So ist die djihadistische Szene in Österreich organisiert

Bild: Michael Bonvalot

Viele Menschen waren überrascht, dass in Wien ein Terroranschlag stattgefunden hat. Wie ist die djihadistische Szene in Österreich organisiert und wo ist sie aktiv? Ein Gastbeitrag des Religionssoziologen Johannes Saal mit Anmerkungen von Michael Bonvalot.

Der Beitrag von Johannes Saal wurde von Michael Bonvalot mit Erlaubnis des Autors aus dem Englischen übersetzt und mit gekennzeichneten Anmerkungen und Zwischenüberschriften versehen. Am Schluss des Artikels findet sich weitere Einordnungen und Hintergründe von Michael Bonvalot

Österreich hat eine lange Geschichte als „Hub“ für djihadistische Gruppen, fungiert also als Basis und Transitraum. Auch bei der Anzahl der sogenannten „Foreign Fighters“ (FF), also der ausländischen Kämpfer für diese Gruppen, hat Österreich in Europa einen der höchsten Anteile, vergleichbar etwa mit Belgien. Dennoch haben djihadistische Aktivitäten in Österreich bis jetzt von ForscherInnen und AnalytikerInnen überraschenderweise nur wenig Aufmerksamkeit erhalten.

Bereits während der 1990er Jahre fungierte Wien als wichtige logistische Drehscheibe, um Kämpfer, Geld und Ausrüstung zu den ausländischen Mudschaheddin zu bringen, die im Jugoslawien-Krieg in Bosnien kämpften. Nach dem Krieg spielten bosnische Salafisten in Österreich eine zentrale Rolle, um im Bosnien salafistische Enklaven wie Gornja Maoca zu etablieren. [Anm.: In dieser Enklave wurde 2018 auch Maksim B. verhaftet, der nach Medienberichten zuvor in Wien in Haft war. Bei ihm seien Waffen wie auch Material des IS gefunden worden.]

Bosnien-Verbindungen sind zentral

Bis heute können diese Heimat-Diaspora-Verbindungen zu Führern der bosnischen djihadistischen Bewegung wie Yusuf Barcic und seinen Nachfolgern Nusret Imamovic und Bilal Bosnic eine wichtige Rolle  spielen, um die Dynamik des Djihadismus in Österreich zu verstehen. Die Phase der Formierung und Konsolidierung des Salafismus in Österreich war dabei – etwa im Gegensatz zu Deutschland – von besonders radikalen religiösen Autoritäten wie Nedzad Balkan sowie Farhad und Jamaluddin Qarar (Abu Hamza und Abu Khattab al-Afghani) geprägt.

Die Qarar-Brüder hatten sich zuerst auf die deutsche Rezeption von Abu Muhammad al-Maqdisi gestützt und dabei junge Radikale etwa in Österreich und dem norddeutschen Bremen beeinflusst. Später sympathisierten sie mit dem 2006 verstorbenen Abu al-Zarqawi [Anm.: und damit der Terrororganisation al-Quaida im Irak] und wurden Anhänger des Takfir-Lehrers Abu Maryam al-Mikhlif. [Anm.: Takfir bedeutet, andere Muslime zu Ungläubigen zu erklären].

Raus aus dem IS: Der Weg von Jamal al-Khatib

Als österreichische Takfiris auf Abstand zu Osama Bin Laden und der al-Quaida gingen, gerieten sie in den ideologischen Konflikt mit einer neuen Generation von Radikalen. Deren wichtigste Komponenten waren Mohamed Mahmoud (Abu Usama al-Gharib) und Mirsad Omerovic (Ebu Tejma).

