Wir dürfen uns vom Terror nicht spalten lassen

Polizeiabsperrung vor dem Wiener Schwedenplatz am 2.11.2020. Bild: Michael Bonvalot

Die extreme Rechte wird den Anschlag von Wien für ihre rassistische Propaganda nützen. Damit tut sie genau das, was die Djihadisten wollen. Wir dürfen jetzt nicht aufhören, zu denken.

Es ist kaum vorstellbar – ein Terroranschlag mitten in der Wiener Innenstadt. Ein oder mehrere Täter haben rund um die Synagoge in der Wiener Seitenstettengasse Menschen ermordet. Es ist ein beliebtes Ausgehviertel, es war ein warmer Tag, viele Menschen nutzten den letzten Tag mit offenen Lokalen vor dem Lockdown. Der Anschlag hatte religiös-fundamentalistische Motive.

Das Muster erinnert an die Anschläge in Paris am 13. November 2015. Djihadistische Terroristen schossen damals im beliebten – alternativ geprägten – Ausgehviertel rund um den Place de la République um sich. Tragischer Höhepunkt war das Massaker im Musikclub Bataclan

Der erschossene Täter in Wien war Anhänger der Terrormiliz IS und er war einschlägig vorbestraft. Ob es weitere TäterInnen gibt, wissen wir noch nicht. Wir wissen auch nicht, ob die Synagoge selbst Anschlagsziel war – doch sehr viel deutet darauf hin. Es ist wohl kaum ein Zufall, dass unter allen Gassen Wiens genau die Seitenstettengasse gewählt wurde, wo sich der Stadttempel der jüdischen Gemeinde befindet.

Faschistischer Terror

Die Terrormiliz IS und andere FundamentalistInnen folgen dem klassischen Muster des faschistischen Terrors: Die Verbreitung von Angst und Unsicherheit. Niemand soll sich sicher fühlen. Das war das Muster der Terrorattacken in Paris, das war das Muster der Anschläge auf die Pendlerzüge in Madrid 2004, das war das Muster der Attacke auf den Berliner Weihnachtsmarkt 2016.

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Manches erinnert auch an klassische faschistische Anschläge. Etwa den Bombenanschlag auf den Hauptbahnhof des „Roten Bologna“. Im August 1980 ermordeten FaschistInnen dort 85 Menschen. Oder dem Anschlag auf das Münchner Oktoberfest im September 1980 mit 13 Toten. Ein wesentlicher Unterschied: Damals sollten die Anschläge der Linken in die Schuhe geschoben werden. Heute bekennen sich die DjihadistInnen stolz zu ihren Morden – ähnlich wie sie das etwa bei Anschlägen auf Linke in der Türkei tun. Doch gleich ist das Ziel der Verbreitung von Angst.

Ähnlichkeiten in der Strategie sind kein Zufall: Denn die Ideologie des IS und des Djihadismus ähnelt in vielen Bereichen jener des Faschismus. Es gibt gute Gründe, diese Ideologie als eine Form des Faschismus zu betrachten.

Die Ziele des Terrors

Terroranschläge auf wahllose Opfer verfolgen eine Strategie. Djihadistische Anschläge haben vor allem drei zentrale Ziele: Angst für die große Mehrheit, Motivation für die kleine Gruppe von SympathisantInnen und in Europa und den USA eine Intensivierung des Rassismus.

Daher machen sich auch alle Medien mitverantwortlich, die nun Bilder oder Videos der Morde verbreiten: Sie helfen, die Angst zu schüren. Sie zeigen die Täter in Aktion und bei ihren Taten. Sie tun genau das, was die Täter wollen. Hört auf damit!

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Sehr viele von uns – vor allem jene aus Wien – haben in dieser Nacht vermutlich sehr schlecht geschlafen. Angst, Unsicherheit, möglicherweise die Sorge um betroffene FreundInnen oder Verwandte. Liebe FreundInnen von mir waren in der Gegend, mussten sich verstecken. Ich habe mit einer Freundin telefoniert, während sie sich in einem Hinterzimmer einsperren musste. Ein Freund musste Augenzeuge der Schüsse werden. Menschen ganz nah um mich herum haben echte Angst erlebt. Ich bin betroffen und ich bin wütend. Und so geht es wohl sehr vielen von uns.

Wir dürfen nicht aufhören, zu denken!

Wir sollen und wir dürfen wütend sein auf die Täter. Doch wir dürfen gleichzeitig nicht aufhören, zu denken. Wir müssen die politische Substanz dieses Terrors herausarbeiten, wir müssen seine Motivation und seine Ziele analysieren. Nur so können wir die Gefährdung möglicher künftiger Anschläge minimieren.

Ein wesentliches Ziel des djihadistischen Terrors ist das Anheizen von Rassismus. Jede Person, die der Zugehörigkeit zum Islam auch nur verdächtig ist, soll nach ihren Wünschen unter Terrorismus-Verdacht geraten. Alle sollen pauschal die Unterdrückung der Gesellschaft spüren. Bereits 2015 hat der IS in einem Manifest in seinem Online-Magazin Dabiq diese Strategie erklärt, wie der Journalist Karim El-Gawhary beschreibt.

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Der Djihadismus will den Rassismus

Mit jedem islamistischen Anschlag in Europa wächst dort die antiislamische Stimmung. Die Folge, so heißt es laut El-Gawhary im IS-Manifest, wäre eine Polarisierung und „die Eliminierung der grauen Zone“, wie die Koexistenz zwischen MuslimInnen und NichtmuslimInnen dort umschrieben wird. Mit der aus den Anschlägen folgenden Ausgrenzung der MuslimInnen im Westen könnten diese leichter in die Arme der militanten Islamisten und ihrer Ideologie getrieben werden und wären dann leichter zu rekrutieren.

