„Wir brauchen Druck. Es ist eine humanitäre Katastrophe.“

Bild: Ben Owen-Browne / SOS Balkanroute

Nicht genug Essen, kein sauberes Trinkwasser, keine Möglichkeit zum Waschen der Hände. Ein Gespräch mit Flüchtlingshelferin Zehida Bihorac Odobasic über die Situation in den bosnischen Flüchtlingslagern. Türkis-Grün schickt währenddessen Polizei zur Flüchtlings-Abwehr.

Die bosnische Flüchtlingshelferin Zehida Bihorac Odobasic berichtet im Interview mit mir über katastrophale Zustände in den Flüchtlingslagern an der EU-Außengrenze zwischen Kroatien und Bosnien. Währenddessen wollen sich die Staaten der EU und des Westbalkan immer weiter gegen flüchtende Menschen abschotten.

So hat Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) bei einer Konferenz am 22. und 23. Juli in Wien eine neue Organisation zur Abwehr von Flüchtenden angekündigt. Die neue Abschottungs-Plattform mit Sitz in Wien würde sowohl infrastrukturell wie personell unterstützt, so der Innenminister der türkis-grünen Bundesregierung.

Zusätzlich sollen Kroatien und Griechenland personell unterstützt werden, berichtet das rechtsdrehende Boulevard-Blatt Krone. In beiden Staaten sind die Grenzbehörden besonders berüchtigt für ihre Übergriffe auf flüchtende Menschen. Bereits kurz nach der Konferenz folgen die ersten Maßnahmen.

Österreichische Polizei im Einsatz zur Flüchtlingsabwehr

Am Samstag, dem 25. Juli, verkündete das Innenministerium, dass zehn PolizistInnen mit Wärmebildkameras an die Serbisch-nordmazedonische Grenze geschickt würden. Nicht das erste Mal, dass Österreich Polizei zur Flüchtlingsabwehr schickt: Im März 2020 etwa wurden PolizistInnen an die ungarisch-serbische Grenze sowie nach Griechenland entsendet. In Ungarn sollten dabei unter anderem österreichische Polizei-Hunde zum Einsatz kommen.

In Griechenland war die Spezialeinheit Cobra mit mindestens einem gepanzerten Fahrzeug im Einsatz. Das sagt Flüchtlingshelferin Zehida Bihorac Odobasic zur aktuellen Lage an der EU-Außengrenze in Bosnien.

Zehida, Du bist Flüchtlingshelferin in Velika Kladuša im Nordwesten von Bosnien. Wie ist die aktuelle Situation vor Ort?

Die Lage ist derzeit schlichtweg katastrophal. Wir haben ein Lager für geflüchtete Menschen mit einer Kapazität von 700 Betten. Es sind aber mindestens 1000 Menschen vor Ort, möglicherweise mehr. Doch nur wer ein Bett hat, hat auch eine ID-Karte und damit Essen und medizinische Versorgung.

Bild: Zehida Bihorac Odobasic (links) mit geflüchteten Menschen. Bild: Ben Owen-Browne / SOS Balkanroute

Was ist mit den anderen geflüchteten Menschen?

Rund 400 bis 500 Menschen haben derzeit keinen Platz im offiziellen Lager. Sie müssen in verlassenen Häusern und auf der Straße schlafen. Sie haben keinen Zugang zu Essen, zu medizinischer Versorgung und keine Unterkunft. Dazu kommt vor allem für Minderjährige die Gefahr, von Kriminellen ausgebeutet zu werden.

Wie versorgen sich die Menschen mit Essen?

Die Menschen müssen entweder betteln oder hoffen, dass andere das eigene Essen nochmals mit Ihnen teilen. Viele Menschen hungern derzeit. Zusätzlich hat der Kanton jetzt auch noch verboten hat, dass wir in den sogenannten wilden Lagern Essen verteilen.

Aber was macht das für einen Unterschied für die Menschen? Was können sie dafür, dass es in den offiziellen Lagern keinen Platz für sie gibt? Es ist eine humanitäre Katastrophe.

Wie siehst Du die Hygiene-Bedingungen in Corona-Zeiten?

Es gibt für diese Menschen keine Möglichkeiten zum Waschen der Hände oder der Kleidung. Ausreichende hygienische Bedingungen sind also einfach nicht vorhanden.

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Wie ist die medizinische Situation insgesamt?

Wir haben enorm viele Menschen mit offenen entzündeten Wunden. Viele Menschen haben Scabies, eine schlimme Hauterkrankung. Teilweise leben 60 bis 100 Menschen in einem Zelt, durch das enge Zusammenleben wird die Krankheit immer weiter übertragen. Dazu kommen Verletzungen nach Übergriffen durch die kroatischen Grenzpolizisten.

Die See-Retter von Samos

Ein weiteres Problem ist die enorme Hitze. Die Menschen können sich davor nur sehr schlecht schützen, weil sie auf der Straße oder in Zelten leben müssen. Und für uns besteht das Verbot, die Menschen medizinisch zu unterstützen.

Was kannst Du über die kroatische Grenzpolizei sagen?

Die kroatischen Behörden foltern die Menschen. Die flüchtenden Menschen werden brutal geschlagen, wir sehen regelmäßig gebrochene Hände und Füße. Ihnen werden die Handys und sogar die Schule abgenommen und dann werden sie wieder ausgesetzt. Es gab sogar Fälle, wurden den Menschen Kreuze aufgemalt wurden.

Kroatien ist dabei der vorgeschobene Posten der EU. Österreich und Deutschland tragen die Verantwortung.

Wie ist die psychische Situation der Geflüchteten?

Die Flucht und die gesamte Situation sind riesige Stressfaktoren. Dazu wurden vielen Menschen von den Grenzbehörden auch noch die Handys weggenommen, sie haben keinerlei Kontakt mit ihren Familien. Sehr viele Menschen sind traumatisiert, viele sind depressiv.

Was ist die Stimmung in der lokalen Bevölkerung?

Wir sehen Rassismus, wir sehen aber auch Solidarität. Wir erleben hier Situationen, wo Menschen nicht in die Cafeteria oder zum Friseur dürfen. In den Bussen müssen Sie im hinteren Teil sitzen, obwohl sie ihre Karte voll bezahlen.

So leiden flüchtende Menschen in den bosnischen Lagern

Gleichzeitig gibt es auch Solidaritätskomitees. Wir helfen, wir versuchen, Essen zu verteilen, wir sind schon drei Winter draußen. Aber nach der Verteilung im Winter konnten wir nach Hause gehen, die Menschen mussten bleiben und frieren. Zu den lokalen Komitees kommt internationale Hilfe, etwa von den FreundInnen von SOS Balkanroute aus Österreich, die Spenden und Unterstützung für uns sammeln.

Was erwartet ihr von Österreich und den Staaten der EU?

Viele Menschen in Österreich wissen kaum oder gar nichts über die Lage der geflüchteten Menschen in Bosnien. Dabei ist Velika Kladuša gerade einmal rund 220 Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt. Es reicht uns aber nicht, wenn wir von Politikerinnen hören, dass sie besorgt sind. Das haben wir schon im Bosnienkrieg gehört, das hilft uns überhaupt nicht.

Wir brauchen konkrete Unterstützung. Wir brauchen konkrete Lösungen für die Versorgung und Unterkunft der geflüchteten Menschen. Und wir brauchen Druck, um die Situation zu verbessern.

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