Der Wiener IS-Führer Mohamed Mahmoud

Der Wiener Mohamed Mahmoud wurde inhaftiert [Anm.: und zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt] und übersiedelte danach nach Deutschland. [Anm.: Später galt Mahmoud als Anführer der salafistischen Organisation Millatu Ibrahim und schloss sich der Terrororganisation Islamischer Staat an. Vermutlich ist er im November 2018 bei einem Luftangriff auf ein Gefängnis des IS ums Leben gekommen, wo er eingesessen war. Als Grund für seine Inhaftierung gelten ideologische Richtungskämpfe innerhalb des IS.]

Im Gegensatz zu Mahmoud blieb Omerovic in Österreich. Er und andere Salafisten meist bosnischer Herkunft bauten gegen Ende der 2000er Jahre Moschee-Gemeinden in Wien und Graz auf. Diese dienten als Rekrutierungsbecken für den Krieg in Syrien, als dort der Krieg ausbrach. [Anm.: Omerovic wurde 2016 in Graz zu einer enorm hohen Haftstrafe von 20 Jahren verurteilt.]

Die „Kultur“ des Amokläufers

Salafistische Communities in Österreich waren dabei ethnisch mehr homogen als ihre Gegenstücke in Deutschland und anderen europäischen Ländern. Sie wurden fast ausschließlich von Menschen aus Albanien, Bosnien, Tschetschenien und der Türkei frequentiert. Dabei spielten nicht zuletzt Familienbindungen zwischen verschiedenen Mitgliedern eine wichtige Rolle.

Rund 300 Foreign Fighters aus Österreich

Nach offiziellen Angaben verließen bisher fast 300 Foreign Fighters Österreich Richtung Syrien und dem Irak, um dort zu kämpfen. Nach meinen eigenen Recherchen versuchten rund 50 weitere ebenfalls, auszureisen. Die meisten Ausreisen passierten ziemlich früh, also in den Jahren 2013/14. Das zeigt, dass viele österreichische FFs bereits radikalisiert waren, bevor die Terrororganisation IS ihr Kalifat gründete.

Vor allem 2013 verließen viele FFs mit einem tschetschenischen Hintergrund Wien und Graz, um sich der tschetschenischen Gruppe Jaish al-Muhajireen wal-Ansar (JAMWA) anzuschließen. In kleinerem Ausmaß waren hier auch Personen mit albanischem, bosnischem und türkischem Hintergrund beteiligt. Nach internen Konflikten kamen allerdings einige österreichische FFs zurück, während andere zum IS überliefen.

„Wir werden die Faschisten aus Wien-Favoriten vertreiben“

Die zweite Welle der FFs aus Österreich nach der Gründung des IS-Kalifats unterschied sich dann von der ersten. Nun migrierten Familien und Moschee-Gemeinden. Aus der Taqwa-Moschee in Graz etwa reisten mindestens fünf Paare mit insgesamt 16 Kindern aus. Zur selben Zeit versuchten auch Teenager verstärkt, dem IS beizutreten.

In der Terrororganisation IS kämpften viele Austro-Bosnier vorerst in der bosnischen Gruppe Katibat [Anm.: die der internationalen djihadistischen Organisation Ansar Dine verbunden war]. Gleichzeitig versuchten diese Personen erfolglos, eigene deutschsprachige Einheiten aufzubauen. Auch die Rekrutierung von Österreichern erfolgte weiterhin. So berichteten FFs aus Deutschland, dass sie Mitglieder der Wiener Gruppe Ebu Tejma getroffen hätten. Die Abflüge nach Syrien und in den Irak stoppten allerdings, nachdem mehrere Netzwerke behördlich zerschlagen wurden, vor allem jenes rund um Mirsad Omerovic (Ebu Tejma).

Das Netzwerk rund um Mirsad Omerovic

Als eine der einflussreichsten religiösen Autoritäten der deutschsprachigen Djihad-Bewegung hatten Omerovic und seine Gruppe zuvor ein ausgeklügeltes Versorgungsnetzwerk aufgebaut. Über dieses Netzwerk wurden Geld, Transportmittel, Kontakte auf dem Balkan und in die Türkei sowie Empfehlungsschreiben bereitgestellt.