„Die wollen euch nicht. Die hassen euch. Egal, wie sehr ihr euch anstrengt, ihr werdet immer Menschen zweiter Klasse bleiben.“ – Wenn diese Botschaft pauschal an alle Menschen mit muslimischem Hintergrund oder dunklerer Hautfarbe vermittelt wird, dann hat der Djihadismus ein wesentliches Ziel erreicht.  Genau das will der Djihadismus. Mit dieser Botschaft rekrutiert er.

Die extreme Rechte wird den Anschlag benützen

DjihadistInnen wollen den Rassismus, weil er ihre scheinbaren Argumente belegt. Die extreme Rechte hat damit am Ende das gleiche Ziel wie der Djihadismus.

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Wut bedeutet nicht, die eigene Menschlichkeit aufzugeben. Hinrichtungsphantasien, Bilder von aufgestellten Galgen in sozialen Netzwerken, der Wunsch nach Erschießungen: Merkt ihr etwas? Genau das ist die Strategie der FundamentalistInnen. Genau das tut die Terrormiliz IS in ihren Haupteinflussgebieten in Syrien, dem Irak, Afghanistan, Libyen oder West- und Südostafrika.

Die extreme Rechte wird diese Anschläge nützen, wir wissen es. Die FPÖ hat bereits eine eigene Sitzung des Nationalrats beantragt. Neofaschistische Kleingruppen wittern Morgenluft und posten Mobilisierungsbilder. In einschlägigen Gruppen in den sozialen Netzwerken werden Videos der Anschläge geteilt, dazu werden Gewaltfantasien und Verschwörungstheorien geäußert. „Dunkelmächte“ hätten den Terroranschlag inszeniert, fantasiert eine Person. „Selbstverteidigung“ sei nun „Bürgerpflicht“, behauptet eine andere.

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Solche Gewaltfantasien müssen kein leeres Gerede bleiben: AntifaschistInnen und Menschen aus ethnischen Minderheiten wurden in Österreich bereits zwischen 1993 und 1997 Opfer einer Welle mörderischer faschistische Anschläge. Es gibt bis heute erhebliche Zweifel daran, ob der schließlich gefasste Franz Fuchs tatsächlich ein Einzeltäter war.

Sie reiben sich die Hände

Seien wir uns klar darüber: Die FaschistInnen aller Coleurs sind Brüder im Geiste. Die „weißen“ FaschistInnen geben sich betroffen. Doch in Wirklichkeit reiben sie sich die Hände. Die Anschläge spielen ihnen in die Hände. Besonders exemplarisch deutlich wird das bei einem Livestream von Identitären-Gesicht Martin Sellner und anderen Kadern der Gruppe zum Anschlag. Einer der Nachwuchs-Kader grinst so laufend und offensichtlich in die Kamera, dass sogar die Personen, die dem Stream folgen, sich wiederholt beschweren.

Kein Verständnis für die Taten und die Täter zu haben, bedeutet nicht, blind zu sein. Motivforschung ist zentral, damit sich solche Anschläge nicht wiederholen. Wir dürfen nicht blind sein gegenüber reaktionären Strukturen und Organisationen. Egal, welchen ethnischen Hintergrund sie haben. Die „weiße“ extreme Rechte ist genauso ein Problem wie etwa die faschistischen Grauen Wölfe oder eben der IS. Diese Aufmerksamkeit sind wir nicht zuletzt unseren FreundInnen mit Migrationshintergrund schuldig, die seit Jahren in ihren Communities erbittert gegen reaktionäre Strömungen kämpfen.

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Gleichzeitig dürfen wir niemals blind werden gegenüber dem Rassismus in Österreich. Denn dieser Rassismus ist Wasser auf die Mühlen der Terrormiliz IS und ähnlicher rechter Gruppen. Wenn Dir die Gesellschaft immer vermittelt, Mensch zweiter oder dritter Klasse zu sein, dann geben Dir diese Gruppen auf einmal das Gefühl der Überlegenheit. Ausgewählt sein. Etwas Besonderes sein. Das klingt attraktiv – und genau deshalb ist es so gefährlich.

Rassismus und Terror sind Geschwister

Viele von uns haben gerade Angst, völlig zu Recht. Besonders viel Angst haben gerade sehr viele Menschen, die aus Ländern mit einer islamisch-geprägen Gesellschaft stammen. Oder deren Eltern aus solchen Ländern stammen. Oder deren Großeltern.

Dass sie selbst genauso Angst vor dem Terror haben, wie alle anderen? Dass sie vielleicht ebenfalls in dieser Nacht Angst um ihre FreundInnen hatten, die im ersten Bezirk friedlich in einem Lokal saßen? Dem Rassismus ist das egal. Er ist so wahllos wie der Terror. Rassismus und Terror sind Geschwister.

Die Antwort auf fundamentalistischen Terror kann niemals mehr Rassismus sein. Mehr Rassismus führt unweigerlich zu mehr Rekrutierungen durch diese Gruppen. Jeder Ruf nach wahllosen Abschiebungen ist für sie ein Geschenk. Mehr Rassismus bedeutet mehr Terror. Sowohl durch die FundamentalistInnen wie durch die „weißen“ FaschistInnen.

Und Rassismus trifft nicht die TäterInnen. Rassismus trifft unbeteiligte Menschen, die genauso betroffen sind wie alle anderen Menschen. Rassismus nützt dem Djihadismus. Die Antwort auf wahllosen rechten Terror ist nicht die eigene Wahllosigkeit. Wir sind besser. Wir sind stärker.

Ergänzt am 04.11.2020 um zusätzliche Informationen zur Strategie des IS sowie zum Livestream der neofaschistischen Gruppe Identitäre.

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