauchbar gemacht.

Am Erdgeschoss eines Gebäudes brannte es sogar. Enorm gefährlich, enorm verantwortungslos. Bereits damals habe ich mich gefragt, wer so dumm ist, genau hier eine Auseinandersetzung zu beginnen. Heute wissen wir aus Bildern und Videos: Die Behörden selbst haben zahlreiche Polizisten in die Demo eingeschleust.

Videos zeigen, wie vermeintliche Demonstranten der Polizei Anweisungen geben und sie kommandieren. Auch Neonazis waren vor Ort, wie später aus geheimen Dokumenten der Polizei bekannt wurde. Der italienische Staat ließ sie offensichtlich gewähren – mutmaßlich, um daraus resultierende Eskalationen der Linken in die Schuhe schieben zu können.

Die Rache der Polizei

Als die Demo am Abend schließlich vorbei war, fuhren die meisten italienischen Demonstrant*innen in Bussen und Zügen wieder nach Hause. Doch für die verbliebenen Personen in Genua – also vor allem die internationalen Demonstrant*innen – wurde die Situation enorm gefährlich. Ich war zu diesem Zeitpunkt wieder im Carlini-Stadion, wo immer mehr Berichte über Polizeigewalt und sogar über Folterungen durch die Polizei eintrafen.

Bild: Michael Bonvalot

Schließlich kamen immer mehr Hinweise darauf, dass die Polizei das Stadion stürmen würde, dass es nicht mehr sicher sei. Wir mussten die Zelte abbrechen, mussten da raus. Damit begann eine regelrechte Odyssee über mehrere Stunden. Den zeitlichen Ablauf habe ich nicht mehr ganz genau im Kopf, doch nach meiner Erinnerung fuhren wir zuerst zu einem Lokal der Basisgewerkschaft COBAS, um dort zu schlafen. Doch auch dort hieß es bald, es sei nicht sicher. Wir waren buchstäblich auf der Flucht.

Der nächste hastige Aufbruch: Wir fuhren zu einem Gebäude neben einer Schule, der Diaz-Schule. Sie sollte später traurige Berühmtheit erlangen. Von einem Polizeiüberfall kurz zuvor war die Rede als wir ankamen. Doch niemand wusste wirklich, was geschehen war. Eine Person ging rüber und berichtete schockiert, dass alles voller Blut sei.

Alles voller Blut

Heute wissen wir: Die Polizei hat dutzende Menschen, die in der Diaz-Schule geschlafen hatten, in ihren Schlafsäcken buchstäblich zu blutigen Bündeln geprügelt und dann teils schwer verletzt aus dem Gebäude getragen.

Die Polizei hat Menschen ihre Rippen, Arme, Beine und Kiefer gebrochen. Die damals 22-jährige Tanja W. ist seither Invalidin. Auch zahlreiche Menschen, die von der Polizei verhaftet worden waren, wurden in der Kaserne Nino Bixio von der Polizei brutal gefoltert.

„Uno, due, tre – viva Pinochet“

Die Polizei schlug die Menschen zwang sie, faschistische Lieder zu singen. Dazu brüllten die Polizisten im Takt „Uno, due, tre – viva Pinochet“ – als Referenz an den chilenischen faschistischen Diktator. Der damalige Vizepremier Gianfranco Fini von der postfaschistischen Alleanza Nazionale war sogar selbst im Lagezentrum der Polizei gewesen – die Botschaft war klar.

Der Block der trotzkistischen LCR aus Frankreich. Bild: Michael Bonvalot

Unter den Verhafteten waren auch 25 österreichische Aktivist*innen der „Volxtheaterkarawane“, die mit konstruierten Anklagen drei Wochen in italienischen Gefängnissen festgehalten wurden. Auch sie wurden von der Polizei misshandelt, während die schwarz-blaue Regierung in Österreich keinen Finger für sie rührte. Im Gegenteil: Die damalige ÖVP-Außenministerin Benita Ferrero-Waldner unterstützte die italienischen Behörden.

Apropos italienische Behörden: In den folgenden Jahren wurden zwar zahlreiche führende Polizeibeamte in Italien wegen der Folterungen und Angriffe verurteilt. Doch praktischerweise waren die meisten Anklagepunkte zu diesem Zeitpunkt schon verjährt oder es gab Strafnachlässe.

Irgendwie sind wir rausgekommen

Meine Freund*innen und ich hatten dagegen wohl schlichtweg Glück, dass wir nicht verhaftet oder überfallen wurden. Gegen fünf Uhr schließlich war klar, dass es in Genua keinen sicheren Ort mehr für uns geben würde. Mitten in der Nacht sind wir völlig übermüdet aus der Stadt geflüchtet – und haben es irgendwie geschafft, rauszukommen.

Ich habe niemals ein faschistisches Regime an der Macht erleben müssen. Doch es war der Geruch des Faschismus, den ich in diesen Tagen in Genua erlebt habe.

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