Die Behauptungen einiger ehemaliger FFs, dass das in Wien ansässige Netzwerk als Kanal für ganz Westeuropa und den Balkan diente, sind vermutlich übertrieben. Dennoch ist seine Bedeutung für viele FFs aus Deutschland und der Schweiz nicht zu unterschätzen.

So hatten etwa viele AnhängerInnen von Omerovic dessen umfangreiche Kontakte auf dem Balkan und in der Türkei sowie zu hochrangigen Mitgliedern von JAMWA und IS benutzt, um nach Syrien zu gelangen. Das betraf etwa Anhängerinnen in Wien und Graz, den deutschen Städten München, Bremen, Hamburg und Weiden sowie Winterthur in der Schweiz.

Über 700 Menschen gedenken in Wien der Opfer des Terroranschlags

Im Zeitraum zwischen 2012 und 2016 wurden nach offiziellen Angaben rund 50 österreichische FFs in Syrien und im Irak getötet, rund ein Drittel kehrte nach meiner Schätzung zurück. Das Schicksal der verbleibenden 150 FFs ist größtenteils unbekannt, obwohl einige von ihnen Berichten zufolge in Nordsyrien oder im Irak gefangen gehalten werden.

Der deutliche Rückgang der Abflüge im Jahr 2015 ging gleichzeitig mit der zunehmenden Bedrohung durch den inländischen Terrorismus einher, da der IS seine Anhänger dazu anregte, in ihren Heimatländern anzugreifen, anstatt zum zerfallenden Kalifat zu reisen.

Sehr junge Sympathisanten des IS

So wurde bereits im November 2014 der 14-jährige Wiener Merkan G. verhaftet, weil er einen Bombenanschlag auf einen Bahnhof geplant hatte. Zwei Jahre später plante ein anderer Teenager, der Wiener Lorenz K., mit zwei Gleichgesinnten aus Deutschland einen ähnlichen Angriff. [Anm.: Lorenz K. wurde 2018 als 19-jähriger zu neun Jahren Haft verurteilt.] Lorenz K. bewunderte Mirsad Omerovic.

Das Trio, zu dem auch der 12-jährige (!) Yad A. aus Ludwigshafen gehörte, erwarb bereits Sprengstoff, testete seine selbst hergestellten Bomben. Yads Angriff auf einen Weihnachtsmarkt schlug nur aufgrund einer defekten Bombe fehl. Nach der Verhaftung seiner Mit-Verschwörer setzte Lorenz K. seinen Plan fort, das Wiener U-Bahn-System anzugreifen. Die ganze Zeit war er mit dem Administrator des deutschen Pro-IS-Telegrammkanals „Intiqami“ in Kontakt und schickte schließlich seine Bayah [Anm.: also seinen Treueschwur] an Mohamed Mahmoud in Syrien.

Faschistische Jugend: Die Grauen Welpen aus Favoriten

Im Juni 2017 ermordete ein IS-Sympathisant aus Linz ein älteres Ehepaar, das er verdächtigte, der FPÖ nahezustehen. [Anm.: Der IS-Kontext zeigte sich erst im Verlauf der Ermittlungen.] Der Stichangriff auf einen Soldaten, der die iranische Botschaft bewachte, im März 2018 war wahrscheinlich ein weiterer von Dschihad inspirierter Angriff in Österreich.

Diese erfolglosen und unauffälligen Angriffe sind wahrscheinlich ein Grund, warum Österreich in den letzten Jahren nie die gleiche Aufmerksamkeit wie andere europäische Staaten erhalten hat und warum viele über den Angriff in Wien überrascht sind. In einem breiteren Kontext ist klar, dass ISIS nicht besiegt wurde.

Trotz der ausgefeilteren Vorgehensweise passt auch der Wiener Angreifer K.F. gut in das Angriffsmuster der letzten Jahre: Personen, denen es im Ausland nicht gelungen ist, dem IS beizutreten und die lose mit dessen Mitgliedern verbunden sind, die Anweisungen geben und Bekennerschreiben veröffentlichen.

Obwohl es den Anschein hat, dass es sich um eine neue Dschihad-Generation handelt, hat K.F. sich nicht erst in letzter Zeit nicht radikalisiert. Er hatte bereits zuvor versucht, den IS in Afghanistan und Syrien zu erreichen. Ebenso war dieser Angriff offensichtlich geplant, da er zuvor versucht hatte, die notwendigen Waffen zu erwerben.

AntifaschistInnen in Wien blockieren erfolgreich neofaschistischen Aufmarsch

Es scheint, dass K.F. an einem breiteren transnationalen radikalen Netzwerk beteiligt war, das auf Verbindungen basiert, die Jahre zuvor hergestellt wurden. [Anm.: Ob K.F. die Tat selbst allein ausgeführt war, ist Gegenstand der Ermittlungen.]

So besuchte K.F. etwa eine berüchtigte Moschee in Wien, die auch von Djihadisten wie Mohamed Mahmoud und Lorenz K. besucht wurde. Ebenso versuchten einige Personen, die im Zusammenhang mit dem aktuellen Angriff verhaftet wurden, in der Vergangenheit, sich dem IS anzuschließen und Angriffe zu planen.

Johannes Saal ist Religionssoziologe und Politikwissenschaftler an der Universität Luzern, der im Rahmen seiner Doktorarbeit/Dissertation zu jihadistischen Netzwerken in Deutschland, Österreich und der Schweiz geforscht hat. Seine Dissertation „The Dark Social Capital of Religious Radicals. Jihadi Networks and Mobilization in Germany, Switzerland, and Austria, 1998-2018“ soll demnächst im Verlag Springer erscheinen.

 

* Und was jetzt?

Der Rassismus der Regierung, die Hinterhofmoscheen, die problematische Rolle der IGGÖ und die extreme Rechte. Einige Anmerkungen von Michael Bonvalot

Ich habe länger überlegt, ob ich den enorm spannenden Artikel von Johannes Saal veröffentlichen soll. Meine Sorge: Ich möchte nicht dazu beitragen, die aktuelle Terror-Angst noch zu verstärken.

Ebenfalls klar ist, dass die verschiedenen Fraktionen der Rechten den Anschlag für ihre Ziele nützen. Diffuse Ängste und Rassismus werden geschürt, um noch mehr Überwachung und Abschottung durchzusetzen. So verwendet die ÖVP den Anschlag bereits jetzt nicht nur dafür, Gesetzesverschärfungen durchzudrücken. Sie verknüpft das Attentat in einer Aussendung an ihre SympathisantInnen auch mit der Abwehr geflüchteter Menschen – eine offensichtliche Themenverfehlung: Der Attentäter war österreichischer Staatsbürger und wurde in Wien geboren.

Doch genau deshalb scheint es mir sinnvoll, diese Themen nicht der (extremen) Rechten und dem Boulevard zu überlassen. Gleichzeitig sind Djihadismus und Faschismus auf vielen Ebenen Geschwister, die nicht zuletzt sehr ähnliche Feindbilder teilen. Es wäre verfehlt, über die eine Fraktion der extremen Rechten zu schreiben und über die andere zu schweigen. Zentral aber sind seriöse Berichterstattung und sinnvolle Einordnung.

Die Problematik von Gesetzesverschärfungen

Wie problematisch die aktuell geplanten Gesetzesverschärfungen sein können, zeigt nicht zuletzt der Fall des im Text erwähnten Lorenz K. Er wurde als 19-jähriger zu neun Jahren Haft verurteilt – eine enorm hohe Strafe für einen jungen Straftäter. K. dürfte sich inzwischen in der Haft noch weiter radikalisiert haben: Erst jüngst gab es einen neuen Prozess, nachdem er im Gefängnis einen afghanischen Mithäftling bedroht haben soll.

Bei seinem ersten Prozess sagte K., dass ihn die Justiz mit 15 wegen eines Raubüberfalls mehrere Monate mit Erwachsenen in eine Zelle gesperrt hätte. Dort sei er gedemütigt worden und habe im Islam Halt gefunden. Nach der Haft hätte er eine Lehrstelle verloren, weil die Firma von seinem Vorstrafen erfuhr, danach hätte er sich endgültig dem IS zugewandt. Wir wissen nicht ob diese Geschichte stimmt, doch sie ist nicht unplausibel.

Drei Monate lang ist eine 14-Jährige in Kärnten unschuldig in Haft gesessen

Ich selbst bin ehrenamtlicher Bewährungshelfer und kenne mehrere Fälle von jungen Menschen, die monatelang im Gefängnis gesessen sind und dort sehr schlecht behandelt wurden. Erfahrungen von Gewalt und Diskriminierung und die damit einhergehenden Traumatisierungen haben sicherlich nichts verbessert. Im Gegenteil: Wenn jemand nur mit den psychischen Problemen aus dem Gefängnis kommt, die er bereits zuvor hatte, können wir in der Betreuung schon sehr glücklich sein. Da sollte uns gerade bei sehr jungen Menschen etwas Besseres einfallen.

Alles nur im Hinterhof?

In der Einschätzung der salafistischen Strukturen müssten wir eventuell noch weiter gehen, als es der kurze Text von Saal tun kann, der unter dem Eindruck der Ereignisse geschrieben wurde. So versucht die offizielle „Islamische Glaubensgemeinschaft Österreich“ (IGGÖ) sich jetzt aus der Affäre zu ziehen, indem sie den Begriff „Hinterhofmoscheen“ für salafistische Moscheen verwendet. Das seien Moscheen, die nicht der IGGÖ angeschlossen wären. Das greift allerdings zu kurz.

[Du kannst das folgende Banner wegklicken und danach weiterlesen. Du kannst über das Banner auch sehr gern künftige Recherchen mit Meinung und Haltung unterstützen.]

So gehört etwa die faschistische und militante türkische BBP (Große Einheitspartei) in Österreich der IGGÖ an. Die BBP, eine Abspaltung der ebenfalls faschistischen Grauen Wölfe, betreibt am Antonsplatz in Wien-Favoriten sowohl einen eigenen Jugendklub wie eine Moschee.

Die Vakıf-Moschee am Antonsplatz in Wien. Bild: Michael Bonvalot

Auf dem Eingangsschild zur Moschee findet sich der klare Hinweis, dass die Moschee der IGGÖ angehört. Die BBP ist nicht klassisch salafistisch, auf Facebook verurteilt die Vakıf-Moschee auch den Anschlag. Deshalb ist die BPP aber noch lange nicht unproblematisch oder ungefährlich.

Die verschiedenen rechten Player in der IGGÖ

Zentrale Player in der IGGÖ sind die türkische ATIB, die Islamische Föderation (IF) sowie die Muslimbruderschaft. Die ATIB steht der AKP des rechten türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan nahe. Aus der ATIB kam auch Ibrahim Olgun, bis 2018 Vorsitzender der IGGÖ. Diesem Block kann wohl auch der Dachverband ATF zugerechnet werden, also der Verband der faschistischen Grauen Wölfe und ihrer (Moschee-)Vereine.

Die Wölfe sind im Schurarat, dem obersten Gremium der IGGÖ sogar doppelt vertreten: Einmal als ATF Wien (mit Wien-Umland), einmal als ATF Bundesländer (Hier kannst Du mehr über die Grauen Wölfe erfahren). Der gegenwärtige IGGÖ-Präsident Ümit Vural steht dagegen der IF nahe. Die IF ist ebenfalls türkisch geprägt, sie gehört zum Milieu der fundamentalistischen Bewegung Millî Görüş (Nationale Sicht). Ihr politischer Arm in der Türkei ist die Saadet Partisi (Glückseligkeitspartei) – Produkt einer Spaltung des fundamentalistischen Lagers. Die damals andere Fraktion bildet heute die Erdoğan-AKP.

In diesen Städten haben die Grauen Wölfe in Österreich ihre Treffpunkte

Und schließlich hat wohl auch die 1928 in Ägypten gegründete Muslimbruderschaft (MB) ein gewichtiges Wort mitzureden. Auch Ex-IGGÖ-Präsident Anas Schakfeh wurde immer wieder vorgeworfen, der MB nahe zu stehen. Er selbst dementiert das scharf.

Dazu kommen weitere Player, etwa die in Saudi-Arabien regierenden Wahhabiten. Deren Bedeutung liegt nicht zuletzt in ihrem spezifischen Versuchen, Einfluss auf die bosnische Community zu nehmen. All diese Organisationen repräsentieren verschiedene Strömungen des Fundamentalismus. Sie sind damit nicht automatisch salafistisch oder djihadistisch – viele distanzieren sich explizit von solchen Strömungen. Doch sie sind deshalb politisch nicht unproblematisch und manche können als Durchlauferhitzer fungieren.

Die Türkei nützt den Djihadismus

Der türkische Staat etwa stützt sich in seinem Krieg gegen linke KurdInnen in Nord-Syrien (aber auch in der Türkei selbst) zentral auf djihadistische Strukturen. So manche Kämpfer, die heute für die Türkei ins Feld ziehen, trugen vor wenigen Jahren noch die Insignien der Terrororganisation IS. Und es ist eindeutig belegt, dass die Türkei den IS logistisch unterstützt hat. Die Verbindung des türkischen Staates zum Djihadismus ist dabei nicht neu.

Die Rüstungsfabrik MAN/Rheinmetall in Wien wurde blockiert

Im kurdischen Südosten der Türkei erledigte die fundamentalistische kurdische Hizbullah jahrelang die blutige Drecksarbeit für den türkischen Staat, auf ihr Konto gehen zahlreiche Morde an Linken. Heute tritt die Hizbullah in der Türkei als Hüda Par auf (Partei der Freien Sache).

Fortschrittliche Menschen aus den Communities unterstützen

Jede Berichterstattung über extrem rechte Einflüsse in ethnischen Minderheiten läuft Gefahr, rassistische Diskurse zu befriedigen. Das kann allerdings nicht bedeuten, nicht zu berichten. Doch was wir brauchen, ist Einordnung. Türkische, kurdische, arabisch-sprachige oder bosnische Communities sind selbstverständlich politisch nicht homogen, sondern extrem divers. Ganz genauso, wie das die muttersprachlich deutsche Bevölkerung in Österreich ist.

Wir dürfen uns vom Terror nicht spalten lassen

Und gerade sehr viele Menschen, die aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan geflüchtet sind, sind genau vor dem religiösen Fundamentalismus geflüchtet. Alan, ein Flüchtling, aus Syrien sagte mir etwa 2016 bei meiner Recherche im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos: „Ich bin Atheist, ich glaube an die Wissenschaft. Wie könnte ich in einem Land leben, das von Religion zerfressen ist?“ Ähnliche religionskritische Aussagen habe ich immer wieder gehört. Arabisch-sprachige Menschen wie Alan sind gemeinsam mit fortschrittlichen türkisch-, kurdisch- oder BKS-sprachigen Menschen die besten Verbündeten im Kampf gegen den rechten Djihadismus.

Und schließlich sollten wir als muttersprachlich deutschsprachige Menschen auch die Relationen zur extremen Rechten in Österreich nicht vergessen. Wir sollten die Wahlergebnisse für rechte Parteien nicht vergessen. Und wir sollten niemals vergessen, wie viele flüchtende Menschen auf Basis des Rassismus jedes Jahr im Mittelmeer und in der Sahara elend verrecken.

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